Braune Autobahnschilder // A 38 // Dom und Schloss Merseburg

Der 20. September liefert uns das perfekte Goldener-Herbst-Wetter, um in Merseburg den Dom und das Schloss näher zu betrachten. Ich verbringe mit David einen schönen Nachmittag in der beschaulichen gar nicht so kleinen Stadt, werfe einen Blick auf die prächtig verzierten Särge der Fürstengruft und versuche mich im Entschlüsseln der Merseburger Zaubersprüche.

Das „Krumme Tor“ empfängt uns in Merseburg und weist uns als massiver Vorbote den Weg zum Dom. Es ist Teil der mittelalterlichen Wehranlage der Stadt und sieht gar nicht so krumm aus, wie der Name vermuten lässt. Vielleicht liegt es daran, weil es nachträglich gebaut wurde und erst 130 Jahre alt ist.

Der erste Gedanke, der mir danach durch den Kopf schießt, ist der Dom zu Speyer. Den habe ich nämlich vor ungefähr drei Wochen auf der Hinfahrt ins Saarland besichtigt und das heilige Gebäude aus dem 10. Jahrhundert, vor dem ich hier nun in Merseburg stehe, wirkt auf mich ähnlich imposant. Der Dom St. Laurentius und Johannes von Merseburg.

Kurze Diskussion am Eingang: Sehen wir uns nur den Dom an oder gehen wir auch in das Museum? Beides natürlich, denn das Museum befindet sich im Schloss — praktischerweise gleich neben dem Dom — und wo wir schonmal da sind, möchten wir auch durch beides hindurchlatschen. Das braune Autobahnschild weist ja explizit auf „Dom und Schloss Merseburg“ hin. Für einen glatten Zehner pro Nase erhalten wir also den begehrten Einlass; dazu gibt es je einen Audioguide sowie einen laminierten Grundrissplan des Doms mit den nummerierten Bereichen, zu denen der Audioguide einem etwas erzählen kann.

Wir betreten den Dom, und während David noch im Eingangsbereich herumgeht, halte ich zielstrebig auf das Kirchenschiff zu, das ich eindeutig interessanter finde. Außerdem tönt von dort Orgelspiel herüber und erfüllt die Luft mit den vollen, runden Klängen einer beeindruckend riesigen Kirchenorgel direkt überm Eingang. Das klingt schön und bietet einen stimmungsvollen Auftakt zu meinem Besuch des Merseburger Doms. Im Gang des großen Kirchenschiffs bleibe ich stehen und verweile an Ort und Stelle. Kirchen sind immer sehr überwältigend für mich, weil sie in den meisten Fällen so groß sind und oft vollgestopft mit kitschigen Figuren, Fresken, Verzierungen, Bildern und Buntglasfenstern. Das muss ich dann erstmal in mich aufnehmen. So auch jetzt. Aber diesmal ist etwas anders. Ein weiterer Eindruck gesellt sich zu dem erwarteten Kitsch-Overkill und lenkt mich ab: Etwa zehn Personen sitzen verstreut auf den Stühlen und Bänken. Sie alle sind mit Masken vermummt und starren gedankenverloren auf den Boden, während sie konzentriert ihre Audioguides ans Ohr pressen. Ich bin die einzige Person, die sich in dieser Halle umsieht und kein Elektrogerät an den Kopf hält.

So besichtigt man heutzutage also einen Dom. Auf den Boden starrend, fremden Stimmen horchend. Passiv.

Ich komme mir ausgeschlossen vor. Oder vielmehr schließe ich mich aus. Ich will nicht zu diesen Audiozombies gehören. Ich will mir alles auf eigene Faust ansehen und mir Gedanken dazu machen. Dann lerne ich zwar weniger über die Hintergrundinfos, höre dafür aber meinen eigenen stream of consciousness, und das ist mir wichtiger. Während die Audiozombies weiterhin schweigend in ihren zusammengesunkenen Positionen verharren, sehe ich mich nach David um. Wo bleibt der denn? Er steht immer noch im Eingangsbereich. Abwesender, glasiger Blick. Die rechte Hand ans Ohr pressend. Oh nein. Er ist einer von ihnen geworden.

„Was muss ich drücken?“, frage ich ihn, und ich drücke die angegebene Zahl in den Audioguide und starte mit Grün. Sofort fängt eine Stimme an zu reden. Erzählt, dass hier ganz viele Darstellungen von historischen Personen sind: links der und der, der und der, der und der, der und der, rechts der und der, der und der, der und der, der und der … Nun solle ich meine Aufmerksamkeit zunächst auf den und den lenken.

Moment, denke ich panisch, nicht so schnell! Wer jetzt? Und meint die Stimme jetzt die Statuen oder die Bilder an den Wänden? Sollte ich zuerst links gucken oder rechts? Wa– ?

Ich drücke Rot und der Audioguide verstummt Gott sei Dank. Das war anstrengend. Ich hänge mir das handyartige Gerät um den Hals und nehme mir vor, es nicht noch einmal zu benutzen. Ab jetzt schaue ich mir einfach alles selbst an, in meiner persönlichen Reihenfolge, und so lange ich möchte. Und das geht auch sehr gut. Die ganzen Informationen will ich gar nicht wissen. Vom Kirchenschiff geht’s weiter in die unterirdische Krypta (immer wieder faszinierend), vorbei an der Fürstengruft mit ihren vielen Särgen, die alle ziemlich pompös ausschauen. Macht mich ganz neidisch. Heute, am Sonntag, hätte ich sogar die Chance auf eine Führung durch die Gruft gehabt, aber die wäre erst in zwei Stunden und so lange habe ich keinen Bock zu warten. Es genügt mir, ein paar Minuten durch den verglasten, abgesperrten Eingang zu starren und dann die Sicht für den nächsten Besucher freizugeben.

In einem spärlich glimmenden, unterirdischen Gewölbe stoßen wir auf die Merseburger Zaubersprüche. Oder vielmehr auf ein Faksimile. Ich kann kein Wort davon entziffern. Aber immerhin habe ich mal einen Blick darauf werfen können. Hier lasse ich mich dazu hinreißen, nochmals meinen verhassten Audioguide zu aktivieren und mir anzuhören, was es zu den Zaubersprüchen zu erzählen gibt. Dabei überlege ich, ob ich eigentlich zuerst in der Schule oder erst später im Literaturstudium von den Merseburger Zaubersprüchen gehört habe. Keine Ahnung.

Aufatmen im Kreuzgang. Maske abnehmen. Draußen sein und frische Luft. Kreuzgänge sind immer so wunder-wunder-schön! Mir gefällt der Flair, den sie verströmen, diese halboffene Bauweise; nicht ganz draußen, aber trotzdem in direktem Kontakt mit der Welt, nicht ganz drinnen, aber trotzdem schutzbietend, ein Rand zwischen Außen- und Innenwelt.

Im Innenhof des Kreuzgangs erfreue ich mich nach all der altehrwürdigen Düsternis des Doms an dem lebendigen Springbrunnen, den Bäumen und dem Sonnenlicht.

Hier lässt es sich gut pausieren, bevor wir unsere Wanderung fortsetzen und zum Museum weitermarschieren.

Im Museum werden wir direkt von einer Mitarbeiterin abgefangen und erhalten Instruktionen zum Rundgang. Wir sollen uns zuerst die Sonderausstellung ansehen. Wir wussten zwar gar nicht, dass gerade eine Sonderausstellung ist, aber gut. Schauen wir mal.

Sie trägt den Titel „Schönheiten des Meeres“ und verbindet alte und neue Kunstwerke zweier Medien miteinander: Zum einen Bildtafeln mit Zeichnungen von Ernst Haeckel, die um 1900 herum entstanden, und ergänzend dazu zeitgenössische Fotografien von Werner Fiedler. Haeckel hatte seinerzeit mit seiner Serie „Kunstformen der Natur“ anhand von echten Präparaten detaillierte Zeichnungen von Tieren angefertigt. Sie sind erstaunlich hübsch und raumeinnehmend. Und immerhin hatte er damals, vor 120 Jahren, nur ein paar tote Tiere als Vorlage; keine YouTube-Dokus, keine Google-Bildersuche, keinen Bernhard Grzimek oder Heinz Sielmann. Dennoch muss ich zugeben, dass Fiedlers Unterwasserfotografien mich noch mehr in den Bann ziehen. Die Tierwelt der Meere habe ich schon immer geliebt. Hier bin ich nun in einem 600 Jahre alten Schloss und hatte alles andere erwartet, aber keine farbenfrohen großformatigen Bilder von Seesternen, Igelsternen (Seeigeln), Moostierchen, Kraken und Ohrenquallen. Ich bin allerdings positiv überrascht von dieser unvorhergesehenen Wendung meines Kulturnachmittags.

Nach dieser wirklich schönen Sonderausstellung werden wir zum Rest des Museumrundgangs gelotst. Dieser ist wie erwartet: etwas dumpf und dröge. Das liegt zum einen daran, dass die Bilder von eben so aus dem Rahmen gefallen sind und zum anderen spielt sicherlich noch mit hinein, dass ich in den letzten Monaten für mein eigenes Kunstprojekt echt viele Museen besucht habe und sie mir langsam ein wenig über sind. Lediglich zweierlei Dinge vermögen David und mich dieses Mal noch zu begeistern:

1.): Ein riesiger Sachsen-Anhalt-Teppich von anno dazumal.

2.): Ein edles Porzellan-Service, auf das Portraits der Leute aufgedruckt sind, denen es gehörte. Wir feiern das voll ab. David und ich nehmen uns vor, uns auch so etwas zuzulegen. Eine Kaffeekanne und Tassen mit unseren Gesichtern drauf. Voll stylisch.

Nach unserem Besuch des Museums bzw. Schlosses schlendern wir noch ein wenig durch die Stadt an der Saale und sind einstimmig der Meinung, dass sie durchaus ein freundliches Ambiente hat. Wir entdecken sogar ein indisches Restaurant mit veganer Speisekarte und tafeln dort vorzüglich wie König Otto I.

Fazit

Ohne das braune Autobahnschild hätte ich mir wahrscheinlich nie die Mühe gemacht, den Merseburger Dom zu besichtigen. Und das Schloss erst recht nicht. Dafür interessiere ich mich einfach zu wenig für die Kulturgeschichte dieser Region. Ich persönlich hätte mir das Museum sparen können. Aber dann wiederum hätte ich die tolle Sonderausstellung mit den Meerestieren nicht gesehen. Davon abgesehen hat mich das Museum gelangweilt.

Da war es schon interessanter, durch den Dom zu streifen, für den ich den ollen Audioguide aber nicht gebrauchen konnte. Andere Leute (die Audiozombies) hingegen scheinen voll darauf abzufahren, sich die volle Infodröhnung zu geben. Das liegt natürlich wie immer im eigenen Ermessen. Wie auch immer eins sich entscheidet — Merseburg ist eine hübsche Stadt mit mittelalterlichem Flair, und wenn eins schonmal da ist, empfehle ich einen Spaziergang vom Schlossgarten zur Neumarktbrücke an der Saale, in dessen Nähe sich übrigens auch ein Schiffsanleger befindet, und in der Fußgängerzone.

>> Hier geht’s zur Beschreibung des Kunstprojekts „Braune Autobahnschilder // A 38“

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