Andriya meldet sich um

Von dem Versuch, den Wohnort zu wechseln, oder: Ode an die Bürokratie

Seit Juli 2016 sind David und ich Eigentümerinnen unseres eigenen Selbstversorgerhofes „Fruitlands“. Mit einer guten Portion Glück, Mut, Spontaneität und Unvernunft konnten wir für relativ kleines Geld – fünfstellig – bei einer Zwangsversteigerung mehr als einen Hektar Landwirtschaft mit Wohnhaus, Scheune, Ställen und Doppelgarage im südlichen Vorharz Sachsen-Anhalts erwerben.

Schon wenige Wochen nach der Ersteigerung entschloss ich mich, in der nächstgelegenen Großstadt Halle (Saale) zum Wintersemester 2016/17 hin ein Masterstudium aufzunehmen, da dort zufällig genau die Fächer angeboten werden, in denen ich bereits meinen Bachelor gemacht habe, und vorerst auf dem Hof zu leben, während David weiterhin in Dortmund die Stellung hält. Ob und wie das Ganze in unserer Beziehung funktioniert, soll irgendwann an anderer Stelle erörtert werden. Heute geht es darum, dass ich den Versuch unternommen habe, für mein Studium BAföG zu beantragen, um David mit ein paar Mark für meinen Lebensunterhalt zu entlasten. Dass sich das als kompliziert herausstellen würde, war mir in Anbetracht der Tatsache, dass ich nun eine eigene Immobilie besitze, schon klar. Dementsprechend umfangreich war dann auch der Papierstapel, den die Bearbeiterin für die Antragstellung von mir verlangte. Zusatzformular hier und Beleg über Zeile sowieso da. Kopien davon und davon und davon und davon. Erklärung des Miteigentümers. Angaben hierüber und darüber. Schon zwei Mal musste ich um Fristverlängerung bitten. Jetzt rennt die Zeit schon wieder: In wenigen Tagen ist die Frist verstrichen.

Aber hey, inzwischen habe ich alle Zettel zusammen – bis auf einen. Und das ist der Knackpunkt. Und Ursprung einer Odyssee, in der ich auf Tränen Pisse Blut versuche gegen den Wind zum Ziel zu segeln, nur um diesen verdammten Antrag endlich abschicken zu können, von dem ich nicht einmal weiß, ob er mir in meiner derzeitigen Situation überhaupt den gewünschten Erfolg bescheren wird. Der harmloseste Punkt in der Auflistung der gewünschten Anlagen für meinen BAföG-Antrag, der für die größten Komplikationen und den meisten Aufwand sorgt:

Die Meldebestätigung über den Wohnsitz …

05.12.2016

Gut, denke ich, meldest Du Dich eben hier an. Hat ja auch was. Mach ich mal eben, wie schon so oft zuvor. Im Ummelden bin ich ja Profi, weil ich es immer nur höchstens drei Jahre an einem Wohnort aushalte.

Das Thermometer im Wohnzimmer zeigt -1°C. Innentemperatur. Im Internet steht, dass es seit Kurzem eine neue Gesetzgebung zum Ummeldeprozedere für Wohnungswechsel gibt. Anstatt wie früher nur den Ausweis mitzuführen und die neue Adresse zu nennen, die dann im Perso geändert wird – so wie ich es während meiner Laufbahn als unsteter Zuhausesuchender inzwischen schon haargenau zehn Mal gemacht habe – , muss der Inhaber der Wohnung nun ein spezielles Formular ausstellen und bestätigen, dass derjenige Mensch auch tatsächlich dort eingezogen ist. Soll wohl verhindern, dass Leute sich irgendwo randomisiert anmelden, wie sie lustig sind. Zum Glück habe ich mich gestern schon darüber informiert und das notwendige Dokument ausgedruckt! Auf der Webseite des Amtes, zu dem ich mich heute aufmachen werde, steht geschrieben, dass Immbilieneigentümer diese sogenannte Wohnungsgeberbescheinigung bitteschön auf sich selbst ausstellen, wenn sie ihre eigene Immobilie beziehen möchten. Das finde ich reichlich bekloppt, aber nun gut. Ich tue, wie mir geheißen.

