Braune Autobahnschilder // A 38 // Seegebiet Süßer See

Die Bezeichnung „Süßer See“ fand ich schon immer … ziemlich süß. Also niedlich. Dabei ist der Name so irreführend! Der Süße See ist nämlich ziemlich groß und damit überhaupt nicht niedlich. Und obendrein ist sein Wasser auch noch salzig. Ob das Gebiet rund um den Süßen See trotzdem als Ausflugsziel taugt, erzähle ich im heutigen Blogartikel.

Das Wochenende 12./13. August nutzen David und ich für eine Spritztour zum Süßen See, der sich gar nicht so weit entfernt von unserem Zuhause befindet. Wir fahren auf dem Weg nach Halle (Saale) immer dort vorbei und haben auch schon einmal angehalten. Dieses Mal aber wollen wir so richtig herausfinden, was das Seegebiet denn überhaupt zu bieten hat. Was es dort zu seen gibt, sozusagen. Mö hö hö hö hö. Meine Recherchen ergeben, dass sich die Aktivitäten rund um den Süßen See grob in drei Kategorien einteilen lassen:

  • Zivilisation in Seeburg
  • Wanderwege bzw. Radwege
  • Wasser

Der heutige Tag ist heiß, extremst heiß, und unser Wohnmobil biegt schnaufend in den Parkplatz Nordstrand am Strandbad ein. Natürlich kostet der Parkplatz Geld. Logisch. Etliche Autos stehen schon auf dem anderen, ebenfalls kostenpflichtigen Parkplatz gegenüber. Der 250 ha große See ist beliebt, gerade im Sommer. Immerhin ist er „das größte natürliche Standgewässer im Landkreis Mansfeld-Südharz“, wie Wikipedia so schön sagt. Wir steigen aus, klauben ein paar Dinge zusammen und latschen los. Der Bereich, der sich „Strandbad“ nennt, ist ein grasbewachsener Uferabschnitt mit einem Strand aus grobem Kies, der für meinen Geschmack lächerlich kurz ist. Keine hundert Meter, schätze ich. David weist mich ein wenig zurecht, dass die Stelle hier für einen Badestrand an einem Natursee ziemlich luxuriös und gut ausgebaut ist. Keine Felsen, ebener Boden, sogar Rasen, Bänke und öffentliche Toiletten. Ich muss zugeben, dass ich keine Ahnung von Badeseen habe, weil ich am Meer aufgewachsen bin und nur kilometerlange Sandstrände kenne. Der Strandabschnitt ist schon voller halbnackter Menschen. Wir lassen sie links liegen und steuern direkt auf das Interessanteste weit und breit zu: den Tretbootverleih. Ein Boot kostet 12,- € für eine Stunde. Das ist ein überschaubarer Preis. Am liebsten würde ich in einem Schwan fahren, weil mich das an meine Kindheit erinnert, als ich mit meinem Vater in irgendeinem Freizeitpark — es muss entweder Sommerland Syd oder der Hansapark gewesen sein — zusammen in einem Schwanentretboot auf einem See herumgestrampelt bin. Aber die Schwäne und Flamingos sind schon alle verliehen, also schwingen David und ich uns stattdessen in ein ordinäres weißgrünes Boot mit der Nummer 7. Nach einer kurzen Einweisung geht’s los.

Zwei Paar Pedale, eine Lenkstange. Wir treten gemächlich parallel zum Ufer Richtung Westen. Dort läuft der See auf einer Länge von fast fünf Kilometern spitz zu. Es ist etwas ungewohnt, wie behäbig wir vorankommen. Das halsbrecherische Herumbrausen mit dem Gocart in Braunsbedra am Geiseltalsee hat mir ein wenig besser gefallen. Wie bei einer Alte-Leute-Butterfahrt tuckern wir im Schneckentempo am Campingplatz vorbei, wo sich die Ferienunterkünfte Schulter an Schulter nebeneinanderreihen. Nee, nichts für mich. Andere scheinen das anders zu sehen; der Campingplatz scheint gutbesucht. Wahrscheinlich ist dieser Tage aber jeder Campingplatz nach dem Lockdown gutbesucht. Wir fahren weiter. Das Ufer wird wildbewachsener. Rechts taucht in einiger Entfernung ein Weinberg auf. Ach ja, wir sind ja noch in einer Weinbergregion. Der nördlichsten in Deutschland, um genau zu sein. Hübsch geordnet wachsen die Weinpflanzen in Reih und Glied an ihren Spalieren. Links neben uns rudern Leute mit Stand-up-paddling-Boards auf dem Wasser herum. Wir selbst hatten erst mit uns gehadert und konnten uns schwer entscheiden. SUP wollen wir nämlich auch unbedingt mal ausprobieren. Aber aus irgendeinem Grund siegte das Tretboot, das wir nun in einer geschmeidigen Linkskurve auf die Mitte des Sees lenken. Der Süße See ist an seiner tiefsten Stelle nur sieben Meter tief, das nimmt mir ein wenig den Schrecken, mich so weit auf hohe See hinauszuwagen. Auf dem Meer musste immer tunlichst drauf geachtet werden, nicht zu weit vom Ufer abzudriften. Aber hier auf dem See ist das egal. Irgendwo ist immer das nächste Ufer. Ein Windsurfer braust auf uns zu. Vor uns dümpeln ein paar weiße Segelboote auf dem glitzernden See. Die Sonnenstrahlen spiegeln sich wie tanzende Scherben auf den trägen Wellen. Über mir spannt sich ein makellos hellblauer Himmel, in dem eine Möwe ihre Bahnen zieht. In einiger Entfernung hält das Flamingotretboot als neonpinkfarbenes Pünktchen mit langem Hals auf den Anlegesteg zu. Am östlichen Seeufer erhebt sich die Seeburg majestätisch über ihr Hoheitsgebiet. Was für ein wunderbarer lazy day.

Ein Blick auf die Uhr erinnert uns, demnächst den Rückweg anzutreten. In einer Viertelstunde müssen wir das Boot wieder abgeben. Ich nehme die Lenkstange in die Hand und will die Richtung ändern. Die Lenkstange knirscht ein bisschen, gibt nach und lässt sich dann leer in alle Richtungen drehen. Ups. Kaputt. Hm. Da treiben wir nun mitten auf dem Süßen See. Und können das Boot nicht mehr lenken.

Wilde Szenarien entfalten sich vor meinem geistigen Auge. Ich stelle mir vor, wie wir auf die Minute genau keuchend am Anlegesteg ankommen, beide im Wasser schwimmend und das Tretboot vor uns herschiebend. Noch während ich mir ausmale, wie wir dann tropfnass zum Bootsverleih gehen und völlig erschöpft „Wir sind wieder da“ verkünden, hat David irgendwas mit der Lenkstange gemacht und sie funktioniert wieder. Irgendwie schade, aber irgendwie auch gut. So können wir zurückfahren und sind rechtzeitig zur Abgabe wieder da.

Das Tretbootfahren hat uns megaviel Spaß gebracht. Wir sind uns einig: Wir brauchen ein eigenes Boot. Mit dem wir jederzeit hierherkommen können. Wir sind uns nur noch nicht einig, was für ein Boot. Aber irgendwas, das auf dem Wasser schwimmt: ein Kanu, Tretboot, Motorboot, SUP-Board oder ein Schlauchboot. Und erwähnte ich, dass ich schon immer mal Jetski fahren wollte? Ein Boot muss jedenfalls her, am besten noch diesen Sommer. Bootfahren ist cool. Aber nun brauchen wir erst einmal eine Pause und packen uns an den Strand.

Es ist immer noch heiß. Sowas von scheißnheiß, dass es keinen Spaß macht, in der prallen Sonne zu liegen. Schon gar nicht an diesem kleinen Grünstreifen mit so vielen Menschen in unmittelbarer Umgebung, die scheinbar ausnahmslos dieser lästigen Unsitte des Kinderkriegens gefrönt und die Früchte ihrer Arbeit (und Lenden) hierher mitgebracht haben. Von Entspannung keine Spur. Ich lasse die Situation einfach nur über mich ergehen. Menschen, Lärm, Kinder, keine Privatsphäre und alles viel zu nah an mir dran. Bald wird es auch David endlich zu viel und wir hauen ab.

Wir beschließen, die zweite Aktivitätskategorie auszukundschaften: Zivilisation. Also schleppen wir uns zu Fuß die etwa 800 Meter durch den Sonnenschein die Straße entlang, bis wir das Dorf Seeburg erreichen, mit seiner Burg, die den originellen Namen Seeburg trägt. An Kreativität kaum zu überbieten. Wir laufen durch einen Torbogen hindurch, unter dem es angenehm kühl ist, und schauen dann im Innenhof der Burg herum. Die Burg besteht heutzutage aber aus Ferienapartments, einem Restaurant, irgendwas mit Wein und einem Trauzimmer und kann deshalb nicht besichtigt werden.

Wir gehen weiter in den Ort hinein, aber hier gibt es absolut nichts Spannendes zu entdecken. Nur Schwäne und eine Sonnenblume.

Na ja, muss ich ich fairerweise einräumen, der Ort hat ein Eiscafé, offenes WLAN, eine Touristinfo, einen weiteren Bootsverleih und Anlegeplätze für Segelboote. Und natürlich eine tolle Aussicht auf den See und die Burg.

Der gelegentlich ausgeschilderte „Saunadom“ hat seine besten Tage wohl hinter sich und gehört schon der Vergangenheit an. Schade, der wäre im Winter ein willkommenes Ziel für mich gewesen. Weil es hier nichts weiter gibt, was wir tun wollen, und weil das Strandbad inzwischen total vollgestopft ist, beschließen wir, für heute wieder heimzufahren.

Doch wie immer kommt etwas dazwischen. Ich suche ein bisschen mit Google Maps herum. Immerhin heißt das braune Autobahnschild ja Seegebiet Süßer See, also müsste es doch eigentlich noch mehr geben als nur den einen See. Ja, gut, es gibt — oder vielmehr gab — direkt nebenan noch den Salzigen See, welcher einst trockengelegt wurde und nun wieder langsam am Entstehen ist. Südlich davon befindet sich ein Braunkohletagebau. Außerdem weiß ich noch vom Franzosenberg und seiner schönen Aussichtsplattform, die wir in einer nicht allzu fernen Vergangenheit schon ausgekundschaftet und für gut befunden haben. Und dann gibt es noch — unübersehbar — die Obstbaumplantagen, die sich in alle Richtungen bis zum Horizont erstrecken und kein Ende finden. „Hier wächst Obst für REWE“, verkündet ein Schild stolz, wenn eins mit dem Auto die B80 zum Süßen See fährt, und ein anderes weist dezent auf einen an die Plantagen angeschlossenen Obsthof hin, der die angebauten Produkte im Direktverkauf anbietet. Aber vielleicht gibt’s hier … noch mehr? Irgendwas … Interessanteres?

Ich werde tatsächlich fündig: Ein kleines Gewässer, nicht allzu weit entfernt, mit „Grüner Laugensee an der Weitschke“ bei Google Maps gekennzeichnet. Die Fotos sehen abgefahren aus. Wir heizen direkt dorthin, rumpeln abenteuerlich eine zwielichtige Nebenstraße entlang, parken halb im Gestrüpp, halb auf dem steppenartigen Sandboden am Straßenrand und pilgern zu dem eingezeichneten Ort. Der Anblick ist erst einmal erstaunlich. Wie auf einem anderen Planeten.

Der Boden ist merkwürdig weiß und tot. Wir sind mutterseelenallein in der prallen Nachmittagshitze, die von dem hellen Boden noch zusätzlich reflektiert wird. Wir gehen weiter zu dem See, viel kleiner als der Süße See und von einer merkwürdigen trüben Farbe. Nirgendwo regt sich auch nur ein einziges Lebenszeichen. Ich ziehe Schuhe und Socken aus und tauche einen Fuß in den Laugensee. Davids schockierter Gesichtsausdruck spricht Bände. Ich stelle mir vor, dass mein Fuß nur noch ein Skelett ist, wenn ich ihn wieder aus dem Wasser ziehe. Stattdessen versinkt er treibsandartig im Boden des Sees und ich kann mich nur mit Mühe befreien. Der komische Boden wird in Verbindung mit Wasser zu einer gefährlichen weichen Pampe ohne festen Untergrund. Wäre ich in das Wasser gesprungen, wäre ich wahrscheinlich ohne Hilfe gar nicht wieder an Land gekommen. Das ist sehr unheimlich. Ich lasse das Wasser besser in Ruhe. Aber auch am Ufer ist es schwierig, auf dem Boden barfuß zu laufen. Er ist von seltsamer weißer Konsistenz und mit einer harten eitriggelben Kruste bedeckt, wie Salzausblühungen, und nur spärlich mit Birken bewachsen.

