Braune Autobahnschilder // A 38 // Residenzstadt Stolberg

Dieses Mal ging’s in die Zivilisation — ich besuche Stolberg, das auf seiner touristischen Unterrichtstafel großspurig als „Residenzstadt“ tituliert wird. Wieso eigentlich? Was ist eine Residenzstadt? Und lohnt es sich, für diesen Abstecher von der Autobahn abzufahren?

Einst war Stolberg eine Stadt, in der die Grafen zu Stolberg (ah!) residierten. So. Damit wäre das Geheimnis um den Titel „Residenzstadt“ also gelüftet. Vor zehn Jahren eingemeindet, bekam das rund 1.200 Einwohnende zählende Örtchen Stolberg vor ein paar Jahren jedoch das Recht, sich nun doch wieder weiterhin eine Stadt zu nennen. Soviel zu den hard facts. Genug der Geschichtsstunde. Dieses Mal setze ich mich eines schönen Tages, genauer am 22.07.20, ausnahmsweise mal allein ins Auto, um herauszufinden, was sich hinter dem braunen Autobahnschild verbirgt.

Von der Autobahnabfahrt Kelbra sind es noch schlappe zwanzig Minuten bis nach Stolberg. Die dorthinführende Straße, die rein zufällig passenderweise den Namen Stolberger Straße trägt, lässt in ihrer Qualität zu wünschen übrig und erinnert mich an tschechische Straßenverhältnisse. Zum Glück ist unsere alte Karre gerade generalüberholt worden, sonst wäre sie jetzt sicherlich auseinandergebrochen. Bald erreiche ich den Ortseingang und bremse brav auf 30 km/h runter. Eine Besonderheit dieser Stadt ist, dass es an den Ortseingängen lediglich jeweils ein 30-Zone-Schild gibt und ansonsten im gesamten Stadtgebiet keinerlei Verkehrsschilder. Finde ich ganz cool. Ich passiere die erste Attraktion, das Freizeitbad Thyragrotte, und rolle immer weiter geradeaus. Etwas anderes ist auch fast nicht möglich, die Stadt besteht quasi nur aus einer einzigen Straße. Aber die ist schön. Mir fällt sofort auf, dass jedes — ich wiederhole: jedes! — Haus ein Fachwerkhaus ist. Totaler Fachwerk-Overkill! Das ist soviel Fachwerk; ich bin mir nicht sicher, ob das für mich jetzt einfach ungewöhnlich gut aussieht oder irgendwie dann doch zuviel des Guten ist. Mir schwant jedenfalls schon, dass diese Fachwerkfassade sicherlich echt gut darin ist, Touristen um den kleinen Finger zu wickeln. Getoppt wird das Ganze noch von dem prächtigen schneeweißen Schloss, welches plötzlich majestätisch hinter einer Straßenbiegung auftaucht und sich erhaben in den Himmel schiebt.

Ich quetsche mich mit meinem Schlachtschiff am Saigerturm vorbei, erreiche den Marktplatz, den sozialen Dreh- und Angelpunkt der Stadt, biege nach rechts ab und finde bald den Parkplatz, den ich mir vorab auf Google Maps herausgesucht hatte. Ich ergattere den letzten freien Stellplatz. Der Parkplatz ist schon vollgestopft mit Autos. Ich befürchte das Schlimmste. Eben habe ich es ja schon gesehen. Am Marktplatz. Leute. Alles voller Leute. Das hier ist ein Touri-Ort vom Feinsten. Jippieh. Wo ich doch so gerne unter Menschen bin. Na gut, los geht’s.

Das Gute an so einer winzigen Stadt ist ja, dass sie sich prima zu Fuß erkunden lässt. Ich habe eine ellenlange Liste mit Schauplätzen bei mir, die ich alle abklappern will. Aber schon nach wenigen Schritten muss ich stehenbleiben und Häuser anstarren, weil die bunten Schnitzereien am Fachwerk so bezaubernd aussehen. Ich beschließe, ersteinmal den Weg zurückzulaufen, den ich eben gefahren bin, also die komplette Niedergasse entlang, die hier so etwas wie eine Hauptstraße ist. Hier bist du am Puls der Zeit. Denn in der Niedergasse befindet sich ein guter Teil dessen, weswegen es sich herzukommen lohnt. Konkret meine ich damit eine handvoll Attraktionen, zum Beispiel den Saigerturm, durch den eins hindurchlaufen kann.

