Chidambaram — Welcome to the Real India!

 

Nach viereinhalb Wochen im Sadhana Forest entschloss ich mich, weiterzuziehen und mir noch mehr von Indien anzusehen. Mein erster Stop ist die Stadt Chidambaram, etwas südlich von Pondicherry an der Coromandelküste in Tamil Nadu. Hier ist mein Bericht über meine ersten Tage in Chidambaram.

Freitag, 4. März 2016

An diesem Tag dominierte zeitweise so starke negative Stimmung, dass ich ihn nur kurz beschreiben möchte, und auch nur in der Vergangenheitsform, da er zum Glück vorbei ist. Nach meiner Abreise im Sadhana Forest fuhr ich erst mit dem Bus nach Pondicherry und von dort weiter bis Chidambaram. Das Hotel, bei dem ich online ein Zimmer gebucht hatte, fand ich auch schnell, aber mir wurde der Check-In verwehrt mit den Worten, ich solle es in drei Stunden nochmals versuchen. Geschlagene drei Stunden saß ich dann auf der Türschwelle des Hotels; der Mann von der Rezeption hatte mich die ganze Zeit im Auge und ging auch mehrmals an mir vorbei. Als ich dann um Punkt 17 Uhr wieder vor ihm stand und einchecken wollte, sagte er plötzlich irgendwas von 21:30 Uhr, nicht vorher. Warum hat er mir das nicht gesagt, während ich draußen stundenlang vor der Tür saß? Ich bat um eine Erklärung, die er mir mit seinem schlechten Englisch und seiner abweisenden Art nicht zu kommunizieren vermochte. Auch dass ich ein Zimmer reserviert hatte, interessierte ihn herzlich wenig; er machte keinerlei Anstalten, in irgendwelchen Computern oder Büchern nachzusehen, geschweige denn, jemanden herbeizuholen, der zwischen uns vermitteln könnte. Es endete damit, dass ich wütend wurde, und er letztlich ebenfalls wütend nach draußen zeigte und sagte, ich solle zum Hotel nebenan gehen. Genau das tat ich, und so kam es, dass ich nun bis zum 10. März in der C. N. Mega Lodge residiere. Mein Zimmer ist klein, stickig, extrem verdreckt, mit Ameisen auf dem Boden, Staub auf dem Fernseher, einem lauten Ventilator an der Decke und Schimmel an den Wänden. Es hat eine grelle Neonröhre und eine altersschwache Glühbirne, die starb, während ich nebenan über dem Klo hockte. Es hat einen Hängeschrank, an dem zwei der drei Türen aufgehen, und sogar eine Türklingel, die so klingt wie Tom Pettys Vogelzwitschern am Ende von „Learning to Fly“.

Es ist schäbig und versifft, aber es ist meins, und es kostet mich nur 550 Rs pro Nacht, und außerdem ist der Rezeptionist freundlich und grüßt mich jeden Morgen mit einem Lächeln. Hier ist also meine derzeitige Homebase, der Ausgangspunkt meiner Abenteuer der nächsten sechs Tage!

Todesmutig ging ich abends noch einkaufen, obwohl es bereits dunkel wurde. Zum ersten Mal betratich einen indischen Supermarkt und frönte glücklich einer meiner liebsten Leidenschaften: In einem für mich neuen Land in einem Supermarkt das vegane Sortiment erkunden und aufregende neue Dinge entdecken! I love it! Ich fand zu meiner Überraschung Schokoladen- und Vanillesojamilch, außerdem kaufte ich seltsam anmutende Süßigkeiten mit unaussprechlichem Namen und gewöhnungsbedürftigem Geschmack, ferner Erdnussriegel, Cashewkerne und Datteln.

Etwas Gutes hatte meine lange Wartezeit vor dem Hotel ja: Vor Langeweile fing ich an, interessante VerkehrsteilnehmerInnen zu fotografieren! Interessant allerdings nur für uns westliche Schnösel; hier gehören sie zum Alltag.

