Braune Autobahnschilder // A 38 // Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz

Bei dieser Queste gibt es für mich gleich zwei neue Begriffe zu lernen: Was ist denn bitteschön ein Biosphärenreservat? Und was soll Karst sein? Und wo liegt dieses Reservat verdammt nochmal eigentlich? Auf alle drei Fragen finde ich eine Antwort und werde mit einem erholsamen Nachmittag in rauer Natur belohnt — unter anderem entdecke ich ein lebendes Glockenspiel im Wald, einen abwesenden See und meterhohe Klippen, die ich mit bloßen Händen zerbröseln kann.

Bio–was wo und ist Karsten auch da?

Auf die Schnelle etwas über das Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz herauszufinden, war gar nicht so leicht. Google Maps als erste Anlaufstelle weiß nichts von solch einer Region. Hilfsbereiter ist mein Kartenmaterial der Harzer Wandernadel, auf der die Lage des Biosphärenreservats ungefähr eingezeichnet, aber nicht klar umrissen ist. Aber immerhin habe ich jetzt einen Anhaltspunkt: ich werde irgendwo in die Umgebung von Questenberg fahren. Nähere Betrachtungen der Wanderkarte enthüllen mir auch sogleich ein semi-interessantes erstes Ziel. Ein episodischer See. Was auch immer das jetzt wieder sein soll. Nun ja, es gibt nur einen Weg, das herauszufinden, nicht wahr?

Während mein getreuer Sidekick David wie gewohnt souverän das Auto zum gewünschten destination point manövriert, werfe ich auf dem Beifahrersitz das Handy an und versuche herauszufinden, was eigentlich Karst ist. Karst wie in Karstlandschaft, aber eigentlich denke ich bei dem Wort immer an den Namen Karsten und ob der wohl etwas damit zu tun hat. Wikipedia liefert eine erschöpfende Abhandlung über Karst, Karstformen, Karstentstehung und chemische Prozesse von Kohlensäureverwitterung mit allerhand Formeln und Fachbegriffen. Da hat sich mal wer so richtig ausgetobt. Mir schwirrt bald der Kopf. Die Fotos helfen mir ein bisschen mehr. Also Karst sind Steine oder eher Felsformationen, offenbar ohne Bewuchs, die auf natürliche Art durch irgendetwas entstehen. Und unterirdisches Wasser spielt auch eine Rolle. Und dann sieht die Landschaft cool aus. Das reicht mir als Info.

Wir parken zunächst in Questenberg. Und stellen fest, dass wir hier schon einmal gewesen sind und die Ruinen der Burg erkundet haben. Damals wie heute haben wir wieder einmal unsere Stempelhefte für die Harzer Wandernadel vergessen. Sie könnten inzwischen so vollgestempelt sein. Was soll’s. Statt wieder zur Burg hinaufzukraxeln, finden wir einen Pfad, der bergauf in die herbstliche Waldlandschaft führt. Es ist der 1. Oktober und der Sommer hat sich endgültig verabschiedet. Trotzdem scheint heute die Sonne, es ist ein richtiger goldener Herbsttag. Hier entdecke ich zum ersten Mal die Karstlandschaft, die über den Dächern von Questenberg hervorlugt.

Wir laufen ein Stück bis zu einem umgestürzten bemoosten Baum, warm von den Sonnenstrahlen. Von dort hat es eine schöne Aussicht nach unten ins Tal und zu den umliegenden Harzer Hügeln in der Ferne. Keine Menschenseele ist unterwegs. Schön hier.