Ich passiere auch noch das Heimatuseum „Alte Münze“, das ich aber, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, nicht besuche. Überhaupt muss ich kurz vorweggreifen und die geneigte Leserschaft hiermit schonend darauf vorbereiten, dass ich, wo ich gerade so drüber nachdenke, überhaupt nirgendwo drinnen gewesen bin. Das Museum sieht von außen aber schön aus.

Ferner befindet sich in dieser Straße das Geburtshaus von Thomas Müntzer — dem auch ein Denkmal auf dem Marktplatz gewidmet ist — sowie die Sankt-Georg-Kapelle. Da es nun aber schon nachmittags ist, drehe ich aber irgendwann um, damit ich mir das Schloss auch noch ansehen kann. Außerdem hoffe ich, oben auf dem Berg weniger Leute anzutreffen als hier unten in der Stadt. Es laufen mehr Menschen mit Rucksäcken (oder Turnbeuteln) auf dem Rücken herum als ohne. Und ich muss die ganze Zeit an allen Ecken und Enden nervtötendes Gefasel ertragen. Vielleicht ist das der Grund, weshalb meine Laune momentan nicht die beste ist. Trotzdem mache ich noch den Klingelbrunnen ausfindig, der auch auf meiner To-Do-Liste steht. Der Brunnen ist aber ziemlich langweilig. Ein ausladend großes Steingemäuer mit pompösem Schild und … zwei winzig kleinen Wasserrohren, von denen das linke überhaupt kein Lebenszeichen von sich gibt und das rechte ein tröpfelndes Rinnsal in die Freiheit entlässt. Krasser Brunnen. Nicht.

Auf dem Weg zur Bergkuppe mache ich nochmals kurz am Marktplatz halt, um mir das kuriose Rathaus anzusehen. Es hat mehrere Stockwerke, aber innen kein Treppenhaus. Die oberen Stockwerke sind nur durch die Treppe zu erreichen, die zur etwas erhöht liegenden Sankt-Martini-Kirche führt, wie auf dem Foto ganz gut zu erkennen ist. Im Vordergrund ist auch die Müntzerstatue zu sehen.

Dooferweise ist die Treppe zur Kirche gesperrt und ich kann nicht hochlatschen. Über eine andere Treppe gelange ich zur Kirche, die aber momentan saniert wird und deswegen aussieht wie der verhüllte Reichstag. Schade, ich schaue mir so gerne Kirchen von innen an und genieße immer gerne die Stille. Vor allem in solch einem überfüllten Ort. Heute gibt’s keine Auszeit für mich. Es geht weiter. Es ist gar nicht so einfach, den Aufstieg zum Schloss zu finden. Eine steile Straße führt mich den Berg hinauf zum Schloss. Zum Glück ist hier sehr wenig los. Ich kann durchatmen.

Oben dann die Enttäuschung: Das Schloss sieht aus der Nähe aus wie schonmal durchgekaut, ausgekotzt und ausgeschissen. Ein Schild verkündet stolz, dass die edle Grafenresidenz seit 2002 renoviert wird. Viel ist davon nicht zu sehen, außer dass die Fassade drumherum so schön weiß hergerichtet wurde, dass es von Weitem postkartenmäßig seinen Fake-Glanz für all die Touristen dort unten verstrahlen kann.

Aber ich freue mich über a) eine Sitzbank ganz für mich allein und b) kostenloses WLAN mit sehr gutem Empfang. Das Schloss kann von innen besichtigt werden, aber dazu habe ich gerade absolut keinen Nerv. Mich ärgert meine schlechte Laune und dass sie meine Entdeckungslust gerade so massiv ausbremst, aber ein, zwei Dinge möchte ich noch sehen, bevor ich wieder losfahre. Schon beabsichtige ich, das Schloss wieder zu verlassen, da entdecke ich eine kleine Pforte in einer abgelegenen Ecke. Hinter ihr finde ich mich auf einmal im gepflegten Schlossgarten wieder. Hier ist wieder Postkartenstimmung angesagt.

Außerdem ist die Aussicht auf die Stadt von hier oben ganz entzückend.

Im Schlossgarten treffe ich auf ein kleines Nebengebäude, das frei zugänglich ist. In ihm stehen ein paar Infotafeln und große Glaskristalle. Nachdem auch das abgehakt ist, wandele ich den Schlossberg wieder hinunter in Richtung Rittertor, dem einzigen Mittelalterstadttor von Stolberg. Direkt dahinter kommt noch ein größerer Parkplatz, auf dem sich die Wohnmobile tummeln. Im Fachjargon unter uns Individualreisenden mit Menschenmassenaversion nennt man das „Kuschelcamper“.

Nun ist es für mich an der Zeit, zum Auto zurückzulaufen. Stolberg ist zwar klein, aber ich bin schon seit einiger Zeit unterwegs und habe schmerzende Füße. Genug gäbe es noch zu sehen, auch außerhalb der Stadt: Neben einem Hirsch-Denkmal (oho!) und der 1.000 Jahre alten Hunrodeiche ist auch das Josephskreuz öfter ausgeschildert; das ist ein eiserner Aussichtsturm ähnlich dem, den ich neulich auf dem Poppenberg im Naturpark Kyffhäuser erklommen habe, kostet aber 3,50 EUR Eintritt. Ferner gibt es noch eine Lutherbuche, die exakt dorthin gepflanzt wurde, wo Luther einmal stand, auf Stolberg niederblickte und über dessen Form sinnierte. In der Stadt selbst sei noch das AndersweltTheater empfohlen, das mir meine beiden lieben Freunde von „Unterwegs mit Olga“ wärmstens ans Herz gelegt haben. Auf dem Rückweg passiere ich noch das Museum „Kleines Bürgerhaus“, das wirklich verdammt klein aussieht. Irgendwie niedlich. Für so ein kleines Kaff gibt’s hier wirklich allerhand Kultur.

Ziemlich fußmüde schleppe ich mich schließlich zum Auto zurück; ich sehe es schon geduldig auf seinem Platz stehen. Nur noch etwa fünfzig Meter. Da fällt mein Blick auf eine unscheinbare, windschiefe, steile und enge Treppe, die sich zu meiner Rechten einen Hügel hinaufwindet und in einer Wiese verschwindet. Nanu? Wohin geht es denn da? Netterweise klärt mich ein Schild auf: Hier geht es zur „Dornröschenbank (Schöner Ausblick)“, die nur 300 Meter entfernt ist. Naja, ich weiß, dass 300 Meter Treppen sich anders anfühlen als 300 Meter ebener Weg. Aber ich muss einfach, ich muss! Schnell gehe ich zum Auto, werfe die neuerworbene Postkarte aus einem der Souvenirgeschäfte in den Kofferraum, schlinge hungrig meinen mitgebrachten Reiseproviant hinunter, trinke einen Schluck Wasser dazu und mache mich frischgestärkt auf zur Dornröschenbank. Was auch immer das sein soll.

Schon nach wenigen Schritten auf der Treppe habe ich die Stadt und den Trubel hinter mir gelassen. Keine Menschen mehr. Nur noch Wiese, Blumen, Bäume und der weiche Trampelpfad vor mir. Und Grillenzirpen. Überall Grillenzirpen.

Endlich kann ich durchatmen. Mir wird bewusst, dass mir das hier jetzt gerade von dem ganzen Trip am besten gefällt. Das zählt aber nicht, denke ich, das hier gehört ja gar nicht mehr zur Stadt! Vielleicht mag ich die Natur einfach lieber als die Zivilisation.

Der Weg ist nur kurz; 300 Meter sind halt keine ernstzunehmende Entfernung, und auf der Bank, die ich oben entdecke, sitzen leider schon Menschen. Die schöne Aussicht sehe ich trotzdem — Blick aufs Schloss, wie sollte es anders sein? Das war nochmal ein schöner Abstecher so kurz vor Schluss!

Fazit

Dafür, dass Stolberg so ein kleines Kaff ist, hat es eine recht erkleckliche Handvoll Attraktionen zu bieten: Museen, Denkmäler, einen Aussichtsturm, ein Theater, das Freibad, Kapellen, die Kirche, das Schloss, das Stadtbild selbst mit seinen Fachwerkhäusern und natürlich den Harz drumherum mit seinen vielen Wanderwegen direkt vor der Haustür. Auch wenn ich persönlich absolut nicht auf vom Tourismus überlaufene Orte stehe, kann ich doch irgendwie verstehen, warum so viele Menschen extra hierherfahren. Wenn man Bock hat, in den Cafés zu sitzen, und gewillt ist, den Eintritt für die kulturellen Angebote zu zahlen, gibt es in Stolberg sicherlich viel zu entdecken. Da in der Stadt auch Hotels, Ferienwohnungen und Gästezimmer zur Verfügung stehen, bietet sich Stolberg wahrscheinlich auch als guter Startpunkt an, um einen (Kurz-)Urlaub lang den Harz zu entdecken.

>> Hier geht’s zur Beschreibung des Kunstprojekts „Braune Autobahnschilder // A 38“

Wenn dir meine Beiträge gefallen, spendiere mir einen Kaffee auf Ko-fi:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: