Braune Autobahnschilder // A 38 // Naturpark Südharz

Ha!, dachte ich mir bei dem braunen Autobahnschild „Naturpark Südharz“, dafür kann ich ja cheaten, hier wohne ich nämlich! Ich schreibe einfach etwas über die Gegend um mich herum! — Tja, dumm gelaufen. Ich lebe zwar in einem Landkreis namens Mansfeld-Südharz, aber der Naturpark befindet sich ganz woanders, namentlich nördlich von Nordhausen, etwa eine Wohnmobilstunde von unserem Bauernhof entfernt.

David und ich machen uns also kurzerhand auf den Weg. Wir schreiben immer noch den 18. Juli 2020 und der Naturpark Südharz soll unser letzter Zwischenstopp für dieses Wochenende werden. Wo wir parken und übernachten wollen, wissen wir noch gar nicht. Wir fahren ersteinmal hin. Auffällig ist auch in dieser bergigen Gegend, dass die schlängeligen Straßen sich gut zum Motorradfahren eignen und an diesem schönen Sommertag entsprechend viele Krafträder unterwegs sind. Wir durchpflügen den Naturpark zunächst auf der B 4, wenden dann und entscheiden uns für das beschauliche Örtchen Ilfeld, quasi das Tor zum Nationalpark Südharz. Dort haben wir einen Wanderparkplatz ausgemacht, den wir abchecken wollen. Generell gefällt mir die Landschaft sehr: Laubmischwald! Nicht diese trostlose absterbende Nadelwald-Monokultur, wie sie rund um den Brocken anzutreffen ist. Dieser Wald ist grün und urwüchsig, gelegentlich aufgelockert von malerischen Almen mit sattgrünen Wiesen. Das einzige 1.-Welt-Problem, über das ich hier jammern kann, ist der mangelhafte Handy- und Internetempfang, was damit zu tun haben könnte, das wir uns hier mitten in den Bergen befinden.

Mit dem Wanderparkplatz bei Ilfeld sind wir ganz zufrieden. Er befindet sich zwar direkt an der Zivilisation, ist aber trotzdem rundherum dicht zugewachsen. Unmittelbar neben dem Auto plätschert die Bere munter vor sich hin. Und ungefähr zehn Meter entfernt kreuzen die Schienen der Harzer Schmalspurbahn die B 4. Über die Harzer Schmalspurbahn möchte ich auch noch schreiben, denn ihr ist ja ebenfalls eine touristische Unterrichtungstafel gewidmet. Um für meinen zukünftigen Beitrag schonmal ein paar Archivbilder anzufertigen, renne ich jedes Mal wie eine besengte Sau zum Bahnübergang, wenn die Schranken losbimmeln und sich klappernd senken. Und jedes Mal, wenn ich dann mit gezückter Handykamera am Bahnübergang stehe, kommt nur ein blöder Dieseltriebwagen vorbei.

Und jedes Mal, wenn ich Fuck you, jetzt nicht denke und keinen Bock habe, wie ein Vollidiot zur Straße zu hechten und stattdessen im Wohnmobil bleibe, fährt eine der fotogenen Dampflokomotiven vorbei und pustet triumphierend ihre dickwolkigen Abgase in die frische Naturparkluft wie eine gehässige alte Fregatte, die mit einem tiefen Zug an ihrer Zigarette zieht und mich dann mit einem kehligen Lachen verhöhnt. Aber du entkommst mir nicht, Harzer Schmalspurbahn. Nein. Du bist auch noch dran. Nur nicht heute. Heute widme ich mich dem Naturpark Südharz. Dazu muss ich ersteinmal herausfinden, was der überhaupt so hergibt.

Ich schaue mich zunächst einmal bei der Beschilderung auf dem Wanderparkplatz um. Anscheinend gibt es hier ein paar Dinge zu entdecken, und deswegen sind wir ja hier. Am aufdringlichsten kündigt sich das solarbeheizte Waldbad an. Es ist nur einen Katzenschiss entfernt, keine anderthalb Kilometer. Ein schöner Waldpfad führt dorthin. Verlockend, aber wir haben keine Schwimmsachen dabei.

Es gibt aber noch mehr Schilder.

Da es mittlerweile schon spätnachmittags ist (wir sind heute immerhin schon im Schloss Allstedt und beim Kyffhäuser-Denkmal gewesen), möchten wir den Tag lieber gemütlich ausklingen lassen und machen lediglich einen Spaziergang zum nur 150 Meter entfernten Nadelöhr, einer markanten Felsformation mit einer ganz besonderen Fähigkeit, wie uns eine Informationstafel am Schauplatz mittels ausgefeilter Lyrik auf höchstem Niveau verrät:

Bei Ilefeld, da liegt ein Stein, hat durch und durch ein Öhr; Da ist ein Brauch, der ist nicht fein, und doch lustiert er sehr. Der Amtmann will, er soll nicht sein, allein was hilft ihm Drohn und Schrein?

Kaum fährt ein neuer Knecht ins Holz, flugs greifen die andern ihn, er muß sich, sei er noch so stolz, durch dieses Öhr bemühn. Er kriecht – sie haun und schreit der Knecht, so ist’s den andern eben recht.

Kauft er sich aber los mit Geld, so braucht er nicht hinein; doch tut er’s nicht, so muß der Held dreimal so durch den Stein. Dann ist er ein gemachter Mann, der andere wieder hauen kann.

Das konnte ich mir doch nicht entgehen lassen! Wo ich schonmal hier bin, kann ich mich also gleich zu einem „gemachten Mann, der andere wieder hauen kann“ krönen lassen. Die Chance bietet sich ja nicht alle Tage. Also ab durch’s Nadelöhr mit mir.

Nachdem das also erledigt wäre, laufen wir spontan noch ein bisschen weiter den Wanderweg entlang, anstatt direkt zum Wohnmobil zurückzukehren. Der Weg wird offenbar überhaupt nicht genutzt, denn er ist total mit Vegetation zugewachsen. Wir sind mittendrin im Naturgeschehen! Zu dieser Zeit blüht zum Beispiel der rote Fingerhut (Digitalis purpurea), der hierzulande überall anzutreffen ist, mit seinen wunderschönen, aber giftigen, purpurnen kleinen Bechern.

Der Wildwuchs macht ein Durchkommen zwar mühselig, hat aber auch etwas Gutes: Der Weg ist mit wilden Himbeersträuchern gesäumt, deren stachelige Ranken sich unter der Last der reifen Früchte biegen, die dick und rot zwischen den dunkelgrünen Blättern leuchten. Himbeeren! Sofort verlangsamt sich unser Vorankommen massivst. Ich esse mich den Weg entlang. Sie schmecken göttlich! Ich liebe wilde Himbeeren!

Bald erreichen wir die Straßen von Ilfeld, an deren Rand wir uns ja immer noch befinden. Es bietet sich das typische Harzer Stadtbild mit den urigen Fachwerkhäusern. Das hat Flair.

Bald ist für uns aber Feierabend; der Tag war schließlich lang und anstrengend und wir haben viel erlebt.

Am nächsten Morgen nehmen wir uns vor, zum Poppenberg zu wandern, der ebenfalls am Parkplatz ausgeschildert ist. Dort befindet sich ein 30 Meter hoher Aussichtsturm, den wir natürlich unbedingt besteigen wollen. Die Wanderstrecke ist gut 5 Kilometer lang, also Wasser und Süßigkeiten eingepackt und los!

Schon sehr schnell stellen wir fest, dass der Naturpark Südharz wunderschön ist. Wir genießen den tollen Wald und die vielfältige Flora und Fauna um uns herum. Überall treffen wir große Fingerhutvorkommen an, die den Wald bunt sprenkeln, aber auch unzählige andere Lebewesen.

Auf einer klobigen Holzbank legen wir eine Pause ein. Es sind noch etwa 2,5 Kilometer bis zum Aussichtsturm. Ab jetzt geht es stetig bergauf. Die Bank befindet sich an einer Wegkreuzung und wir haben zwei Möglichkeiten zur Auswahl. Den breiten, gut ausgebauten, befestigten Hauptweg. Oder den schmalen, nur mäßig ausgetretenen Pfad, der direkt in die grüne Hölle zu führen scheint. Jedenfalls sind beide beschildert und weisen zu unserem Ziel.

Two roads diverged in a yellow wood,
And sorry I could not travel both
And be one traveler, long I stood
And looked down one as far as I could
To where it bent in the undergrowth;

Then took the other, as just as fair,
And having perhaps the better claim,
Because it was grassy and wanted wear;
Though as for that the passing there
Had worn them really about the same

And both that morning equally lay
In leaves no step had trodden black.
Oh, I kept the first for another day!
Yet knowing how way leads on to way,
I doubted if I should ever come back.

I shall be telling this with a sigh
Somewhere ages and ages hence:
Two roads diverged in a wood, and I—
I took the one less travelled by,
And that has made all the difference.

Robert Frost, „The Road Not Taken“

Wir entscheiden uns für den zweiten Weg. Er ist nicht mehr als ein Trampelpfad, der nach wenigen Metern zu einer schlammigen Motocrossradspur wird. Wie auch immer ein Motorrad es geschafft hat, hier durchzufahren, denn dieser Weg ist eigentlich nur ein Schatten seiner selbst. Tief hängen die Äste der Bäume vor uns auf Augenhöhe und Brombeerranken krallen sich rechts und links, oben und unten an unserer Kleidung fest. Das gezackte Profil im Schlamm verläuft sich irgendwie im Nichts und ist plötzlich weg. Und mit ihr der Weg. Wir stehen mitten im Wald. Es ist sehr still, außer dem Zwitschern unsichtbarer Vögel in den Baumkronen. Der Internetempfang ist gleich Null, aber David schafft es trotzdem mittels GPS, die Richtung zum nächstbesten Wanderweg zu bestimmen. Wir schlagen uns also weiter durch Unterholz, Dickicht, Schlamm und raschelndes Laub. Wir passieren eine matschige Wildschweinsuhle mit trüber Wasserbrühe, in der sich dunkel die Baumwipfel spiegeln. Wildschweine. Das fehlt jetzt noch. Ich sollte nicht hier sein. Ich gehöre hier gar nicht hin. Ich bin hier ein Fremdkörper in diesem Ökosystem. Wir gehen weiter. Verloren im Südharz.

Nach einigen Minuten brechen wir mit lautem Getose aus der zugewachsenen Böschung und stehen plötzlich auf einem freundlich-breiten Waldweg. Niemand hat gesehen, wie wir uns wie Waldschrate aus der Wildnis gekämpft haben, aber es muss immer wieder ein herrlicher Anblick sein, wenn mir das passiert. Das hier war jedenfalls nicht das erste Mal. David und ich sind ziemlich durchgeschwitzt. Es ist sehr anstrengend, ohne Weg durch einen Wald zu stolpern. Jetzt sind wir froh, einen barrierefreien Weg unter den Füßen zu haben. Der Rest der Strecke ist viel einfacher und bald erreichen wir die Bergkuppe, auf der der Aussichtsturm thront.

Es gibt auch einen Stempelkasten für die Harzer Wandernadel, aber wir haben unsere Stempelhefte vergessen — wieder einmal. Zunächst einmal gilt es, den Aufstieg auf den 100 Jahre alten Eisenturm zu bewältigen. Dazu muss ich kurz ein wenig ausholen: Ich habe tierisch Höhenangst. Schon immer. Deswegen bin ich auch Blogger* geworden anstatt Fachkraft für Windanlagentechnik, wie urspünglich vorgesehen. Da mich Ängste jedweder Art extrem nerven, stelle ich mich dieser, wann immer es geht. Keine Aussichtsplattform, kein Vogelbeobachtungsturm, keine Hängebrücke und kein Baumwipfelpfad ist vor mir sicher, wenn sie sich mir in den Weg stellen — sofort hoch da, ist die Devise! Und jetzt ist es also wieder soweit. Dieser Turm ist extrafies, denn zwischen den stählernen Treppenstufen sind Zwischenräume. Nicht einmal dieses unheimliche Stahlgitter, mit dem zum Beispiel die Eiffelturmtreppen gebaut sind (ja, auch das habe ich gepackt! Geheilt hat es mich trotzdem nicht …) befinden sich zwischen den einzelnen Tritten, sondern gar nichts. Nur der Abgrund. Also tief Luft geholt und los.

Es dauert, es ist furchtbar, und ich muss mich rechts und links an den Geländern festhalten und mich zu jedem einzelnen Schritt zwingen, wohl bewusst der ausgewachsenen Panik, die unter der Oberfläche lauert und kurz davor ist, die Überhand zu gewinnen. Doch ich bezwinge sie. Oben ist die Aussicht einfach atemberaubend.

Das hat sich gelohnt!

Für den Rückweg wählen wir einen anderen Weg als den, von dem wir gekommen sind. Der Abstieg soll leichter werden als der anstrengende Hinweg, finden wir. Natürlich kommt wieder etwas dazwischen. Die erste Ablenkung kommt in Form eines Schildes, dass die Kupfertalsklippe in nur 100 Metern Entfernung ausweist. Wir müssen nicht lange überlegen, um diesen Abstecher zu machen. Die Besonderheit ist, dass wir oben auf den Klippen drauf sind, nicht etwa irgendwo unten stehen und zu ihnen hochsehen. Es ist ein bisschen wie die Teufelsmauer, auf der wir vor etlichen Jahren ebenfalls schon herumgekraxelt sind. Die Kupfertalsklippe ist eine kleinere Version davon und für ein Päuschen ein richtig hübsches Plätzchen.

Auf dem letzten Drittel des Abstiegs folgen wir noch einem weiteren verheißungsvollen Schild und finden uns bald auf den Bielsteinen wieder; einer imposanten Felsformation am Abhang des Berges. Die Felsen sind mit Geländern gesichert und auch hier genießen wir eine fantastische Aussicht!

Müde, mit schmerzenden Füßen, aber glücklich und den Geist voller schöner Eindrücke kommen wir schließlich nachmittags wieder bei unserem Wohnmobil auf dem Wanderparkplatz an.

Fazit

Im Vorfeld war ich wirklich skeptisch, ob ein einziger Tag im Naturpark Südharz repräsentativ genug sein würde, um mir anmaßen zu können, über die ganze Region schreiben zu können. An diesem Tag habe ich aber soviel gesehen und erlebt, dass dieser Bericht sicherlich ganz gut wiederspiegelt, was in dieser grünen Lunge alles möglich ist. Auf Schritt und tritt gibt es Naturphänomene, Aussichtspanoramen, Rad- und Wanderwege, Gewässer, aber auch menschengemachte Bauten, Burgen, Dörfer. Eigentlich ist das Gebiet mit seinen rund 270 km² verhältnismäßig klein, aber ich war dieses Mal nur auf einem kleinen Fitzelchen davon unterwegs und hätte selbst da noch viel mehr erforschen können, wenn ich länger geblieben wäre!

>> Hier geht’s zur Beschreibung des Kunstprojekts „Braune Autobahnschilder // A 38“

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