Braune Autobahnschilder // A 38 // Wehrkirche Beucha

Heute möchte ich von meinem Besuch in und bei der Wehrkirche Beucha erzählen. Sie steht auf einem imposanten Felsvorsprung, der in einen See hineinragt und hat in ihrem Leben schon viel mitgemacht.

Sie ist nicht sofort sichtbar, als ich in dem kleinen Örtchen Beucha eintrudele. Eigentlich hatte ich erwartet, dass die Kirche sich mächtig über die Dächer des Dorfes erhebt und von dort aus alles überwacht, oder beschützt. Oder abwehrt. Ist ja schließlich eine Wehrkirche. Jedenfalls wird sie auf der touristischen Unterrichtungstafel, die ich mir für dieses Mal vorgeknöpft habe, als solche bezeichnet. Doch offenbar ist das Kirchlein gar nicht so wehrhaft wie angepriesen, denn sonst wird sie nirgendwo als solche beschrieben, sondern trägt lediglich das Prädikat „Bergkirche“. Aber das ist ja auch was.

Die Bergkirche Beucha also steht auf einem Berg – dem Kirchberg (aha!) – direkt an einem dreieinhalb Hektar großen See, dem Kirchbruch. Es handelt sich also um einen Steinbruch, der sich seit seiner Auflassung vor rund sechzig Jahren mit Wasser gefüllt hat. Die Kirche ist intakt und geweiht, und netterweise ist sie in den „O bis O“-Monaten jeden Sonntag von 14:00 bis 17:00 Uhr für die Allgemeinheit zum Besuch geöffnet. Das nehme ich gern in Anspruch und statte ihr einen Besuch ab. Zunächst einmal trete ich durch das pompöse Eingangsportal. Dahinter liegt der Friedhof. Es sind nur wenig Gräber dort. Direkt vor mir erhebt sich die schneeweiße Kirche in den Himmel.

Bis zu ihren Öffnungszeiten habe ich noch ein wenig Zeit. Also gehe ich ersteinmal an ihr vorbei und schaue stattdessen lieber den steilen Abhang hinunter auf den Kirchbruch, den ich vorher noch überhaupt gar nicht gesehen habe. Schon komisch, ein paar Schritte aus einem ganz normalen Dorf herauszulaufen und plötzlich erstreckt sich tief unter mir ein riesengroßer See! Das Wasser glitzert smaragdgrün. Es ist herrlich warm an diesem 16. August. Die Luft riecht nach Spätsommer. Unten im Wasser ist viel los; überall planschen Menschen im See, lachen, schwimmen und sind glücklich. An den Ufern gibt es einige Stellen mit Zugang zum Wasser, Treppen sogar, die die zerklüftete Granitporphyrküste hinabführen. Der Ausblick auf den See ist wahnsinnig schön.

Ich bleibe am Rand des Abhangs und umrunde die Kirche. Ein Mann sitzt in ihrem Schatten und liest ein Buch. Ich betrachte die Fenster, die mir irgendwie anders vorkommen. So geradlinig und schlicht. Sie sind nicht aus Buntglas und nicht charakteristisch gotisch in ihrer Bauweise, wie es von anderen Kirchen gewohnt ist, sondern romanisch. Das habe ich selten gesehen. Habe ich das überhaupt schon einmal bei einer Kirche gesehen? Nicht bewusst jedenfalls.

Da mir noch Zeit bleibt, beschäftige ich mich kurz damit, wie ich um den See herumgehen kann und von wo ich die Kirche als Ganzes fotografieren könnte. Google Maps schlägt mir einen Aussichtspunkt am gegenüberliegenden Ufer vor, und ich gehe los. Der Aussichtspunkt ist gar nicht so einfach zu entdecken. Der Weg, auf den ich geschickt wurde, endet an einer hässlichen matschig-siffigen Stelle am Ufer, an der schon einige Radfahrende ratlos herumstehen und dann umkehren. Ich finde in der Nähe eine rudimentäre Treppe, die weiter nach oben führt, die felsige Klippe hinauf. Denn da will ich ja hin. Die Treppe war der Glückstreffer. Sie mündet in den Pfad, der direkt an der Steilküste entlangführt. Von hier sind alle Badestellen zu erreichen. Entsprechend belebt ist es hier. Jede verfügbare Badestelle ist mit Menschen übersät, die sich in der Sonne aalen oder im Wasser erfrischen. An einem dieser Hotspots ist auch der Aussichtspunkt, von dem aus ich einen guten Blick auf die schöne Kirche und den großen leuchtenden Smaragd zu ihren Füßen habe.

