Braune Autobahnschilder // A 38 // Braunsbedra am Geiseltalsee

Heute kommen wir zum bisherigen Highlight meines Kunstprojekts „Braune Autobahnschilder // A 38“. Was im Vorfeld wie ein ordinärer Städtetrip zum Besuch einer Kleinstadt anmutete, entpuppte sich als lustiger Kurzurlaub in einer herrlichen Landschaft mit einer Menge Action!

Im Zuge meiner Recherchen, die allen Besuchen der Braune-Autobahnschilder-Ziele vorausgehen, fand ich, dass Braunsbedra nicht viel hergibt. Bei der Stadt handelt es sich vielmehr um ein Stadtgebiet, in das einige Dörfer eingemeindet wurden. Insgesamt hat es etwa 12.000 Einwohnende, ist also ein kleines Kaff. Trotzdem wollte ich natürlich herausfinden, wie es dort so ist, also machten David und ich uns am 25.07.20 direkt nach unserem Besuch beim Sonnenobservatorium Goseck auf den Weg nach Braunsbedra. Wie immer bin ich optimistisch, denn irgendetwas Neues werde ich ja zwangsläufig sehen, wenn ich irgendwohin fahre, wo ich noch nie gewesen bin. Ich lasse es mal auf mich zukommen. Im schlimmsten Fall wird es halt langweilig und ich weiß, dass ich diese Gegend nicht noch einmal besuchen werde.

Unser erster Halt ist bei einem Supermarkt in der Stadt, um uns mit Futter einzudecken. Als wir weiterfahren, sehen wir die Hinweisschilder für die Pfännerhall, das örtliche Museum. Wenn es sonst wenig in einer Stadt zu sehen gibt, ist ein Museum ein ganz guter Ausgangspunkt, um überhaupt etwas Wissenswertes zu erfahren. Also beschließen wir einen Museumsbesuch als Auftaktveranstaltung unseres Besuchs in Braunsbedra. Immerhin soll es dort die Lebensgroße Replik eines Altelefanten geben. Also hinein in das ehemalige Indistriegebäude.

In der Gegend um Braunsbedra dreht sich alles nur um eine einzige Sache: Tagebau. Gewissenhaft wurde hier jahrzehntelang die Natur ausgebeutet und großräumig zerstört. Als die Braunkohlereserven schließlich erschöpft waren, begann die Rekultivierung der gigantischen Wunde, die der Abbau in die Erde gerissen hatte. Sieben Jahre lang wurde Flusswasser aus der Saale abgepumpt und in die Tagebausenke umgeleitet, bis sie schließlich ganz gefüllt war und zum Geiseltalsee wurde — der größte künstlich angelegte See Deutschlands. Die Dauerausstellung erzählt also die Geschichte des Geiseltalsees, an dessen Südufer sich Braunsbedra befindet.

Im Laufe der Zeit wurden viele archäologische Funde gemacht. So stieß man zum Beispiel auf Skelette von Urpferdchen und auf die Reste eines eurasischen Altelefanten. Letzterer wird als Nachbildung in der Pfännerhall ausgestellt und ist wirklich ziemlich groß.

Das Teil sieht zwar beeindruckend aus, aber ich hätte eigentlich lieber die Originalfunde betrachtet. Doch von denen findet sich im Museum keine Spur, nur Erwähnungen auf den Zeittafeln. In einem weiteren Bereich wird der Bau einer ICE-Strecke behandelt. Für mich eher langweilig, wenngleich ich die Bilder von den monströsen Tunnelbohrmaschinen sehenswert finde. Die Informationsdichte auf den Infotafeln im Museum ist enorm, aber für mich leider too much. Überall steht viel, viel Text und ich habe keine Lust, stundenlang alles durchzulesen. Die Sonderausstellung behandelt das Befahren der Ozeane mit Schilfbooten, aber durch die rauschen wir nur hindurch. In dem Raum steht zwar ein Nachbau eines Schilfsegelboots, aber ansonsten besteht die Ausstellung nur aus großformatigen Tafeln mit ellenlangen Texten. Es gibt auch einen Filmraum, in dem eine zweieinhalbstündige Doku gezeigt wird, aber auch die schenken wir uns. David und ich sind uns einig, dass wir die Rezeption des Themas in Textform langweilig finden, uns die Doku aber gerne mal gemütlich zu Hause ansehen würden.

