Braune Autobahnschilder // A 38 // Europa-Rosarium Sangerhausen

Mit diesem Artikel fällt der Startschuss für meine neue Reihe „Braune Autobahnschilder // A 38“, über die ich im vorigen Beitrag einleitend berichtet habe. Unsere Reise beginnt in einer der schönsten Städte der Region Mansfeld-Südharz: der Rosenstadt Sangerhausen. Genauer gesagt: in der weltweit größten Rosensammlung, dem Europa-Rosarium!

Nun leben David und ich schon seit fast auf den Tag genau vier Jahren auf unserem Bauernhof in Sachsen-Anhalt, und trotzdem hatten wir es bis jetzt noch nicht geschafft, die Hauptattraktion dieser Region zu besuchen, obwohl sie sich hier gleich um die Ecke befindet. Mit meinem Entschluss, über alle Ausflugsziele entlang der A 38 zu schreiben, gab es dann keine Entschuldigungen mehr! Also schwangen wir uns am 17.07.2020 kurzerhand ins Auto und verbrachten einen schönen Spätsommernachmittag im Europa-Rosarium Sangerhausen.

Eine handvoll Fakten

Alles, was du wissen möchstest, findest du sicherlich auf der Webpräsenz des Rosariums hier. Das Rosarium ist eine weitläufige Freiland-Blumenparkanlage auf gigantischen 13 Hektar. Es beherbergt rund 8.600(!!!) Rosenarten und -sorten und ist von Mai bis Oktober täglich geöffnet. Uns kostete es jetzt in der High Season pro Person satte 12,50 Euro Eintritt, in der Nebensaison wäre es nur halb soviel. Dafür stand aber auch der Großteil der Anpflanzungen in wundervoller Blüte!

In Nicht-Corona-Zeiten gibt es dort natürlich auch überdachte Gastronomie, einen Kinderspielplatz und Veranstaltungen — leider habe ich letztes Jahr das Lichterfest dort verpasst — und sogar ein Hochzeitspavillon steht für eine romantische Hochzeit im Blütenmeer zur Verfügung. Außerdem steht eine Rosenberatung mit Fachkundigen bereit.

Für das kommende Jahr wird das Rosarium übrigens ein Außenstandort der Bundesgartenschau 2021 sein, welche in Erfurt stattfinden wird (Jippieh!!)

Entdeckungstour durch das Rosengestöber

Am Eingang kamen wir uns etwas verloren vor, denn schon dort wurden wir uns der Weitläufigkeit des Areals bewusst. Wir wussten erst nicht so recht, wohin und wie und was, weil es kein eindeutiges Tor mit Ticketschalter gab, aber da der „Gartenträume-Laden“ das erste ist, was einem ins Blickfeld rückt, je näher eins ans Rosarium kommt, war es nur logisch, dort reinzugehen und, wie erwartet, die Möglichkeit zu haben, dort Tickets zu kaufen. Der Laden war Anfangs- und Endpunkt unseres Ausflugs.

Wir hatten das Areal noch nicht einmal betreten, da hielten wir schon inne, weil wir etwas ganz Neues wahrnehmen konnten, das wir so noch nie erlebt hatten: Duft! Den Duft von Tausenden Rosen! Ich wollte mir selbst an die Stirn schlagen vor Ignoranz — mir war im Vorfeld noch nie der Gedanke gekommen, dass die größte Rosensammlung der Welt nach Rosen duften könnte! UND WIE! Es war einfach Wahnsinn! Der Duft ist zwar omnipräsent, aber so angenehm und betörend und dank der Frischluft im Freien und der Weitläufigkeit des großen Geländes alles andere als störend, sondern tröstend-einlullend wie ein unsichtbares olfaktorisches Medium, das dich sanft einpackt und über die Wege durch das Rosenmeer trägt, von dem es verströmt wird. Ich habe den Rosenduft sehr genossen, fast mehr als den Anblick all der schönen Rosen!

Aber die Parkanlage kann sich wirklich sehen lassen, oh ja! Die hübsch angelegte Parklandschaft besteht aus vielen großen und kleinen Tupfen verschiedenster Weiß-, Creme-, Rosa-, Gelb-, Rot- und Orangetöne, soweit das Auge reicht. Dabei waren auch die Formen der Rosenzüchtungen, besonders die Größen der Blüten, sehr vielfältig. Das Thema Rosenzucht hat mich nie sonderlich interessiert. Aber mir gefiel es sehr, die Ergebnisse jahrzehntealter Zuchtlinien zu bewundern. Hier waren eindeutig Generationen von Menschen mit Herzblut bei der Sache.