Wie allseits bekannt, sind die Öffnungszeiten der Ämter legendär und bewegen sich in Zeitslots von gefühlt 09:30 – 09.42 und dann nochmal von 14:00 – 14:10 Uhr. Genau das wird mir heute zum Verhängnis. Der Bus, der mich von meinem Dorf in das nächste Dorf bringt, hat Verspätung. Dadurch verpasse ich den anderen Bus, der mich zum Amt bringen soll. Ich strande für eine Stunde in einem extrem kleinen Kaff am Arsch der Welt. Es ist ausgesprochen öde in einer Ansammlung von Häusern mit 1.206 EinwohnerInnen. Besonders Mitten im Winter. Wäre schon toll, lieber drinnen zu sein, als eine Stunde an einer Bushaltestelle zu sitzen. Das Sortiment des hiesigen Supermarktes ist langweilig, aber immerhin bemerke ich, dass es bei dem Bäcker sechs als vegan gekennzeichnete Brötchensorten gibt. Nach einer Stunde kommt endlich der nächste Bus, der mich weiter bringt. Zur dem Einwohnermeldeamt nächstegelegenen Haltestelle, läppische 1,2 Kilometer Fußmarsch entfernt. Gut vorbereitet habe ich zu Hause Screenshots von dem Stadtplan gemacht und weiß, wo’s langgeht. Ich mache mich auf. Doch nicht. Ich verlaufe mich. Der Weg, der mich ins Nachbardorf bringen soll, endet plötzlich und versandet im Nexus. Es ist zwanzig vor zwölf. Um zwölf schließt das Amt. Durch den versäumten Bus bin ich viel zu spät dran. Mein Smartphone, dessen Akku sofort in den letzten Zügen liegt (seit meinem Irland-Trip hält er immer nur wenige Minuten, sobald das Handy benutzt wird, besonders wenn ich meine Offline-Map aufrufe oder das Internet benutze; deswegen auch die Screenshots im Vorfeld), informiert mich mit letzter Kraft, dass ich vollkommen falsch bin, weil die Haltestelle in der Realität ganz woanders liegt als auf der Karte der DB-App, an der ich mich gestern bei meinen Vorbereitungen orientiert hatte. Und, ach ja, krächzt das Smartphone, schon im roten Bereich, die Verbindung für die Rückfahrt ist auch quasi nicht vorhanden. Geh lieber zu Fuß, das dauert genauso lange und Du bewegst Dich wenigstens, anstatt schon wieder eine gute Stunde in der Kälte zu stehen.

Nein, sage ich, bloß nicht schon wieder so lange warten! Dann laufe ich die sieben Kilometer lieber zu Fuß.

Es ist zwar eisig kalt, aber es ist sonnig und schön, und der Feldweg, der mich über Hügelkuppen und durch ausgedehnte Felder mit Weitblick und zu guter Letzt durch einen dichten Wald führt, ist ausgesprochen schön. Ich treffe keinen einzigen Menschen. Sehe auch keinen aus der Entfernung. Ich bin alleine auf der Welt. Ich genieße den anderthalbstündigen Spaziergang sehr. Trotzdem war es ein Mordsaufwand, der mich meinem Ziel, mich umzumelden, kein Stück näher gebracht hat. Insgesamt war ich deswegen vier Stunden unterwegs. Morgen starte ich einen neuen Versuch.

06.12.2016

Nächster Versuch – und ich schaffe es! Ja, ich schaffe es, innerhalb der Öffnungszeiten auf dem Amt zu sein! Ich habe mir den richtigen Weg rausgesucht, Perso und Wohnungsgeberbescheinigung eingepackt und setze mich frohen Mutes an den Schreibtischs des Mitarbeiters.

„Das ist ja Blödsinn“, meint der zu meiner auf mich selbst ausgestellten Wohnungsgeberbescheinigung, „da brauche ich einen Eyschntühmsnoachweyß.“

Ähm.

Natürlich habe ich keinen Eyschntühmsnoachweyß dabei. Tja, dann können wir nix machen. So ist das ja Blödsinn. Ob denn ein Grundbuchauszug dafür okay wäre? Ja. Gut.

Muss ich erwähnen, dass es wieder keine Busverbindung zurück gibt und ich den jetzt nicht mehr ganz so schönen Weg von anderthalb Stunden Länge erneut zu Fuß laufen muss?

12.12.2016

Die Öffnungszeiten des Amtes in Verbindung mit meinem Dasein als aktiv Studierender mit weiteren Interessen und Pflichten lassen mich erst die Woche drauf erneut die Weltreise zum Amt antreten. Den Weg kenne ich ja jetzt. Und ich habe einen Eyschntühmsnoachweyß dabei! Den brandneu ausgestellten Grundbuchauszug, der David und mich als rechtmäßige Eyschntühmer auflistet!

Erst der Angestellte des Einwohnermeldeamtes weist mich darauf hin, dass auf dem Grundbuchauszug zwar mein Name, aber nicht die Adresse der Immobilie steht. So ist das ja witzlos. Da muss schon sowohl die Adresse oder zumindest das Flurstück und außerdem mein Name stehen. Gut, sage ich zu ihm, dann komme ich die Tage zum VIERTEN MAL hierher, und dann klappt das hoffentlich.

„Und außerdem ziehen Sie ja von außerhalb zü, da brauchen wir dann auch eine Geburtsurkunde und eine Eheurkunde.“

What the FUCK?!?

„Und die Scheidungsurkunde dann wahrscheinlich auch“, ergänze ich trocken.

„Nein, die nicht, nur die Eheurkunde.“

Sehr zusammengerissen stehe ich auf und verlasse das inzwischen verhasste Büro. Auf dem Flur überkommt mich der unbändige Drang, laut und durchdringend zu schreien. Wie in alles in der Welt ich es geschafft habe, dem nicht nachzugeben und gesittet das Gebäude zu verlassen, ist mir bis heute ein Rätsel. Die beiden nur aufs Nötigste geschmückten windschiefen Plastikweihnachtsbäume auf ihren fadenscheinigen Weihnachtsbaumständern scheinen mich zu verhöhnen.

Heute war ich übrigens von vorneherein weise und bin direkt mit meinem roten Klapprad zum Amt gefahren. Die Hinfahrt war zwar beschwerlich und holperig auf dem felsigen Feldweg, aber machte auch streckenweise echt Spaß, weil es mit meinem 30 Jahre alten Offroad-Klappi fast nur bergab ging. Als ich nun nach draußen komme, gießt es Strömen. Es gießt in Strömen. Und der Rückweg geht stetig bergauf. Ich muss das Fahrrad durchgängig schieben und gehe anderthalb Stunden und sieben Kilometer den verdammt beschissenen Weg nach Hause. Ich rufe David in Dortmund an, nur um zu heulen.

13.12.2016

In meinem Erwachsenenkramaktenordnet existiert eine Kopie von 1982, die meine Geburt bescheinigt. Ob mir jetzt geglaubt wird, dass ich existiere? Zwar handelt es sich um einen Auszug aus dem Geburtenregister, der heutzutage – erzählt mir das Internet – gar nicht mehr ausgestellt wird, aber da ich keine Geburtsurkunde habe, soll mir das genügen. Sieht man nicht, dass ich geboren wurde, wenn man mich trifft? Sehe ich so ungeboren aus? Und in meinem (gültigen!) Personalausweis steht doch auch alles, was man über mich als braves Zahnrädchen des kapitalistischen Staatsapparats wissen muss.

David fotografiert in seiner Dortmunder Homebase den Versteigerungsbeschluss, in dem sein und mein Name plus die Adresse unseres Hofes auf einem Blatt genannt werden, und schickt mir das Foto, das ich dann ausdrucke. Ein amtlich korrekter Eyschntühmsnachweyß!

Das nächste Problem, das sich auftut, ist die Eheurkunde. Hab ich nicht. Scheinbar ist die bei meinem Ex-Mann versackt, aber ich sehe davon ab, ihn zu kontaktieren. Triumphierend krame ich aber einen Scan der Eheurkunde auf meiner Festplatte hervor. Ha! Hab ich doch alles; ich bin doch so organisiert!

Bevor ich mich nun SCHON WIEDER auf den Weg zum Einwohnermeldeamt mache, rufe ich sicherheitshalber dort an, um mich zu versichern, dass ich jetzt wirklich alles Nötige für meinen Wohnsitzwechsel beisammen habe.

„Ich habe eine Kopie von der Geburtsurkunde (gelogen!) und von der Eheurkunde. Reicht das, wenn das Kopien sind?“

„Nein,“ erklärt mir der Typ mit verdammt wichtigtuerischer Miene am Telefon, „wir reden hier von Dokumenten! Kopien sind keine Dokumente. Die müssen Sie schon im Original vorlegen.“

„..“

„…“

„Aha. Dann weiß ich Bescheid. Danke.“

Ich lege auf.

Der unschätzbare Vorteil eines Eigenheims? JETZT kann ich so laut und ausdauernd schreien, wie ich will. Und das ist verdammt laut und verdammt lang!

15.12.2016

Ich rufe beim Standesamt an, um meine Geburtsurkunde anzufordern. Keiner da.

Ich schreibe eine Mail an das Standesamt. Diesmal kommt eine Antwort. Ich soll zehn Euro überweisen, dann schicken sie sie raus. Sofort logge ich mich beim Onlinebanking ein, fülle das Formular aus, stecke meine Bankkarte in den TAN-Generator und halte ihn an den flackernden Balkenvorhang auf dem Bildschirm.

Batterie schwach, informiert mich der TAN-Generator und weigert sich, eine TAN zu generieren.

17.12.2016

David kommt aus Dortmund zu mir. Wir fahren mit dem Auto in die nächstgrößere Kleinstadt, um in einer Plastik-und-Kinderarbeit-Einzelhandelsfiliale Knopfbatterien zu kaufen. Die benötigte Größe gibt es dort aber nicht. Wir fahren extra woanders hin und finden dort die gewünschten Batterien. Ich überweise das Geld.

20.12.2016

Ich schreibe eine Mail an das andere Standesamt, um meine Eheurkunde zu beantragen. Da es mittlerweile kurz vor Weihnachten ist, gehe ich davon aus, die Odyssee „Wohnsitzanmeldung“ auf das nächste Jahr vertagen zu müssen.

10.01.2017

Ich hole die Geburtsurkunde aus dem Briefkasten.

Das andere Standesamt hat immer noch nicht wegen der Eheurkunde geantwortet. Ich schreibe eine zweite Mail und bitte höflich darum, mir die Urkunde möglichst bald zukommen zu lassen, da es etwas dringend ist. Prompt antwortet mir eine sehr nette Dame, dass sie den Vorgang soeben bearbeitet hat und dass sie hofft, die Urkunde möge noch rechtzeitig bei mir ankommen. Rechnung liegt bei. Meine erste Mail sei leider nicht bei ihr angekommen.

12.01.2017

Die Eheurkunde ist da. Mental beweihräuchere ich die Mitarbeiterin. Ich gelobe mir, die beiden Urkunden fortan wie meinen Augapfel zu hüten.

17.01.2017

Es ist kurz und schmerzlos. Hin: Bus. Durch den Schnee zum Amt. Kurz warten. Rein ins Büro. Ich lege den Stapel Papier auf den Tisch. Man kennt mich; ich muss nicht viel sagen. Sorgfältig klebt der Sachbearbeiter den neuen Sticker mit der Adresse auf die Bescheinigung meiner Identität und reicht sie mir über den Schreibtisch.

Ich habe es geschafft.

Zurück: Zu Fuß, zweieinhalb Stunden durch dreißig Zentimeter hohen Schnee … Aber der Weg sieht jetzt doch wieder schöner aus. Mit einer Meldebescheinigung in der Tasche läuft es sich eben angenehmer. Vor allem, weil ich diesen Weg jetzt erstmal nicht mehr gehen muss.

Ach, übrigens: In zwei Jahren muss mein Personalausweis verlängert werden. Beim Amt.

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