Wieder draußen vor der Pfännerhall angekommen, fällt unser Blick auf einen Fuhrpark aus Gokarts, die vor dem Eingangsbereich parken. Sollen wir? Für uns beide ist da nicht viel zu diskutieren. Wir gehen wieder rein und mieten uns zum Preis von zehn Euro für eine Stunde ein zweisitziges Gokart mit Pedalen. Der beste Teil des Tages beginnt!

Das Gokart hat zwar zwei Lenkräder, aber nur das linke davon lenkt tatsächlich. Ich sitze also am Steuer und treibe David damit in den Wahnsinn, unvorhergesehene Lenkmanöver und Kurven zu fahren oder direkt auf die Böschung zuzuhalten und erst im letzten Moment abzudrehen, während er mit schreckgeweiteten Augen panisch instinktiv an seinem Fake-Lenkrad herumdreht. Das Fahren macht megaviel Spaß und wir treten ordentlich in die Pedale. Schnell finden wir uns auf dem Radweg wieder, der einmal rund um den Geiseltalsee führt. Uns selbst abfeiernd heizen wir durch die Gegend und werden von allen entgegenkommenden Radfahrenden belächelt. Ein Mann sieht uns von Weitem ankommen, stellt sich an den Straßenrand und feuert uns an, bis wir johlend an ihm vorbeirasen. Wir treten weiter angestrengt in die Pedale, bis wir total durchgeschwitzt sind. Der Weg am Seeufer entlang ist großartig! So viele Menschen nutzen ihn für Radtouren oder gehen dort spazieren. Oder heizen wie die Bescheuerten auf einem feuerroten Gokart an allen vorbei. Wir fahren an einem hölzernen Aussichtsturm vorbei. Von dort hat man einen fantastischen Ausblick auf die Seebrücke. Wir stellen fest, dass wir ja gar kein Fahrradschloss dabeihaben und somit auch keine Pause machen können, ohne das Gokart allein zu lassen. Also fahren wir weiter. Etwas später passieren wir einen großen Parkplatz, auf dem auch Wohnmobile stehen. Perfekt! Wir haben unseren Platz zum Übernachten gefunden. Momentan steht unser Womo nämlich noch vor der Pfännerhall am Straßenrand. Bald erreichen wir das Örtchen Krumpa, welches ebenfalls Teil des Stadtgebiets Braunsbedra ist. Dort beschließen wir umzukehren, denn es ist schon eine halbe Stunde vergangen. Also schön mit kleinem Wendekreis kehrtgemacht, als gerade kein Fahrrad im Weg ist, und die ganze Strecke zurückgebraust. Übrigens mögen wir die Vegetation am See sehr und finden, dass die Rekultivierungsmaßnahmen, die vor dreißig Jahren begannen, sehr erfolgreich waren. Die gesamte Gegend sieht überhaupt nicht mehr nach Tagebau aus. Sondern wie ein riesiger See mit viel Natur drumherum, inklusive Möwen und Grillenzirpen.

Auf dem Rückweg schnauft und trötet es plötzlich vor uns am Horizont. Es ist der Geiseltalexpress. Ein zur Lok umgebautes Auto mit Waggons hinten dran, mit der Touristen am Seeufer hin- und hergekarrt werden. Wir fahren rechts ran und ich winke den Insassen, werde aber nur von ausdruckslosen Gesichtern angestarrt. Dann eben nicht. Wir fahren weiter, inzwischen zwar total k.o. und nassgeschwitzt, aber happy und gutgelaunt. Pünktlich zum Abgabetermin steht unser Fuhrwerk wieder unversehrt an seinem Platz.

