Geschichten aus dem Wandschrank #6

Erinnerst Du Dich an Briefe in den 90ern? Auf den Adressetiketten stand über dem Namen, an den der Brief adressiert war, häufig die Auswahl der Anreden, aus der du dir dann gedanklich die passende aussuchen durftest, wenn der Brief bei dir angekommen ist:

„Herrn/Frau/Fräulein“

Vorstufe zur dritten Option? Mitnichten. In meinen Augen das krasse Gegenteil zu dem, wie es gerechterweise sein soll und wie es nun, 30 Jahre später, mit Babyschritten hoffentlich nach und nach umgesetzt wird und irgendwann – irgendwann – als Selbstverständlichkeit auch in den Köpfen aller Einzug hält. Aber bleiben wir zunächst ganz brav im binären System. Denn selbst da hakt es in unserem ach so progressiven Zeitalter immer noch an allen Ecken und Enden.

Damals wurde es dir noch bei jeder sich bietenden Gelegenheit in die Fresse geknallt: Entweder bist du ein Mann, oder eine Frau, oder ein „Och, wos büst duuu denn süßes Kleines? Ein kleines Fräulein! Ja, büst du ein niiiedliches kleines Fräulein!?! Hei tei tei tei tei! Kannst du schon spechen? Sag mal Pa-tri-ar-chat!“

Das Diminutiv „Fräulein“ war aber auch die Bezeichnung für eine erwachsene unverheiratete Frau. Homosexualität befand sich in grauer Vorzeit (den 90ern) ausschließlich an den Rändern der Wahrnehmung der breiten Masse, also war davon auszugehen, dass Männer im Regelfall Frauen heirateten. Tja, und wenn dies noch nicht geschehen und die Frau ohne die „bessere Hälfte“ noch unvollständig war, dann wurde der Status einer Frau eben sprachlich zum „Fräulein“ herabgewürdigt.

Und wenn jemand männlichen Geschlechts war? Naja, dann war er natürlich ein Mann. Beziehungsweise, anredemäßig ein „Herr“. Kein „Herrlein“ oder „Männlein“. Nein. Ein „Herr“. Immer.

Mann. Frau. Und nicht als vollwertig erachtete junge und/oder unverheiratete Person weiblichen Geschlechts. Alle Möglichkeiten als Anrede auf dem Brief von der Bank deines Vertrauens.

Your choice. Ach nee, das entscheidet ja die Gesellschaft für mich in stillschweigendem Einvernehmen mit sich selbst.

Als ich 19 war, hatte ich bereits seit Jahren nicht mehr wirklich in dem Haus meiner Eltern gelebt. Ich hatte bei anderen Leuten, bei denen ich temporär gelebt hatte, jahrelang den Haushalt gemanagt, konnte einkaufen und halbwegs selber Essen kochen, konnte bereits etliche Erfahrungen in verschiedenen Gelegenheitsjobs vorweisen, machte Erfahrungen in festen und weniger festen Liebesbeziehungen, hatte gerade die erste eigene Wohnung bezogen, möglichst weit weg von dort, wo ich aufwachsen musste, und kam über die Runden. War also kurzum ein jüngerer Mensch, zwar noch ohne großartige Lebenserfahrung, aber schon längst ins Erwachsenenleben gestartet. Eines Tages hatte ich ein Vorstellungsgespräch für einen Ausbildungsplatz. Der Ausbilder und Inhaber war ein älterer Mann, der noch nach den Regeln einer noch älteren Schule praktizierte: Er erklärte mir sofort, dass er, sollte er mich denn einstellen, mich ausschließlich mit Vornamen anreden und siezen würde. Ich hingegen hätte ihn mit „Herr …“ anzureden und natürlich zu siezen. Obwohl wir beide volljährig waren. Ach ja, und im Schriftverkehr würde er sich auf mich übrigens mit „Fräulein …“ beziehen. Denn, so versicherte er mir, es sei seiner Meinung nach ein Unding, „so ein junges Mädchen als Frau zu bezeichnen!“

Was tat ich damals? Ich war jung, schüchtern, hatte null Selbstbewusstsein, wollte einen Ausbildungsplatz, um unabhängiger zu werden, und der Erwachsene hatte mir eben erklärt, was ein Unding sei und was nicht. Was tat ich also? Schüchtern lächeln und nicken. Ja, natürlich bin ich ein Fräulein. Ein kleines Frauchen. So ein Arschloch.

Was also wäre gerecht auf der (binären) Gedankenebene, auf der wir uns gerade befinden? Zwei Vorschläge:

1.) Erwachsene, verheiratete Männer werden mit „Herr“ angesprochen. Erwachsene, verheiratete Frauen werden mit „Frau“ angesprochen. Unverheiratete und/oder junge Männer werden mit „Männlein“ angesprochen. Unverheiratete und/oder junge Frauen werden mit „Fräulein“ angesprochen.

oder:

2.) Menschen weiblichen Geschlechts werden als „Frau“ angesprochen. Menschen männlichen Geschlechts werden als „Herr“ angesprochen.

Hey, gute Nachrichten: Jetzt, 30 Jahre in der Zukunft, sind wir schon bei Möglichkeit 2 abgelangt! Sie wird im Alltag so praktiziert! Hurra! Wie gerecht wir doch sind!

Leider gibt es da noch einen Haken.

„Herr“ und „Frau“? Das passt doch gar nicht zusammen. Das weibliche Äquivalent zum „Herren“ ist doch bekanntermaßen die „Dame“! Das binäre Äquivalent zu „Frau“ hingegen ist „Mann“. Na sowas? Haben sich die Herren der Schöpfung da etwa weiterhin über das schwache Geschlecht gestellt? Uups. Wie konnte das denn passieren. War nicht so gemeint.

Korrekterweise lautet die Anrede also entweder

1.) „Herr“ und „Dame“ (z.B. „An Herrn Müller und Dame Meyer“)

oder aber

2.) „Mann“ und „Frau“ (z.B. „An Mann Müller und Frau Meyer“).

Dann würde zumindest im fiktiven binär empfundenen Geschlechtersystem sprachliche Gleichberechtigung herrschen. Als Anrede im gesprochenen oder geschriebenen Fließtext funktioniert das doch auch:

„Sehr geehrte Damen und Herren, …“

Erst hier würde das andernorts selbstverständliche Ungleichgewicht der Wertschätzung negativ auffallen, nämlich wenn es hieße:

„Sehr geehrte Frauen und Herren, …“

oder

„Sehr geehrte Damen und Männer, …“

Auch mit unserer Alltagssprache sind wir also weit, weit von der Gleichbehandlung entfernt. Wie es mit der Anrede nichtbinärer Personen aussieht, die weder „Herr“ noch „Dame“ sind, steht auf einem anderen Blatt. Auf welchem? Auf gar keinem. Es gibt nämlich keine Anrede für nichtbinäre Personen. Die deutsche Sprache hielt es bislang noch nicht für nötig, eine gemeinhin anerkannte und akzeptierte Anrede für nichtbinäre Personen zu etablieren.

Soviel zur gelebten und erlebten Gleichberechtigung der Menschen aller Geschlechter.

Übrigens bekam ich damals den Ausbildungsplatz bei dem überalterten Mann mit den seltsamen Ansichten. Habe aber abgelehnt.

Wenn Selbstverständliches für erwähnenswert gehalten wird, muss die Gesellschaft noch viel lernen, bis sie wirklich im 21. Jahrhundert angekommen ist …
(Quelle: https://www.duden.de/rechtschreibung/Fraeulein; Screenshot: 19.05.20)

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