Später stelle ich fest, dass dieser Rundweg auch viel einfacher von dem öffentlichen Kirchenparkplatz aus, gegenüber vom alten Konsum, erreicht werden kann. Auf dem Rückweg zur Bergkirche entdecke ich einen dauerhaft im Schatten liegenden etwas abgelegenen Parkplatz. Hach, perfekt, da muss ich hin! Also erstmal Auto umparken und es abkühlen lassen, damit es sich heute Nachmittag nicht wieder in eine unerträgliche Sauna verwandelt. Und wo ich schon einmal hier bin, schlachte ich auch gleich eine mitgebrachte saftige Honigmelone und verzehre sie. Genau das Richtige bei diesem Wetter.

Von meinem neuen Parkplatz ist es dann auch nicht mehr weit zur Kirche. Naja, überhaupt ist die Kirche hier im Dorf wohl von überall fußläufig erreichbar. Ist ja nur ein kleines verschlafenes Kaff. Inzwischen dürfte sie auch geöffnet haben. Ich betrete also erneut den friedlichen kleinen Friedhof und gehe auf die Kirche zu. Eine leichte Brise kommt auf, und der Wind wirbelt Tausende kleine raschelnde vergilbte Blätter auf. Wie das goldene Laub so vor dieser schneeweißen kleinen Kirche im Wind tanzt, erwarte ich fast – und mir sei dieses klischeehafte Denken verziehen – im Inneren auf einen gutgelaunten Gospelchor zu treffen, der sich gerade zur Chorprobe eingefunden hat, während sich auf den Kirchenbänken einzelne farbenfroh gekleidete Menschen mit ihren Fächern kühle Luft ins Gesicht fächern. Doch leider ist das nicht der Fall. In der Kirche ist es kühl und still. Ich nehme auf einer der Kirchenbänke Platz. Ich bin nicht allein. Auf der vordersten Bank sitzt eine Person und liest. Vielleicht die Pastorin, denke ich. Ich habe bloß keinen Bock, dass die mich anspricht und mir ein Gespräch aufdrängt. Aber mit mir über Gott sprechen wollten bis jetzt immer nur die Zeugen Jehovas. So auch diesmal. Ich werde in Ruhe gelassen und kann das Interieur der Kirche betrachten. Es ist schlicht gehalten, wie ihr Äußeres. Die Wände und Decke sind reinweiß und schmucklos, die Bänke in einem diffusen Grünblau gehalten, das an das Wasser des Sees erinnert. Der obligatorische Taufstein, der obligatorische Altar mit dem obligatorischen Jesus am Kreuz und den obligatorischen Kerzen und Blumen im Chorraum. Alles in allem angenehm reizarm.

Links neben dem Altarraum steht eine große Yuccapalme. Auch dieser Anblick ist für mich ungewohnt. Eine Yuccapalme in einer Kirche. Ich finde das aus irgendeinem Grund fortschrittlich. Sie macht sich da außerordentlich gut, diese Yuccapalme.

Als die Person in der ersten Reihe bemerkt, dass ich mit dem Handy Fotos und Notizen mache, wird auch sie rührig und greift nach ihrem eigenen Smartphone. Aha, deswegen sitzt sie da! Sie lädt ihr Handy an einer der Steckdosen! In den Bankreihen sind einige selbstgedruckte und laminierte vierseitige Broschüren verteilt. Sie erläutern die bewegte Geschichte der Bergkirche zu Beucha.

