Braune Autobahnschilder // A 38 // Baumkronenpfad Hainich

Dieses Mal geht’s hoch hinaus! Wir wandeln in luftiger Höhe durch eine spannende Welt, die uns sonst in dieser Art verborgen bleibt. Kennst du eigentlich mehr Baumarten als Automarken?

An einem heißen 8. August gibt es nichts Besseres, als durch einen Wald zu spazieren. Am besten 19 Meter über dem Waldboden. Mit dem Laub auf Du und Du.

Heute haben David und ich uns den Baumkronenpfad im Nationalpark Hainich vorgenommen. Bis dato sind wir nur auf dem Baumwipfelpfad auf Rügen gelustwandelt, aber das ist schon über ein Jahr her, und so wird es mal wieder Zeit, sich die Natur von oben — beziehungsweise auf Augenhöhe — anzusehen. Wir parken auf dem großen Parkplatz und ich fange an zu mosern, weil die Parkgebühren mit 10,-€ für ein Wohnmobil völlig überteuert sind. Autos kosten 3,-€. Aber ein glatter Zehner für einen Platz ohne Serviceleistungen, und dann ist es noch verboten, über Nacht dort zu stehen?!? Na gut. Hoffen wir, dass sich dieser Ausflug lohnt. Wir gehen den gut ausgebauten Waldweg entlang, umrunden kurz eine alte Eiche, der extra ein Steg spendiert wurde …

… und erreichen bald den Eingangsbereich des Baumkronenpfades. Vorher passieren wir die Wurzelhöhle, eine Art Naturlehrzentrum, die wir aber links liegen lassen. Während David sich um den Eintritt kümmert, lese ich mir aufmerksam die Verhaltensregeln durch und gelobe innerlich, diese zu befolgen.

Wir stellen fest, dass der Eintritt in den Baumkronenpfad nur gemeinsam mit Tickets für die Wurzelhöhle erworben werden kann. Gut. Dann gibt’s im Anschluss also noch unterirdischen Input! Und dann geht es auch schon hinein ins Baumgetümmel — oder eher hinauf auf den Baumkronenpfad. Zunächst einmal müssen logischerweise etliche Treppenstufen erklommen werden, bis wir uns im flirrenden Blättermeer wiederfinden. Von hier führen dann die stabilen Holzstege in die grüne Hölle.

Wir diskutieren, ob es hier oben jetzt wärmer oder kälter ist als am Boden. Die Luft ist jedenfalls anders. Das Klima ist anders. Kein Wunder bei dieser Face-to-face-Begegnung mit all den Heerscharen von Ents, die für uns den Sauerstoff produzieren!

Die einzelnen Abschnitte des Baumkronenpfads beginnen mit tollgemachten Tieren aus Holz, die ich ziemlich cool finde. Möchte außer mir noch wer so eine Fledermaus über der Toreinfahrt hängen haben?

Natürlich kommen auch die Infos nicht zu kurz. Über den ganzen Weg verteilt stehen gelegentlich Schilder, deren Inhalt kinder- und erwachsenenfreundlich aufbereitet ist. Zum Beispiel wird gefragt, ob du mehr Automarken als Baumarten erkennst. Auf dem Schild sind Abbildungen von Laubbäumen und ihren Samen und die Antwort kann mittels Hochklappen des Bildes überprüft werden. Ich lerne, wie die Blätter und Früchte von Linden und Ulmen aussehen; alle anderen wusste ich sogar. Ach so, Automarken werden auf dem Schild nicht abgefragt. Wir finden außerdem in einer halbwegs ruhigen Ecke ein Photosynthesemessgerät, mit dem hier wissenschaftliche Statistiken erhoben werden. Der Baumkronenpfad wird nämlich auch für Forschung genutzt. Und es gibt sogar ein paar Möglichkeiten, herumzuturnen, auch wenn das eigentlich per Dekret nur die Zwergmäuse dürfen. Bei den zwei Hängebrücken, die sich auf dem Baumkronenpfad befinden, wird das aber nicht so eng gesehen. Die dürfen auch von homo sapiens benutzt werden.

Ich hasse Hängebrücken, die nur aus Tauwerk bestehen. Ich hasse meine Höhenangst und dass ich nicht schwindelfrei bin. Dass ich bei so etwas immer Schiss habe, dass mir die Brille runterfällt und ich dann voll gearscht bin. Dass ich befürchte, auszurutschen und zu fallen. Ich hasse es. All diese lähmenden Ängste. Ich hasse sie. Ich muss auf diese Hängebrücke. Sie ist cool.

Nachdem wir einige Hundert Meter Steg unter den Sohlen und tonnenweise lehrreiche Infos im Schädel haben, erreichen wir wieder den Turm ganz vom Anfang, der uns hier heraufgeführt hat. Es geht nämlich noch weiter hinauf. Viel weiter. Oben ist eine Aussichtsplattform! Also los!

Netterweise zählt der Turm die zweihundertirgendwas Stufen mit, die eins bis ganz nach oben erklimmen muss. Sie sind aus Metall und haben Löcher. Ich kann ein bisschen hindurchsehen.