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Samstag, 5. März 2016

Die Nacht habe ich einigermaßen überstanden. Die Straße ist doch ziemlich laut, und der Ventilator ebenso. Aber wenn er aus ist, wird das Zimmer schlagartig so heiß und stickig, dass an Schlaf nicht zu denken ist. Ein Dilemma. Alle paar Stunden knipse ich den Ventilator entweder aus oder an. Das war meine erste Nacht in meiner neuen Homebase.

Ich gehe duschen (Wasserhahn, Becher, Abflussloch im Badezimmerfußboden) und mache einen Kassensturz. Sieht noch ganz gut aus. Vielleicht braucht mir David doch nicht mehr Geld zu schicken. Dann mache ich mich auf zum Natarajar-Tempel, der Riesenkoloss. Bevor ich die mahnenden Schilder entdecke, die mir unmissverständlich mitteilen, dass fotografieren auf dem Tempelgelände verboten ist, mache ich etliche Fotos von dem Tempel. Ich traue mich auch in eines der Gebäude, aber nicht weit, denn ich habe Angst, irgendetwas falsch zu machen und den Zorn der quietschbunten Götterhorden oder ihrer irdischen Anhänger auf mich zu ziehen.

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Ich gehe weiter in der näheren Umgebung herum und erkunde die geschäftige South Car Street und die West Car Street, bis ich auf einem Kuhfladen ausrutsche und mein ganzer Fuß voller Scheiße ist. Ich stapfe grimmig zurück zu meiner Dusche.

Später gehe ich noch einmal raus und entdecke eine „shopping mall“ – einen weiteren Supermarkt. In ihm finde ich britisches Toastbrot – woohoo! – und Kokosladdus aus drei Zutaten: Kokosraspeln, Jaggery, Kardamom. Ich liebe Laddus! Dann stoße ich im Sortiment noch auf Haferflocken und komme auf die Idee, diese mit der Sojamilch zu kombinieren. Ich bräuchte dann nur noch eine Schale und einen Löffel. Aber, fällt es mir ein, ich habe ja eine Plastikbrotdose im Gepäck, aus der ich essen kann. Fehlt nur noch der Löffel. Doch halt! In Auroville habe ich doch vor ein paar Wochen zwei Holzlöffel gekauft. Yay!

Auf dem Rückweg von der South Car Street zu meinem Hotel in der North Car Street nehme ich die Abkürzung über das Tempelgelände. Vor mir latschen zwei Affen. Ich bleibe stehen. Hole meine Digicam aus meiner Umhängetasche. Die Affen sehen das. Sie kommen auf mich zu.

„Rrrrrr“, knurren die Affen mich an, „rrrrrr!“

Mir wird mulmig.

Die Affen kommen näher. Sie lassen mich nicht vorbei.

Mir wird Angst.

Ein Affe hält sich an mir fest, zieht sich an mir hoch, steht aufrecht neben mir und zupft an meiner Umhängetasche – in der ich meinen Reisepass, meine komplette Barschaft, mein Handy und meinen Kristall herumtrage, um alles mit Argusaugen wie meine Argusaugäpfel zu bewachen! Und jetzt zerrt dieser knurrende Affe an meiner Tasche.

„A, a, a, ah… FINGER weg!“, labere ich den Affen streng an.

Er lässt tatsächlich ab von mir und ich stakse schnell an den beiden vorbei. Zum Glück lassen sie mich passieren und kommen auch nicht hinterher. Wie soll ich denn bitte wissen, wie man mit Affen umgeht? Ich habe bis zu diesem Zeitpunkt noch nie Umgang mit Affen gepflegt. Ich sehe zu, dass ich wegkomme. Rein ins rettende Hotelzimmer.

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Sonntag, 6. März 2016

Diese Nacht war ganz gut; ich konnte tatsächlich schlafen. Gestern abend habe ich mir aus meiner mitgebrachten Paketschnur eine extravagante Aufhängung für mein Moskitonetz gebastelt, die auch gleichzeitig als Wäscheleine fungiert. Das Moskitonetz schirmt den Wind des Ventilators ganz gut ab, lässt die Kühle aber durch. Trotzdem wache ich natürlich gegen sechs Uhr auf. Ist mir der Drill des letzten Monats so in Fleisch und Blut übergegangen? Oder liegt es daran, dass ich jeden Abend vor 22 Uhr einschlafe?

Ich bilde mir ein, dass die Straße heute etwas leiser ist. Es ist ja Sonntag. Bin gespannt, wie Sonntage hier gehandhabt werden. Das Wetter ist jedenfalls wie an jedem anderen Wochentag: warm. Mein Zimmer ist pünktlich zum Tagesbeginn schon stickig. Ich komme auf die verrückte Idee, heute mal nicht nur die Fenster aufzureißen, sondern – haltet euch fest! – auch die Tür! Denn jetzt gerade ist es draußen noch kühler als drinnen. Ich nehme einen der beiden 70er-Jahre-Plastikhocker aus meinem Zimmer und setze mich draußen vor die Tür, auf diesen überdachten Gang, von dem aus man alle Zimmer erreicht, wie so’n langer Balkon eben oder eine Loggia, dessen Fachbegriff mir partout nicht einfallen will. Es stellt sich heraus, dass es einer der besten Einfälle ist, die ich hier in Indien je hatte, denn ich werde Zeuge, wie eine einheimische Frau just in diesem Moment mit ihrem Tagewerk beginnt. Ich sitze da oben im zweiten Stock und beobachte sie, ohne dass sie es merkt, und selbst wenn sie mich bemerken würde, würde sie genauso weitermachen, wie sie es jeden Tag tut. Sie scheint sich um den kleinen Tempel zu kümmern, der sich genau gegenüber meines Hotels befindet, und ich genieße die beste Aussicht auf ihren Tagesablauf:

Sie stellt einen niedrigen Tisch neben dem Eingangsbereich des Tempels auf und holt rote, weiße und weißrote Blumengirlanden aus mitgebrachten Taschen. Sie taucht die Girlanden in Wasser oder besprenkelt sie damit, dann arrangiert sie alles auf dem Tischchen. Ich habe sie gestern schon da sitzen und Blumen verkaufen sehen; überall sitzen solche Frauen an den Straßen. Die Blumengirlanden werden übrigens auf Götterstatuen drapiert. Jedenfalls habe ich das schon öfter gesehen. Und die Frauen tragen solchen Blumenschmuck auch in den Haaren. Noch während des Auspackens kommt der erste Kunde. Die Frau nimmt die weiße Girlande und schneidet etwa eine halbe Armlänge davon ab. Ich glaube, sie bekommt zehn Rupien dafür. Die Frau fegt den Bereich um den Tempel und ihren kleinen Stand herum, dann nimmt sie den Eimer Wasser, taucht ganz oft ihre Hand hinein und spritzt das Wasser rund um den Tempeleingang auf die Straße. Auch das habe ich hier schon sehr oft gesehen. Sie holt von drinnen mehr Wasser herbei, bis der Sandboden draußen gleichmäßig durchnässt ist. Zwischendurch kommen Menschen vorbei und machen einen Zwischenstopp zum Beten. Absolutes Muss ist es immer, dazu die Schuhe auszuziehen. Manche Leute, die in Eile sind, bleiben kurz auf der Straße stehen, ziehen die Schuhe aus, machen ihre rituellen Handbewegungen, ziehen die Sandalen wieder an und gehen weiter. Manche gehen aber auch in den Tempel rein und ich sehe, wie sie drinnen irgendwas mit erhobenen Händen machen und danach ein paar Mal hintereinander schnell die Knie beugen. Ein Mann hält mit seinem Motorroller an, nimmt zwei Kokosnüsse aus dem Fach unter dem Rollersitz und geht in den Tempel. Als er nach einiger Zeit wieder herauskommt, holt er aus und schmettert die Kokosnüsse zu Boden. Eine Opferdarbietung. Die schönen Lebensmittel!, denke ich. Aber das Schauspiel geht ja noch weiter. Ein anderer Mann scheint nur auf dieses Geräusch gewartet zu haben. Er kommt aus dem Nebenhaus, sammelt die zersprungenen Kokosnüsse ein und geht wieder. Dumpster Diving Indian Style! Nicht in der Supermarkttonne, sondern im Tempel wird man hier also fündig! Die Götter scheinen es einem zu verzeihen. Sind ja auch alle immer gutgelaunt und kreischbunt. Die Frau ist mittlerweile dazu übergegangen, ein Kolam auf die Treppenstufen und den Boden zu malen. Das ist ein Ritual, das man hier überall sieht: früh morgens gehen die Frauen des Hauses nach draußen und malen mit weißem Puder zumeist atemberaubende Zeichnungen vor die Eingangstür. Die Formen sind gleichmäßig und mathematisch wohl ziemlich faszinierend. Ich habe zwar keinen blassen Schimmer von Mathematik, aber ich bewundere immer und überall die schönen kunstvollen Gebilde, und dass die Frauen sich jeden Tag die Zeit dafür nehmen, sie anzufertigen.