Ein Hund bellt irgendwo unten im Dorf. Ein Mann ruft „Aus!“ und der Hund knurrt „Rrrr!“. Was für ein amüsanter Dialog! Laut Open Street Map heißt dieser Weg Krumme Trift und führt nach Sangerhausen. Dahin wollen wir jetzt aber nicht. Sondern zum sagenumwobenen episodischen See, für den wir uns wieder ins Auto schwingen und in der Nähe von Agnesdorf auf einem Wanderparkplatz parken. Der Parkplatz ist insofern auch sehr aufschlussreich für mich, als dass er über verschiedene Beschilderungen verfügt, die auf Wanderwege zeigen und über geführte Sonntagsausflüge informieren, welche hier — zumindest laut Planung — das ganze Jahr stattfinden. Ferner steht hier ein gezimmerter Unterstand mit Bänken, einem Display mit kostenlosen Flyern zum Mitnehmen und einer großen Karte des Biosphärenreservats. Somit lüftet sich endlich das Geheimnis, wo genau sich eben jene, auf der Autobahn A 38 mit einem braunen Schild so schön beworbene Region überhaupt genau befindet. Als grobe Eckpunkte lassen sich die Orte Stolberg im Westen, Breitenbach an der Nordflanke, Pölsfeld im Osten und Roßla an der Südseite festlegen. Infozentren zum Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz gibt es in Roßla, Stolberg und Wettelrode.

Der Flyer über das Biosphärenreservat ist sehr aufschlussreich und erläutert mir auch endlich, was ein Biosphärenreservat ist, macht und kann.

„Biosphärenreservate“, heißt es dort, „sind großflächige Kulturlandschaften, in denen gemeinsam mit den hier lebenden und wirtschaftenden Menschen beispielhaft Konzepte für nachhaltiges Wirtschaften (‚dauerhaft-umweltgerechte Nutzung‘) entwickelt und gelebt werden.“ Und weiter: „Der Nachhaltigkeitsansatz verbindet hierbei die ökonomische Leistungsfähigkeit, die soziale Verantwortung und den Umweltschutz.“

Aha. Es geht also nicht nur um Naturzonen, sondern bindet auch (landwirtschaftliche) schonende Nutzung der Region in sein Konzept mit ein, damit alle — Menschen, Tiere, Wirtschaft, Natur — friedlich koexistieren können. Einen ersten Geschmack davon erhalte ich einige Zeit später. In einem Waldstück erklingt plötzlich tausendfaches Glockengeläut. Mein Hirn durchforstet in Sekundenbruchteilschnelle seinen Erfahrungsschatz und zieht sogleich einen bereits erlebten Vergleich zur Erklärung für mich heran: Weißte noch, sagt mein Gedächtnis, in Norwegen war das selbe Geräusch eine Rinderherde mit Kuhglocken um den Hals, die durch den Wald lief.

Gut erinnert, Gedächtnis. Und auch jetzt fast richtig. Denn dieses Mal sind es Ziegen. Ziegen allein im Wald. Ein Esel ist auch dabei. Tja warum auch nicht.

Im Gegensatz zu damals in Norwegen erkenne ich heute aber den tierquälerischen Aspekt, wenn wehrlosen Personen dauerhaft Glocken um den Hals gehängt werden, die sie nicht selbständig wieder abnehmen können. Somit bleibt die Naturnahe-Tierhaltung-Romantik diesmal weit auf der Strecke und ich bin wütend und traurig über die Ignoranz des Menschen.

Back in five minutes

Weiter wandern wir, weg vom Parkplatz, weg von den Ziegen, der Glockenklang verweht in der Ferne, durchstreifen einen landwirtschaftlich geprägten Strich mit Feldern und Wiesen und stoßen dann auf den episodischen See. Der episodische See, der auch den Namen Bauerngraben trägt, ist ein See, der manchmal da ist und manchmal nicht. Jetzt gerade ist er nicht da. Fast erwarte ich, am nächsten Baum einen angenagelten Zettel mit der Mitteilung „Back in five minutes“ vorzufinden. Aber der See sagt nie voraus, wann er da ist und wann nicht. Oder wie lange. Momentan stehen wir also vor einer 350 Meter langen, 100 Meter breiten und 15 Meter tiefen Senke. Und irgendwie sieht die noch viel beeindruckender aus, als wenn ich nun vor einem See stünde. Volle Seen gibt’s überall, leere Seen sehe ich selten (tatsächlich bis dato erst zwei Mal — einmal im Allgäu und einmal in Tirol). Dies ist mein dritter abwesender See.

