Braune Autobahnschilder // A 38 // Burg und Schloss Allstedt

Die Burg und das Schloss in Allstedt standen als nächstes auf unserer Liste der Braune-Schilder-Besuche. Wir lernen, was eine Esse ist, wie ein Blauglockenbaum aussieht und warum Thomas Müntzer als der erste Rebell der deutschen Geschichte gilt.

Alte Gemäuer sehen faszinierend aus, wenn man sich ihnen nähert. So auch die pompöse Burganlage in Allstedt, die wir an diesem Samstag, den 18.07.20, nach relativ kurzer Fahrt mit unserem Wohnmobil erreichen. Der ausgewiesene Besucherparkplatz ist allerdings ein Witz. Eine winzigkleine Parkbucht an einer zerknautschten engen Straße, die sich zwischen die urigen kleinen Häuser schmiegt, welche die Burg umsäumen. Alles wirkt so alt. Aber nicht alt wie „DDR-alt“ (außer die Flotte bunter Simsons am Straßenrand), sondern wie in „Mittelalter“. Wir sind schon mitten drin in der Anlage, was auch an der dicken Wehrmauer zu erkennen ist, die um uns herum weitläufig alles beschützend einschließt wie eine freundliche Umarmung und hinter der es tief bergab geht, nur noch bergab. Zum Glück befindet sich nur einen Katzenschiss entfernt ein größerer Parkplatz für mehrere Autos, auf dem auch unser Schlachtschiff bequem Platz findet. Na bitte. Warum ist der denn nicht gleich ausgeschildert?

Zurück ins Mittelalter

Wir schreiten durch den altehrwürdigen Torbogen der Vorburg über das rumpelige Pflaster, das ich am liebsten Kopfsteinpflaster nennen würde. Es sind aber keine eckigen Kopfsteine im herkömmlichen Sinne, nein. Der Straßenbelag hier ist älter. Wesentlich älter. Hier wurden vor vielen Jahrhunderten längliche Natursteine in unbehauenener Form genommen und dicht an dicht in den Boden eingelassen. Wenn man diesen Boden anschaut, erwartet man einfach, es muss einfach, in der nächsten Sekunde eine Kutsche darüberrattern. Doch heute poltert hier keine Kutsche über die Straße. Heute begegnet uns ersteinmal ein freundlich grüßender Gastwirt, der seine Schankwirtschaft für die eintrudelnden Ausflügler*innen vorbereitet. Ein imposanter Baum, den ein Plakat als Blauglockenbaum (Paulownia tomentosa) ausweist, nimmt im Innenhof den Blick von uns Eintretenden sofort gefangen. Ausladend streckt sich die Baumkrone in alle Richtungen über die aufgestellten Holzische und Gartenstühle aus und verzaubert das Szenario noch zusätzlich mit einem funkelnden Lichterspiel der Sonnenstrahlen, die sich durch die großen Blätter ihren Weg bahnen. Ein Outdoorsofa aus Europaletten lädt zum Verweilen ein. Hier und da stehen Liegestühle bereit. Es ist sehr still. Die Sommerluft ist angehem warm. Einige Schritt weiter, vorbei an einem nicht minder beeidruckenden kornblumenblauen Fliederbusch an einer Fachwerkhauswand, der von unzähligen Schmetterlingen umschwärmt wird, treffen wir auf das Eingangsschild des Schlossmuseums.

Sechs Euro zahlen wir pro Person, das ist ein überschaubarer Betrag für ein Museum, finden wir. Corona wegen müssen wir unsere Kontaktdaten dalassen und in den Räumlichkeiten einen Mund-Nasen-Schutz tragen, aber da man jederzeit nach draußen in den Innenhof des Schlosses an die frische Luft gehen kann, war das in Ordnung und machbar. Wir bekommen eine kurze Einleitung von einer Mitarbeiterin und betreten als erstes die Küche des Schlosses. Die Küche ist megagroß und hat irgendwie auch etwas von einem Gewölbekeller. Es ist düster und gusseisernes Küchenwerkzeug hängt an den Wänden. Große Pfannen und Schöpfkellen. Ein uriger mit Schnitzereien verzierter Küchenschrank. Schwere Holztische und Bänke. Und in der Mitte eine gigantische offene Feuerstelle, auf der einst das große Feuer zum Kochen täglich von morgens bis abends loderte. Es muss irre heiß gewesen sein. Über der Kochstelle führt ein riesiger dunkler Kamin so hoch nach oben, dass wir sein Ende nicht sehen können. Der unheimliche Schacht ist einfach nur dunkel. Bald taucht eine zweite Mitarbeiterin auf, die uns etwas über die Küche erzählt. Während ich ihr zuhöre, denke ich darüber nach, ob ihr Job wohl cool ist, weil sie hier sicherlich sehr wenig zu tun hat, oder total ätzend, weil sie immer den selben Text mehrmals am Tag runterleiern muss. Wir erfahren, dass der große Abluftschacht in der Küche Esse genannt wird und dass wir hier und just in diesem Moment das Privileg genießen, die längste Esse der WELT (gut, es gibt noch zwei ähnlich große in irgendwelchen anderen Ländern) vor uns zu haben. Die Mitarbeiterin zieht an einer Kette an der Decke, und in der Finsternis hoch über unseren Köpfen tut sich ein kleines leuchtendes Quadrat auf: die Lüftungsklappe der Esse in zwanzig Metern Höhe. Deswegen war es so dunkel da drin.

