Geschichten aus dem Wandschrank #7

Ich bin ungefähr 13 und gehe auf dem Bürgersteig die Straße entlang, in der ich wohne. Es kommt mir eine Mutter mit einem Kleinkind entgegen. Das Kind zeigt mit dem Finger auf mich und ruft „Fau!“


„Ja“, sagt die Mutter, oberflächlich betrachtet zu ihrem Sprössling, aber eigentlich primär, um mir zu erklären, weshalb ihr Gör mich allen höflichen Umgangsformen zum Trotz, da noch nicht kognitiv dazu in der Lage, so schamlos betitelt und mich ungefragt in den Mittelpunkt des Interesses rückt, sodass der Situation damit auf freundliche Art und Weise die Schärfe genommen werden soll, ist uns beiden, deren Lebensalter sich im zweistelligen Bereich ansiedelt, doch bewusst, dass es sich nicht gehört, was da gerade passiert ist, und fügt bestätigend hinzu: „Das ist eine Frau.“


Mit dem Pokerface, das ich sowieso schon von Haus aus 24/7 mit mir herumtrage, um mich vor dem feindlichen Lebensraum zu schützen, gehe ich ungeachtet meiner Involviertheit in diesen Dialog einfach weiter, aber in mir brodelt ein Hass auf, der mich innerlich zerfrisst.


Tusse„, denke ich wütend und brülle es in meinem Kopf gegen mich selbst, „ich bin eine beschissene scheiß verdammte Tusse!“


Mein Pokerface hingegen bleibt kalt und teilnahmslos; wie immer, wenn ich den Blicken der Außenwelt ungeschützt ausgesetzt sein muss, und ich gehe weiter den Bürgersteig entlang.


Die überbordenden Emotionen überwältigen mich so stark, dass ich sie nicht zu analysieren vermag, und so präsent bleibt mir jene Situation aus längst vergangenen Tagen, dass ich sie bis zum heutigen Tag in meinem Gedächtnis verwahrt habe und bei ihrer Rekapitulation noch immer die aufzehrenden Gefühle ohne einen Jota Abmilderung abzurufen vermag. Ich weiß nur eines: dieser unerträgliche Hass in mir drin richtet sich gegen mich selbst. Gegen das, was mir auferzwungen wurde. Gegen das, was ich bald sein werde. Gegen das, was ich sein muss. Gegen das, was von mir erwartet wird, bald zu sein. Gegen meine Hilflosigkeit, es nicht ändern zu können. Gegen die unfaire Tatsache, kein Mitspracherecht gehabt zu haben bei der Bestimmung dessen, was ich bin, sein werde, zu sein habe. Gegen mein Unvermögen, dieser Rolle gerecht werden zu können. Gegen die Erwartungen, die alle an mich richten. Gegen die einvernehmliche Meinung aller, die nicht ich sind, ohne Widerrede über meinen Kopf hinweg zu bestimmen, was ich bin, und alle stimmen zu. Gegen die Entmachtung, der ich dadurch ausgesetzt bin. Gegen die Wertlosigkeit meines eigenen Empfindens, nach dem ich noch nie gefragt wurde. Gegen die Opferrolle, in die ich dadurch abgedrängt werde. Gegen all die verletzenden, schwächenden, kräftezehrenden, diskriminierenden, ausgrenzenden, vereinsamenden Auswirkungen, die diese Diskrepanz tagtäglich mit sich bringt, deren Zusammenhänge mir aber erst zweieinhalb Jahrzehnte später klar werden sollen.

All das vermag ich damals, mit 13 Jahren, nicht in Worte zu fassen. Ich spüre nur diese Welle aus Hass, die ich nicht erklären kann, mit der ich aber in dieser feindlichen Welt alleine klarkommen muss.


Frau. Ja. Das ist eine Frau.
Sagt wer?

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