„Dann sind Sie aber weit gekommen!“, sagt die Frau vom Museum überrascht, als sie hört, dass wir in Krumpa waren. Offenbar fahren andere Leute wohl nicht so euphorisch wie wir. Im Nachhinein denke ich, dass es genau diese eine Stunde mit dem geliehenen Gokart war, durch die dieser Tag zu einem perfect day wurde. I’m glad I spent it with you.

Wir schwingen uns ins Wohnmobil und rumpeln zu dem Parkplatz, den wir vorhin am Seeufer entdeckt haben. Inzwischen ist es 18:00 Uhr, aber noch sonnig und warm. Wir besteigen des Aussichtsturm, den wir vorhin schon gesehen haben. Dann geht’s runter ans Wasser, oder vielmehr auf das Wasser, auf die Seebrücke. Die Uferpromenade ist schön gestaltet und sauber. Die Menschen scheinen alle happy und gutgelaunt zu sein. Die Stimmung ist relaxt. In der Touristinfo schenkt mir die Frau hinterm Tresen die Postkarte, die ich bei ihr bezahlen wollte, weil sie tierisch genervt von einem Typen ist, der sie volltextet. Ich frage mich noch Stunden später, ob ich zur richtigen oder falschen Zeit am richtigen Ort war, wenn mir eine fremde Person etwas schenkt, das ich freimütig zu bezahlen gedachte, nur damit ich verschwinde. Etwas von jemandem geschenkt zu bekommen fühlt sich nicht immer gut an.

Direkt an der Seebrücke befindet sich auch eine Strandbar. Kurzerhand lassen wir uns dort nieder und verhaften Bierchen und Cocktails. Dazu essen wir eine Portion Pommes mit Ketchup vom Foodmobil nebenan. Erwähnte ich schon, dass der Tag perfekt ist?

Der Tag neigt sich dem Ende zu, und ich manövriere einen etwas angeschickerten David zum Wohnmobil. Dort hören wir Dritte Wahl und ich koche uns ein opulentes Dinner. Nach dem Essen ist die blaue Stunde angebrochen und wir wollen die illuminierte Seebrücke ansehen. Also nochmal raus an die frische Luft mit uns!

Die Beleuchtung setzt die Brücke ganz fantastisch in Szene. Von Weitem sieht das wunderschön aus.

Aber erst auf der Brücke entdecke ich ein verblüffendes Schauspiel: Unterhalb der Lampen in den Brückengeländern haben sich Hunderte von Spinnen ihre Netze gebaut. Tagsüber waren diese Netze für mich komplett unsichtbar. Die Spinnen wissen, dass Insekten von dem Licht angezogen werden. In den Zwischenräumen der Geländer herrscht jetzt reges Treiben; unzählige Fluginsekten schwirren herum, landen in den Netzen, und geschäftig klettern die Spinnen hin und her, wickeln ihre Beute ein oder kümmern sich um ihre Netze. Eine komplette eigene kleine Welt-in-der-Welt, die sich parallel zu unserer Wirklichkeit abspielt und die erst bei Einbruch der Dunkelheit sichtbar wird, ein gelborange glimmender Mikrokosmos.

Was für ein schöner Abschluss für so einen schönen Tag! Wir sitzen noch ein wenig am Ende der Brücke auf dem See und genießen den Sonnenuntergang, bis wir für heute entgültig Feierabend machen und uns zufrieden ins Wohnmobil kuscheln.

Ich weiß nicht warum, aber ich werde um kurz vor fünf wach und kann nicht mehr einschlafen. Mir ist langweilig. Anhand der Dachluke, die einen Spalt offen ist, sehe ich, dass es draußen wohl schon hell wird. Vorsichtig schiebe ich ein bisschen Vorhang am Fenster zur Seite und luge nach draußen. Woah!