Weil David und ich Rebellen sind (und Selbstversorgende auf einem Bauernhof), freuten wir uns besonders über einen kleinen, dicht- und wildbepflanzten Kräutergarten von wenigen Quadratmetern Größe, den wir für den Moment am interessantesten fanden und aufmerksam durchstreiften.

Überhaupt ist es toll, dass im Rosarium nicht nur ausschließlich Rosen wachsen! Wir mochten die vielen verschiedenen Bäume sehr und entdeckten in den Beeten auch Lilien, Mittagsblumen, Lavendel, Clematis, Margeriten, Farne, Hibiskus und zahlreiche weitere richtig schöne Gewächse. Es gibt auch eine kleine Anlage mit einem Kaktusgarten und imposanten Sukkulenten. Überall stehen Sitzgelegenheiten an den Wegesrändern und in lauschigen Ecken; oft Bänke unter schön geschwungenen bewachsenen Spalieren, aber auch einzelne Gartenstühle unter Pavillons oder Sitzgrüppchen mit Tischchen. Dazu kommen gelegentlich kleine künstlich angelegte Fließgewässer, die die Struktur der Anlage bereichern. Außerdem hatten wir das Glück, dass zurzeit eine Kunstausstellung mit Skulpturen und anderen Werken verschiedener Kunstschaffender über das gesamte Areal verteilt ist und wir überall auf immer neue Kunstwerke trafen, die gut in die Gegend passten.

Das Wetter spielte auch mit und so verbrachten wir einen total entspannten Nachmittag im Rosarium — meistens wandelten wir die Wege entlang und freuten uns über alles, was es an hübschen Blüten und knalligen Farben zu entdecken gab. Mehr als einmal wünschte ich mir, dass mein Opa und meine Oma noch leben würden und ich hier mit ihnen einen Tag verbringen könnte. Es hätte ihnen sehr gefallen. Mit Begeisterung fand ich immer neue perfekt geschwungene Blüten, die ich unbedingt fotografieren wollte, und musste dabei jedes Mal innerlich lächeln, denn meine Großeltern hatten auch immer gerne die Blumen in ihrem Kleingarten fotografiert.

Wir waren schon fast durch alle Bereiche durch, da stießen wir auf einen Duftgarten, der mit ausgesuchten, stark duftenden Rosenvariationen bepflanzt war. Und so schnupperten wir uns durch die Beete. Trotz des allgegenwärtigen Rosendufts in der Luft gab es im Duftgarten überraschende und vor allem sehr intensive Duftkompositionen zu erleben. Es war wie Wellness für den Geruchssinn. Jede Sorte roch einfach so unglaublich gut! Und alle so unterschiedlich! Bloß das Currykraut, welches am Eingang des Duftgartens seine gelbgetupften hageren Finger in alle Richtungen ausstreckte, konnte ich absolut nicht leiden. David hingegen wäre hingegen am liebsten im Currykraut versunken. Ich befürchte, wir müssen uns das für unseren Kräutergarten auch zulegen.

Nach dem Rundgang durch den Duftgarten hatten wir für kurze Zeit taube Nasen. Duft-Overkill! Inzwischen waren wir auch schon fast wieder am Eingangsbereich, doch vorher passierten wir noch einige labyrinthartige Wege durch meterhohe Kletterrosen. Wir näherten uns einem pompösen Rosengewächs, das David schon ganz zu Anfang ins Auge gefasst hatte — die knallgelben handtellergroßen Blüten dieser Rose leuchteten schon von Weitem zu uns herüber. Laut Namensschildchen handelte es sich um die Sorte „Golden Gate“. Wir wollten sofort wissen, wie solch eine schöne Rose mit so tollen gelben Blüten duften mag; oder ob überhaupt, denn viele Rosen sind offenbar nur auf schickes Aussehen gezüchtet und vollkommen geruchslos. Es hätte uns keineswegs verwundert, wenn diese hier also auch nur den Sinn und Zweck erfüllen würde, mit ihrem Erscheinungsbild lediglich eine gute Figur zu machen. Aber nein, die Schnupperprobe war positiv und wir wären beide am liebsten in die Blüten reingekrochen, weil sie soooo guuuuut rochen! Wie ein frischer saftiger Zitronenkuchen mit Zuckerguss!

Auf dem weiteren Weg Richtung Ausgang entdeckten wir hie und da noch weitere „Golden Gates“ und stürzten jedes Mal dorthin, um sie anzusehen und sie zu riechen. Schließlich befanden wir uns wieder am Gartenträume-Laden vom Anfang und konnten diesmal auch den Freilandbereich des Ladens sehen, in dem Rosen in Blumentöpfen verkauft werden. Ich sah sie sofort: Zwischen all den zumeist roten oder pinkfarbenen Rosen stand sie. Leuchtete ganz allein vor sich hin. In Gelb. Die einzige verbliebene „Golden Gate“ ganz allein auf einem Tischchen im Verkaufsbereich.

„Da ist deine Rose“, sagte ich zu David.

Er zögerte noch einen Augenblick. Tigerte unschlüssig um den Blumentopf herum. Schaute sich sicherheitshalber noch bei den anderen Rosen um. Kam wieder zurück. Inzwischen hatte ich noch einen tiefen Atemzug vom „Golden Gate“-Duft genommen und mich daran berauscht. Aaaaaaaaaah. David sah meinen gefühlt glasigen Golden-Gate-Junkie-Blick. Es ging ihm ja genauso. Es musste sein. Wir nahmen die Rose mit. Wir kamen uns zwar vor wie Leute, die im Tierheim eigentlich „nur mal gucken“ wollten und dann doch einen Hund mitnehmen. Aber wir kauften diese wunderbare Rose, die noch dazu ein wirklich schönes, kräftiges Exemplar war. Der Verkäufer hatte ein sehr tiefes Fachwissen und erzählte uns noch, dass es nur etwa drei Jahre dauern würde, bis die Rose voll ausgewachsen sein würde — nämlich vier Meter hoch!

Fazit

Im Rosarium haben wir einen ganz wunderbaren Nachmittag verbracht. Insgesamt waren wir etwa zwei Stunden da und haben die Zeit sehr genossen. Im Vorfeld war ich etwas skeptisch, da ich mich nie sonderlich für Rosen als solches interessiert habe, aber da hatte ich auch nicht bedacht, dass der Geruchssinn hier voll auf seine Kosten kommt! Außerdem ist der hübsch angelegte Park wirklich sehr groß und dadurch verläuft es sich auch mit den anderen Besuchenden sehr gut. Obwohl es ein Freitag Mitte Juli war, haben wir den Park eher als menschenleer empfunden und nur gelegentlich andere Personen getroffen. Es gibt überall genug Bänke, um jederzeit Pause zu machen. Die Anlage ist sehr abwechslungsreich strukturiert, mit Ausnahme eines Teilbereichs mit ausschließlich niedrig wachsenden Rosen, welcher für mich eher wie ein Friedhof aussah. Ansonsten mochte ich die vielen verschiedenen Anpflanzungen auch außerhalb der Rosenzüchtungen und die Kunstwerke in dem Park. Manchmal hätte ich mir gerne mehr Namensschildchen für die Nicht-Rosen-Pflanzen gewünscht, etwa im alpinen Bereich mit den hübschen Blumen, die ich vorher noch nie gesehen hatte. Den Eintrittspreis empfand ich im Nachhinein als gerechtfertigt. Vielleicht wäre er noch gerechtfertigter, wenn ich mich auf einen noch längeren Aufenthalt im Rosarium vorbereitet hätte, indem ich früher dort angekommen wäre (wir waren erst gegen 16 Uhr dort) und etwas zu essen und trinken und vielleicht ein Buch mitgebracht hätte.

Der Besuch des Europa-Rosariums ist jedenfalls sehr empfehlenswert und ich freue mich sehr, dass ich durch mein Kunstprojekt endlich doch noch dorthingefunden habe!

Der kleine Prinz war schon lange durch Sand, Felsen und Schnee gewandert. Da entdeckte er endlich eine Straße. Und alle Straßen führen zu den Menschen.

»Guten Tag«, sagte er.

Es war ein Blumengarten voller Rosen.

»Guten Tag«, sagten die Rosen.

Der kleine Prinz betrachtete sie. Sie sahen alle genau wie seine Blume aus.

»Wer seid ihr?«, fragte er sie erstaunt.

»Wir sind Rosen«, sagten die Rosen.

»Ah!«, sagte der kleine Prinz …

Antoine de Saint-Exupéry, „Der kleine Prinz“

>> Hier geht’s zur Beschreibung des Kunstprojekts „Braune Autobahnschilder // A 38“

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: