Braune Autobahnschilder // A 38 // Grenzmuseum Schifflersgrund

Es wird Zeit für eine kleine Geschichtsstunde. Ich besuche das Grenzmuseum Schifflersgrund im thüringischen Asbach-Sickenberg und lerne, dass es eine blöde Idee ist, mit einem Traktor über die innerdeutsche Grenze zu fliehen.

Die wichtigste Info vorab: An der Kasse vom Grenzmuseum Schifflersgrund kann der Eintritt — 5 Euro — nur bar bezahlt werden. Kartenzahlung ist nicht möglich. Ich erzähle das, weil ich vor einigen Tagen schon einmal hiergewesen bin und dann unverrichteter Dinge wieder abziehen musste, weil mir die nötige Knete fehlte. Aber jetzt, am 9. August 2020, bin ich bestens vorbereitet, habe Kleingeld und Ehemann im Gepäck und begehre erneut Einlass, der mir dann auch gewährt wird.

Der größte Teil des Museums befindet sich im Freiland. Dieser Ort ist ein guterhaltenes Relikt aus der Zeit des geteilten Deutschlands und wartet neben den vielen Ausstellungsstücken mit Originalbauten aus DDR-Zeiten auf, die hier nach der Wiedervereinigung als kulturelles Erbe gesichert und an Ort und Stelle belassen wurden, inklusive eines Grenzbeobachtungsturmes und zweieinhalb Kilometer Grenzzaun komplett mit (zum Glück nicht mehr intakten) Schnellschussanlagen. David und ich schauen uns zunächst die Hubschrauber, Laster und Panzer an. Ich versuche mir vorzustellen, welche große Furcht der Anblick dieser Fahrzeuge einst bei der Bevölkerung ausgelöst haben muss. Einer der Hubschrauber ist am Vorderteil mit Maschinengewehren bewährt. Unheimlich. Dennoch muss ich mir nach einiger Zeit eingestehen, dass ich die knuffigen Helikopter mit ihrer runden Nase nicht ganz ernstnehmen kann. Für mich sehen sie alle aus wie das Yellow Submarine.

Quelle: https://de.cleanpng.com/png-wvqcsy/

Auf dem Gelände stehen einige Schiffscontainer, in denen sehr viel schriftliches Material zur damaligen Zeit vor dem Mauerfall ausgestellt wird. Viele Zeitungsartikel und alte Schwarz-weiß-Aufnahmen zeugen von einem Regime, welches ich nur aus dem Geschichtsunterricht in der Schule kennen würde, wenn ich denn damals aufgepasst hätte, und das mir so fern ist. Für mich klingt alles so absurd. So … fiktiv. Nach einem derart schlechten Plot, dass es viel zu unrealistisch scheint, um jemals wahr gewesen zu sein. Einen 1.500 Kilometer langen Zaun zu bauen und Menschen dahinter einzusperren. Und abzuknallen, wenn sie weglaufen wollen.

Wieder draußen, nähere ich mich dem Grenzzaun. Ein beklemmendes Gefühl packt mich. Böse Schilder wollen mich davon abhalten, weiterzugehen. Ich darf hier gar nicht sein. Ich zögere. Muss mir klarmachen, dass das hier ein Museum ist. Dass die Schilder nur Relikte aus längst vergangenen Tagen sind. Noch immer schreien sie wütend ihre Verbote jedem ins Gesicht, der sie liest. Sie wissen nicht, dass sich die Zeiten geändert haben. Ihre Stimmen sind noch immer zu hören, gefangen in der Vergangenheit. Aber ihre Botschaften sind obsolet. Vorsichtig gehe ich weiter, einen Schritt nach dem anderen. Gehe erst am schwarz-rot-gelb-gestrichenen Grenzpfahl vorbei. Und trete dann durch eine Tür im stacheldrahtgesäumten Grenzzaun. Ich habe die Grenze zwischen Westdeutschland und der DDR überquert. Ich wurde nicht erschossen. Wie schon hundertmalig zuvor. Mit dem Unterschied, dass mir das noch nie so bewusst gewesen ist wie jetzt in diesem Moment. Das könnte unter anderem daran liegen, weil gerade eine Schar Selbstschussanlagen auf mich gerichtet ist. Und weil ich kurz zuvor darüber gelesen habe, dass hier im Grenzstreifen — dem Grünen Band — der Boden mit Tausenden und Abertausenden Minen übersät war.

Ein Stück weiter stehen weitere Gebäude mit Ausstellungsräumen. Auch der obligatorische Trabi darf natürlich nicht fehlen. Er symbolisiert als zeitgenössisches Kunstwerk 20 Jahre Mauerfall.

In einem der Gebäude finden wir einen Extrabereich über den Fall von Heinz-Josef Große. Er hatte hier an der Grenze eine Arbeitsstelle und versuchte im März 1982 mittels eines Traktors zu fliehen. Er fuhr mit dem Fahrzeug bis zum Zaun, kletterte dann über den Traktor und dann über den Zaun hinüber und rannte einen Abhang hoch. Durch einen umgehend erteilten Schießbefehl fand er dort, direkt auf der anderen Seite des Grenzzauns, aber noch auf DDR-Boden, den Tod. Die Stelle wird heute mit einem weißen Holzkreuz gekennzeichnet. Wir können das Kreuz vom Grenzzaun aus sehen.

Fazit

Es ist immer ungemütlich, sich mit der Geschichte der innerdeutschen Teilung auseinanderzusetzen. Ungläubigkeit empfinde ich, Scham, Wut, Trauer, und auch so etwas wie ein schlechtes Gewissen, weil mich dieses Thema mit meiner wohlbehüteten westdeutschen Vergangenheit nie tangiert hat. Ohne mein Kunstprojekt wäre ich wohl niemals freiwillig in dieses Museum gegangen. Es fiel mir schwer, mich auf alles zu konzentrieren. Die Masse der verschriftlichten Zeugnisse der Vergangenheit ist enorm. Die alten Fahrzeuge wirken ein bisschen wie aus einer anderen Welt. Der letzte Teil der Ausstellung war etwas heiterer und zeigte das Leben von Teenagern in der DDR. Aber zu dem Zeitpunkt war ich körperlich und geistig schon zu erschöpft vom vielen Herumgehen und Dauer-Input, als dass ich mich noch darauf hätte konzentrieren können. Ich bin versucht zu sagen, dass das Grenzmuseum Schifflersgrund wohl eher interessant ist für Menschen, die sich für die Geschichte der DDR interessieren, aber ich glaube, ich bin das beste Beispiel für eine Person, die diese Auseinandersetzung immer gescheut hat und gerade deshalb mal den Arsch hochkriegen und sich wenigstens ein bisschen damit beschäftigen sollte, was damals so abgegangen ist. Um zu wissen. Und um ein bisschen besser zu verstehen.

>> Hier geht’s zur Beschreibung des Kunstprojekts „Braune Autobahnschilder // A 38“

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