„Ganz schön hoch hier“, schnauft David, und damit erinnert er mich zum ersten Mal, seit wir hier sind, daran, dass es nicht nur auf den Hängebrücken hoch ist, sondern dass sich auch die Holzstege und jetzt gerade die metallenen Gitterstufen in schwindelerregender Höhe befinden. Na danke. Bis jetzt hatte ich das nämlich verdrängt und habe mich seit unserer Ankunft ziemlich relaxt auf dem Baumkronenpfad bewegt. Jetzt, mitten im Outdoor-Treppenhaus des Aussichtsturmes, wird mir bewusst, dass ich mich gerade in 30 oder 40 Metern über dem Erdboden befinde, und meine Beine werden wobbly. Angestrengt stiere ich geradeaus (bloß nicht nach unten!) und stapfe hinter David hinterher die Treppenstufen hinauf, Stufe für Stufe. Klong klong klong klong klong, machen meine Schuhe auf dem Metall. Gleich da. Da oben ist es. David ist schon auf der Plattform. Nur noch anderthalb Meter. Da bekomme ich eine mittelschwere Panikattacke, die ich die ganze Zeit zu unterdrücken versuchte. Ich werde langsamer, bleibe fast stehen wie gelähmt.

„Hilf mir mal“, jammere ich erbärmlich nach vorne und David reicht mir seine Hand, an der ich mich festklammere, als ich das letzte Dutzend Stufen bewältige. Geschafft. Jetzt bin ich auch oben. Um mich herum ist Wald. Wald. So weit das Auge reicht.

Nach dieser fantastischen Aussicht haben wir alles gesehen, was es hier zu sehen gibt, und noch dazu einiges über Bäume gelernt. Wir steigen wieder ab auf den sicheren Erdboden. Das war toll! Als nächstes ist die Wurzelhöhle dran.

Um in die Wurzelhöhle zu gelangen, muss eins erst durch einen kurzen Tunnel gehen, welcher die Menschen mit einem passenden Geräusch und viel Lichtershow ganz klein schrumpft. Keine Angst, kurz vorm Ausgang werden alle Besuchenden wieder zurückvergrößert!

Die Wurzelhöhle ist sehr liebevoll gestaltet und ziemlich interaktiv ausgelegt. Überall wuseln Kinder herum. Zu viele für meinen Geschmack, aber ich kann ihnen auch nicht verdenken, dass sie sich hier alles ansehen wollen. Als Kind hätte ich das hier garantiert extremst abgefeiert und das alles furchtbar interessant gefunden. Natur habe ich doch schon immer geliebt! Es gibt tierisch viel zu lernen und der Input wird auf verschiedenste Art und Weise vermittelt. Dennoch ist es jetzt gerade für mich der totale Overkill.

Hier gibt es wirklich sehr, sehr viel zu lernen, wenn ich wollte. Aber meine Füße sind müde und mein Hirn schon randvoll mit den Infotafeln vom Baumkronenpfad. Das hier ist eine Location, in der eins sich locker nochmal ein, zwei Stunden aufhalten kann, auch als erwachsene Person. Es gibt Bänke und auch viele schicke Sitzkissen und Bean Bags zum Ausruhen. Es gibt einen Filmraum und eine Kletterhalle. Es gibt Monitore mit Touch-Screens, Seile zum Ziehen, Rohre zum Kommunizieren (wie es die Bäume mit ihren Wurzeln untereinander und mit den Tieren um sie herum tun) und Tausend andere Medien. Hätte ich Kinder, würde ich sie hier abladen und mir für zwei Stunden irgendwo anders einen faulen Lenz machen. Wäre ich selbst ein Kind, müsste ich abends wahrscheinlich mit Gewalt aus diesem interaktiven Lernzentrum gezerrt werden. Warum gab es so etwas in den 80ern nicht in meinem kleinen Aktionsradius?

An die Wurzelhöhle, die unzweifelhaft für Leute U18 ausgelegt ist, schließt sich ein weiteres Infozentrum für ausgewachsene Personen an. Noch mehr Texte. Noch mehr Informationen. Wir rauschen nur hindurch und sind wieder draußen. Für die 11,-€ Eintritt pro Person gibt es neben dem Baumkronenpfad wirklich eine ganze Menge geboten! Aber uns reicht es nun, wir sind zufrieden und müde und schlurfen zurück zum Parkplatz. Ich fange wieder an zu mosern, weil mir die hohen Parkgebühren wieder eingefallen sind. Am Parkscheinautomat wird unser Wohnmobil aber als PKW berechnet, David wirft drei Euro ein und ich nehme alles zurück.

Fazit

Baumkronenpfade sind immer wieder toll! Mittlerweile gibt es ja einige davon in ganz Deutschland verteilt. Ich empfehle das sehr als schönes Ausflugsziel in die Natur, egal welcher von ihnen in der Nähe ist! Im Falle des Baumkronenpfads Hainich, 2005 eröffnet und der zweite seiner Art in der Bundesrepublik, wird das Informationsangebot mit der Wurzelhöhle noch getoppt und lädt so zu einem nachmittagsfüllenden Aufenthalt ein. Auf den Stegen fühlte selbst ich als Höhenangstschisser mich wohl, nur die Treppen auf den Aussichtsturm waren mir beim Aufstieg nicht ganz geheuer. Der Baumkronenpfad Hainich ist absolut sehenswert und eine tolle Erfahrung!

>> Hier geht’s zur Beschreibung des Kunstprojekts „Braune Autobahnschilder // A 38“

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