Braune Autobahnschilder // A 38 // Arche Nebra — Himmelswege

Wir begeben uns wieder auf die Himmelswege, die wir ja schon für das Sonnenobservatorium Goseck beschritten haben, und untersuchen dieses Mal die älteste Himmelsdarstellung der Welt: Die Himmelsscheibe von Nebra.

Es ist ein regnerischer Sonntag, der 26. Juli 2020. David und ich haben ein wunderbares Wochenende in Braunsbedra am Geiseltalsee verbracht und sind nun auf dem Heimweg. Eigentlich. Bis wir auf irgendeiner Landstraße an einem dezenten Hinweisschild vorbeirumpeln: Arche Nebra. Auch dieser Ort steht noch auf meiner To-do-Liste, hat er doch auch seine eigene touristische Unterrichtungstafel an der A 38. Es ist nass, es tropft von den Bäumen, es ist wolkenverhangen, ich bin seit halb fünf wach und David hat Rückenschmerzen. Natürlich ändern wir unsere Pläne und biegen ab zur Arche Nebra, anstatt nach Hause zu fahren. Der Plan ist, dort ein wenig spazierenzugehen und eventuell auch in die Arche hineinzugehen.

Auf dem Parkplatz ist schon reichlich was los; wir quetschen unser betagtes Wohnmobil Yorba zwischen all die schicken, teuren, neuen Wohnmobile und sehen dabei sexy aus. Vom Parkplatz aus führt eine asphaltierte Straße zur Arche. Wir waren hier schon einmal, und nun fällt uns wieder ein, wie nervig sich der Weg nach oben auf den Berg hinauf hinzieht. Aber wenigstens ist es gerade trocken. Dann erscheint er, der große Klotz, in dem sich ein interaktives Museum rund um die Himmelsscheibe von Nebra befindet, die hier ganz in der Nähe gefunden wurde.

Offenbar hatten noch mehr Leute die geniale Idee, einen verregneten Sonntag mit einer Drinnenaktivität zu verbringen. Die Menschenschlange vorm Eingang schreckt uns jedenfalls ab. Wir bleiben bei unserem Plan A, von hier aus zum Fundort der Himmelsscheibe zu spazieren. Es ist nur zweieinhalb Kilometer entfernt, oben auf dem Mittelberg, auf dem sich auch ein Aussichtsturm (der wievielte, seit ich an diesem Kunstprojekt arbeite?) befindet. Der Weg führt durch die bewaldeten Berghänge und ist sehr erholsam. Wir freuen uns über eine Weinbergschnecke, die unseren Weg kreuzt. Bald kommen wir oben auf dem Berg an und suchen den Fundort der Himmelsscheibe auf. Er ist nicht zu übersehen. Es wurde eine dezente Spiegelfläche von mehreren Metern Durchmesser dort angebracht.

Ziemlich langweilig. Ich will jetzt auf den Aussichtsturm. Im Gegensatz zu anderen gewissen Aussichtstürmen ist dieser hier massiv aus Beton gebaut und im Inneren der Wendeltreppe mit solide befestigten Netzen gesichert. Genau nach meinem Geschmack! Also hochgekeucht und Aussicht betrachtet.

Der Aufsteig hat sich wieder einmal gelohnt! Wir haben eine tolle Aussicht über den Harz. Bloß die tiefschwarzen Wolken am Horizont sind ein wenig verstörend. David schaut prüfend in die Ferne und orientiert sich sofort an der Landschaft; er hat es im Blut, sich immer und überall sofort zurechtfinden zu müssen.

„Da, wo es so schwarz ist, wohnen wir“, klärt David mich auf. Hurra. Also dürfen wir gleich doch noch durch strömenden Regen juckeln, bis wir wieder zu Hause sind. Ich hatte gehofft, es würde so trocken bleiben wie in den letzten Stunden. Aber irgendwie cool sieht es von hier oben schon aus, so bedrohlich und finster …

Es ist Zeit für den Abstieg und bald stehen wir wieder am Fuße des Aussichtsturms. Für den Rückweg entscheiden wir uns für einen anderen Weg als den, den wir hergekommen sind. Der Rückweg führt laut Beschilderung direkt zum Parkplatz, ohne Umweg über die Arche Nebra. Wir latschen los in den Wald hinein. Der Wanderweg ist ein ganz zauberhafter Trampelpfad durch verwunschenes urwüchsiges Gehölz. Herrliche Natur! Wir sind ganz allein.

Plötzlich ein Tropfen auf meinem ärmellosen Arm.

„Es regnet“, sage ich.

„Oder ein Vogel?“, sagt David.

Ich zeige ihm den Regentropfen. Er glaubt mir. Untermauert wird meine Hypothese von weiteren Tropfen, die plötzlich vom Himmel fallen. Mehr. Und mehr. Jap. Es regnet. Und wir sind hier alleine im Wald, nur mit T-Shirts und kurzen Hosen bekleidet. Wenigstens haben wir uns vorhin geistesgegenwärtig für Wanderschuhe statt Slipper entschieden. Sonst hätten wir uns gar nicht mehr fortbewegen können, denn der eben noch sandige Wanderweg wird sofort zu einer schlammigen Rutschpartie. Wir gehen weiter. Es donnert. Wir gehen weiter. Ein Platzregen bricht über uns herein. Es gießt. Wir gehen weiter. Wir sind von oben bis unten klatschnass. Ich denke an das Regencape und die zwei Regenschirme, die im Wohnmobil liegen. Es donnert nochmal. Wir drücken uns an den nächstbesten größeren Baum. Eine Buche.

„Zum Glück ist das hier ein Buchenwald! Eichen sollst du weichen, Buchen sollst du suchen!“, rufe ich gegen das Tosen des Unwetters. Aber diese bescheuerte und zudem noch falsche Aussage ist wenig tröstend, wenn eins sich unvorbereitet bei schwerem Gewitter mitten im triefenden Wald wiederfindet. Wieso vergesse ich eigentlich immer diese blöden Regenschirme? Da stehen wir nun unter dem löchrigen Blätterdach einer Buche, während es hoch über uns grollt und donnert; schutzsuchend, eng umschlungen, uns trotz der pappigen Kleidung aneinanderschmiegend, und schauen uns tief in die Augen. Wir müssen beide lächeln. Der Moment ist schön.

Nach einem Augenblick gehen wir weiter. Wenn wir schon so durchnässt werden, können wir uns dabei ja wenigstens Richtung Auto bewegen. Der Waldweg wird zu einer Schotterstraße, die aus dem Wald hinausführt. Hallo Platzregen. Auf der Straße rauschen verschlammte Bäche vorbei, über die wir drübersteigen. Oder durchpflügen. Inzwischen ist das egal, denn auch unsere Schuhe sind komplett durchweicht. Noch ein Stück weiter durch das Gewitterinferno, da wird der Parkplatz ganz weit hinten erkennbar. Da steht er, unser Yorba, und wartet geduldig darauf, uns Obhut zu schenken. Erleichtert erreichen wir ihn endlich, schließen die Tür auf, schlüpfen hinein in die gute Stube, verrammeln die Tür sofort wieder und ziehen auch die beiden Dachluken zu, kapseln uns hermetisch ein in diesen trockenen Raum. Das Unwetter prasselt lautstark aufs Autodach, während wir uns frierend aus unseren Kleidungsstücken schälen, eins nach dem anderen, und den klatschnassen Kladderadatschhaufen samt völlig verschlammten Wanderschuhen ins wasserfeste Badezimmer schmeißen. Zum Glück haben wir noch frische Klamotten und Handtücher dabei. Zum Glück wartet ein gemütliches Bett auf uns, in das ich mich einwickeln kann. Zum Glück haben wir dieses Wohnmobil. Mein zweites Zuhause, aber eigentlich mein erstes. Ich liebe es, bei Gewitter im Wohnmobil zu sein! Es gibt nichts Gemütlicheres für mich.

Dieser Ausflug war wieder einmal einfach wunderbar und hat eine schöne Erinnerung geschaffen. Obwohl ich gar nicht in der Arche Nebra drinnen war. Vielleicht hole ich das irgendwann einmal nach. Viel dringlicher ist eigentlich ein ganz anderes Anliegen: Was ist mit der Himmelsscheibe selbst? Die möchte ich unbedingt sehen!

Nach diesem abenteuerlichen Trip holt uns der Alltag ersteinmal wieder für ein paar Tage ein, bis wir die Zeit dazu finden, den zweiten Teil anzugehen. Wir schreiben Donnerstag, den 30. Juli. Das Wetter hat sich inzwischen wieder beruhigt und ist herrlich. David und ich machen uns auf nach Halle (Saale) zum Landesmuseum für Vorgeschichte, das übrigens auch eine der fünf Stationen auf der Route „Himmelswege“ darstellt. Dort wartet sie auf uns — die Himmelsscheibe von Nebra! Natürlich sehen wir uns auch den Rest der Dauerausstellung an. Allerdings bin ich ein wenig enttäuscht von dem Museum; aus irgendeinem Grund hatte ich mehr von den Ausstellungsstücken erwartet. Nichtmal den Altelefanten und das Urpferdchen vom Geiseltalsee kann ich entdecken. Aber die Himmelsscheibe ist natürlich dort; ihr ist ein ganzer Bereich gewidmet. In einem schummrigen Raum hängt sie rund und glänzend in einem gläsernen Display und levitiert direkt vor meinem Gesicht, irgendwie unwirklich sieht sie aus mit ihrem goldenen Himmelszelt auf dem türkisfarbenen Diskus, wie auf Hochglanz poliert und doch so uralt und schön. Es ist schade, aber leider ist es verboten, die Himmelsscheibe zu fotografieren. So muss ich mich damit begnügen, Fotos von den Infotafeln zu schießen.

Die Erklärungen auf den Infotafel finde ich sehr interessant. Sie verdeutlichen, dass auf der Scheibe nicht einfach ein erdachtes Himmelsbild entworfen wurde, sondern dass umfangreiches astronomisches Wissen über z.B. die Konstellation der Plejaden im Verhältnis zu Neu- und Vollmond dahintersteckte. Zur Erinnerung: Das Teil ist 3.600 Jahre alt! Nächstes Jahr gibt es in dem Museum übrigens eine Sonderausstellung, die den Wissensstand um die Himmelsscheibe von Nebra noch weiter vertieft. Aber auch so gibt es im Landesmuseum viel über die Himmelsscheibe zu erfahren. Besonders schön finde ich eine Zeichnung, mit der das auf der Scheibe dargestellte Bild verdeutlicht wird. Die Erde ist eine Scheibe, über die der Himmel als Kuppel gespannt ist. Am Horizont kreist ein Schiff um die Erde und die Erde wiederum kreist um Mond und Sonne.

Fazit

Auch wenn ich gar nicht in der Arche Nebra — der ja das braune Autobahnschild an der A 38 gilt — gewesen bin, hat es Spaß gemacht, mich mit der Himmelsscheibe von Nebra zu beschäftigen und mehr über dieses bedeutende Fundstück zu erfahren. Auch ohne Besuch der Arche hat sich der Weg dorthin gelohnt, denn die Umgebung lädt zum Spazierengehen oder Wandern ein — wenn das Wetter mitspielt (oder die wettertaugliche Kleidung …). Der Fundort mit dem Aussichtsturm auf dem Mittelberg war ein tolles Ausflugsziel. Wer sich für mehr Backgroundinfos interessiert und der Himmelsscheibe von Nebra höchstpersönlich gegenübertreten möchte, sollte zusätzlich noch das Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle (Saale) aufsuchen. Auch wenn ich den Rest der Ausstellung eher wenig interessant fand, hat mir der Besuch der Himmelsscheibe gefallen; nicht zuletzt, weil ein Besuch in Halle sich immer lohnt und noch mit anderen Annehmlichkeiten, die die Zivilisation zu bieten hat, verknüpft werden kann. Mit dem Landesmuseum für Vorgeschichte haben wir außerdem gleichzeitig Station vier von fünf auf der Route „Himmelswege“ abgehakt. Nun fehlt noch die Dolmengöttin von Langeneichstädt, deren Fundort ich sicherlich auch noch besuchen werde.

>> Hier geht’s zur Beschreibung des Kunstprojekts „Braune Autobahnschilder // A 38“

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