Braune Autobahnschilder // A 38 // Historische Altstadt Heilbad Heiligenstadt

Ursprünglich wollte ich bei diesem Trip zum Grenzmuseum Schifflersgrund, aber dann landete ich auf einmal im 15 Kilometer entfernten Heilbad Heiligenstadt und erkundete an einem brütendheißen Hochsommertag die historische Altstadt.

Eigentlich wollte ich in Heiligenstadt nur Bargeld holen. Kurz zuvor stand ich mit leerem Portemonnaie an der Kasse des Grenzmuseums Schifflersgrund und erfuhr, dass dort keine Kartenzahlung möglich ist. Es ist ein verdammt heißer Auftakt für den Start in den August; über 30°C sind es und mein Auto hat sich in eine Sauna verwandelt. Auch mein Handy ist entschieden gegen die hohen Temperaturen und hat beschlossen, nicht mehr aufzuladen. Na super. Soviel zu Navigation, Recherchearbeiten und Schreiben on the road. Gna. Der Hitze und der vielen Fahrerei ist meine Meinungsänderung geschuldet — ich bleibe ersteinmal hier, anstatt gleich wieder die ganze Strecke zurückzufahren. Auch wenn diese übrigens zu den schönsten gehörte, die ich bis jetzt für dieses Kunstprojekt zurückgelegt habe; führt sie doch durch das Eichsfeld, welches allerdings zu einem späteren Zeitpunkt, also in einem anderen Beitrag, von mir genauer unter die Lupe genommen werden wird. Nun geht es erst einmal um das Heilbad Heiligenstadt und seine historische Altstadt. Und weil sich historische Altstädte immer im Ortskern befinden, begebe ich mich instinktiv dorthin, in die Innenstadt, und schaue mir zunächst einmal auf einem Stadtplan an, was sich wo befindet. Dabei bemerke ich auch die Kennzeichnung des Jakobswegs nach Santiago de Compostela. Ich freue mich immer, wenn ich mich zufällig auf dem Camino wiederfinde, und denke dann wehmütig an meine eigene mehrmonatige Pilgerwanderung durch Frankreich und Spanien zurück, die mich hat wachsen lassen. Irgendwann, irgendwann werde ich den Camino noch einmal laufen. Und dann nicht nur bis Santiago de Compostela, sondern bis nach Finisterre. Und darüber schreiben.

Ich pilgere also als erste Maßnahme schnurstraks durch die Fußgängerzone, um mir ein erstes Bild von der Altstadt zu machen. Wie erwartet gibt es etliche Fachwerkhäuser. Und die üblichen Geschäfte und Ladenketten, wie sie in jeder Innenstadt zu finden sind. Leider wird das Stadtbild gerade durch großflächige Bauarbeiten ziemlich eingeschränkt. Die Läden sind zwar alle erreichbar und eins ist bemüht, den Besuchenden uneingeschränkten Zugang zur Befriedigung ihrer Konsumlust zu ermöglichen, aber dadurch sieht es eben trotzdem momentan nicht ganz so malerisch und romantisch aus, wie von einer historischen Altstadt vielleicht erwartet werden könnte. Ich sehe aber ein, dass hin und wieder, oder wahrscheinlich sogar ziemlich oft, erhebliche Sanierungsmaßnahmen erforderlich sind; insbesondere bei einer Stadt wie Heiligenstadt, in der per Erlass der Abriss historischer Gebäude im Stadtkern verboten ist.

Davon abgesehen kommt mir die Fußgängerzone wie eine stinknormale, langweilige Flaniermeile einer x-beliebigen Innenstadt vor.

Am Ende der Straße thront die St.-Martin-Kirche, das erste Ziel meiner Erkundungstour. Kurz vorher bemerke ich links neben mir ein schmuckes Fachwerkhäuschen mit einer Bronzestatue davor. Es ist das Literaturmuseum Theodor Storm, was mich etwas verwundert, da mir Storm bislang nur als lokale Größe Norddeutschlands bekannt war. Was ich nicht wusste, war, dass der Schriftsteller für ein paar Jahre auch in Heiligenstadt rührig gewesen ist. Hier steht er nun jedenfalls und schaut mir streng dabei zu, wie ich die Martinskirche ansteuere.

Die Kirche St. Martin ist sehr bedeutend für die Stadt. Laut einer Legende wurden an dieser Stelle einst zwei fromme Männer begraben, die vor dem Hunnenkönig Attila geflohen waren. Zweihundert Jahre später kam der körperlich kranke König Dagobert zufällig an diesen Ort und wurde durch den Tau im nassen Gras geheilt. Prompt sprach er die beiden Verstorbenen heilig, veranlasste außerdem, dass dieser Ort von nun an gefälligst „Heilige Statt“ heißen und eine Kirche genau hier errichtet werden solle.

Mir ignorantem Kulturbanausen ist das jetzt gerade ziemlich egal. Es ist drückend heiß und ich hoffe, der brennenden Sonne entfliehen zu können und in der Kirche Zuflucht zu finden. Es gibt mehrere Portale, ich probiere die Türklinken, bis eine schließlich nachgibt und ich die herrliche Kühle des altehrwürdigen Kirchenschiffs betrete. Ich bin ganz allein. Ich liebe es, in der Stille einer Kirche eine Unterbrechung vom Tag zu genießen. Wenn ich auf einer der Kirchenbänke sitze, für ein paar Minuten schweige und mich das Schweigen des großen Raumes um mich herum einhüllt, fällt alles von mir ab, alle Gedanken, Sorgen, Probleme, Pflichten. Dann wünsche ich mir manchmal, religiös zu sein und einen Glauben zu haben. Ein Glaube kann sicherlich sehr tröstend sein und Halt geben, wenn eins mit der Welt und sich selbst klarzukommen versucht. In der Stille der Kirche tanke ich Kraft. Am Altar stehen frische Blumensträuße, das sieht schön aus. Frisch gestärkt und abgekühlt gehe ich schließlich weiter. Es gibt noch ein bisschen was von der Altstadt zu sehen. Angefangen mit den bezaubernden Flussverläufen, die allenthalben in Stein gefasst und von Brücken überspannt im Stadtbild auftauchen. Es ist die Leine mit ihren Nebenflüssen. Eigentlich mag ich es nicht, wenn Naturgewalten so künstlich eingepfercht werden, aber das ist hier das kleinste — und hübscheste — Übel. Alternativ hätte der Fluss wohl umgeleitet oder anderweitig stillgelegt werden müssen. So ist er noch vorhanden und Teil der Stadt, was ihr noch einen zusätzlichen pittoresken Anstrich verleiht.

Ich spaziere als Flaneur durch die alten Gassen. Mein nächstes Ziel ist der Barockgarten an der St.-Marien-Kirche. Vorher muss ich aber noch einen Zwischenstopp in der Kirche selbst einlegen — Abkühlung, Stille und Kirchenkitsch bewundern. Die meterhohen Buntglasfenster ziehen sofort meine Aufmerksamkeit auf sich. Ich finde sie superschön und fotografiere sie auch, aber seltsamerweise ist das Foto in meinem Handy nicht mehr vorhanden. Schade. Da wollte wohl irgendeine höhere Macht nicht, dass ich das tue. Wieder draußen, muss ich erst ein wenig um die Kirche herumtigern, bis ich auf den Barockgarten treffe. Doch schon wieder werde ich abgelenkt, noch bevor ich mein Ziel erreiche: Rund um den Barockgarten sind wieder die eingefassten Flussläufe sichtbar und an einer Stelle führt eine kleine Treppe direkt zum Wasser hinunter. Ich tue das, was ich immer tue, wenn es warm ist und ich an einem klaren Gewässer vorbeikomme, sei es Fluss, See oder Springbrunnen — Schuhe aus und Füße rein! Aaaaaaah!

heiligenstadt07

Das Wasser ist kristallklar und eiskalt. Ich versenke meine Beine bis zu den Knien in dem fließenden Nass und beobachte die hellgrünen wogenden Wasserpflanzen, die sanft in der Strömung treiben. Herrlich! Nach dieser Abkühlung bin ich auch gewappnet für den Barockgarten, den ich nun endlich erreiche und mir ansehen kann. Er sieht wie erwartet sehr künstlich aus mit seinen geometrischen Formen, aber dadurch auch sehr gepflegt. Ich wandele die rechtwinkligen Wege einmal quer durch den Barockgarten und dann geht es auch schon weiter Richtung Auto.

