3. Fahrradsternfahrt in Dortmund

Letzten Sonntag (21.06.2015) fand zum dritten Mal eine Fahrradsternfahrt in Dortmund statt. Das ist eine Fahrrad-Demo, die den Charakter einer Art offiziellen, von allen Seiten abgesegneten Riesen-Critical-Mass hat. Obwohl es mir großen Spaß gemacht hat und ich ob der straffen Organisation durchaus positiv überrascht war, war es doch etwas ungewohnt für mich.

Critical Masses hatten „früher“ (vor etwa vier Jahren) immer etwas leicht Chaotisches, Anrüchiges an sich, auch wenn nie irgendetwas Schlimmes passiert ist. Irgendwer sagt, dass man sich einmal monatlich dann und dann da und da trifft und gemeinsam eine willkürliche Strecke entlangradelt, und natürlich darf jede/r mitmachen, und dann macht man das eben so. Und weil im besten Fall mehr als 15 Leute kommen, darf der sportliche Mob laut § 27 Abs. 1 StVO dann als „Verband“ seinen benötigten Platz auf der Fahrspur in Anspruch nehmen und die Teilnehmer zu zweit nebeneinanderfahren. Fertig. Aber es war halt immer eine rechtliche Grauzone, in der da agiert wurde, da eine CM von öffentlicher Seite wohl etwas schwierig einzuordnen und abzuschätzen ist — es gibt nunmal keine Organisatoren, keine Verantwortlichen, keine Planung, und trotzdem taucht da plötzlich ein mehr als 15 Radfahrende umfassender Verkehrskörper im Straßenverkehr auf und die Autofahrer freaken aus, weil sie sich dadurch auf „ihren“ Straßen behindert sehen, weil sie es gewohnt sind, sonst immer deutlich in der Überzahl zu sein und sich deshalb ein Gewohnheitsrecht auf den Straßen herausnehmen. Dadurch gab es seinerzeit sogar schonmal Differenzen mit der Polizei, was der Critical Mass zudem noch einen rebellischen Anstrich gab (was ich, zugegeben, sehr ansprechend finde: Aufmucken ohne Gesetzesübertretung, aber mit Nervenkitzel).

Nicht so die Fahrradsternfahrt. Als ich nebenbei über den VeloKitchen-Mailverteiler von ihr erfuhr, war ich schon längere Zeit nicht mehr bei Radfahrzusammenschlüssen solcher Art mitgefahren. Aber diesmal wollte ich wieder dabei sein — und vor allem: meine bessere Hälfte mitschleppen, denn der war bis dato noch nie bei einer CM mitgefahren! Also nötigte ich ihn, am Sonntagmorgen mein seit Monaten fahruntüchtiges Single-Speed-ex-Fixie zu reparieren und im Zuge dessen auch endlich die enorm coole Hupe (!) als Klingelalternative anzubauen. Gesagt, getan.

Laut Medienberichten waren es über 600 Menschen, die sich dann um 13 Uhr auf dem Dortmunder Friedensplatz versammelten und flashmobmäßig ein riesengroßes Fahrrad-Ikon bildeten (hier im lustigen Zeitraffer einer Webcam zu sehen). Ich sah einige Leute aus der „Szene“ wieder, die ich seit Jahren nicht gesehen hatte, das fand ich gut. Dann denke ich jedesmal: Schön war’s doch, damals, 2011, und jetzt, wo ich wieder in Dortmund lebe, kann ich mich doch eigentlich wieder mehr einbringen. Immerhin war ich Mitbegründerin der VeloKitchen und habe schon werweißwieviele Stunden und Tage an Zeit dort reingesteckt, um für all die wunderbaren Leute schönes veganes Essen zuzubereiten … aber jetzt muss ich mich erstmal auf andere Sachen konzentrieren, die bald anstehen. Wohnungswechsel, Irlandreise, Uniberwerbungen, vielleicht gar Nebenjobs oder noch eine Berufsausbildung. Wie dem auch sei, mit vielen bekannten und erfreulicherweise hunderten von unbekannten Gesichtern machten wir uns dann gegen viertel nach eins auf den Weg, um friedlich, öffentlich und ganz legal für eine fahrradfreundlichere Stadt zu demonstrieren. Ungewohnt war das Ganze für mich insofern, dass die Polizei dabeiwar — zu unserer Sicherheit und nicht, um die Demo zu sprengen! Aus Feinden sind Freunde geworden, schoss es mir durch den Kopf, zumindest war das mein ganz persönliches Empfinden. Sehr erleichternd das! Daran musste ich mich erst gewöhnen und war deshalb umso irritierter und belustigter, als ein Polizist einen drängelnden Autofahrer aufs Korn nahm und diesen fragte: „Was haben Sie denn da vor?“

