Erfahrungsbericht: vegan wwoofen bei der SoLaWi „Wildwuchs“ in Leveste bei Hannover

Im Mai und Juni war ich zum ersten Mal in meinem Leben wwoofen. Für drei Wochen lebte und arbeite ich bei der bioveganen Gärtnerei „Wildwuchs“, die als solidarische Landwirtschaft (SoLaWi) konzipiert und durch einen eingetragenen Verein organisiert ist.

Seit ich letztes Jahr erstmals vom Konzept des Wwoofens hörte, war ich davon begeistert. Ein freiwilliger Mensch bietet seine Arbeitskraft auf einem Bio-Hof an und erhält im Gegenzug kostenlose Kost und Logis. Ohne den Austausch von Geld. Dies entspricht also genau meinem Ideal einer geldfreien Ökonomie, von der ich träume. Aber nur zu träumen bringt einen ja nicht weiter, deshalb hieß es: Mitmachen!

Natürlich war mir klar, dass ich wwoofen selbst so schnell wie möglich ausprobieren wollte, und so registrierte ich mich im Februar bei www.wwoof.de (das leider einen Jahresbeitrag kostet), um Zugriff auf eine Liste aller teilnehmenden Höfe zu bekommen. Der Suchbegriff „vegan“ brachte mir schnell eine Liste mit 12 Treffern, von denen ich aber einige sogleich wieder aussortierte („Auf Veganer kann ich keine Rücksicht nehmen.“). Es blieben ungefähr acht Höfe übrig. Meine beiden Favoriten waren der allseits bekannte, alteingesessene Hof Bienenbüttel und eben die SoLaWi Wildwuchs in Leveste bei Hannover. Beide schrieb ich an und bekam auch prompt von beiden die Antworten: Bienenbüttel war bereits für das ganze Jahr mit Wwoofern belegt, Wildwuchs hatte noch freie Plätze. Irgendwie hatte ich sowieso eher auf die SoLaWi gehofft, denn dieser Zusammenschluss des gemeinschaftlichen Gärtnerns und Wirtschaftens hatte mich schon vor längerer Zeit neugierig gemacht und ich wollte unbedingt mehr darüber lernen. Wie praktisch also, dass ich bald mittendrin sein und dort mitwirken würde! Ich freute mich riesig über die Zusage und fieberte meinem Anreisetermin, dem 26. Mai, entgegen.

Aber, zugegeben, war ich im Vorfeld auch etwas ängstlich. Ich wusste zwar, dass ich das Gärtnern, den Obst- und Gemüseanbau und lange Tage im Freien liebe wie sonst nichts, aber trotzdem hatte ich irgendwie doch Schiss, dass mir dies alles gar nicht mehr gefallen würde, wenn ich es denn — quasi berufsmäßig — für einen mehrwöchigen Zeitraum täglich tun müsste. Was, wenn ich feststellte, dass es mir gar nicht liegt, im professionellen Stil und im größeren Maßstab Lebensmittel anzubauen? Dann wäre mein heißersehnter Lebenstraum — mein einzig wahres großes Lebensziel — vom eigenen veganen Selbstversorgerhof hinfällig, und was dann? Das machte mir etwas Angst. Und die Menschen — ich bin doch immer so unsicher mit Menschen! Ich wusste, ich würde dort viel mit Menschen zu tun haben, denn die SoLaWi ist ja immer eine große Gemeinschaft. Wenn mich da aus irgendeinem Grund alle doof finden?

Um mal vorwegzugreifen: All diese Sorgen waren natürlich völlig unbegründet! Im Gegenteil: Bei Wildwuchs zu wwoofen war eine der besten Entscheidungen und eine der schönsten Zeiten meines Lebens. Ich war volle drei Wochen am Stück einfach nur glücklich! Wann kann man schon von sich selbst behaupten, sich so lange Zeit bewusst rundum glücklich zu fühlen? Eher selten, schätze ich. Ich lernte viele wundervolle Menschen kennen, alle so verschieden und doch jeder einzelne für sich eine einzige Inspiration für mich; ich durfte mich um kleine Pflänzchen kümmern und ihnen damit das Leben schenken, damit sie zu schmackhaften Lebensmitteln heranwachsen würden, über die sich nach der Ernte jemand freut und sie genießt. Ich habe soviel gelernt! Übers Gärtnern, den Gemüseanbau, über die SoLaWi, über mich selbst, und ich hörte den Menschen, die ich kennenlernen durfte, gerne zu, wenn sie von sich und ihrem Leben erzählten, um auch etwas über sie und von ihnen zu lernen.

Abends machte ich mir immer einige Notizen, um im Nachhinein einen detaillierten Erfahrungsbericht über meinen Wwoof-Aufenthalt zu schreiben. Hier ist er für euch.

Di., 26.05.2015
Die Wwoofer-Wohnung
Die Wwoofer-Wohnung

Nach drei Stunden Fernbusfahrt komme ich in Hannover an, schwinge mich auf mein vollbepacktes Rennrad und gurke im Zeitlupentempo los. 17 Kilometer habe ich noch per Rad zurückzulegen, und aufgrund des Gewichts (zwei vollbepackte Satteltaschen und ein voller Rucksack) nebst einmaligem Verfahren in der Innenstadt geht das Ganze langsamer vonstatten als ich dachte. Gegen halb zwei Uhr mittags treffe ich dann endlich in dem kleinen Örtchen Leveste ein, und biege mit Herzklopfen in die Einfahrt der Gärtnerei ein. Ich hab doch immer so Angst vor Menschen! Völlig unbegründet, wie sich schnell zeigt. Meine neuen Kolleginnen und Kollegen sind gerade mit dem Mittagessen fertig und sitzen noch im Outdoor-Essbereich am Tisch und unterhalten sich: Meike, Arne, Rion und Stefan. Tollerweise hatten sie etwas für mich mitgekocht und so komme ich nach der anstrengenden Anreise sofort in den Genuss eines leckeren Mittagessens. Die Stimmung ist freundlich und entspannt, ich fühle mich sofort wohl. Ich bestehe darauf, mich nicht weiter auszuruhen, sondern aufs Feld mitzukommen, denn ich bin ganz hibbelig, endlich loszulegen und alles kennenzulernen. So bekomme ich also erstmal bei einem Rundgang alles gezeigt, u.a. mein schnuckeliges Zimmer in einer ehemaligen, voll ausgestatteten Ferienwohnung, die mir nach Feierabend ganz allein gehört. Tagsüber wird dort das Mittagessen und das Frühstück zubereitet. Ich lerne den Tagesablauf kennen: Beginn ist morgens um 8 Uhr, dann gibt es Frühstück von 9:30 bis 10 Uhr, Mittag ab 13 Uhr (es wird immer vegan gekocht) und um 15 Uhr habe ich schon Feierabend. Die anderen arbeiten noch bis 17 Uhr und fahren dann nach Hause, sodass ich dann mehr oder weniger allein auf dem Hof bin. Aber Arnes und Meikes Eltern wohnen direkt nebenan. Nach dem Rundgang übers Gelände steige ich zum ersten Mal in meinem Leben ehrfürchtig auf einen Trekker und fahre als Beifahrer mit zum etwas entfernt gelegenen Acker, den „Gänseanger“. Ich habe einen Heidenrespekt vor dem riesigen Gefährt, aber es macht unglaublich viel Spaß!

Zwiebeln jäten
Zwiebeln jäten

Da Dienstag und Donnerstag immer die Tage sind, an denen geerntet wird, darf ich sogleich beim Retticheziehen helfen. Außerdem lerne ich, mit einer Hacke den harten Boden im Kohlbeet zu hacken, aber das ist mir noch nicht ganz geheuer; zu groß ist meine Angst, den zarten Kohlpflänzchen wehzutun, und so werde ich zu den Zwiebeln umdisponiert und fange dort an zu jäten — mit der besten Erfindung ever, der Jätefaust, von allen liebevoll „Yeti“ genannt, die von nun an täglich mein treuester Begleiter sein wird. Außerdem gießen wir noch Kürbisse und decken ein Beet mit einem großen Netz ab, und dann ist mein erster aufregender Tag auch schon vorbei und ich schlafe abends sehr früh ein, nachdem ich mich in meinem Zimmer häuslich niedergelassen und eingerichtet habe.

Mi., 27.05.2015

Heute mache ich den ganzen Tag nur zwei Dinge: Setzlinge einpflanzen (Salat und Kohl) und auf dem Acker jäten (Zwiebeln und Kohl). Jäten mutiert zu meiner Lieblingsbeschäftigung!

Do., 28.05.2015

Donnerstag ist wieder Erntetag! Wir ernten Rucola, Radieschen und Rettiche. Ich bekomme beigebracht, wie ich mit einem Gummiband Radieschen zu einem hübschen Bund zusammenbinde, ebenso Rucola. Außerdem pflanze ich Rosenkohl. Die kleinen zarten Pflänzchen wirken auf dem riesigweitem Acker ganz schutzbedürftig und verloren. Dann lerne ich noch, wie man Knollenfenchel- und Pak-Choi-Saat in Aussaatplatten, sogenannte Quick Pots, aussät. Das sind so handliche Platten mit ganz vielen kleinen Blumentöpfchen drin, in denen je eine Pflanze pro Topf heranwachsen kann. Dann hat man eine ganze Platte voller Setzlinge, die man dann aufs Feld mitnehmen und auspflanzen kann.

Bei meiner Ankunft hatte ich erwähnt, dass ich furchtbare gerne koche, vor allem für mehrere Menschen, und mich erboten, heute das Mittagessen zuzubereiten. Ich mache zwei große Töpfe Kartoffel-Senf-Suppe, dazu gibt es — wie immer jeden Tag — frisch geernteten gemischten Salat mit Radieschen und Rettich.

Um den Tag abzurunden, werde ich erneut zum Jäten im Zwiebelbeet eingesetzt. Jäten ist a neverending story.

Fr., 29.05.2015

Ich jäte Zwiebeln. Ich mag jäten immer noch. Dann säe ich noch Kohlrabi („Superschmelz“, die selbe Sorte, die ich auch zu Hause habe und noch für meinen Garten aussäen muss) und lerne, die Platten „abzusieben“, d.h. feinen Sand auf die Saat zu sieben. Die Sandschicht wärmt die Samen besser als Erde und hilft ihnen dadurch beim Keimen. Dann wässere ich das Ganze noch.

Heute darf ich etwas am Trekker machen: ich helfe, die große Fräse hinten anzubauen, mit der der Boden auf dem Acker gefräst (umgegraben) wird. Ich habe immer noch Respekt vor dem Trekker und die Fräse ist mir auch nicht ganz geheuer. Trotzdem — oder gerade deswegen! — möchte ich lernen, das alles zu handhaben.

Tomaten im Polytunnel
Tomaten im Polytunnel

Zu guter Letzt wird mir gezeigt, wie die Tomatenpflanzen, die im Polytunnel wachsen, „aufgebunden“ werden, also an Schnüren befestigt. Unten am Fuß der Pflanze wird eine große Schlaufe mit einem Doppelknoten gemacht, dann die Schnur im Uhrzeigersinn um die Pflanze gewickelt, sodass mindestens zwei Blattachseln etwas von der Schnur gestützt werden. Der Stil mit den Blüten darf dadurch allerdings nicht gestützt werden, das macht das Unterfangen etwas tricky. Mit etwas Übung bekomme ich es aber ganz gut hin, denke ich.

Heute Abend fahre ich mit meinem Fahrrad nach Gehrden, dem nächstgrößten, ziemlich kleinen Ort. Immerhin gibt es ein Reformhaus, einen Bioladen, diverse Supermärkte und sogar einen offenen Bücherschrank mit kostenlosen Büchern in der Fußgängerzone! Ich fahre zum Netto und containere ein halbes Kilo Aprikosen, ein Bund Minibananen, ein halbes Kilo Nektarinen und ein paar Stangen Rhabarber.

Sa./So., 30./31.05.2015

Wochenende! Aus dem containerten Rhabarber backe ich einen schmackhaften Rhabarberkuchen, dessen Reste ich am Montag den anderen als Nachtisch kredenzen wollte, aber er ist so lecker, dass ich ihn übers Wochenende ganz allein aufesse. Wahrscheinlich als Surrogat dafür, dass ich schon fast eine Woche von David wegbin, den ich in meiner Freizeit immer ziemlich vermisse. Wir telefonieren aber jeden Tag. Ich nutze meine freien Tage u.a. dazu, endlich lange und ausgiebig zu duschen. Mein Körper freut sich. Bis jetzt bin ich körperlich fit; habe nur manchmal etwas Rückenschmerzen und hin und wieder mal Knieschmerzen von vielen Arbeiten im Knien/Sitzen/Hocken. Trotz Knieschonern finden meine Beine die lange Hinkniehaltung (beim Jäten und Pflanzen) wohl so ungewohnt, dass sie einvernehmlich beschlossen haben wehzutun.

Ich inspiziere meine Wwoofer-Wohnung. Sie ist ganz ferienhausmäßig mit zumeist älteren Möbeln (braune Cordsessel!) eingerichtet, an den Wänden teilweise schön mit Holz vertäfelt, hat ein Bad, eine Wohnküche mit Eckbank, einen Flur, ein großes Wohn-/Schlafzimmer (meins!) und ein weiteres Schlafzimmer (für die Praktikantin, die nächste Woche kommt und zwei Monate bleiben wird). Und sie ist … nun ja. Etwas verstaubt. Das wundert mich nicht wirklich, denn im täglichen Betrieb ist immer viel zuviel zu tun, und deshalb ist klar, dass niemand sich mal drei Stunden Zeit nehmen kann, um die Wohnung zu putzen. Außerdem wird die Bude ja zumeist von den Wwoofern genutzt, solange die hier wohnen, und dann können die ja auch gefälligst alles sauberhalten, finde ich. Was mich wundert, ist, dass es offenbar noch kein Wwoofer vor mir mit der Sauberkeit so genau genommen hat: An allen Wänden in allen Zimmern hängen ringsherum dicke Spinnweben mit einer unüberschaubaren Anzahl achtbeiniger Bewohnerinnen, die Fensterscheiben sehen aus, als seien zuletzt vor frühestens drei Jahren geputzt worden, und es ist generell ziemlich staubig überall. Und dann ich so als Ordnungs- und Sauberkeitsfanatiker mittendrin! Was also tun? Ganz klar: Frühjahrsputz! Ich gehöre ja zu der Minderheit von Menschen, die sehr gerne putzt. Vor allem in anderer Leute Wohnungen. Komisch, ich weiß, aber ich tue das wirklich gern, weil sich diejenigen dann immer total darüber freuen, wenn es plötzlich blitzblank ist. Also gehe ich mein Projekt „Wwoofer-Wohnung-Putz-Action“ an, indem ich an diesem Wochenende alle Fenster putze und im Wohnzimmer auf allen Flächen staubwische. Das ist aber nur der Auftakt. In den nächsten Tagen schrubbe ich noch den Herd, räume die Schränke aus und wische auch diese aus, sauge den Fußboden, bringe alle Spinnen nach draußen und putze das Bad.

Trotzdem finde ich noch Zeit, lange und viel zu lesen (Richard Adams: Watershop Down), nach der Saat zu schauen, die aber aufgrund einiger Regenschauer nicht gegossen werden muss, und eine Fahrradtour mit unbestimmten Ziel in Angriff zu nehmen, die aber beim Gänseanger endet, wo mir die Fahrradkette abspringt, die ich irgendwie nicht wieder dranbekomme und deswegen über die Landstraße total beleidigt zurückschieben muss.

Mo., 01.06.2015

Heute geht das Aufbinden der endlos langen Tomatenreihen im Polytunnel weiter! Außerdem jäte ich rote Bete und Zwiebeln.

Vormittags reist die Praktikantin wie angekündigt an. Zwischen den Rote-Bete-Pflänzchen stellen wir uns einander vor. Sie heißt Elli, ist wie ich gepierct und tätowiert und ich sehe sofort, dass wir gut miteinander auskommen werden. Abends setzen wir uns zu zweit in unsere Wohnküche und unterhalten uns super und lernen uns dadurch besser kennen. Elli hört Bands, die ich schon seit meinem 13. Lebensjahr kenne, also seit nunmehr 20 Jahren. Mudhoney, Sonic Youth, L7, Soundgarden, dieser ganze altbewährte Kladderadatsch aus den 90ern. Für mich ist es normal, diese Bands zu kennen, für sie nicht. Sie flippt total aus, als sie erfährt, dass mir all die Bands etwas sagen, die sie so bewundert. Anscheinend passiert ihr das nicht oft. Wenn ich erzählt hätte, dass ich mal Buzz Osbourne auf einem Festival getroffen habe und dem Kerl immer noch krummnehme, dass er meinen Rucksack verschandelt hat, anstatt nur brav sein Autogramm draufzuschreiben, hätte sie wahrscheinlich völlig am Rad gedreht.

Wie dem auch sei — ab jetzt gibt es einen Wendepunkt in meinem Wwoof-Aufenthalt; es ist vorbei mit der Ruhe und Beschaulichkeit: Elli und ich rocken das Haus!

Di., 02.06.2015

Erntetag! Wir ernten Rettich, Rucola, Radieschen und Salate. Was anderes ist noch nicht reif. Ferner jäte ich rote Bete und pflanze Kohlrabi.

Mi., 03.06.2015

Ganz viel Besuch! Eine Teilnehmerin der SoLaWi ist Medizinstudentin und kommt mit einer Horde Kommilitonen vorbei, die Bock haben, statt für ihre Prüfungen zu lernen auf dem Acker mitzuhelfen. Sie haben massenweise veganes Essen für ein supertolles Mittagsbüffet mitgebracht, es gibt Salate, Brote, Dips, Baba Ghanoush und Vanillepudding. Meike spendiert hausgemachten Bio-Apfelsaft von der eigenen Wildwuchs-Streuobstwiese. Wir lassen es uns gutgehen.

Elli und mir wird die ehrenvolle Aufgabe zuteil, einen Berg kleiner Porreepflanzen zum Aussetzen auf dem Feld vorzubereiten. Dazu müssen sowohl die feinen Wurzelchen als auch die Blattspitzen ein wenig eingekürzt werden, damit die Pflanzen animiert werden, schnell zu wurzeln und zu wachsen. Als Meike uns zeigen möchte, wie man das Einkürzen macht, schneidet sie beim ersten Porree aus Versehen viel zuviel Wurzel ab. „Oh“, sagt sie, „ich war gerade im Kochmodus, aber wir wollen die ja pflanzen.“ Das Einkürzen dauert etliche Stunden (es sind wirklich viele Porrees, dünner als Bleistifte). Dann pflanzen wir sie auf dem Acker in langen, geraden Reihen ein. Porree muss ganz gerade und relativ tief eingepflanzt werden, sonst wird der krumpelig! Elli und ich sind ein gutes Team und arbeiten toll zusammen. Wir kloppen einen dämlichen Spruch nach dem anderen, was nicht nur uns, sondern manchmal auch den Rest der Belegschaft amüsiert (und sicherlich hin und wieder auch nervt).

Alex (wehleidig): „Mannnn, ich merk gerade meinen Nacken.“

Elli (trocken): „Du hast ja auch einen Stiernacken. Weil Du so viele Steaks isst.“

Alex: „Ja, deshalb habe ich ja auch so eine Hühnerbrust.“

… und andere tiefsinnige Dialoge werden von uns über die Gemüsereihen hinweg geführt. Unser Lieblingsspruch ist „Merkste selber, ne?“, den man als Antwort zu allen möglichen und unmöglichen Äußerungen anbringen kann. Wir sind ein Dreamteam. Gesucht und gefunden, sozusagen.

Nach dem Porree geht’s noch in die Pastinaken, wo wir — Überraschung — jäten!

Morgen bin ich wieder dran mit Kochen. Heute Abend bereite ich schonmal Seitan und veganes Zaziki vor. Elli und ich verbringen unsere freie Zeit damit, zu essen, zu kochen, Essen zu planen, Einkaufszettel zu schreiben oder über Essen zu reden. Wir teilen eine große Leidenschaft: Essen. Obwohl Elli nicht Veggie, sondern Omni ist, denken wir uns zusammen tolle Sachen aus und zaubern das eine oder andere köstliche Gericht, wenn uns die Reste des Mittagessens nicht reichen (und das tun sie nie, weil wir einfach Bock haben, zusammen zu kochen!). Außerdem ist sie auch so ein Sauberkeitsfanatiker wie ich! Sie ist mir zutiefst dankbar, dass ich einen Tag vor ihrer Anreise alle Spinnen aus ihrem Zimmer entwendet und draußen ausgesetzt habe. Die Wwoofer-Wohnung sieht durch unsere Anwesenheit inzwischen ganz anders aus — sie ist sauber und staubfrei!

Do., 04.06.2015
Im Mai gibt es schon das eine oder andere frisch vom Feld
Im Mai gibt es schon das eine oder andere frisch vom Feld

Erntetag! Ich ernte Radieschen und Rettiche, hacke das Möhrenbeet und gieße anderthalb Stunden lang die endlosen Reihen liebevoll aufgebundener Tomatenpflanzen im Polytunnel. Jede Pflanze wird 8 – 10 Sekunden gegossen und es sind ziemlich viele. Es ist warm im Polytunnel und es ist toll, mit dem kalten Wasser rumzupanschen.

Mittags koche ich; es gibt mariniertes Seitangyros, Reis, Zaziki und Salat. Alle sind komplett begeistert von meinem Essen. Sie preisen die Kochkünste von Elli und mir. Anscheinend gibt es üblicherweise immer ein Balsamico-Öl-Dressing im Salat. Zu Hause mache ich das nie, sondern mache das für mich gewohnte Agavensirup-süßer-Senf-Dressing. Die anderen freuen sich über die Abwechslung und fragen nach dem Rezept, auch danach, wie man Seitan macht, und ich freue mich, dass nicht nur ich hier etwas lerne, sondern auch Wissen weitergeben kann.

Nach Feierabend ist endlich der große Moment gekommen, auf den ich schon seit Tagen gewartet habe: David kommt zu Besuch!!!

Ich habe ihn sehr vermisst und bin so froh, ihn endlich wiederzusehen. Ich stelle ihn den anderen vor, zeige ihm die Gärtnerei und einen der beiden Acker (die „Levester Wiese“). Wir machen mit dem Auto einen Abstecher nach Gehrden, wo wir im Eiscafé Frioli mehrere Kugeln veganes Eis essen, ins Reformhaus gehen und auch dem Bioladen einen Besuch abstatten. Ich habe nämlich eine Wette verloren, die ich mit Rion abgeschlossen hatte: Ich war mir sicher, dass man Oliven nicht roh essen kann, aber da das wohl doch geht, schuldete ich ihm ein Glas in Salzlake eingelegte Bio-Oliven.

Dann fahren David und ich wie geplant zu den Kristallthermen in Seelze, das nur etwa fünf Kilometer von Leveste entfernt ist. Wir als passionierte Saunagänger konnten uns die Gelegenheit natürlich nicht entgehen lassen, dort einen Tag zu verbringen! Und gerade die Kristalltherme, von denen es deutschlandweit etliche gibt, haben es uns ja so sehr angetan, dass wir teilweise unsere Urlaubstrips und Geburtstage so planen, dass wir irgendwohin fahren, wo eine Kristallsauna in der Nähe ist. Die in Seelze kannten wir schon, trotzdem mussten wir natürlich unbedingt hin — immerhin gibt es dort meine Lieblingssauna, die Kaffeesauna! Sechs Stunden verbringen David und ich in den Thermen und ich erzähle ununterbrochen ganz begeistert von all meinen Erlebnissen der letzten Tage. David hört geduldig zu. Die Zeit geht viel zu schnell rum und da David morgen früh arbeiten muss, fährt er gegen 23 Uhr wieder zurück nach Dortmund.

Fr., 05.06.2015

Die Tomaten im Polytunnel bekommen Gesellschaft: Bohnen, die wir dort pflanzen und anschließend wässern. Vorher ziehe ich mit einem Furchenzieher die Spuren, die als Anhaltspunkt dienen, wo die Pflanzen gesetzt werden sollen. Das ist so eine Art überdimensionale Harke und sie ist eine Herausforderung für mich, weil ich da immer den Abstand der einzelnen Spuren ausrechnen muss. Ferner muss ich in den Beeten am Haus die Blumen gießen, weil Arnes und Meikes Eltern gerade im Urlaub sind. Dann säe ich noch Lauchzwiebeln, siebe sie ab (mit Erde, nicht mit Sand), jäte im Möhrenbeet und helfe Rion, die Rückwände der anderen beiden Polytunnel hochzuklappen, weil es den Pflanzen dort drin sonst zu warm wird.

Sa./So., 06./07.06.2005

Ich bin wieder allein bei Wildwuchs, Elli ist übers Wochenende weggefahren. Weil ich mir vorgenommen habe, für alle nächste Woche Nougatcupcakes zu backen, fahre ich mit dem Rad nach Gehrden, stelle aber nach einem Supermarkt-Marathon fest, dass es in der ganzen Stadt kein veganes Nougat zu kaufen gibt. Stattdessen kaufe ich mir zwei Honigmelonen, die ich mir in der Mittagshitze, im Bikini auf einer Wiese vorm Polytunnel liegend, einverleibe, während ich ein Buch vom Dalai Lama lese, das ich im Bücherregal im Wohnzimmer gefunden habe. David hat Wochenendrufbereitschaft und muss deswegen zu Hause bleiben, also telefonieren wir oft. Zum Glück darf ich hier das Festnetztelefon mit der Telefonflatrate benutzen. Übrigens noch ein Geben meinerseits während meines Wwoof-Aufenthaltes: Das Telefon galt als schrottig und sollte wohl bald ersetzt werden, da es andauernd ausging und nicht mehr auflud. Durch meine Ausbildung bei der Telekom konnte ich das Wissen weitergeben, dass in dem Fall meistens nur die Akkus ausgetauscht werden müssen, damit wieder alles funktioniert. Siehe da, es klappte, und ich ersparte der Gärtnerei damit vorerst den Neukauf eines Telefons.

Mo., 08.06.2015

Ich pflanze Fenchelpflänzchen, jäte das Möhrenbeet zuende und nehme mit Elli zusammen die Kartoffelreihen in Angriff, die wir, mit dicken Handschuhen bewährt, von Disteln und Grasbewuchs befreien. Das macht sogar noch mehr Spaß als jäten!

Meike und ihr Freund Stefan laden uns (also Elli und mich) für heute Abend zu einem Spieleabend ein. Obwohl ich ja absolut kein Freund von Brettspielen bin, sage ich trotzdem erfreut zu, denn ich bin bei sowas trotzdem immer gerne dabei und schaue zu. Außerdem wollen die beiden für uns kochen, und zwar Spargel! Wer könnte da schon nein sagen?!

Gegen 17:30 Uhr fahren wir zu viert nach Benthe und kaufen dort in einem Bioladen alles für das abendliche Mahl ein, und noch ein paar Dinge mehr. Mein von mir privat bezahlter Einkauf erzielt Gelächter allenthalben: Schokolade und Puderzucker. Ja, diese Veganer, das sind diese Körnerfresser, die immer so unheimlich gesund leben müssen. Merkste selber, ne?

Während Meike und Stefan also nebenan im Haus der Wessel’schen Eltern die Küche in Beschlag nehmen, backe ich ich gleichzeitig in unserer Küche Apfel-Zimt-Muffins. Danach putzen Elli und ich gemeinsam die Bude und hören dabei Nine Inch Nails, Type O Negative und Mudhoney. Wir nennen uns gegenseitig liebevoll „Putztussen“. Um halb neun werden wir schließlich zu Tisch gerufen, wo bereits ein opulentes Mahl auf uns wartet. Die beiden sind wahre Meister der veganen Speisenzubereitung! Köstlicher Spargel, dazu Kartoffeln, eine Sauce Hollandaise und ein „Experiment“ — Freestyle-Bratlinge auf Haferflockenbasis, und alles sowas von lecker! Die anderen drei spielen zwei Brettspiele bis halb zwölf nachts, ich schaue zu und fiebere mit (kann mich aber nicht entscheiden, für wen ich sein soll), dann sind wir alle total müde und machen Feierabend für heute.

Di., 09.06.2015
Ich und Trekkerfahren?
Ich und Trekkerfahren?

Das Mitfahren auf dem Traktor ist für mich inzwischen ein alter Hut. Das mache ich jeden Tag mehrere Male, immer vom Hof zum Acker und wieder zurück, wenn ich nicht gerade eines der schönen alten „Ackerfahrräder“ benutze, um von A nach B zu kommen. Heute wird es anders: Meike fragt mich, ob ich Traktorfahren lernen möchte. Na klar möchte ich!!! Sie zeigt mir Kupplung, Bremse, Gas und die Gangschaltung, dann darf ich vom Gänseanger herunter- und den Feldweg Richtung Landstraße entlangfahren. Ich bin noch etwas zaghaft, aber es funktioniert. An der Landstraße halte ich an. Meike fragt mich, ob ich weiter bis zum Hof fahren möchte.

Nein, um Discordias Willen!, ist meine erste Reaktion. Ich und dieses Ungetüm im öffentlichen Straßenverkehr?!?, schreit es in mir drin, ich kann doch erst seit drei Minunten damit fahren!

„Okay“, sage ich.

Schatten sind dazu da, um übersprungen zu werden. Drachen sind dazu da, um mit ihnen zu tanzen. Und Trekker sind dazu da, um mit ihnen zum Hof zurückzufahren. Also setze ich den Blinker, biege auf die Landstraße ein, und fahre im S-Gang mit unglaublichen 32 km/h zum Hof. Und es macht solchen Spaß!!! Ich bin enorm stolz auf mich!

Soviel Spinat!
Soviel Spinat!

Heute ist übrigens wieder Erntetag. Es gibt wie immer zu dieser Jahreszeit Rettich, Radieschen und Salat und heute, ganz neu!, Spinat. Zum ersten Mal sehe ich Spinat auf dem Feld wachsen (so wie ich hier fast alle anderen Gemüsesorten zum ersten Mal wachsen sehe. Ich fühle mich wie ein Klischeestadtkind, das Gemüse nur aus dem Regal kennt und denkt, dass Kuhmilch aus dem Supermarkt kommt). Spinaternten wird meine meistgehasste Beschäftigung. Ich weiß nichtmal genau, warum. Ich mag es einfach nicht, Spinat zu ernten. Das Spinatbeet ist groß und pro Pflanze ist immer nur ein kleiner Teil der Blätter verwendbar. Der Rest (und Großteil) der Pflanze ist Blütenstand oder Blattlausland. Nein, Spinaternte ist definitiv nicht meine Lieblingsbeschäftigung. Da freue ich mich, im Anschluss die Kartoffeln weiter von Disteln und Gras zu erretten. Dafür mache ich sogar freiwillig Überstunden, denn ich möchte das heute komplett schaffen.

Der Feierabend wird lustiger als das stundenlange Spinaternten: Elli und ich streifen durch das große, verwunschene, zugewucherte Grundstück (die Gärtnerei heißt nicht ohne Grund „Wildwuchs“) und entdecken den angefangenen Erdkeller, von dem wir schön gehört haben. Wir inspizieren ihn, haben auch dabei sehr viel Spaß („Was sind das eigentlich für komische Scharten in der Wand?“ – „Hasenscharten!“) und es kommt der allgemeine Wunsch auf, mauern zu lernen und den schon viel zu lange brachliegenden gerademal angefangenen Erdkeller fertigzubauen. Es ist so schade darum, dass er nicht fertiggestellt wird, weil die Kapazitäten fehlen! Das wollen wir, die „Yeti Girls“, wie wir uns aufgrund unserer Haupttätigkeit hier und als Hommage an eine gleichnamige Band nennen, schleunigst ändern! Überhaupt finden wir, dass wir spätnachmittags ja mal privat einige kleinere Projekte hier starten könnten, denn wir haben richtig Lust dazu, hier ganz viel zu reißen, der SoLaWi mit unserer Arbeitskraft zu helfen und den anderen etwas Arbeit abzunehmen, die hier zu kurz kommt.

Mi., 10.06.2015

„Wir hatten gestern Abend eine Besprechung mit Begehung“, sagen Elli und ich zu Meike, „und wir sind zu dem Ergebnis gekommen, dass wir den Erdkeller zuendebauen wollen.“

Meike bremst unseren Enthusiasmus jedoch vernünftigerweise sofort aus, weil es nicht so einfach ist, den zuständigen Mauermenschen hierherzubeordern, der uns sein Handwerk lehren könnte. Stattdessen verständigen wir uns darauf, dass wir nach Feierabend andere Dinge machen könnten wie beispielsweise das Kräuterbeet mit dem Salbei, der Pimpinelle und dem Thymian wieder in Form zu bringen. Auch gibt es eine urwüchsige Rasenfläche, aus der man einen Garten machen könnte. Das ist vorerst genug Ausgangsmaterial für langweilige Feierabendstunden, zumindest für Elli, denn meine Zeit bei Wildwuchs neigt sich ja leider schon dem Ende zu. Elli und ich beschließen, als nächstes das Projekt „Pool“ in Angriff zu nehmen. Wir hörten von einem großen Swimmingpool, der irgendwo herumliegen sollte, den wir flottmachen und für erfrischende Abkühlung an heißen Nachmittagsstunden bereitstellen könnten. Alle sehen sehnsüchtig dem intakten Pool entgegen, als wir von unserem Vorhaben erzählen, und wir Mädels schreiten bald zur Tat.

Aber erstmal wird regulär gearbeitet an diesem heißen Tag: die Erde der Tomaten im Polytunnel sollen wir hacken.  Das wurde auch allerhöchste Zeit, die ist nämlich steinhart und hat Risse wie ein Wüstenboden. Auch Mangold, Mais und Stangensellerie auf dem Acker freuen sich übers Hacken. Dann pflanze ich noch Kohl und Brokkoli und wässere erneut die Blumenbeete der Eltern.

Nachmittags finden wir nach einigem Suchen den zusammengeknüllten, mit Schmodder und Pflanzen bedeckten Pool hinter einem Schuppen, zerren ihn hervor, befreien ihn von allem Bewuchs und Krabbeltierchen und unterziehen ihn einer ersten Reinigung mit dem Hochdruckreiniger. Dann schrubben wir ihn mit einem Schwamm ab und er ist weniger eklig als vorher. Es sind riesige Löcher mit bis zu 5 cm Durchmesser im Pool, da waren wohl Mäuse am Werk, die sich dort einnisten wollten. Trotzdem wollen wir versuchen, ihn zu flicken.

Später am Tag bereite ich Pizzateig und -belag vor, denn morgen bin ich wieder dran mit Kochen und möchte zum Abschied Pizza machen, als Nachtisch Erdnuss-Schokoladen-Cupcakes mit einer Füllung aus Nirwana-Noir-Schokolade. Sowas Aufwendiges gibt es hier nämlich eher selten zum Mittag, weil dem jeweiligen Koch immer nur eine Stunde für die Zubereitung zusteht (von 12 bis 13 Uhr, und dann fällt die hungrige Horde in den Outdoor-Essbereich ein). Viel zu oft läuft das Mittagsmahl deshalb auf Nudeln mit Tomatensauce hinaus. Aber nicht mit den Yeti Girls! Da sich bei uns sowieso alles ums Essen dreht, verbringen Elli und ich unsere Abende gerne damit, das Futter für den kommenden Tag vorzubereiten, was vom Rest der Belegschaft auch dankbar angenommen wird („Allein essenstechnisch seid ihr zwei schon ein wahrer Glücksgriff.“). Während ich also Pizzateig vorbereite und Elli uns nebenbei einen Schokoladenpudding macht, stößt Meike zu uns und schenkt uns zwei nagelneue Jätefäuste, weil das Arbeiten mit uns so cool ist! Für uns, zum Mitnehmen, für zu Hause, für den Garten! Ich bin total gerührt und freue mich riesig darüber.

"Ich bin ein Radieschen, ich hab Kartoffelschorf!" - "Ich auch!"
„Ich bin ein Radieschen, ich hab Kartoffelschorf!“ – „Ich auch!“

Den Rest des Abends flippen Elli und ich wie immer herum, singen im Kanon den Klingelton des Festnetztelefons, essen Schokoladenpudding, malen ein Schild mit der Aufschrift „Ich bin aus Plüsch“ für die Plüschratte auf der Wohnzimmerfensterbank (ein Geschenk von Rion an Stefan) und sind wehleidig wegen unserer nässenden Wunden am Daumen, die wir uns vom vielen Hacken zugezogen haben. Die Wunden sehen aus wie die Krankheit an den Radieschen, nämlich Kartoffelschorf, deshalb nennen wir unsere Blessuren ebenfalls so. Ich schlage vor, ein Plakat von uns mit unseren Jätefäusten zu kreieren, mit der Überschrift „Die Rückkehr der Jätiritter“.

Do., 11.06.2015

Um 5:30 Uhr werde ich wach, obwohl mein Wecker erst um 7 Uhr geht. Das passt aber ganz gut, so kann ich in Ruhe die Pizzableche vorbereiten, den Pizzateig ausrollen, für den Salat Radieschen und Rettich schnibbeln und nebenbei das Küchenchaos von gestern Abend aufräumen.

Es ist wieder Erntetag! Ich ernte weiße Rettiche und Salat. Gleich im Anschluss bekommen Elli und ich eine neue Aufgabe: Wir dürfen die Brennnesseljauche im Verhältnis 1:10 mit Wasser verdünnen und damit alle Pflanzen in den drei Polytunneln gießen. Eine wahrlich köstliche Aufgabe, die mich schon nach kurzer Zeit durch das Gepansche mit stinkender Brühe triefen lässt. Von der Jauche geht es für mich dann direkt in die Küche, wo ich in Windeseile drei Pizzen backe, etwas lieblos den gemischten Salat zusammenklatsche und die Cupcakes mit Topping und Erdbeerdeko vollende. Besonders die Cupcakes sind an diesem Tag der Renner, sie haben ihre Wirkung nicht verfehlt und sind wunderbar schokoladig mit einer delikaten Erdnussnote, gekrönt und abgerundet von der frischen Erdbeere. Ein schönes Abschiedsessen, fürwahr!

Der von mir gesäte Kohlrabi war bei meiner Abreise schon sooo groß!
Der von mir gesäte Kohlrabi war bei meiner Abreise schon sooo groß!

Ich hacke noch im Maisfeld, dann ist schon wieder Feierabend. Es ist so unglaublich, wie schnell die Zeit hier immer herumgeht! Man fängt morgens an zu arbeiten, kommt gerade so in den persönlichen flow, dann muss man schon wieder aufhören wegen der Frühstückspause. Danach legt man so richtig los und gerade, wenn einem der Gedanke kommt, dass man sich ja mal kurz ausruhen könnte, wird zum Mittagessen gerufen. Und nach dem Mittag ist es meistens nur noch eine oder höchstens anderthalb Stunden bis zum Feierabend.

Arne gibt uns Polytunnelklebeband, damit wir den Pool flicken können. Sorgfältig machen wir uns an die Arbeit; dann kommt der große Moment: wir füllen den Pool halbvoll mit Wasser. Mal sehen, ob es über Nacht hält.

Um 17 Uhr macht Meike Feierabend. Sie hat morgen ihren freien Tag, also werden wir uns vor meiner Abreise nicht mehr sehen, und so verabschieden wir uns etwas wehleidig voneinander. Ich verspreche, dass ich wiederkomme und dass das nicht nur so dahergesagt ist wie bei den anderen Wwoofern. Sie verspricht mir, dass ich rechtzeitig zum Sommerfest und zur Apfelernte eingeladen werde. Sie bekommt von mir noch Pizza und einen Muffin für Stefan eingepackt.

Ein verwunschener Ort, an dem selbst die Spinnweben wie feine Feengespinste im Sonnenlicht schimmern
Ein verwunschener Ort, an dem selbst die Spinnweben wie feine Feengespinste im Sonnenlicht schimmern

Später verziehe ich mich ins Büro an den Laptop. Dort habe ich schon vorletzte Woche den Text geschrieben, den ich ins Wwoofer-Gästebuch schreiben möchte. Also so ein richtig echtes Buch zum Anfassen, das in der Wohnung ausliegt. All meine Vorgänger haben mehr oder weniger das selbe geschrieben, mit dem ich mich auch vollständig identifizieren kann, und diesbezüglich gibt es da einfach nicht mehr zu sagen, denn die Kernaussagen wurden alle schon zum wiederholten Male genannt: bei Wildwuchs zu wwoofen ist eine tolle Erfahrung, die Menschen sind alle furchtbar lieb, das Arbeiten macht Spaß, man lernt unglaublich viel und ist dankbar, mit welch einer Geduld einem alles beigebracht wird und wieviel Herzblut in der ganzen SoLaWi steckt. Deshalb entschied ich mich dafür, eine literarische Kurzprosa zu verfassen, so zur Abwechslung. Hier ist sie:

Oase der Sinne

Zwiebeln und Meldekraut, dicht beieinander, so weit das Auge reicht, auf dem unendlichen Feld, das sich am Horizont in der Weite verliert. Das ist das letzte verschwommene Bild, das ich aus unsteten Träumen in die wache Welt mitnehme. Zwiebeln und Meldekraut.
Die Nacht war unruhig; mehrmals holten mich die vielen fremden Geräusche in die Wirklichkeit der Dunkelheit zurück, doch meistens waren es nur die Mäuse, die hinter der Wand verstohlen am Gemüse knusperten. Doch jetzt bricht der junge Tag an und entfaltet seine Geräuschkulisse: ein Hahn kräht pragmatisch, eine Krähe krächzt heiser dazwischen, mehrere Tauben gurren geduldig dazu, und Myriaden anderer Vögel zwitschern munter durcheinander. Es ist die Symphonie des Sommers. Draußen ist es verschlafen, wolkenverhangen, früh. Unter dem Teppich der Vogelstimmen liegt die Stille des Morgens ausgebreitet, getragen vom geduldigen Rauschen der Baumwipfel. Die Zeit steht still. Einige Kirchenglocken bahnen sich zaghaft ihren Weg zu meinem Ohr; sie versuchen, den krähenden Hahn zu übertönen, schaffen es aber nicht. Die halb zugewachsenen Glasausschnitte in der Wand gestatten mir einen Blick in diese verwunschene, wilde Welt, in der das Licht hellgrün durch das dichte Blattwerk bricht und das erstarrte Feuerwerk des Rhododendrons in seiner ganzen purpurfarbenen Pracht zum Leuchten bringt.
Durch das weitgeöffnete Fenster strömen Gerüche hinein, vermischen sich zu einer Duftkomposition aus Blauregenblüten, nassen Gierschblättern, durchtränkter Erde und der Erinnerung an den kraftspendenden Regen von letzter Nacht. Alles ist das pure Leben. Die kühle Luft streichelt meine Haut und erinnert mich damit an meine physische Endlichkeit. Hier beginne ich, dort beginnt die Natur, dazwischen ist die Luft, die uns alle verbindet.
Behutsam nehme ich einen der gestern geernteten roten Rettiche, befreie ihn von der satten Erde, die klümpchenweise die Fruchtbarkeit des Ackers – seiner Heimat – erahnen lässt, und genieße die krachende Frische, als ich in die mystisch verschlungenen Wurzeln beiße. Die belebende Schärfe füllt meine Mundhöhle, kitzelt meine Zunge. Nie zuvor habe ich ein solches Gemüse gegessen. Die Intensität des Schmeckens überrascht mich, sie explodiert geradezu an meinen Geschmacksknospen. Radieschen sehen blass aus dagegen. Dankbarkeit erfüllt mich. Auch dieses kleine Erlebnis hat meinen Horizont ein Stück erweitert.
Ich kuschle mich zurück in den Kokon aus warmen Decken und lasse das wohligweiche Kissen sich um meinen Kopf bauschen wie eine zärtliche Liebkosung. In der Frühe des jungen Tages schließe ich die Augen, atme tief die reine Luft, spüre meinen Platz im Universum, hier und jetzt, und richte meinen Geist nach innen. Bist du glücklich? Ja.

Fr., 12.06.2015

Mein letzter Tag bei WIldwuchs. Ich bin traurig. Am liebsten würde ich bleiben, noch lange, sehr lange. Ich fühle mich hierhergehörend. Schon mehrmals habe ich vorgeschlagen, dass einer der Festangestellten einen Ausbilderschein macht und mich als Azubi einstellt. Aber das ist momentan wohl leider nicht abzusehen.

Und hinzu kommt noch, dass der Pool nicht wasserdicht ist und über Nacht wieder leergelaufen ist. Sehr enttäuschend.

Heute ist wieder die Brennnesseljauche dran und ich pflanze Lauchzwiebeln. Auf dem Acker helfe ich Rion und einem Schülerpraktikanten, ein Netz über ein Beet zu spannen und mit Sandsäcken zu beschweren, die Elli und ich zuvor befüllt haben. Rion fragt mich, ob ich nicht mit dem Trekker den Fenchel gießen könne, da ich ja schon Traktorfahren gelernt hätte.

Ich und Trekkerfahren! Na logo!
Ich und Trekkerfahren! Na logo!