Für den Rückweg wähle ich aber einen anderen Weg — oder vielmehr entscheide ich mich für wirres, wenig zielorientiertes Herumgepeile in den Nebenstraßen, dann gibt’s nämlich mehr zu entdecken — und mache noch kurz einen Abstecher zur Kirche St. Aegidien, die ich allerdings nicht betrete, wohl aber die kleine Maria-Hilf-Kapelle, welche nur aus einem spartanischen Raum mit einer Marienstatue besteht, vor der Kerzen angezündet werden können. Kleines Highlight ist hier eine Miniaturversion eines offenen Bücherschrankes, in den Bücher nach Belieben reingestellt oder mitgenommen werden können. Die zurzeit vorhandene Literatur ist allerdings überwiegend religiöser Natur. Irgendwelche Splatterromane wären in solch einem Ambiente auch sicherlich nicht so angebracht. Trotzdem eine nette Idee der Kirchengemeinde.

Auf meinem Streifzug Richtung Parkplatz stoße ich noch auf die Klausmühle, die seit dem 14. Jahrhundert in Betrieb ist. Original mit Schaufelrad und Wasserlauf!

Ich bin nur einen Katzenschiss vom Auto entfernt, da entscheide ich mich spontan um und biege in den Kurpark ein. Laut Beschilderung befindet sich hier ein Wasserfall, und den muss ich mir natürlich ansehen. Der Kurpark ist schön angelegt und eine erholsame Oase. Das finden wohl auch die vielen älteren Herren mit Bierflaschen, die sich gleichmäßig über das Areal verteilen und einen Großteil der Parkbänke belegen, während sie mir entgegen- und dann hinterherstarren und ich mir vorkomme wie Frischfleisch im Zoo ohne Recht auf Menschenwürde oder Privatsphäre. Dadurch fühle ich mich äußerst unwohl und wünschte, ich hätte meinen Binder an, durch den ich mich erheblich wohler und sicherer fühle, wenn ich in der Öffentlichkeit unterwegs bin. Schnell gehe ich weiter zum Wasserfall. Er ist ganz zugewachsen, aber trotzdem gut sichtbar; ein schönes Fleckchen Erde. Und ein schöner Abschluss für meinen Besuch der historischen Altstadt in Heilbad Heiligenstadt!

Fazit

Der Vormittag in Heiligenstadt war ganz nett und lud zu einem interessanten Spaziergang in der Stadt ein. Die Innenstadt mit den Läden ist an sich absolut nichts Besonderes und die Großbaustelle tut noch ihr Übriges, um hier nicht zum Shoppen herzukommen. Aber um mal ein bisschen in einer alten Stadt herumzupeilen, sich zwei, drei Kirchen anzusehen, vielleicht noch das Literaturmuseum und das Eichsfeldmuseum zu besuchen und sich dann im schön angelegten Kurpark zu erholen ist es ein ganz gutes Ausflugsziel. Auch finden im Barockgarten normalerweise diverse Veranstaltungen statt, zum Beispiel Konzerte oder Weihnachtsmärkte. Ferner sei an dieser Stelle noch der Vitalpark genannt, der zwar nichts mit der Altstadt zu tun hat, das touristische Angebot Heiligenstadts aber dennoch erheblich bereichert. Generell wird dem Wellness- und Gesundheitsangebot hier große Bedeutung beigemessen, immerhin ist der Ort ja ein Heilbad. Für mein Kunstprojekt habe ich mich nur auf die historische Altstadt konzentriert, da diese ja auf der touristischen Unterrichtungstafel an der A 38 explizit beworben wird. Sicherlich gibt es in der Stadt aber noch viel mehr zu entdecken und zu erleben. In Verbindung mit anderen Aktivitäten oder Ausflugszielen kann sich ein Besuch in der urigen Heiligenstadt also durchaus lohnen!

>> Hier geht’s zur Beschreibung des Kunstprojekts „Braune Autobahnschilder // A 38“

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