Ich glaube, nach diesem letzten Arbeitsschritt steht für die Frau, mein Beobachtungsobjekt, nur noch der Blumengirlandenverkauf an, den sie übrigens neben ihrer ganzen anderen Arbeit keineswegs vernachlässigte. Inzwischen habe ich sie und die TempelbesucherInnen zwei Stunden lang beobachtet. Das hier ist Indien. Das richtige Indien. Das hier ist ungekünstelt, keine Touristenattraktion, keine einstudierte Show. Das hier ist der Alltag. Ich freue mich darüber, dass ich Zeuge davon werden durfte und danke der Frau und allen anderen im Stillen dafür. Später gesellt sich übrigens noch ein Junge mit einem weiteren Tischchen dazu und verkauft Obst und Kokosnüsse. Ich glaube, sie sind als Opfergaben gedacht. Jedenfalls sehe ich, wie ein Mann eine Kokosnuss kauft und nach dem Beten vor dem Eingang zerschmettert. Wieder zeigt sich, dass es die Götter hierzulande mit den Opfergaben nicht zu eng nehmen und sie gerne teilen, denn der Junge sammelt die Kokosnuss auf und isst sie. Nette Götter.

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Nach diesem interessanten Start in den Morgen bin ich dennoch ziemlich geknickt. Ich vermisse David. Ich vermisse es, mit ihm zu kommunizieren. Ich habe ja kein Internet mehr und eine wertvolle SMS kostet von hier 20 Cent. Ich fühle mich ziemlich einsam. Mir fehlt die Energie, nach draußen zu gehen. Ich weiß auch nicht, wohin. Zu den Mangroven möchte ich erst morgen, weil heute Sonntag ist. Nicht, dass die Mangroven geschlossen haben, ha ha … Nein, im Ernst. Nicht dass die sonntags keine Bootstouren anbieten, das wäre doof. Ich möchte auch in guter Stimmung zu den Mangroven, nicht so blöd depri, wie ich jetzt bin. Also mache ich etwas, um meine Stimmung aufzuhellen, und schreibe David zwei Stunden lang eine ganz lange Mail, in der ich ihm von allem erzähle, das ich in den letzten zwei Tagen erlebt habe. Das tut mir gut. Jetzt muss ich nur noch zum Internetcafé in der East Car Street gehen und hoffen, dass ich die Mail vom USB-Stick ins Internet kriege und abschicken kann.

Aber vorher entschließe ich mich zu einem Spaziergang Richtung Stadtrand. Laut Here Maps, meiner Offline-Map auf dem Smartphone, gibt es westlich von hier einen großen Wasserkörper, einen See oder ein Bassin. Dahin möchte ich gehen. Ich glaube zwar nicht, dass inmitten dieser schmutzigen, chaotischen Stadt plötzlich ein reizender Park mit englischem Rasen am Horizont erscheint (das wäre ja Horror – das wäre wie die grüne Todeszone um den Matrimandir!), aber vielleicht ist es dort ja wider Erwarten doch nett. Der Mann an der Rezeption erkennt mich, lächelt und wünscht mir einen guten Morgen. Ich tigere los. Und tigere und tigere, bis ich beim Wasser sein soll. Aber da ist keines. Ich seh keins. Kein Wasser weit und breit. Da hat sich meine Map wohl irgendwie vertan. Von der Hauptstraße, auf der ich mich befinde, gehen kleine Gässchen ab dorthin, wo ich das Wasser vermute, aber ich traue mich in die Gassen nicht hinein. Sie sind eng und dort steht Haus an Haus. Und es sieht alles so arm aus! So dermaßen arm! Hier wohnen Menschen eingepfercht in der Stadt, und sie besitzen so gut wie nichts, und leben auf minimalstem Raum. Ob sie trotzdem glücklich sind? Ich kann es nicht einmal erahnen. Es widerstrebt mir, dort als neugieriger Eindringling herumzuschnüffeln. Deshalb gehe ich wieder zurück. Die Straßen werden immer enger, je näher ich Richtung Stadtzentrum komme; die Straßenränder bestehen aus aneinandergereihten Geschäften: Handy- und Computerläden, Juwelen und Fake-Juwelen, Sarees und Sandalen, das Meiste jedoch Kiosks, Obststände und Fressbuden, an denen man Parottas, Laddus, Jangiris und andere wundersame Dinge erstehen kann, wenn man es sich denn traut (ich nicht). Auf dem Rückweg kaufe ich noch zwei Liter Sojamilch für meine Haferflocken in meinem Lieblingssupermarkt. Porridge-Frühstück!

Eigentlich bin ich heute ja genug durch die 40-Grad-Hitze gelaufen. Wäre da nicht … das klitzekleine „i“, das ich plötzlich zufällig auf meiner digitalen Here-Map-Stadtkarte entdecke. Eine Touristinformation! Mit Informationen für Touristen! Zum Beispiel, wie ich morgen am günstigsten nach Pichavaram zu den Mangroven komme! Zum Beispiel, wo ich mit meinem Handy WLAN benutzen kann!! Das ist zu verlockend. Worauf warte ich noch? Ich gehe wieder los.

Die Touristinfo ist in der Nähe des Busbahnhofs. Der Weg vom Busbahnhof zur Touristinfo sieht ganz und gar nicht so aus, als würde darauf wertgelegt werden, bei den Touristen Eindruck zu schinden. Dieses Stadtviertel scheint noch ärmer zu sein als das bei dem nichtvorhandenen Wasser. Es gibt eine Art Autobahnbrücke, und darunter haben sich Menschen Hütten aus Stöcken und Palmenblättern gebaut. Vor einer der Hütten steht ein Bett. Die Hütten sind nicht besonders groß. Am Straßenrand ist eine Wasserpumpe, die ein spindeldürrer Mann eben bedient, um sich Wasser über den Körper zu schütten, also zu duschen. In jeder Mulde, jedem Graben, liegt jahrealter, nicht ganz so alter und ganz neuer Müll. Den Gestank kann sich niemand vorstellen, der ihn nicht selbst eingeatmet hat. Tonnenweise Müll bei 40 Grad in der prallen Sonne. Klapprige Ziegen laufen über die Straßen; im Schatten dösen die Straßenhunde mit rausgestreckter Zunge. Nach 40 Minuten anstrengendem Gelatsche durch die laute Stadt, den Kamikazeverkehr und 40 Grad Hitze stehe ich endlich vor der Touristinformation: geschlossen. Das Gebäude hat vor langer, langer Zeit mal bessere Tage gesehen. Ein verrosteter Briefkasten mit einem ebenso verrosteten Vorhängeschloss lacht mich stumm aus. Das hier ist – oder war einmal – die glorifizierte Touristinformation von Chidambaram. Enttäuscht mache ich mich auf den beschwerlichen Rückweg.

„Madam.“

Ein Mann auf einem Motorrad.

„Heute ist Sonntag – holiday. Morgen ist die Touristinformation wieder geöffnet.“

Was, wirklich? Das Haus ist noch intakt?

„Morgen? Oh, okay, danke!!“

„You are welcome!“

Ich hätte die Szene gerne gefilmt und würde sie dann jedem, der mich fragt, ob die Inder tatsächlich so frauenfeindlich sind, ganz in Clockwork-Orange-Manier tagelang in Endlosschleife vorspielen.

Auf der Hälfte des Rückwegs möchte ich eine Entscheidung treffen: Gehe ich in die South Car Street in den südlichen Tempeleingang, laufe einmal quer über das schöne Tempelgelände zu meinem Hotel in der Noth Car Street, oder gehe ich die stressige East Car Street entlang Richtung Norden, und schaue dort einmal nach dem Internetcafé? East Car Street. Den USB-Stick habe ich ja vorsorglich mitgenommen.