Dieser Ort sieht krank aus. Wie ein Geschwür in der Landschaft, eine verheilende Schorfwunde. Und doch so schön …

Am folgenden Tag sind wir wieder am Süßen See. Das Wetter ist etwas gemäßigter, diesiger, und damit auch kühler. Gutes Wetter für eine Fahrradtour rund um den See! Und während Canela, die dieses Mal unbedingt mitkommen wollte, im Wohnmobil die Stellung hält …

… bereiten wir uns auf den 18 Kilometer langen Radrundweg vor.

Dieses Mal haben wir nicht auf dem kostenpflichtigen Parkplatz Nordstrand geparkt, sondern auf einem kostenfreien, direkt am Schloss. Von hier können wir mit dem Rad bequem überall hinfahren. Wir starten los und sind gespannt, was uns erwartet.

Gut anderthalb Stunden dauert unsere Tour, die sehr angenehm ausfällt. Trotz des perfekten Fahrradwetters — nicht zu warm, nicht zu kühl und durchweg trocken — ist nur mäßig viel auf dem Rundweg los. Nur vereinzelt treffen wir auf andere Radfahrende. Der Weg ist durchweg gut asphaltiert und beschildert. Gelegentlich erscheinen Pausenplätze am Ufer, wo auch Sitzbänke sind. Sehr nett gemacht.

Das Nordufer hat uns besser gefallen als das Südufer, weil ersteres nur spärlich bebaut ist und viel urwüchsige Natur den Wegesrand säumt. Die andere Seite des Sees hingegen ist so stark mit Ferienhäusern zugebaut, dass der See vom Radweg aus gar nicht zu sehen ist.

Fazit

An diesem Wochenende haben wir den Süßen See für uns entdeckt! Die Gegend eignet sich super für Fahrradtouren. Abgesehen vom Rundweg um den See sind noch andere (Fern-)Wanderwege gut ausgeschildert, zum Beispiel der Lutherweg oder der Himmelswege-Radweg, der die Stationen der Himmelswege passiert, die wir ja in früheren Beiträgen schon kennengelernt haben. Radfahren, Wandern bzw. Spazierengehen und Wassersport sind die großen Säulen der Freizeitgestaltung um und im Süßen See. Das Tretbootfahren war eine witzige Aktion, die uns ebenfalls sehr viel Spaß bereitet hat, und die wir sicherlich noch einmal in Anspruch nehmen werden. Falls wir nicht sowieso in naher Zukunft ein eigenes Schlauchboot oder Kanu besitzen, mit dem wir uns auf dem Süßen See treiben lassen. Denkbar isses durchaus. Ob sich das Seegebiet Süßer See für einen Abstecher von der Autobahn A 38 lohnt? Nur eingeschränkt und mit Planung. Soll heißen, dass ein Zwischenstopp hier wahrscheinlich am ehesten lohnt, wenn Badezeug, Fahrrad und/oder Boot mitgebracht wird. Ansonsten könnte eins hier nur blöde am winzigen Strandbad herumhängen oder spazieren gehen. Was aber je nach eigenem Empfinden sicherlich auch erholsam sein kann. Es ist bloß zu bedenken, dass der Süße See mit seinen Ferienhäusern und -apartments sowie dem Campingplatz und sogar einem Hotel ein äußerst beliebtes Freizeitgebiet für die lokale und zugereiste Bevölkerung darstellt und es hier dementsprechend überlaufen sein kann. Trotzdem freue ich mich, alle Facetten des Süßen Sees entdeckt zu haben und als gut erreichbares Ausflugsziel für einen erholsamen Kurzurlaub am Wasser ganz in der Nähe zu wissen.

>> Hier geht’s zur Beschreibung des Kunstprojekts „Braune Autobahnschilder // A 38“

Wenn dir meine Beiträge gefallen, spendiere mir einen Kaffee auf Ko-fi:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: