Die herbstliche Hölle und eine Rückschau auf das Gartenjahr

Unsere Gartensaison geht zuende. Während das Inferno verde dennoch ungebrochen in allen Naturfarben strahlt und fröhlich vor sich hinurwaldet, halte ich schonmal eine kleine Rückschau über unser erstes produktives Gärtnerjahr.

Im Großen und Ganzen bin ich ganz zufrieden mit dem, was wir dieses Jahr im Garten geschafft haben. Es war die erste Saison, in der wir den Garten nicht nur als Meeting Point für soziales Miteinander (grillen, feiern …), sondern auch für Strukturgebung und Anbau genutzt haben. Da ich es verpeilt habe, mich rechtzeitig um Winterkulturen zu kümmern, neigt sich bei uns die Anbausaison dem Ende zu.

Erfolgreiche Ernte …

Die Lebensmittel, die wir dieses Jahr ohne Zukauf von externen Quellen ausschließlich aus unserem Garten bezogen haben, sind:

  • Bohnen
  • Holunder
  • Kirschen
  • Rucola
  • Brombeeren
  • Maiskolben
  • Kräuter (Thymian, Minze, Kapuzinerkresse, Oregano, Pimpinelle, Basilikum, Zitronenmelisse, Salbei, Borretsch, Lavendel)
  • Quitten
  • Johannisbeeren

Das ist doch mal ein guter Anfang – bei so vielen Kulturen eine Selbstversorgerquote von 100%!

Neben oben Genanntem ernteten wir dieses Jahr außerdem Erdbeeren, Himbeeren, Lupinen, Sonnenblumenkerne, Haselnüsse, eine (!) Tomate und Radieschen.

… und Lernpotential

Es ging aber auch einiges schief. So dachte ich beispielsweise, dass ich Hokkaidokürbisse einfach auf die Wiese pflanzen könne und diese sich dann elegant schlängelnd in die Naturlandschaft einfügen würden. Ich stellte es mir äußerst dekorativ vor, wie dann im Herbst die orangefarbenen Kürbisse überall zwischen den bunten Gräsern und Wildblumen herumliegen würden. Denkste!

Die wichtigste (und schmerzhafteste) Lektion dieses Jahr:

Schnecken sind unerbittlich!

Ich hatte die explodierende Schneckenpopulation im Garten einfach total unterschätzt. Kaum hatten wir die Kürbispflänzchen hübsch überall auf der Wiese verteilt, waren sie auch schon komplett weggefressen. Genauso die Sonnenblumen, Topinambur, Bohnen, Sommerblumen, Petersilie. Alles wenige Tage später ratzekahl weggeputzt und nur die traurigen Stengel ragten noch kahl und sterbend in den Himmel. Lange Zeit dachten wir, es seien die Kaninchen oder die Rehe gewesen, und bauten zum Schutz kleine Drahtkörbe für die einzelnen Pflanzen. Auch zäunten wir zwei Beete komplett ein und hofften, dass das unsere Kulturen vor Fraß schützen würde. Den Schnecken war das egal. Eines nachts ertappten wir die mehrere hundert Mann starke Horde bei einem ihrer routinemäßigen Vernichtungskomplotte in flagranti und wissen seitdem, wie der Hase läuft (oder die Schnecke kriecht). Seitdem wütet ein unerbittlicher Krieg im Garten, mit zwei Parteien, die sich nicht unterwerfen lassen wollen. Noch gab es keine Toten auf dem Schlachtfeld, jedoch etliche Kilogramm Aussiedler und Deserteure in das nahegelegene Waldstück.

Aber hey — falls mich jetzt jemand fragt, ob ich hobbymäßig eine Sammelleidenschaft pflege, kann ich guten Gewissens antworten: Ja! Spanische Wegschnecken – immer abends zwischen neun und zwölf!

Doof war auch die Sache mit den Kohlweißlingen. Schmetterlinge sind ja gemeinhin everybody’s darling. So auch bei uns. Wie niedlich fanden wir es, als vor einigen Wochen andauernd einzelne Kohlweißlinge an unserem Pflanztisch mit den vielen Setzlingen herumflatterten. Dass die ollen Mistviecher dabei ihre Eier an den Kohlpflanzen und am Brokkoli abgelegt haben und die Raupen im Anschluss den kompletten Setzlingbestand vernichteten, ahnten wir damals noch nicht. Also Memo an mich selber 1: Blattunterseiten von Kohlpflanzen auf Raupen und Eier kontrollieren und diese gegebenenfalls in weitentfernte Ecken umsiedeln. Memo an mich selber 2: Nicht pauschal alles süß finden, was sich für meine Pflanzen interessiert.

Learning by doing

Insgesamt habe ich sehr viel wertvolle Praxiserfahrung sammeln können. Jetzt kann ich unter anderem abschätzen, wie dicht und hoch sich eine Bohne an einem Zaun hochrankt und wieviele Schoten sie ungefähr trägt, sprich ich kann nächstes Jahr besser planen, wie viele Bohnen gepflanzt werden müssen, um eine Selbstversorgung übers kommende Jahr zu gewährleisten. Ich weiß, wie sehr Pflanzen im Hochbeet abgehen und dass die Stengel dort oft an der Basis dünner sind und oben dicker (wohl wegen des Schutzes vorm Wind am Boden) und daher zum Umfallen neigen können. Ich habe gelernt, dass der Boden in den Baumscheiben extrem schwierig zu bearbeiten ist und dass Bäume für Baumscheiben äußerst dankbar sind. Ich habe gelernt, dass der greise Pflaumenbaum (R.I.P.) nicht getrimmt werden wollte, der Kirschbaum aber offenbar nur darauf gewartet hat.

A huckleberry never reaches Boston

BrombeerenLast but not least habe ich erfahren, wie Früchte wirklich schmecken – wenn man sie nämlich frisch erntet und sofort verzehrt. Seien es selbstgepflückte Bohnen oder Maiskolben zum Abendessen, Kirschen direkt vom Baum genascht, Himbeeren vom Strauch in den Mund, ein Blatt Rucola hier und da aus dem Hochbeet gemopst oder ein sonnenwarmes Blättchen sagenhaft aromatischer Oregano: der Geschmack ist so unvergleichlich intensiv und unverfälscht im Gegensatz zu dem faden Zeug aus den Supermärkten. Ja, ich weiß, der Spruch ist abgehalftert und man hört oder liest ihn total oft. Aber es stimmt einfach. Obst und Gemüse schmeckt ganz anders, wenn es erst ganz kurz vorher frisch geerntet wurde; am besten von eigener Hand. Ich bin dankbar, dass ich seit diesem Jahr eine bestimmte Passage aus meinem Lieblingswerk Walden voll und ganz nachvollziehen kann. Thoreau schreibt:

A huckleberry never reaches Boston; they have not been known there since they grew on her three hills. The ambrosial and essential part of the fruit is lost with the bloom which is rubbed off in the market cart, and they become mere provender. As long as Eternal Justice reigns, not one innocent huckleberry can be transported thither from the country’s hills.

— Henry David Thoreau, „Walden or, Life in the Woods“

Früher dachte ich mir dabei immer: Ja ja, sagen ja alle immer so, frisches Obst und Gemüse, bla bla, schmeckt ja sooo anders bla bla. Aber ich mag die Sachen, die ich einkaufe, die haben doch auch einen leckeren Geschmack. Ist ja nicht so, dass das Gekaufte nach nichts schmeckt. Kann ja so anders nicht sein.

Jetzt weiß ich es besser. Noch dazu ist das von uns gezogene Essen weitgehend frei von Schadstoffen und wirklich vegan. Die Straße ist relativ weit entfernt und relativ wenig befahren, der Bauer vom Feld neben uns spritzt seine Wiese zum Glück nicht und wir düngen nur mit Mulch und Brennnesseljauche. Noch dazu sind wir letzten Monat umgezogen und erreichen den Garten jetzt fußläufig in wenigen Minuten anstatt wie vorher mit dem Auto hinfahren zu müssen. Essen mit gutem Gewissen!

Ist-Zustand

Anbaumäßig ist zurzeit nicht mehr viel los bei uns. Gestern habe ich Spinat gesät und bin gespannt, ob er dem Schneckendruck standhält. Die vielen Kräuter freuen sich über die letzten halbwegs warmen Sonnenstrahlen und haben sich in den letzten drei Wochen nochmal ziemlich krass breitgemacht. Zum Glück sind fast alle winterhart! Die Topinambur werden immer höher und ausladender und bilden endlich Blüten. Sie dürfen bis zum nächsten Herbst stehenbleiben. Die wenigen verbliebenen Kürbispflanzen haben zum Teil beachtlichen Raum eingenommen und tragen auch einige Früchte. Die Tomatenpflanzen, auf die wir ziemlich verspätet hingewiesen wurden (ich hatte im Frühjahr Tomaten gesät und dann vergessen und nicht mehr dorthingeguckt) beanspruchen das Hochbeet für sich, tragen aber — bis auf eine einzige Frucht — nicht. Dafür blühen die beiden Radieschen, die wir zwecks Samengewinnung haben stehen lassen, in wunderschönen zarten Farben:

rosa Radieschenblüte weiße Radieschenblüte

Auch die Dahlien lassen sich durch die fallenden Temperaturen nicht beirren …

DahlieDer Mais und die Bohnen hingegen sind nach einem ertragreichen Jahr ziemlich erschöpft. Lange werden die es wohl nicht mehr machen. Wir pflücken die letzten kleinen Maiskolben und warten darauf, dass die Bohnen trocken genug sind, um sie als Saatgut zu ernten. Besonders gespannt bin ich auf die hübschen Feuerbohnen!

BantammaisTrotzdem ist unsere grüne Hölle nach wie vor eine grüne Hölle und es wimmelt Tag und Nacht überall von Leben…

Leben— man muss manchmal nur genau hinsehen!

Glühwürmchen

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