Das Internetcafé in der East Car Street ist klein und dunkel. Es gibt ganz viele Kabuffs, und in jedem steht ein Computer. Ein Mann sitzt im ersten Kabuff und schläft. In dem daneben hängen zwei, drei weitere Männer herum und dösen ebenfalls. Auf mein „Hello“ antwortet niemand. Ich spähe in ein leeres Kabuff. Wie funktioniert das hier? Gibt’s keinen Obermacker? Ist das wie ein Waschsalon, in dem man selbständig Geld in die Maschine einwirft und sie dann benutzt? Ich bin unsicher und schleiche lieber wieder hinaus. Keine Ahnung, wie das funktioniert. Jetzt ist mir nicht danach, das rauszufinden, sage ich mir, vielleicht morgen … aber morgen will ich doch zu den Mangroven! Heißt das, ich kann meine vorbereitete Mail an David erst übermorgen abschicken? Ich reiße mich zusammen. So, sage ich mir, Du gehst jetzt gefälligst da in das Internetcafé rein. Kann doch so schwer nicht sein. Ich drehe auf dem Absatz um und gehe zurück. Die Männer schlafen immer noch alle. Ich gehe an den nächstbesten Computer. Er ist eingeschaltet. Ich mache Firefox auf. Er funktioniert. Ich gehe auf die Webseite meines Uni-Mailaccounts. Sie funktioniert. INTERNET!, schreit es in mir drin laut und glücklich. Ich schicke David meine lange Mail. Und poste meinen ebenfalls fertiggetippten und auf USB-Stick mitgebrachten sonntäglichen Blogeintrag.

„Madam.“

Der Mann aus dem ersten Kabuff ist aufgewacht. Er will nur wissen, wie lange ich schon da bin. Zehn Minuten, sage ich, und was kostet der Spaß eigentlich? 25 Rupien für jede Stunde Internet. Na dann. Glücklich chatte ich mit David, der gerade aufgewacht ist. Lese und beantworte nebenbei auch all die vielen total lieben Kommentare, die ich immer auf meine Blogeinträge bekomme. Bei jedem einzelnen geht mir immer das Herz auf! So viele Leute, die immer mitlesen, die sich für das, was ich erlebe, interessieren, und sich dann nicht nur die Zeit nehmen, meine Berichte zu lesen, sondern sogar ein paar liebe Worte für mich übrighaben! Ich bin jedes Mal so gerührt!

Nach zwei Stunden zahle ich meine 50 Rupien (62 Cent) und gehe zurück zum Hotel. Mir geht es viel, viel besser! Ich habe mit David kommuniziert, und mit der Außenwelt! Ich vermisse David so sehr! So lange wie jetzt waren wir noch nie voneinander getrennt, seit jenem denkwürdigen Tag im November anno 2011, an dem wir zum ersten Mal etwas gemeinsam unternahmen, und das Schicksal dann seinen Lauf nahm. Aber jetzt gerade geht es mir sehr viel besser. Ich bin relaxter. Ich freue mich auf morgen (und die Busse nach Pichavaram fahren übrigens angeblich jede volle Stunde und kosten 12 Rupien, sagt das Internet). Mangrovenwald, ich komme!

Abends möchte ich noch Musik hören. Eigentlich nur ein, zwei Lieder, aber dann werden es doch über zwei Stunden. Wer könnte Bob Dylan, den Stones, Beatles und Doors schon widerstehen, wenn sie ersteinmal losgelegt haben? In meiner Playlist sind auch Kula Shaker. Die habe ich vor meiner Abreise nach Indien absichtlich mit reingetan. Kula Shaker sind schuld daran, dass ich seit so vielen Jahren nach Indien wollte. Ich höre die Band seit dem denkwürdigen Jahr 1996 (Bruder 1 weiß, was ich meine) und mochte immer die indischen Elemente in deren Songs, ich fand das so aufregend anders als all die anderen britischen Bands, und irgendwann zu dem Zeitpunkt kam diese MTV-Reportage über Kula Shaker in Indien. Wahrscheinlich waren die da auf Tour oder bei einem Festival oder so, und MTV hat sie begleitet. Ich habe diese Sendung damals in mich aufgesogen und war so fasziniert von diesem Land! Das Land, aus dem diese schöne Musik kommt, durch die Kula Shaker so eine tolle Band sind, die Sitarklänge, die Räucherstäbchen, fremde Gewürze, Buddhismus, Meditation! Im Fernsehen sah das Land so schön und aufregend aus! Ich wusste: Ich muss irgendwann in meinem Leben nach Indien! Seitdem ist dieser Wunsch in mir immer präsent gewesen. Wie so viele andere Wünsche, die kamen und gingen, aber dieser hier ist, soweit ich weiß, mein am längsten gehegter Wunsch gewesen. Ich bin mit diesem Wunsch aufgewachsen. Wie gerne ich doch jetzt, 20 Jahre später, diese MTV-Sendung wieder ansehen möchte!!! Ich erinnere mich an keine inhaltlichen Einzelheiten, aber wenn ich daran denke, habe ich dieses tolle faszinierte Aufregungsgefühl wieder, das ich damals empfand.

Und wie seltsam ist es jetzt, in Indien zu sein und Kula Shaker zu hören. „Govinda“ und „Tattva“, die beiden Lieder, die meinen Lebensweg seit 20 Jahren begleiten. Hunderte Male muss ich die beiden Songs inzwischen gehört haben. Und jedes Mal, bei jedem Mal Anhören, mit diesem leisen Gedanken im Hinterkopf: Indien. Faszinierendes Indien. Ich möchte dahin! Seit mittlerweile zwei Dritteln meines Lebens.

Und nun bin ich hier. Es ist wie eine Brücke in die Vergangenheit. Ich höre die Lieder, ich spüre immer noch genau diese Faszination dabei, den Fernweh-Drang von meinem 14-jährigen Ich, genau dieselben Gefühle wie mein 14-jähriges Ich, mein 14-jähriges Ich ist wieder da, ist hier, in mir, und ich möchte mir die Hand in die Vergangenheit reichen und sagen: Andrea. Ich habe es geschafft. Ich bin da. Ich habe Dir Deinen sehnlichsten Wunsch erfüllt. Ich möchte mein Ich aus der Vergangenheit in die Arme nehmen und sagen: Du wirst noch sehr viel Leid erfahren. Du wirst es lange Zeit sehr schwer haben im Leben. Aber es wird eine Zeit kommen, nämlich das Hier und Jetzt, in dem all das Leid vorbei und vergessen ist. Du bist ein wunderbarer Mensch geworden, und du bist immer ein wunderbarer Mensch gewesen! Du kannst alles, was du möchtest.

Nachtrag vom 08.04.2016: Unglaublich, aber wahr! Zurück in meiner Homebase in Dortmund brauchte ich nur wenige Minuten zu recherchieren, um besagten MTV-Beitrag auf YouTube zu finden! In Deutschland sind die beiden Videos allerdings verschlüsselt. Ich empfehle natürlich nicht, sie mit Programmen wie Proxtube zu entsperren und sie sich anzusehen …

Die Erfahrung, nach zwanzig Jahren erneut diesen Beitrag anzuschauen, war einfach wahnsinnig intensiv. Die alte Faszination für das Exotische vibriert nach wie vor ungebrochen in meinem Geist. Gleichzeitig spüre ich die Atmosphäre Indiens in diesen Bildern, die ich inzwischen selbst erleben durfte. Ich kann nachvollziehen, weshalb mich dieser Beitrag damals so gefesselt hat, und ich weiß jetzt, dass ich genau diese Faszination und Spiritualität, die ich damals zu erleben bestrebt war, während der zwei Monate in Indien genauso erfahren und gespürt habe. Ich fühle mich zutiefst dankbar und gesegnet mit dieser Erfahrung, mir einen jahrzehntealten Herzenswunsch erfüllt zu haben.

Hier ist der Beitrag „The Same But Different — Kula Shaker in India 1997“ in zwei Teilen:

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