Geschichten aus dem Wandschrank #8

1994. Ich bin 12 Jahre alt und bin auf dem Schulweg. Ob ich zur Schule hin- oder von ihr weggegangen bin, weiß ich nicht mehr. Aber ich bin auf meinem Schulweg und brüte vor mich hin, so wie immer. Ich denke nach und fühle in mich hinein. So wie immer. Was den initialen Gedanken für das, was mir an jenem Tag bewusst wird, auslöst, weiß ich heute nicht mehr, aber ich erinnere mich an die Gewissheit, die mein Bewusstsein damals mit einem Schlag trifft: Ich will gar kein Mädchen sein. Ich will eigentlich lieber ein Junge sein.
So in etwa formuliert es mein kindliches Bewusstsein damals.

Ich erinnere mich so gut, als sei es gerade erst geschehen, dass sofort nach dieser Erkenntnis ein erbitterter innerer Monolog entsteht – oder vielmehr ein Dialog, streiten sich doch zwei verhärtete Fronten in mir und versuchen beide, die Ansichten der jeweils anderen Partei auszulöschen:

Auf der einen Seite die Reinheit der gefühlsgeleiteten Seele, die mit ihrem puren Urvertrauen in sich selbst immer und mit einer unerschütterlichen Genauigkeit weiß, was ihr – und somit auch dir – am besten tut, und die ihre Wünsche und Bedürfnisse als dein Sprachrohr für dich selbst stets auf sanfte, liebevolle Art und Weise äußert.

Auf der anderen Seite die stets ängstliche, weinerliche Rationalität, die sich mit ihrer aufdringlichen und skeptischen Stimme in deinem Kopf bisweilen herablassend aufplustert, um ihre ihr innewohnende Unsicherheit zu verbergen und sich mit Nachdruck Beachtung zu verschaffen.

„Du möchtest viel lieber ein Junge sein“, sagt die Seele also ganz sanft und verständnisvoll zu mir, und ich höre ihr dankbar zu. Sie versteht mich und bringt auf den Punkt, was ich fühle.

„Aber das geht nicht!“, schreit der Geist sofort lauthals zurück, „Du hast nämlich vor Kurzem angefangen, dich für Jungs zu interessieren!“

Das ist wahr.

„Dann bin ich eben ein schwuler Junge“, entgegnet meine Seele ruhig und diplomatisch.

„Das ist Blödsinn! Wenn du eh schon ein Mädchen bist, und auf Jungs stehst, kannst du doch gleich ein Mädchen bleiben“, brüllt der Geist aggressiv in meinem Kopf.

Das überzeugt mein zwölfjähriges, einsames, verunsichertes, fragiles und verstörtes Ich letztlich. Wie bescheuert, ein Junge sein zu wollen, obwohl man weiß, dass man auf Jungs steht! So zumindest war meine Meinung; damals in den mittelalterlichen 90er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Ich wusste zwar, dass es Schwule gibt. Komischerweise dachte ich aus irgendeinem Grund, Schwule würden sich per se immer schminken und äußerst feminin geben. Im Umkehrschluss bedeutete das für mein Verständnis, dass Schwule doch eigentlich lieber Frauen sein wollen. Sodass dann letzten Endes alles seine Richtigkeit hat, wenn sie sich in Männer verlieben. Abgesehen davon war es absolut undenkbar, dass es außer Jungs und Mädchen noch Menschen mit anderen Geschlechtern geben könnte. Ich wusste zwar von „Zwittern“, aber die zählten nicht. Die waren nichts Eigenes und so abstrus, dass ich lieber niemals über sie nachdenken mochte.

Zwei Geschlechter. Das eine liebt das andere. So und nicht anders hatte es seine Richtigkeit.

Ungefähr so funktionierte die einfältige, unerfahrene, unkritische, oberflächliche Logik eines zwölfjährigen Kleinstadtkindes aus Garbage Small Town Rat Trap damals in den 90ern.

Sexuelle Orientierung und Geschlechtsidentität waren in meinem Denken fest aneinandergekoppelt. Dass ich das damals dachte, wurde mir erst vor wenigen Monaten bewusst.
Dass beides unabhängig voneinander existiert, sollte mir seit diesem schicksalhaften Tag im Jahr 1994, als ich zum ersten Mal an meiner mir seit der Geburt zugewiesenen Geschlechtsidentität zweifelte, noch für viele Jahre verborgen bleiben.

Der gedankliche Dialog zwischen meinem verängstigten Geist und meiner erleichterten Seele, welcher sich an jenem Tag auf dem Schulweg abspielte, ist mir seitdem hingegen sehr präsent in Erinnerung geblieben und ich habe im Laufe der Jahre sehr oft an diese Situation denken müssen. Denn seit jenem Tag kamen immer und immer und immer wieder Situationen auf, in denen sich der zentrale Gedanke immer und immer wieder in den Vordergrund schob.
Stets präsent, nie zu leugnen, schlecht zu unterdrücken und absolut nicht zu verstehen.
Etwas, über das ich lieber nicht weiter nachdachte.
Etwas, dem man keine Bedeutung beizumessen hatte.
Etwas, das nur meiner Meinung nach so war, was in meinen Augen gleichbedeutend war mit unbedeutend.
Etwas, das nie jemand Außenstehendes in mir entdeckte, was in meinen Augen hieß, dass alle anderen richtig lagen und ich mir nur etwas einbildete.
Etwas, mit dem ich seit meinem zwölften Lebensjahr leben, womit ich mich seitdem irgendwie arrangieren musste. Am besten, ohne es allzu sehr in mein Bewusstsein zu lassen. Oder es gar tiefgründig und zeitintensiv aufzuarbeiten. Am besten ganz verdrängen. Was nie klappte. 25 Jahre lang. Und dann kam Ezra.

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