Arrgh, wirklich, ernsthaft?, ist meine erste Reaktion schon wieder. Ich mit dem Ungetüm, mit tausend Liter Wasser hinten drauf, soll über die kleinen zarten Pflänzchen fahren? Ich bin doch erst einmal gefahren, aber nur auf der Straße! Was, wenn ich zu weit links oder rechts fahre? Wie geht das überhaupt mit dem Wassertank? Wieder brüllt es ängstlich in mir.

„Okay“, sage ich. Ich tuckere langsam mit dem Trekker durch die Fahrspuren auf dem Acker und wässere dabei den Fenchel. Alle Pflanzen bekommen ihren Schluck Wasser, keine einzige fällt meinen Fahrkünsten anheim. Ich bin so stolz auf mich! Ich kann Trekkerfahren!!! Und es macht solchen Spaß! Bald ist Feierabend.

Jäten - a neverending story
Jäten – a neverending story

Um aus meinem Aufenthalt eine Runde Sache zu machen wie bei einem guten Text, greife ich das Thema auf, mit dem mein Aufenthalt begann, und jäte nach drei Wochen erstmals wieder  die Zwiebeln. Es ist sonnig und heiß, und ich hätte heute schon früher Feierabend machen dürfen, um halb drei, aber ich bestehe darauf, die halbe Stunde noch auf dem Acker zu verbringen. Um Punkt 15 Uhr schiebe ich das Ackerfahrrad von der Levester Wiese und fahre zurück zum Hof. Mein letzter Arbeitstag ist zuende.

Rion hat eigentlich schon Feierabend, ist aber extra noch geblieben,  um mir die Sämaschine zu erklären, weil ich neulich erwähnte, dass mich das Teil interessieren würde. Dann verabschieden wir uns voneinander, nicht ohne Kontaktdaten auszutauschen. Auch wir waren beim Arbeiten immer ein super Team und er hat mir geduldig meine Flut an Fragen beantwortet. Sogar einige Borretsch-Samen bekam ich von ihm geschenkt, nachdem ich mal einen wunderschönen Borretschstrauch mit zartvioletten Blüten auf dem Acker bewundert habe.

Yeti Girls
Yeti Girls – merkste selber, ne?

Eine Stunde später bringe ich Elli zur Bushaltestelle, sie fährt wieder übers Wochenende zu ihrer Familie. Vorher machen wir einen Abstecher zur Tankstelle, sie will sich was zu trinken kaufen. Die Frau an der Kasse fragt uns, ob wir abends schon was vorhätten, denn sie hätte Konzerttickets zu verschenken. Solche Winke des Schicksals gefallen mir ja immer sehr. Ich finde immer, dass Chancen sofort ergriffen werden sollten, wenn sie sich einem bieten. Ich stelle fest, dass es sich bei besagter Band um Matula handelt und dass ich die schonmal live gesehen habe: Damals, 2004, als Vorband von Muff Potter, an dem Tag, als ich nach längerer Brieffreundschaft endlich meinen Kumpel Nagel persönlich kennelernte (herrje, wir kennen uns schon seit über zehn Jahren!?), und sie (also Matula) haben mir nicht sonderlich gut gefallen, das weiß ich noch. Aber trotzdem … aber dafür die beschwerliche Fahrt nach Hannover auf mich nehmen? Und nachts wieder zurück? Und morgens früh raus und den Fernbus erwischen? Ich zögere. Dann passe ich. Nächstes Mal, Schicksal!

Elli und ich verabschieden uns. Nicht ohne ein paar poserhafte Selfies von uns zu machen, versteht sich. Sie wohnt bald in Osnabrück, ich in Dortmund, da erscheint ein Wiedersehen doch allzu realistisch! Merkste selber?

So viele wunderliche Details ...
So viele wunderliche Details …

Anschließend packe ich meine Sachen zusammen, putze die Wohnung nochmal gründlich, sauge Staub und räume alles auf, dann fege ich zu guter Letzt die Hofeinfahrt, weil Meike neulich erwähnte, dass sie es toll fänd, wenn die irgendwann mal gefegt würde. Ein letztes Abschiedsgeschenk von mir sozusagen. Nach einem langen Arbeitstag hat dann auch Arne Feierabend und wir setzen uns noch kurz hin und quatschen eine Runde. Ich erzähle ihm, wie glücklich und akzeptiert ich mich hier gefühlt habe, und dass ich das mit der Ausbildung ernst meinte. Dann verabschiede ich mich auch von ihm, herzlich, wehleidig und etwas traurig, und bin wieder ganz allein auf dem Hof. Ich gehe über das ganze Grundstück, mache noch ein paar Fotos. Mir fällt auf, dass nach dieser kurzen Zeit schon überall Erinnerungen haften. Ich lasse den Abend ausklingen, indem ich das Buch vom Dalai Lama zuendelese.

Sa., 13.06.2015

Sieben Uhr morgens. Ich packe die restlichen Sachen zusammen: die beiden Flaschen Wildwuchs-Apfelsaft (ein Abschiedsgeschenk von Arne), drei Töpfe mit Kräutern (ein Abschiedsgeschenk von Meike), meinen ganzen Kram. Wuchte die Satteltaschen über den Gepäckträger. Dann geht es wieder im Schneckentempo auf dem Rennrad Richtung Hannover.

... die es hier zu entdecken gilt
… die es hier zu entdecken gilt

Mein Fernbus hat eine Stunde Verspätung, das Warten dauert ewig. Dann taucht er endlich auf, ich verstaue meine Satteltaschen und mein Fahrrad, nehme meinen Rucksack mit den Kräutertöpfen auf den Schoß und lasse mich drei Stunden nach Dortmund zurückfahren. Um 15:30 Uhr bin ich endlich zu Hause, wo mein David schon auf mich wartet. Ich bin so froh, endlich wieder bei ihm zu sein, auch weil ich gemerkt habe, wie sehr ich ihn vermisse, wenn ich ohne ihn bin, was ja heißt, dass er mir viel bedeutet, aber gleichzeitig bin ich auch traurig, dass diese wundervolle Erfahrung schon vorbei ist. Die letzten drei Wochen sind wie im Flug vergangen. Ich bin zutiefst dankbar dafür, dass ich diese Erfahrung gemacht habe und so großartige Menschen kennengelernt habe, die sich mit Herzblut und Engagement für eine gute Sache einsetzen und selbst zur Tat geschritten sind, um diese Welt ein kleines Stück zu einem besseren Ort zu machen! DANKE! Wir sehen uns bald wieder!

Danke für drei Wochen Glücklichsein!
Danke für drei Wochen Glücklichsein!

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