Eigentlich würde ich gerne auf dem Grund des Sees herumspazieren, aber es führt nicht wirklich ein Weg dorthin, und durch die Böschung möchte ich mich gerade nicht 15 Meter in die Tiefe schlagen. Also laufen wir weiter und stoßen auf den uns schon bekannten Karstwanderweg, dessen östlicheren Abschnitt um Pölsfeld wir schon zwei, drei Mal erwandert haben. Er ist insgesamt über 230 Kilometer lang und bis jetzt fand ich ihn immer ganz gut für einen Spaziergang in der Natur. So auch jetzt. Außerdem mag ich seine Beschilderung, weil die mich immer an den Song „Special K“ von Placebo und die gleichnamigen Cornflakes erinnert, sowie an das Album „K“ von Kula Shaker und den bejahenden Chat-Ausdruck „K“ als Kurzform für Okay.

Wir laufen den Rundwanderweg, der sich in einer großzügigen Schleife einmal um das Ufer des episodischen Sees windet. Allerdings so ausufernd, dass wir die Senke im Dickicht des Waldes bald gar nicht mehr erkennen können. Egal; wir hoffen, dass wir irgendwann auf die imposanten Klippen aus Karstgestein stoßen, die wir zu Beginn am anderen Ufer gesehen haben. Der Karst taucht nun zunehmend an allen Stellen des Waldes auf. Die groben Felsblöcke liegen überall auf dem Boden verstreut und leuchten im Licht-und-Schatten-Spiel der Herbstsonne zwischen dem verfärbten raschelnden Laub. Ich finde es hübsch. Weißes Gestein, irgendwie reliefartig verwittert und doch wieder glatt wie Marmor.

Es ist ganz porös durch die Kohlensäureverwitterung. Ich kann Stücke von den Felsen abbrechen und zwischen den Fingern zerbröseln.

Nach einiger Zeit treffen wir auf die Klippen, die wir vorhin gesehen haben. Wir befinden uns direkt auf ihnen. Begeistert fangen David und ich an, auf den moosigen, mit Bäumchen bewachsenen Felsformationen herumzuklettern, direkt an einem metertiefen Abgrund.

„Als Kind hätte ich das hier voll abgefeiert“, gluckst David, und ich stimme ihm zu: „Ich auch. Lass uns das jetzt nachholen!“

Ich greife einen schlanken Baumstamm, überquere einen schmalen Grat aus Felsblöcken (rechts und links davon geht es steil bergab), lande auf einem weichem Moospolster, von weißen Steinbrocken durchsetzt, und stehe auf der Klippe am Abgrund des Seeufers. Es ist wunderschön.

Wir tauchen ab in die wundersam geformten Gassen, Gänge, Höhlen und Wände aus Fels, schmale Grate, Gucklöcher auf Augenhöhe, alles von der Natur gemacht. Dann gehen wir weiter den Karstwanderweg entlang.

Auf einer weiteren Anhöhe entdecken wir eine Infotafel, die die einzelnen Sedimentschichten und die Entwässerung des episodischen Sees erklärt.

Der Rundweg um den See neigt sich dem Ende zu. Die Früchte ungestrafter Tierquälerei dringen wieder als zartes Glockengeläut an mein Ohr und wenig später taucht unser treu wartendes Auto in der Ferne auf.

Fazit

Wir verbrachten einen ereignisreichen, aber trotzdem erholsamen Nachmittag in allerschönster Natur und haben viel gesehen, obwohl wir eigentlich nur kurz unterwegs waren. Das Biosphärenreservat Karstlandschaft Südharz wartet sicherlich mit noch viel mehr Ausflugszielen und schönen Landschaften auf als nur dem episodischen See, nicht zuletzt durch seine verstreut liegenden Ortschaften und Streuobstwiesen, den Karstwanderweg, Naturlehrpfade, geführte Ausflüge, Obst- und Weinverkostungen auf Bauernmärkten, die Burgruine Questenberg, den traditionell jährlich erneuerten Questenbaum und die Stempelstellen der Harzer Wandernadel. Hier lässt sich noch viel entdecken!

>> Hier geht’s zur Beschreibung des Kunstprojekts „Braune Autobahnschilder // A 38“

Wenn dir meine Beiträge gefallen, spendiere mir einen Kaffee auf Ko-fi:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: