Geschichten aus dem Wandschrank #5

Um 9:20 Uhr ist der Termin, den ich vor drei Wochen vereinbart habe. Der wichtigste Arzttermin meines Lebens. Ich bin unsicher, aufgeregt, flatterig. Weil es mir so verdammt wichtig ist!
Der Gesetzgeber bevormundet mich nämlich und entmachtet mich. Ich darf nicht allein bestimmen, welcher Geschlechtsidentität ich zugehörig bin. Dazu bin ich viel zu dumm. Das muss jemand anderes für mich entscheiden. Ich könnte ja sonstwas erzählen, irgendeinen Humbug. Dass ich mich für einen Mann halte. Oder für divers. Wo kämen wir denn da hin, wenn das jemand selbständig erkennen würde? Etwa zur Selbstbestimmung? Zur Gleichbehandlung? Der blanke Wahnsinn! Anarchie würde ausbrechen; Millionen und Abermillionen deutscher Bundesbürger würden, sich ihres eigenen Geschlechts bewusst und dieses frei auslebend, randalierend und brandschatzend durch die Straßen ziehen. Es wäre die schiere Apokalypse! Nein, da muss ein Attest her.
Deswegen müssen alle, die divers sind, erstmal brav zu irgendjemandem gehen. Dieser Irgendjemand schreibt auf einen Zettel, dass man divers ist. In nur einem Satz sogar. Mit dem Zettel mit dem einen Satz drauf geht man dann zum Standesamt, zeigt denen den Zettel und sagt, dass man auch offiziell als divers anerkannt sein möchte. Und wenn man Glück hat, tun die Leute beim Standesamt als ausführendes Organ das, was in diesem Fall vorgeschrieben ist, nämlich den Personenstand in den gewünschten Geschlechtseintrag – und im selben Zuge auch die Vornamen – zu ändern, weil in diesem Szenario alle Vorgaben erfüllt sind. Wenn man Pech hat, weigern sich die Leute beim Standesamt, weil ihnen persönlich irgendwas nicht passt und sie finden, die Voraussetzung für eine Änderung des Geschlechtseintrags seien nicht erfüllt. Zum Beispiel, weil nur ein Satz auf dem tollen, wichtigen Attest steht und sie gerne mehr wissen möchten. Oder weil die antragstellende Person ja gar nicht divers aussieht. Oder was auch immer. Wenn das Amt sich weigert, wird nicht etwa dem Amt von höherer Stelle gesagt, dass es doch bitte einfach nur seinen Job machen soll. Nein, es wird hin- und hergeklagt, bis der Bundesgerichtshof die bisherigen, sowieso schon diskriminierenden entmündigenden Regelungen sogar noch verschärft, sodass die Chancen für eine diverse Person, den richtigen Geschlechtseintrag nutzen zu dürfen, noch mehr sinken und gegen Null streben. Hauptsache ist, dass unsere wunderbare fortschrittliche Erste-Welt-Industrienation ganz offen ihre Aufgeschlossenheit und Toleranz für Vielfalt im 21. Jahrhundert zum Ausdruck bringt. Wir haben eine dritte Option beim Geschlecht! Total modern! Dass mehr und mehr Felsbrocken in den Weg geschmissen werden für diejenigen, die das in Anspruch nehmen möchten/müssen, wird der breiten Masse aus Versehen verschwiegen. Das wissen zumeist und en detail nur diejenigen, die sich an diesem Prozedere emotional aufreiben müssen.

Gleich ist es 9:20 Uhr, und ich habe einen Gesprächstermin bei einer Frauenärztin vereinbart. Um das Attest mit dem einen Satz darauf zu bekommen. Ich bin aufgeregt, gebe aber am Empfang brav alle meine persönlichsten Daten zu Protokoll. Dass ich keinen Impfpass mehr habe (wurde mir mal gestohlen) ist ein mittleres Desaster. Ohne mich jemals vorher gesehen zu haben, ohne mich und meinen Körper zu kennen und ohne zu wissen, was schon so alles aus der Hand medizinischem Fachpersonals durch Spritzen in meine Blutbahn gepumpt wurde, werden mir sofort vier Impfungen angeboten.
Ich schüttele unter meiner Regenbogenmaske entschieden den Kopf. Ich will keine Impfungen! Ich bin zu einem Gesprächstermin hier! Gleichzeitig bin ich erstaunt, wie freizügig Impfungen an irgendwelche dahergelaufenen Leute verteilt werden. Unglaublich.
Ich soll im Wartezimmer Platz nehmen. Das tue ich brav. Mittlerweile ist es sogar schon ein paar Minuten nach meinem Termin. Ich warte. Eine alte Dame starrt mich an. Wenn ich sie ansehe, sieht sie schnell weg. So wie damals, als ich Dreadlocks hatte. Jetzt habe ich einen beidseitigen, raspelkurz geschorenen Undercut.
Ich warte.
Ich warte.
Ich warte.
Ich drehe langsam ab vor Aufregung.
Ich warte.
Ich warte.
Ich verliere den Mut.
Ich warte.
Ich zwinge mich, zuversichtlich zu bleiben und nicht zu gehen.
Ich warte.
Ich warte.
Ich warte.
Die alte Dame wird aufgerufen.
Ich warte.
Ich warte.
Ich will heulen.
Ich warte.
Ich frage mich, ob das eine dumme Idee war, und zweifle mich selber an.
Aber ich warte weiter.
Ich werde aufgerufen mit „Frau Homann“.
Ha! Bald nicht mehr!, denke ich.
Ich werde in einen Raum geleitet.
Es ist viertel nach zehn.

In dem Raum befinden sich zwei Frauen. Die Frau hinter dem Scheibtisch bedeutet mir, mich auf einen Stuhl zu setzen. Die andere Frau sagt gar nichts. Ich bin irritiert. Zu einer fremden Person zu sprechen und ihr meine innere Verletzlichkeit zu offenbaren, ist an sich schon eine sehr schwierige Sache, aber hier sitzt plötzlich ein Gremium vor mir, das ich von etwas überzeugen soll, das ihnen höchstwahrscheinlich so noch nicht untergekommen ist. Die zweie Frau macht keine Anstalten, zu gehen.
Die Frau hinter dem Schreibtisch hält es nicht für notwendig, sich mir vorzustellen, auch scheint es überflüssig, ihre neue Patientin zu begrüßen oder gar Interesse an einem rudimentären Kennenlernsmalltalk zu zeigen. Nein, ohne Umschweife blafft sie mich in einem tadelnden Ton an: „So, und jetzt klären Sie mich mal auf, was sie hier überhaupt wollen! Sie wollten ja nur einen Gesprächstermin.“
Sofort werde ich klein. Klein, klein, klein, jung und eingeschüchtert. Ich habe ein Anliegen? Ich will etwas? Na und, wen interessiert das? Ich habe nichts zu wollen. Meine Bedürfnisse sind vollkommen wertlos und überflüssig. Vor allem, wenn es nur haltlose Behauptungen sind; dumme Ideen. Dumme Ideen, wegen denen ich andere Leute behellige und ihnen ihre Lebenszeit stehle. Ich bin klein, jung und komplett verschüchtert.

Alles, was ich tun kann, ist nervös auf den Boden zu sehen und nur Satzfragmente zu stammeln.
„Ein Attest … fürs Amt …“
Gleichzeitig hasse ich mich dafür. Dass ich in Stresssituationen sofort eingeschüchtert bin.
„Arbeitsamt?“, blafft es mir von vorne entgegen.
„Nein … Standesamt …“, und ich schaffe es, den Blick zu heben, erkenne, dass mein Gegenüber jetzt überhaupt nichts mehr rafft, und bevor wieder geblafft wird, erkläre ich in Windeseile die Basisfakten. Oder versuche es zumindest. Jedenfalls hebe ich zu sprechen an, werde aber sofort unterbrochen, weil die Gynäkologin kein Interesse hat, noch weiter ihre wertvolle Zeit mit mir zu verschwenden. Sie sei ja totaaal tolerant mit „diesem ganzen divers und so“, aber DAS müsse sie jetzt eindeutig ablehnen.

Ich bin ja eigentlich kein Rassist, aber … schießt mir als Analogie durch den Kopf. Sage ich das laut? Lieber nicht.

Ich bin noch nicht einmal dazu gekommen, mich zu erklären. Wie es um mich bestellt ist. Wie mein Seelenleben aussieht. Wie es biologisch um mich steht. Wie meine Hormonwerte aussehen. Geschweige denn hinzuzufügen, dass „das ganze divers und so“ zu Unrecht vom Gesetzgeber pathologisiert wird und nur ich, ich und nur ich allein, weiß, ob ich divers, weiblich oder männlich bin. Sie gibt mir keine Chance für das Gespräch, das für den weiteren Verlauf meines Lebens eine signifikante Rolle spielt. Das Gespräch, das all die Unfairness, die Einsamkeit, den Schmerz, die Tränen von 38 Jahren zumindest im Nachhinein ein wenig abmildern würde, dem ganzen Erlebten nach all der langen Zeit wenigstens einen Sinn geben würde – und vor allem: der Düsternis der Vergangenheit ein Ende setzen würde. Nur wenn dieses eine Gespräch im Hier und Jetzt Erfolg hätte, könnte ich mit einem Zettel von hier weggehen, auf dem nur ein einziger Satz steht und darunter die Unterschrift dieser Person. Und dann dürfte, könnte ich endlich ich sein. Ganz offiziell, ganz ohne Versteckspiel, ganz ohne falsche Anreden, falsche Bezeichnungen, falschen Namen, falsche Erwartungen anderer wäre mir endlich die Möglichkeit gegeben, mich selbst RICHTIG zu benennen und einfordern zu dürfen, von allen richtig angesprochen und bezeichnet zu werden. Ich dürfte endlich ich sein; mich als der Mensch zeigen, der ich bin, und als solcher wahrgenommen werden, ohne dass ich jedes Mal denke: Es werden falsche Wörter zu mir gesagt, aber ich muss auf diese Wörter hören. Das ist alles eine Lüge.

Aber mir bleibt die Chance verwehrt. Das Gespräch, welches die Lüge, in die ich hineingeboren wurde, beendet, findet nicht statt. Stattdessen werde ich ungebeten einer Belehrung ausgesetzt: „Das kann ich ja gar nicht, so ohne Befund! Nicht dass ich da was Falsches attestiere!“
Was Falsches. Wer bestimmt das nochmal? Wer bestimmt, ob es falsch oder richtig ist, dass ich divers bin? Die Frauenärztin? Meine Penislänge? Mein Brustumfang? Das Vorhandensein einer Vagina? Meine Hormonwerte? Und ab welchem Wert von welchem Hormon wäre ich dann divers? Wer oder was hat die allwissende Macht, zu sehen, ob es falsch oder richtig wäre zu bestätigen, was ich von mir seit Jahren weiß?

Ich habe sogar, gut vorbereitet, wie ich bin, ein Exemplar der offiziellen Definition von Intersexualität, herausgegeben im Jahr 2015 von der Bundesärztekammer, dabei, und ich falle sogar auch schulmedizinisch betrachtet in diese Definition. Aber da mir von der anderen Seite des Schreibtischs nur unverhohlene Aggression entgegenschlägt und mich das in diesen Zustand des Kleinseins versetzt, bin ich außerstande, auf den aufgedrückten Stempel der Pathologisierung von Divers-Sein angemessen zu reagieren. Aber ich habe noch einen Trumpf in der Tasche: Die Frau will also einen ärztlichen Befund?
„Ich habe den Befund dabei!“, sage ich triumphierend und fange schon an, in meiner Tasche zu kramen. Aber auch hier wird alles rigoros abgeschmettert. Nein, will sie nicht sehen. Ich solle zu der Ärztin gehen, die den Befund veranlasst hat.
Zu der wollte ich ja, aber die Praxis hatte Urlaub, und auf dem AB wurde auf diese Praxis hier verwiesen. Wieder werde ich unterbrochen.
Nein, das ginge trotzdem nicht. Ich solle doch bitte die „zwanzig Meter weiter“ zu der anderen Praxis gehen und warten, bis die wieder geöffnet hat.
Die durchgängig blaffende Frau hinter dem Schreibtisch hat jetzt innerlich komplett dichtgemacht und schlägt nur noch verbal um sich wie ein Kleinkind, das sich auf den Boden geworfen hat.
Dabei wollte ich eigentlich noch sagen, dass die andere Frauenärztin durch das Lesen des besagten Befundes (ausgestellt von der Endokrinologie und nicht von ihr selbst) genausoviel Wissen über mich hat wie die blaffende Frau, wenn sich jene dazu herablassen würde, meinen Befund zu lesen. Beide hätten dasselbe Wissen über mich. Zumindest im schulmedizinischen Sinn. Selbst wenn ich schon seit zwanzig Jahren (was nicht der Fall ist) zu der anderen Frauenärztin gehen und mir diese alle sechs Monate zwischen die Beine sehen würde, würde diese genausowenig über meine Geschlechtsidentität wissen wie der blaffende, geifernde Blob da hinterm Schreibtisch. Nämlich gar nichts. Rein gar nichts.
Dieses beschissene Attest könnte mir jeder ausstellen. Denn ob ich divers bin, kann jeder x-beliebige Mensch auf der Welt gleich gut beurteilen: Nämlich gar nicht.

Ich stehe auf. Der Blob scheint erleichtert und versucht sich in einem Tonfall, der wohl freundlich klingen soll.
„Tut mir ja leid, dass sie jetzt deswegen so lange gewartet haben.“
Während sie das faselt, bin ich schon fast zur Tür raus. „Ja, habe ich“, sage ich nur kurz angebunden ohne stehen zu bleiben. Habe ich. 38 Jahre sind eine lange Zeit.

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