Wie von der Tarantel gestochen springe ich auf und ziehe mich in Windeseile an. „Willst du den Sonnenaufgang sehen?“, flüstere ich zu David, der aber nur „Mrkgngmmmschlafen“ murmelt und sich wegdreht. Ich springe aus dem Auto und wandele allein durch den taufrischen Tag. Vergessen ist das geschäftige Treiben auf dem Rundwanderweg mit all den Menschen und ihren Hunden, Fahrrädern, Kinderwagen. Es ist menschenleer in der Kühle des anbrechenden Tages. Ich bin die einzige Seele weit und breit. Der Sonnenaufgang überm Geiseltalsee ist spektakulär und atemberaubend schön!

Ich spüre Dankbarkeit in mir — Dankbarkeit dafür, dies hier sehen zu dürfen. Am leben zu sein. Hier zu sein. Es sind solche Augenblicke, die das Leben kostbar machen.

Ich bleibe, bis es fast ganz hell ist. Eine halbe Stunde, nachdem ich wieder im Wohnmobil bin, fängt es an zu regnen. Aber ich habe die Sonne heute schon gesehen. Trotzdem ist es schade, dass das Wetter heute nicht mitspielt, denn wir hatten uns vorgenommen, heute bei der Marina Braunsbedra ein Tretboot zu leihen und auf den See hinauszufahren. Außerdem wollten wir uns eigentlich auch noch bei der Marina Mücheln herumtreiben, die ja auch ein eigenes braunes Schild an der A 38 hat.

Wir machen uns stattdessen einen gemütlichen Morgen unter dem prasselnden Autodach, frühstücken lecker und begeben uns wieder auf den Weg. Vorher stattet uns aber der Geiseltalexpress noch einen Besuch ab. Diesmal sind die Waggons noch leer; sein Arbeitstag soll jetzt erst beginnen.

Auf dem Rückweg entdecke ich in Krumpa zufällig die beiden Weltkriegsmahnmale, von denen ich gelesen habe. Trotz des Regens kann ich mir einen Sprung aus dem Auto nicht nehmen lassen, um sie mir anzusehen: Den B134a-Luftschutzbunker, der leider gerade geschlossen ist, und die Spitze einer sechs Tonnen schweren Tallboy-Bombe, die im April 1945 hier abgeworfen wurde und nicht explodiert ist. Es ist schaurig, so etwas aus der Nähe zu sehen und anzufassen.

Fazit

Nur die Stadt Braunsbedra zu besuchen, funktioniert hier nicht. Dafür wurde die touristische Unterrichtungstafel auch gar nicht an der A 38 aufgestellt. Es geht vielmehr darum mit ihr darauf aufmerksam zu machen, dass sich direkt am Geiseltalsee eine Zivilisation mit all ihren Annehmlichkeiten befindet, so nach dem Motto „Wenn Du am Geiseltalsee Urlaub machen willst, findest Du hier die Basics für deinen Aufenthalt: Übernachtungsmöglichkeiten, Geschäfte und Gastronomie.“ Braunsbedra hat aber noch mehr zu bieten. Neben der Pfännerhall, dem Gokartverleih, dem Aussichtsturm, der Seebrücke und der hippen Strandbar gibt es auch eine Tauchbasis, einen Bootsverleih, Badestellen, FKK-Strand, den Irrgarten „Im Urpferdchen“ sowie Schiffs- und Heißluftballonfahrten. Und nicht zu vergessen den Radweg einmal rund um den See, der allerdings 30 bis 45 Kilometer (die Quellen sind sich uneinig) lang ist.

Der Geiseltalsee eignet sich jedenfalls hervorragend für einen sommerlichen Wochenend- oder Tagestrip und Braunsbedra als guter Startpunkt und Homebase. Bring am besten Schwimmsachen (auch wenn es nicht geplant ist, schwimmen zu gehen) und wenn möglich Fahrrad, Skateboard, E-Scooter oder Rollerskates mit. Oder Geld für den Gokartverleih, den ich hier nochmals wärmstens empfehlen möchte, falls das noch nicht klar sein sollte. Stelle dich auf viel Aktivität im Freien ein!

>> Hier geht’s zur Beschreibung des Kunstprojekts „Braune Autobahnschilder // A 38“

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