Etwas mühselig gestaltete sich trotz der angenehm durchorganisierten Fahrt das eigentliche Fahren an sich. Ich bin ja schon CMs mit mehreren hundert Leuten gefahren, aber nie mit Polizei- und Ordnergeleit. Dementsprechend eng war es auf den Fahrspuren, mussten wir doch links immer etwas Platz lassen, damit sowohl die fahrradfahrenden Ordner als auch die Polizeimotorräder überholen konnten. Mir ist bewusst, dass das bei einem Event dieser Art notwendig ist. Trotzdem behinderten sich die Teilnehmenden dadurch gegenseitig, weil sie so gequetscht fahren mussten und man bei zeitlupenartigen Fahrgeschwindigkeiten um die 2,5 km/h oft umzukippen drohte. Dennoch bewerte ich, das möchte ich nochmals betonen, die Orga der Sternfahrt als positiv!

Schön war es auch, mal wieder zu sehen, mit welch kunstvollen Rädern einige durch die Gegend fahren. Chopperbikes, überdachte Fahrräder, Lastenräder, Räder mit Hundeanhängern, Trikes — von der älteren Dame mit Hollandrad bis zum windschnittigen Bike Messenger waren erfreulicherweise alle Erscheinungsformen des radelnden homo sapiens vertreten um zu widerlegen, dass es den typischen, aus Sicht der Autofahrer rücksichtslosen, lebensmüden und dabei verkehrsbehindernden Fahrradfahrer überhaupt nicht gibt. Außerdem lassen sich da sowieso keine verhärteten Fronten festlegen, denn ich wage zu behaupten, dass der Großteil aller Menschen, die ein Fahrrad benutzen, auch ein Auto oder zumindest einen Führerschein besitzt. Interessant ist ja nur, dass sich offenbar die persönliche Sichtweise immer je nach befahrenem Vehikel ändert — im Auto mag man „unberechenbare“ Radler als Ärgernis empfinden, sitzt man dann aber an einem anderen Tag stattdessen selbst im Sattel, kann man ob der Ungeduld der vorbeibrausenden Autofahrer nur den Kopf schütteln. Insofern hoffe ich, dass Fahrraddemonstrationen wie die Sternfahrt von den Individuen nicht als „wie gegen die“-Aufmüpfigkeit aufgefasst werden, sondern sie im eigenen Kopf eine Ausweitung oder vielmehr Verquickung der einzelnen Perpektiven bewirkt, denn in so gut wie jedem von uns steckt sowohl ein Fahrradfahrer als auch ein Autofahrer — und die Kunst besteht darin, die Bedürfnisse des einen auch dann einzubeziehen und zu berücksichtigen, wenn man sich gerade temporär in der Rolle des anderen befindet! Eine Demo für die eigene Horizonterweiterung sozusagen. Frieden fängt in Deinem Aktionsradius an.

Im Falle der Sternfahrt verlief diese heikle Gratwanderung Auto vs. Fahrrad jedenfalls, so weit ich weiß, ohne besondere Vorkommnisse, und alle Teilnehmenden kamen gegen viertel vor drei wohlbehalten im Fredenbaumpark an, in dem gerade ein Triathlon-/Fahrradfest oder sowas veranstaltet wurde. Zum Glück mit Toiletten, unglücklicherweise ohne veganes Essensangebot. Es fehlte eindeutig ein veganer VeloKitchen-Essensstand, aber ich hab ja auch selber Schuld, weil ich die Organisatoren nie danach gefragt und mich an der Orga nicht beteiligt habe, also darf ich gar nicht meckern. Muss ich nächstes Mal ändern. Pünktlich zum Ende der Demo entluden sich auch die schweren Regenwolken, die schon seit dem Morgen den Sonntag in dunkle unheilverheißende Endzeitstimmung versetzt hatten, und wir crouchten uns unter die Pavillons. Sobald der Regen nachließ, schwangen David und ich uns wieder auf unsere Rennräder und machten und auf den Heimweg. Die Fahrradsternfahrt hat uns großen Spaß gemacht und falls wir nächstes Jahr noch in Dortmund wohnen, sind wir bestimmt wieder dabei!

Ich war ein kleiner, aber wichtiger Teil eines großen Ganzen.  (Foto mit freundlicher Genehmigung von Christian Lamker)
Ich bin ein kleiner, aber wichtiger Teil eines großen Ganzen.
(Foto mit freundlicher Genehmigung von Christian Lamker (c) 2015)

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