Geschichten aus dem Wandschrank #1

Buying clothes is an emotional labyrinth full of trap doors that lead to the worst you’ve ever felt about yourself.

Ezra Furman, „Transformer“

Winter. Es ist die schmerzhafte Zeit meines inneren Coming-outs. Die Zeit der Ungewissheit. Nichts ist in Stein gemeißelt, gar nichts. Was bin ich? Was war ich? Was schien ich zu sein? Ich weiß nur, dass ich neue Schuhe haben möchte: Herrenschuhe.
Ich bin mit einem Mann verheiratet, der mir zur Seite steht, der mich liebt und achtet und der möchte, dass ich glücklich und frei bin. Er bietet mir seine volle Unterstützung an. Wir gehen gemeinsam in ein Schuhgeschäft und lernen dort erstmals etwas, das wir in Zukunft noch öfter zu schätzen wissen werden: dass es uns beiden großen Spaß macht, zusammen in Herrenabteilungen einkaufen zu gehen – Kleidung für uns beide.
Nun finden wir uns also in dem nach Kunstleder stinkenden Schuhgeschäft wieder. Unsere Wege trennen sich in stillem Einvernehmen; auf eigene Faust stromert jede* von uns durch die Gänge aus Regalen, begehen wir auf leisen Sohlen den dünnen Teppich und betrachten die ausgestellten Waren, zu denen es uns hinzieht. Ich fühle mich so frei. Ich darf durch die Schuhabteilungen gehen, die mein Hirn sonst immer ausgeblendet hat. Businessschuhe, Halbschuhe, Slipper, Sneakers. Was hat mir verboten, dort hinzugehen? Ich nehme mir Zeit und schaue mir die mal edlen, mal billigen Zapaten an, die meine Seiten flankieren. All diese Schuhe darf ich mir aussuchen! Egal welche!
Dazu muss ich sagen, dass das Erwerben von Schuhwerk seit jeher ein lästiges und stressverursachendes Unterfangen war. Etwas, das ich immer vermieden habe, so gut es eben geht. Frau mit 28 Paar Schuhen? Pustekuchen; ich hatte immer nur das eine Paar universell einsetzbare Wanderschuhe, oder Doc Martens, beziehungsweise seit ich vegan lebe das tierquälereifreie Pendant von Vegetarian Shoes, und die Boots trug ich dann mehr oder weniger sommers wie winters, von dem gelegentlichen Paar Converse Chucks (beziehungsweise später dem ethisch-moralisch vertretbareren [no pun intended] veganen Pendant von Ethletics) einmal abgesehen. Schuhe kaufen habe ich schon immer geradezu gehasst. Schon immer. Sehr.
Und nun lustwandle ich hier in ungeahnter innerer Ruhe und Aufgewühltheit gleichermaßen zwischen Hunderten von Herrenschuhen umher und kann mir gerade nichts Tolleres vorstellen. Meine Freiheit fühlt sich entfesselt, nach außen getragen; die Lösung des fortwährenden inneren Konflikts projiziert auf diese dingliche Manifestation, die unverkennbar von der Außenwelt wahrgenommen werden wird und nur die Spitze des emotionalen Eisbergs darstellt, den ich seit Wochen abarbeite, nachdem ich ihn drei Jahrzehnte lang schultern und herumtragen musste: ich werde Männerschuhe anziehen.
Eine Glückseligkeit durchflutet mich, wie ich sie nicht zu beschreiben vermag. Ich bin glücklich, und frei, und gestehe mir ein, wie ich bin, und zeige es nach außen. Ich stoße zu David, der bei einem Paar Schuhe gestrandet ist und sich eben anschickt, sie anzuprobieren. Sie gefallen mir auf Anhieb. So ähnlich hatte ich mir die vorgestellt, die ich zu kaufen – oder eher zu tragen – beabsichtigt hatte. Kurzes Checken mit David, ob es wohl okay für ihn wäre, wenn wir diesbezüglich Partnerlook tragen würden? Dann suche ich mir Exemplare des Schuhmodells in Größe 40 heraus, bin freudig überrascht, dass es das gibt, und Rücken an Rücken sitzen wir auf dem zu kleinen quadratischen Schemel im Gang und probieren beide unsere Schuhe der Wahl an. Dies ist einer der glücklichsten Momente meines Lebens. Ich wage mich erstmals bewusst in aller Öffentlichkeit aus dem Schrank und bekomme den Rücken gestärkt vom wichtigsten Menschen in meinem Leben. Rücken an Rücken.
Plötzlich tritt eine Frau in den Gang. Sie macht einen Schritt auf mich zu. Ich schaue hoch. Sie steht nur da und starrt mich verblüfft an. Sie hat das gesehen: eine Frau zieht Männerschuhe an. Ich sehe das an ihr. Unsere Blicke treffen sich. Sie geht rückwärts wieder aus dem Gang heraus, als hätte ich sie ertappt, wie sie mich ertappt. Die Verwirrung strahlt aus jeder Richtung ihres Energiefeldes. Was sie sah, hat nicht zusammengepasst.
Was das mit mir machte, vermag ich nicht zu erklären. Etwas passiert in mir, und es ist furchtbar. Ein Unwohlsein reißt mich um. Wirft mich komplett aus der Bahn. Hastig ziehe ich meine schwarzen Damenstiefelchen wieder an, packe die Herrenschuhe in ihre Schachtel zurück, die ich halbherzig ins Regal zurückstopfe, sage kleinlaut nur „Ich warte draußen“ zu David, verlasse den Laden mit gesenktem Kopf und breche im Auto weinend zusammen.

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