Wir werden in den nächsten Raum geführt. Er ist groß und spartanisch.

„Ihnen ist bewusst, dass Thomas Müntzer in diesem Raum die Fürstenpredigt gehalten hat!?!“, fragt uns die Frau mit prüfendem Blick. Ihre gestrengen Worte lassen nur eine Reaktion zu. Wir nicken artig. Ja doch. Das stand schließlich groß und fett draußen am Museumseingang auf einem Schild. Wer Thomas Müntzer eigentlich war — hier im Osten ist jede zweite Straße nach ihm benannt — ist uns schleierhaft, genauso die sagenumwobene Predigt, die er genau hier gehalten hat und von deren Existenz wir gerade zum ersten Mal überhaupt hören. Aber das behalten wir lieber für uns. Die Mitarbeiterin ist zufrieden mit unserer Reaktion. Sie verabschiedet sich und verschwindet.

Relikte

Da es in dem leeren Raum rein gar nichts zu sehen gibt, außer einer hölzernen Plattform, auf der Thomas Müntzer wahrscheinlich stand, um seine enorm wichtige Predigt zu halten, auf die wir uns aber aus genau diesem Grund nicht trauen, obwohl David wahrscheinlich genau so gerne wie ich dort bescheuerte Selfies von uns gemacht hätte, gehen wir bald wieder quer durch den Schlosshof durch eine Tür, hinter der unser Rundgang fortgesetzt wird.

Die ausgestellten Dinge sind für mich nur mäßig interessant. Am schönsten finde ich die Gemäldeausstellung der zeitgenössischen Künstlerin Ingrid Weiland. Ihre Bilder gefallen mir sehr. Sie sind erfrischend bunt, mit schön durchkomponierten Farben, und machen gute Laune.

… Im Gegensatz zu den uralten entsetzlichen Fresken, die viele der Zimmerdecken in den Räumen zieren!

Den Ausstellungsbereich mit Eisenkunstgussartikeln durchlaufen wir ziemlich schnell, weil er echt langweilig ist. Die geschnitzte und verzierte Holztür, die aus dem Raum herausführt, gefällt mir viel besser.

Es gibt in dem Schloss sogar eine kleine, schlichte, in Weiß gehaltene Kapelle. Man kann hier tatsächlich standesamtlich heiraten! Und natürlich darf das obligatorische „Goethe was here“ nicht fehlen — in diesem Fall in Form eines kitschig eingerichteten Zimmers, in dem der Knilch wohl des Öfteren residiert hatte. Goethe war offenbar zu jeder Zeit und an jedem Ort immer und überall und fand trotzdem noch Zeit für seine literarischen Ergüsse. Hier im Schloss Allstedt waren es ein paar Akte von „Iphigenie auf Tauris“.

Zum Schluss passierten wir eine Ausstellung zu Thomas Müntzer — wie sollte es auch anders sein an solch einem historisch bedeutsamen Ort!? Ich las mir mehrmals ein Schild durch, auf dem erklärt wurde, warum Thomas Müntzer — eine Art Sidekick Antagonist von Martin Luther und beide hier in der Region ganz große Nummern — der erste deutsche Rebell überhaupt gewesen ist. Leider hat mein Geist seit Anbeginn meiner Zeit das Problem, bei geschichtlichen Ausführungen komplett dichtzumachen und in lähmende Apathie zu verfallen. Deshalb vermag ich nicht, den Grund an dieser Stelle fehlerlos wiederzugeben. Die geneigte Leserschaft mag bei Interesse also selbst eine Suchmaschine oder Bibliothek nach Wahl bemühen, um das Geheimnis zu lüften.

Nach rund 45 Minuten traten wir erneut in den Außenbereich, freuten uns darüber, unsere Masken abnehmen zu können, betrachteten noch ein wenig die Fachwerkfassade und machten uns dann bald wieder auf zu neuen Abenteuern.

Fazit

Der Besuch des Museums war okay, vor allem für den geringen Eintrittspreis. Die Ausstellung ist meiner Meinung nach aber eher für diejenigen interessant(er), die sich für die Geschichte dieser Region interessieren, weil sie emotionale Bindung dorthin haben. Bei mir ist das nicht der Fall. In vielen Bereichen bin ich wohl Kulturbanause, weiß ich selber. Als durchreisende Person auf der A 38 würde ich nicht extra wegen dieses Museums von der Autobahn abfahren.

Anders sieht es für Radwandernde aus. Für eine Fahrradtour ist die Burg und das Schloss Allstedt sicherlich ein toller und willkommener Zwischenstopp. Insbesondere die Outdoor-Gastronomie unter dem Blauglockenbaum! Für David und mich, die wir überlegten, vor der Weiterfahrt mit dem Auto noch ein wenig draußen spazieren zu gehen, gab es aber in unmittelbarer Umgebung im Ort auf den ersten Blick keine wirklich ansprechenden Spazierwege, also keinen Schlosspark oder ähnliches, weshalb wir direkt ins Wohnmobil sprangen und weiterfuhren.

>> Hier geht’s zur Beschreibung des Kunstprojekts „Braune Autobahnschilder // A 38“

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