Braune Autobahnschilder // A 38 // Panorama Museum

Heute geht es rund! Ich besuche nämlich einen kreisförmigen Saal in einem kreisförmigen Gebäude auf einer schicksalsträchtigen Bergkuppe und betrachte ein dort ausgestelltes Mega-Gemälde ohne Anfang und ohne Ende.

Jedes Mal bluten mir die Augen, wenn ich dieses Schild an der Autobahn sehe, und nun muss ich es für die Überschrift dieses Beitrags der Ordnung halber auch tun: „Panoramamuseum“ falsch schreiben! Arrrrrrgh! Mir sträuben sich die Fingerspitzen! Daher an dieser Stelle nochmals eindringlich mein Appell an die lesende, schreibende, sprechende oder anderweitig kommunizierende Allgemeinheit: Liebe Welt. Du weißt es bereits aus der Grundschule, aber 96% der deutschsprachigen Bevölkerung hat es offenbar wieder vergessen. Also jetzt noch einmal für alle: ZUSAMMENGESETZTE NOMEN WERDEN ZUSAMMENGESCHRIEBEN! Zusammen! Zusammen! Zusammen! Und jetzt alle zusammen: ZUSAMMEN!

Was ein zusammengesetztes Nomen ist? Das wird zum Beispiel hier schön erklärt:

Ein zusammengesetztes Nomen ist ein neu gebildetes Nomen aus zwei eigenständigen Wörtern.

Dabei kann es sich um

  • Nomen + Nomen (der Garten + die Hütte = die Gartenhütte),
  • Nomen + Adjektiv (hoch + das Haus = das Hochhaus) oder
  • Nomen + Verb (liegen + der Stuhl = der Liegestuhl) handeln.

Oder, um zum eigentlichen Thema dieses Blogbeitrags zurückzukommen:

das Panorama + das Museum = das Panoramamuseum

Aber was fasel ich. In einer Welt, in der jemand allen Ernstes versucht mir weiszumachen, das Wort „Fußball“ würde mit Doppel-s geschrieben, weil die Webseite fussball.de auch so heißt, in der von seriösen Verlagshäusern publizierte und zuvor gewissenhaft lektorierte Bücher Titel wie „Das Jesus Video“ tragen, in der Leute generell denken, das ß sei gänzlich abgeschafft worden (nein!!) und selbst Deutschlehrerinnen ihre Muttersprache falsch schreiben, aber diese gleichzeitig lehren, interessiert das außer mir doch niemanden mehr. Ich bin allein auf weiter Flur. Der einsame Wolf, Verfechter allumfassenden Wissens korrekter Ausdrucksweise. Es ist ein einsames Leben, das ist es wohl. Als Klugscheißer und Rechtschreibnazi betitelt, verhöhnt, verspottet, ignoriert und ja, manchmal auch heimlich bewundert. Aber dafür weiß ich, wie Wörter sich korrekt schreiben.

Der schicksalhafte Berg

Am 8. Oktober regnet es. Es ist diese Art Wetter, die irgendwie richtig eklig ist. Nass, kalt — durchdringend kalt –, windig. Ein Wetter, bei dem eins keinen Hund vor die Tür jagt. Ein Wetter für Drinnenaktivitäten. Ein perfektes Wetter für ein Museum. David und ich werfen das Auto an und fahren durch den Regen nach Bad Frankenhausen. Dort, auf einem Berg vor den Toren der Stadt, thront das Panoramamuseum. Der Berg trägt den bezaubernden Namen Schlachtberg. Auf dem großzügigen Parkplatz haben wir freie Platzwahl und können auch den einen Euro, den die Tageskarte kostet, voll verknusen. Es ist bereits 16 Uhr und wir haben nur noch eine Stunde Zeit, bis das Museum schließt.

„Aber wir werden uns sowieso nicht eine Stunde lang so ein Bild ansehen“, sage ich noch leichtfertig.

Ja, dies ist ein Museum mit nur einem einzigen Bild. Ein Museum, welches nur für dieses eine einzige Bild gebaut wurde. Ein Museum, in das sogar nur dieses eine Bild hineinpasst. Das Bild heißt „Frühbürgerliche Revolution in Deutschland“, ist 123 Meter lang, 14 Meter hoch, zeigt über 3.000 Figuren und wurde vom Maler und Grafiker Werner Tübke (1929 – 2004) realisiert. Es gibt keinen linken und keinen rechten Bildrand, denn die Leinwand ist eine zylindrische Röhrenform. Ein Wimmelbild der Superlative. Es hängt dort seit 1987, dem Jahr seiner Fertigstellung, und das macht mich etwas skeptisch, ob es denn überhaupt so interessant ist. Denn ich kenne dieses Konzept in abgewandelter Form nur vom Panometer in Leipzig, das ich immer wieder gern besuche, sobald dort ein neues Werk des österreichischen Künstlers Yadegar Asisi ausgestellt wird. Die Werke in Leipzigs ehemaligem Gasometer sind größer und die Ausstellung wechselt alle paar Monate. Ich liebe Asisis großformatiges Kunstmedium und kann mich lange in seinen Bildern verlieren. Wie kann da ein Bild eines mir unbekannten Künstlers von 1987 mithalten? Während David und ich zu Fuß die letzten Meter bis zur Bergkuppe zurücklegen, mache ich mir nicht allzu viele Hoffnungen, dass ich es gleich nicht mit einem armseligen Abklatsch der Panometerkunst zu tun haben werde. Doch zunächst einmal müssen wir die Ankunft beim Museum auf uns wirken lassen.

Der Vorhof der Rotunde kann sich blicken lassen. Die großzügige Anlage wartet mit einem pompösen Springbrunnen, hochwertigen Plastiken der Ausnahmekünstlerin Lotta Blokker, einem Café mit Außenbereich (jetzt zu kalt) und einem fantastischen Ausblick auf.

Im Inneren des Gebäudes ist Fotografieren strengstens verboten. Mit 8 Euro Eintritt pro Person sind wir drin und bekommen dazu auch einen kostenlosen Audioguide angeboten. Über meine Meinung zu Audioguides habe ich ja bereits ausführlich im Blogartikel über Dom und Schloss Merseburg lamentiert, und nach kurzer Beratschlagung entscheiden wir uns dann doch dafür, je eines der Geräte mitzunehmen und bei Bedarf zu benutzen oder auch eben nicht. Zum Glück.

Wir steigen die Stufen eines auf Hochglanz polierten Treppenhauses empor, positiv erstaunt darüber, wie neu und gepflegt das Interieur wirkt, werden von einem Mitarbeiter freundlich abgefangen und des weiteren Weges gewiesen, gehen einen Flur entlang, steigen eine weitere Treppe hinauf und betreten einen sich öffnenden kreisrunden Saal, an dessen beleuchteter Wand das gigantische Gemälde prangt. Das Ausmaß und die Dichte der Darstellung ist schier überwältigend. In dem ansonsten dunklen Saal stehen einige weiche Sitzhocker, auf denen bereits die sitzenden Silhouetten anderer Besuchender zu erkennen sind. Der Raum ist in majestätisches Schweigen gehüllt; absolute Stille füllt den Saal trotz der anwesenden Menschen. Unfähig, mich großartig zu rühren, stehe ich nur da, lasse meinen Blick über das Monumentalbild gleiten, versuche einen Anhaltspunkt zu finden, an dem ich mich festhalten kann, etwas erkennen kann, eine Struktur, eine Erklärung. Es scheint ein heilloses Durcheinander. Zu viele Details prasseln auf mich ein. Ich setze mich auf den nächstbesten Hocker und schalte den Audioguide ein.

Der Audioguide ist die Rettung, wirklich. Ohne den wäre ich in dem Tohuwaboho von strudelnden Farben und Dynamik verloren gewesen. Die auditive Führung dauert eine halbe Stunde und ich bin froh, dass mir dieses Werkzeug an die Hand gegeben wurde. Zum Einstieg folgt ein kurzer Abriss zur Entstehungsgeschichte des Werkes. Von den Informationen war mit bisher nichts bekannt, aber sie sind essentiell für das Verständnis des Bildes. Der Berg, auf dem wir uns gerade befinden, der Schlachtberg, ist ein historischer Schauplatz. Hier fand während des Bauernkriegs am 15. Mai (übrigens unser Hochzeitstag, bloß 493 Jahre später) des Jahres 1525 die Schlacht bei Frankenhausen statt, bei der auch unser inzwischen allseits bekannter Homie Thomas Müntzer an vorderster Front mitmischte und schließlich gefangengenommen wurde, um zwölf Tage später schließlich enthauptet zu werden. Ein paar Jahrhunderte später kam die Idee auf, an dieser Stelle ein Wahrzeichen, ein Monument zu schaffen, welches an die Schlacht erinnern sollte. Mit der Realisierung wurde Werner Tübke betraut, der sich zunächst einmal mehrere Jahre lang mit den geschichtlichen Hintergründen beschäftigte. Weitere Jahre verbrachte er damit, Skizzen anzufertigen, die das erworbene Wissen visuell darstellten. Dann fertigte er das skizzierte, farblose Gesamtbild in einem kleinen Maßstab an, welches im Folgenden auf seine jetzige Größe vergrößert und auf die Leinwand gebracht wurde, vor der ich nun ehrfürchtig sitze. Gemeinsam mit acht Helfern wurde diese Leinwand von Tübke im letzten Schritt vor Ort, in diesem Saal, vollständig mit Ölfarben ausgemalt. 1987 war das Bild fertig. Was für ein Wahnsinnsunterfangen!

Die Stimme im Guide führt im Schnelldurchlauf durch die vier Segmente des Bildes — Frühling, Sommer, Herbst, Winter –, wodurch sich den Betrachtenden eine erste Struktur erschließt. Nun wirkt es nicht mehr wie ein heilloses Chaos. Sondern eher wie ein viergeteiltes Chaos. Im nächsten Schritt geht’s ans Eingemachte. Nach und nach wird auf einzelne dargestellte Szenen hingewiesen und ihre Bedeutung herausgearbeitet. So entfaltet sich die Bedeutung des Gesamtwerks nach und nach immer detaillierter. Unmöglich, jede einzelne Szene zu besprechen, aber so wird zumindest ein Teil des Bildes, gleichmäßig verteilt auf die vier Segmente, von den Erläuterungen abgedeckt und gewinnt zusehends an Konturen. Als der Audiorundgang nach einer halben Stunde endet, wird mir einiges klar. Eines dieser Erkenntnisse raunt David mir auch zu; er hatte den selben Gedanken wie ich: „In dem Bild ist nichts Zufall.“ Was mir noch klar wird, ist, dass ich gerne noch ein paar mehr dieser gesprochenen Führungen hätte. Vier, fünf oder sogar mehr von dem selben Format wären locker möglich, um die Reichhaltigkeit des Werkes zu ergründen. Es sind einfach so verdammt viele Figuren in unzähligen Situationen abgebildet, von denen ich ohne fundierte Hintergrundkenntnisse keinen blassen Schimmer habe. Jeder Pinselstrich scheint bedeutungsschwanger, symbolträchtig, bedächtig ausgeführt, das Ergebnis jahrelanger Vorarbeit von ungeahnter Tiefe. Ich ziehe meinen imaginären Hut vor Werner Tübke, der in diesen heiligen Hallen dieses monumentale Werk geschaffen hat.

Wir werden uns nicht eine Stunde lang ein Bild ansehen, hatte ich vorhergesagt, als wir um 16 Uhr das Museum betraten. Nun ist es zehn vor fünf. Das Museum schließt gleich. Noch ganz beeindruckt von dem Gesehenen verlassen wir das Gebäude. Ich finde es schade, dass ich keine Fotos machen durfte, kann es aber auch nachvollziehen. Wieder draußen, kurz vorm Parkplatz, kann ich das Fotografierverbot aber überraschend umgehen, indem ich eine Detailaufnahme der dort aufgestellten Infotafel anfertige, auf der das Werk in kleinem Maßstab abgebildet ist. Ha!

Fazit

Das Panoramamuseum Bad Frankenhausen fand ich viel besser als erwartet. Das ausgestellte Bild hängt dort zwar seit 1987 in Dauerausstellung, ist aber zumindest für einen einmaligen Besuch sehr interessant. Ich empfehle unbedingt, das Angebot zu nutzen, den kostenlosen Audioguide mitzunehmen und zu nutzen! Ohne den ist das Werk einfach nicht zu durchblicken. Es sei denn, du hast dich schon ein paar Jahre lang intensiv und ausschließlich mit der Bauernschlacht befasst so wie der Schöpfer des Werks. Es wäre total schön, wenn es noch einige weitere halbstündige Audioguideführungen gäbe, die noch weitere Szenen auf dem Bild erklären. Dann könnten Besuchende mehrmals wiederkommen und immer Neues auf dem Wimmelbild entdecken. Aber so, wie es derzeit ist, werde ich in nächster Zukunft wohl nicht nochmal das Museum besuchen. Es ist aber toll, das mal gesehen zu haben!

>> Hier geht’s zur Beschreibung des Kunstprojekts „Braune Autobahnschilder // A 38“

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