Der armen Kirche ist im Laufe ihres mittlerweile acht Jahrhunderte dauernden Lebens schon arg zugesetzt worden. Sie musste unter dem zweiten Weltkrieg, dem Dreißigjährigen Krieg und der Völkerschlacht von Leipzig leiden. Immer wieder wurde sie fast gänzlich zerstört, immer wieder wurde sie erneut wieder aufgebaut, ihre drei Glocken gegossen, aufgehängt, wieder abgenommen, eingeschmolzen, wieder neu gegossen. Ich verweile noch ein wenig in der angenehm kühlen Stille, oder der angenehm stillen Kühle.

Im Eingangsraum suche ich mir noch eine Postkarte für meine Sammlung aus, bevor ich die Kirche verlasse. Mein Blick fällt auf einen kleinen verglasten Bilderrahmen neben dem Eingang. Ein Comic, in dem ein Pfarrer sagt, dass die Touristen in der Kirche nicht stören würden, man sei ja tolerant. Ich versuche, mir einen Reim darauf zu machen, was mir das sagen soll. Nerven Touristen? Sind sie gut? Sind sie mit Humor zu nehmen? Sind sie aufdringlich? Sollten sie sich in der Kirche mehr zurückhalten oder am besten gar nicht herkommen? Und wenn ja: Warum macht die Kirchengemeinde sich dann die Mühe, für viel Geld ein Schild an der nächstgelegenen Autobahn aufstellen zu lassen, sodass auch Durchreisende von der Kirche erfahren? Wie dem auch sei — einen Comic dauerhaft in einer Kirche aufzuhängen befinde ich ebenfalls als fortschrittlich.

Dann trete ich wieder hinaus in den Sonnenschein. Der Platz um das Kirchenschiff herum ist wirklich schön mit seinem weitläufigen Rasen und der großartigen Aussicht. Es ist sehr schade, dass hier keine Bänke oder besser noch: Picknicktische aufgestellt wurden. Das wäre eine einladende, freundliche Geste. Sitzgelegenheiten fehlen hier wirklich sehr und würden diesen Ort perfekt machen. Dann hätte ich nämlich gleich im Schatten der Kirche diesen Bericht schreiben können. Aber so schicke ich mich an, mir woanders ein halbwegs kühles Plätzchen zu suchen. Mein Blick fällt auf einen schmalen krautigen Pfad in einem abgelegenen Teil des Friedhofs, der ins verwachsene Nichts führt. Ich folge dem Pfad und stoße auf einen uralten, irgendwie romantisch-verklärten Torbogen mit einer verfallenen Mauer, welche einst den alten Friedhof umfasste.

Der Pfad führt mich weiter zu dem neuen Friedhof ein paar Meter von der Kirche entfernt. Ich freue mich über den Wasserhahn bei den Gießkannen und nutze die Gelegenheit, meine Wasserflasche aufzufüllen. Eine Geruchs- und Geschmacksprobe zeigt an, dass es sich um Trinkwasser handelt und nicht um Wasser aus dem See. Perfekt. Vom Friedhof aus hätte ich noch weiter um den See herumlaufen können, aber ich bin jetzt schon erschöpft und so beende ich meinen Besuch bei der Wehrkirche, die wahrscheinlich nur eine Bergkirche ist, aber dafür an einem wunderschönen See liegt.

Fazit

Die Kirche selbst ist nicht wirklich interessant. Von innen und außen kommt sie eher schlicht daher und bietet keinen Must-see-Pomp oder ähnliches. Spektakulärer ist da schon ihre Lage direkt an diesem steilen Abhang auf dem Kirchberg mit der tollen Sicht auf den Kirchbruch. Bei einem Besuch im Hochsommer empfehle ich, sicherheitshalber Badezeug mitzubringen. Ich jedenfalls war sehr neidisch auf die Menschen im Wasser, die ich von meinem Aussichtsposten hoch über ihren Köpfen beobachten konnte. Ob die Wehrkirche Beucha für einen Abstecher von der Autobahn lohnt, liegt wohl je nach Erwartungshaltung im eigenen Ermessen. Mir hat dieser Ausflug mit der schönen Aussicht gut gefallen, aber ich werde wohl nicht noch einmal extra deswegen hierherkommen.

>> Hier geht’s zur Beschreibung des Kunstprojekts „Braune Autobahnschilder // A 38“

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