Getting to know … Darmstadt

Tag 0 (19.08.21)

Schon vor vielen Wochen hat mich Janina, meine beste Freundin, zu ihrem Geburtstag eingeladen. Wir müssen uns mal wieder sehen. Nach Corona, nach ihrem Umzug ins neue Haus, nach allem, nach fünf Jahren, und überhaupt. Wir müssen uns dringend mal wieder sehen.

Was als fixe Idee startet („Kannst du nicht mal vorbeikommen?“) nimmt mit der Zeit immer konkretere Formen an, die sich mal hier hin, mal dorthin verbiegen, und schließlich ausarten: eine Geburtstagsparty an ihrem Geburtstag, mit mir als special guest, und mein Geschenk an sie: Ich helfe bei den Vorbereitungen, weil ich doch genau weiß, dass sie dafür eigentlich überhaupt keine Zeit hat. Also biete ich ihr an, meinen nächsten Road Trip nach Schleswig-Holstein zu verlegen, wo sie wohnt, und in der Woche vom 23. bis zum 29. August mit meinem Auto um Kiel herum zu residieren und bei Bedarf meine Dienste als Helfer anzubieten, für alles, was im Vorfeld eben so anfällt, wenn eins eine Party gibt: Einkaufen. Garten aufhübschen. Essen vorbereiten. Da sein. Zuhören. Reden. Zeit verplempern.

Und weil ein Road Trip ja auch möglichst viel on the road stattfinden sollte und es ja langweilig wäre, lediglich von meiner Homebase in Sachsen-Anhalt zu Janinas Homebase in Schleswig-Holstein zu fahren, werde ich einen winzigen Umweg machen. Über Südhessen. Denn passenderweise erreichte mich ebenfalls schon vor einigen Wochen die Nachricht, dass eine meiner Lieblingsbands, Pornophonique, am 21.08. in der Nähe von Darmstadt einen Auftritt haben. Umgehend reservierte ich mir ein Ticket für das Event. Support your heroes! So nimmt meine Reiseplanung mehr und mehr Gestalt an: Freitagabend losfahren nach Hessen, Samstagabend Konzert, Sonntagmorgen losfahren nach Kiel. Ein paar Tage vor dem Start schreibe ich den beiden Pornoboys Felix und Kai noch, dass sie an ihrem großen Tag mit mir rechnen können und ob wir uns dann noch sehen. Und ach ja, dass ich überlege, mir bei der Gelegenheit noch Darmstadt anzusehen. Da war ich nämlich noch nie.

Wieder ein paar Tage später, ich cruise gerade während eines vollgepackten spontanan Wochenendtrips durch Brandenburg, schneit die Antwortmail von Kai in mein Handy hinein und macht einen sowieso schon großartigen Tag noch perfekter. Freu und les: Kai gibt mir einen Schwung Sightseeingtips. Ich hatte eh schon darüber nachgedacht, einen Tag früher nach Hessen loszufahren, den Trip damit etwas zu entstressen und -zerren. Nun beschließe ich: Jap. Ich fahre schon am Donnerstagabend los, verbringe den Freitag in Darmstadt, den halben Samstag auch, und dann abends Konzert und Meet & Greet und so. Und Sonntag dann weiter nach Norden.

Am Donnerstag ist es also mal wieder soweit. Das Auto ist saubergesaugt, ordentlich eingeräumt, Luftdruck geprüft, Öl und Kühlflüssigkeit auch, also kann‘s losgehen. Auf den letzten Drücker suche ich noch heraus, wohin ich eigentlich genau fahren will. Welche Parkmöglichkeiten gibt es, an denen es sich auch gut übernachten lässt? Auf der Karte finde ich einen nettaussehenden Waldfriedhof am westlichen Stadtrand von Darmstadt. Perfekt. Den nehm ich. David sieht sich meinen auserwählten Destination Point an und sagt: „Da haben wir schonmal gestanden.“

Ich bin etwas perplex, denn ich war davon ausgegangen, noch nie in Darmstadt gewesen zu sein. Jetzt stellt sich raus: Falsch, denn letztes Jahr, als wir zum Pornophonique-Konzert nach Pfungstadt gefahren sind, haben wir tagsüber an eben diesem Waldfriedhof kurz Rast gemacht und sind da rumgelaufen. Als mein Finkus mir beschreibt, wie es dort aussieht, erinnere ich mich auch wieder an den Ort. Hätte aber nicht sagen können, in welcher Stadt das gewesen ist. So fahre ich also los und weiß, dass es da, wo ich hinfahre, schön ist. Auch mal ganz gut.

Am Donnerstagnachmittag geht es schließlich los. Dreieinhalb Stunden Fahrt, Ankunft irgendwann nach 20 Uhr. Muss noch tanken. Mein Auto-USB-Stick hat einen großen Schwung zusätzlicher Musik bekommen: 104 MP3s von Tocotronic. Glücklich höre ich die Lieder, die ich seit etlichen Jahren nicht mehr gehört habe. Das ist manchmal sehr emotional für mich, denn diese Band liebe ich seit meinem 13. Lebensjahr und ihre Musik hat mich seitdem durch viele Stationen meines Lebens begleitet. Teilweise bin ich verblüfft, dass mir die Existenz mancher Songs gar nicht mehr präsent war und ich seit vielen Jahren nicht an sie gedacht habe! Zum Beispiel Ein Abend im Rotary Club. Wie konnte ich Ein Abend im Rotary Club vergessen? Wie??? Dabei habe ich dieses Lied doch Ende 2005 wochenlang hoch- und runtergehört, andauernd, kurz nachdem ich auf der exklusiven Releaseparty für das neue Album von Muff Potter in Münster gewesen bin, zu der die Band mich damals eingeladen hat. Einer der geilsten Abende meines Lebens. Und die Lyrics von Rotary Club passten danach so gut, sooo gut, wie die Faust aufs Auge. Wie Arsch auf Eimer. Das war übrigens auch der Abend, an dem ich zum ersten Mal in meinem Leben die Originalversion von Where is My Mind von den Pixies gehört habe. Im fast leeren Hawerkamp, dieser alten Industriebrache, auf volle Lautstärke, schon ziemlich angetrunken von Alkohol, Erlebnissen und Gefühlen, irgendwann morgens zwischen fünf und sieben. Das war ein Abend. Ein Abend im Rotary Club half mir danach, die Vorgänge genau zu verstehen. Und den Song habe ich einfach vergessen? Wie konnte ich nur?! Jetzt sitze ich im Auto, brause auf der Autobahn Richtung Hessen und schlürfe den Song auf wie ein verdursteter Schwamm. Ein Musikschwamm. Kennst du das Gefühl? Wenn du ein richtig, richtig, richtig geiles Lied seit Ewigkeiten nicht gehört hast und dann hörst du es und denkst nur: Jaaaa, verdammt, jaaaaa! Ungefähr so verlaufen die ersten zwei Drittel meiner Fahrt.

Dann bekomme ich Panikattacken, als ich mir beim Spurwechsel einrede, dass alle vier Räder jetzt gerade geeiert sind und voll wobbly herumdängeln und die sich gleich alle bei 130 km/h vom Auto lösen, weil mir siedenheiß einfällt, dass ich seit bestimmt zwei Jahren nicht die Schrauben an den Rädern nachgezogen habe. Noch nie eigentlich, um genau zu sein. Fieberhaft überlege ich, was ich jetzt machen soll. Werkstatt. Parkplatz. Weiterfahren. Finkus anrufen und fragen, ob er mal die Schrauben nachgezogen hat. Ich entscheide mich fürs Weiterfahren. Die eine Stunde schafft Schmendrick bestimmt auch noch. Und dann sehe ich weiter. Zum Runterkommen mache ich Musik an, bei der ich nicht von jedem Song extrem begeistert bin, ihn gerade zu hören: Ich habe mir einen Batzen eels-Alben auf den Stick gepackt, die ich alle noch nicht kenne. Langsam entspanne ich mich wieder und merke, dass ich mich einfach total in die Panik reingesteigert hatte.

Es ist schon relativ spät, als ich nach Darmstadt reinfahre, und es dunkelt bereits. Wenn es dunkelt und ich noch unterwegs bin, schmeißt das immer meinen Survivalinstinkt an: Schlafplatz finden! Schnell! Bald erreiche ich dann auch den Waldfriedhof mit seinem pompösen Vorplatz. Zum Glück hat David mir gesagt, dass ich hier schon einmal gewesen bin, sonst wäre mein Geist wahrscheinlich voll ausgefreakt.

Auf dem kleinen Parkplatz steht bereits ein Campervan; ich stelle mich in gebührendem Abstand dazu und verklebe sofort meine ganzen Fenster. Bin ziemlich k.o. Trotzdem schaffe ich es noch zu socializen: Finkus anrufen und sagen, dass ich gut angekommen bin (und fragen, wann zuletzt die Schrauben an den Autorädern nachgezogen wurden – seine Antwort: „Keine Ahnung, kann mich nicht dran erinnern.“). Sprachnachricht an Janina schnattern und abschicken. Eine weitere Sprachnachricht an meinen Kumpel Stefan schicken, von dem ich seit einem Jahr nichts gehört habe und dem ich unbedingt erzählen will, dass ich letzte Nacht geträumt habe, ich hätte ihn zu einer Party eingeladen. Als das alles erledigt ist, kann ich mich endlich ins Auto verziehen und beruhigt schlafen gehen. Inzwischen hat sich die Dunkelheit komplett herabgesenkt.

Tag 1 (20.08.21)

Der Tag startet gut. Ich träumte, ich sei ein Fasan, der einen 15 Jahre alten Blindenhund zerfleischt. Ja, ich ihn, nicht er mich. Ich bitte um Traumdeutungen und Erklärungsansätze!

Noch gemütlich im Bett liegend ziehe ich mein Handy hervor und lese nochmal, welche Points of Interest mir Kai empfohlen hat. Auf der Karte markiere ich mir alles und schaue, wie ich das mache und alles unter einen Hut bekomme. Denn eigentlich klingt alles voll interessant! Hinzu kommt, dass auch das Internet keine nennenswerten weiteren Tipps für Darmstadt auf Lager hat. Aber erstmal starte ich ganz relaxt in den Morgen: ein paar Äpfel und Physalis essen, dann packe ich meine Hanteln aus und mache mein Krafttraining und höre dabei Bum Leg von Joe Pernice. Zu Satellite of Love von Lou Reed putze ich mir die Zähne und dann fahre ich zu einem Parkplatz, welcher sich näher an der Innenstadt befindet.

Allerdings ist der rappelvoll. Komplett vollgeschissen, wie es so schön heißt. Auch alle Straßen drumherum. Doch das Universum schenkt mir einen Parkplatz, denn direkt vor mir steigt wer ins Auto ein und fährt weg. Tack så mycket, Universum! Von hier aus kann ich bequem dahin latschen, wo ich ich hinwill: Marienhöhe, ein schmuckes Stadtviertel, das gerade zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Aber natürlich drifte ich wieder irgendwie ab, bevor ich mein Ziel erreiche, und merke, dass ich stattdessen gleich in der Innenstadt bin, was auch gut ist, da ich Hunger habe. In der Happy-Cow-App entdecke ich eine rein vegane Bäckerei. Woah! Sofort hin und binge-shopping betrieben. Glückselig mampfe ich zwei Croissants, ein Stück Haselnusskuchen und danach „eine schöne Scheibe Brot“, die mir die Verkäuferin zusätzlich geschenkt hat. Schmeckt alles ausgezeichnet. Die Bäckerei sucht jemanden für den Verkauf. Würde ich mich entscheiden hierzubleiben, könnte ich hier arbeiten.

Ich lasse mich durch die Innenstadt treiben. Kai hatte Recht, sie ist wirklich hässlich. Eine Innenstadt eben, nichts Besonderes. Eigentlich will ich nichts kaufen, aber dann entdecke ich dieses verdammt gutaussehende Paisley-Shirt, das es sogar in meiner Größe (XS) gibt, was immer so eine Glücksache ist, und das kann ich da einfach nicht hängenlassen und muss es mitnehmen. Schon krass, wie sich mein Verhältnis zum Klamottenkaufen nach meinem Outing geändert hat. Von meiner Selbstwahrnehmung ganz zu schweigen. Ich muss mich noch an mich selber gewöhnen. Dass kein Schaufenster, kein Spiegel vor mir sicher ist, und ich denke: Siehst gut aus, dude, echt! Gut siehst du aus! Zum ersten Mal in meinem Leben denke ich das von mir. Keine hasserfüllten Blicke mehr in den Spiegel, kein vernichtendes Urteil über mein Äußeres, kein Wunsch nach Unsichtbarkeit, kein Verfluchen von Gott/Discordia für die Missgeburt, die Sie erschaffen hat. Nein. Jag tycker om mig. Come on Baby, like my style! Ich und alle anderen haben mich aufgrund meines Körpers früher bloß falsch interpretiert; kein Wunder, dass das nicht hinhauen kann. Ich wollte mir noch ein T-Shirt drucken lassen: WYSINWYG. What you see is not what you get.

Nach dem Abgrasen der Innenstadt möchte ich dahin, wohin ich eigentlich vorher schon wollte. Marienhöhe. Zu Fuß gehe ich da hin, an der TU vorbei, und finde mich plötzlich im Platanenhain wieder. Ganz bezaubernd! Der Platanenhain könnte sich auch in irgendeiner spanischen Stadt befinden. Zumindest habe ich bis jetzt nur dort solche Plätze mit Bäumen gesehen. Ich vermisse Spanien. Aber das hier ist ein gutes Trostpflaster. Laut Google Maps soll sich hier im Hain der „offizielle Selfiespot Marienhöhe“ befinden. Verwirrt peile ich zwischen den Bäumen umher. Finde aber nix. Keine Ahnung. Lieber sauge ich Atmosphäre auf: den warmen Sommertag, der sandige Platz, die rauschenden Platanen mit ihrer glatten Camouflagerinde, nebenan wird eine große Bühne aufgebaut und Musik getestet, und ich bin da und ich bin am Leben! Wie schön ist es, am Leben zu sein! Wie schön ist es, im Hier und Jetzt zu sein! Wie schön ist es, genau jetzt genau hier zu sein!

Ich laufe weiter und entdecke den Hochzeitsturm, den Kai in seiner Mail als Fünffingerturm bezeichnet hat. Jetzt weiß ich auch, warum. Ich hätte ihn Fuck-you-Turm genannt.

Und ich freue mich auch, dass Kai mir gesteckt hat, dass eins in den Turm reingehen und ganz nach oben steigen kann. Hätte ich das nicht gewusst, wäre ich da nämlich ehrlich gesagt nicht drauf gekommen, hätte den Turm nur fotografiert und wäre weitergelaufen. Aber dank dieses Pro-Tipps eines Eingeborenen halte ich schnurstraks auf den Eingang zu, entrichte drei Euro Reingehgebühr und erklimme die sich rundum nach oben windenden Treppenstufen des Hochzeitsturms. Die Aussicht ist wirklich fantastisch.

Wieder auf Mutter Erde angekommen, schaue ich mir die prächtige russisch-orthodoxe Kirche direkt nebenan von außen und innen an. Sehr kitschig, sehr beeindruckend.

Die nächste Station meiner Sightseeingtour lässt nicht lange auf sich warten: Bei Google Maps ist ein Vortex-Garten eingezeichnet und ich möchte wissen, was das ist. Wahrscheinlich hat es nicht mit den Vortex-Windkraftanlagen zu tun, von denen ich mir gerne welche aufs Grundstück stellen würde. Hat es nicht. Warum er sich Vortex nennt, weiß ich nicht, aber der Garten ist absolut sehenswert! Es handelt sich hierbei um einen privaten Garten rund um ein Wohnhaus, welcher aber für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht ist und der Inspiration dienen soll. Und wie er inspiriert! Verwunschene Pfade schlängeln sich durch eine Wildnis mit vielen wundersamen und hübschen Elementen: ein Pavillon mit Glassternmandala, Skulpturen, Wasserspiele. Ich knipse natürlich viele Fotos, kann es mir aber auch nicht nehmen lassen, ein Video zu machen.

Nach dem Besuch im Garten schlendere ich weiter. Möchte mehr Grün. Schon komisch, denke ich, dass ich mir eine Stadt ansehen will und dann die urbanen grünen Inseln mit Natur suche und dahin gehe. Ich lande im Woog, aber da ist es langweilig. Weshalb ich dort gelandet bin, offenbart sich mir aber bald: ein Plakat verkündet, dass morgen in Darmstadt der CSD stattfindet! Wie genial ist das denn?! Als ich in München war, habe ich den CSD nämlich verpasst. Überhaupt bin ich noch nie auf einem CSD gewesen. Will aber schon seit Jahren an einem teilnehmen. Und nun tut sich hier plötzlich die Gelegenheit auf. Eine kurze Recherche im Internet liefert mir die Infos, die ich brauche: morgen, 12 Uhr, vorm Staatsarchiv. Alles klar. Ich werde da sein.

Ein Blick auf die Stadtkarte sagt mir, dass ich ziemlich weit von der Stadt abgedriftet bin und mich fast beim botanischen Garten befinde. Okay. Ich gehe hin. Wollte ja Grün. Doch inzwischen ist es ziemlich heiß und die Sonne knallt auf mich drauf.

Irgendwann latsche ich wieder zurück und möchte zum Auto zurück. Meine Füße tun mir inzwischen auch weh, da ich seit nunmehr fünf Stunden in der Stadt unterwegs bin. Ich komme an einem e-Scooter von Lime vorbei und denke noch: Nee, die leihe ich mir ja nicht aus, die sind so teuer, und außerdem nerven die mich penetrant mit ihrer Werbung, mit der sie verzweifelt versuchen, mich als Kunden zu behalten. Moment – vorgestern oder so haben die mir deswegen eine Freifahrt geschenkt! Ich öffne die App und tatsächlich: ich habe 10 Freiminuten zum Rollerfahren. Okay. Ich schwinge mich auf das Gefährt, schiebe an und sause los. Meine müden Füße danken es mir. Gekonnt manövriere ich mich durch die Straßen. Scooterfahren fühlt sich so mondän an. So verdammt mondän. Mann von Welt. Fährt e-Scooter. In den Metropolen dieser Welt. Darmstadt zum Beispiel.

Im Auto erstmal Pause. Pause mit gefüllten Weinblättern und Schoko-Banane-Hafermilch. Nom. Es ist sehr warm im Auto. Warm und erst 16 Uhr. Keine Ahnung, was ich jetzt machen soll. Eigentlich wollte ich morgen ins Landesmuseum, aber daraus wird wohl nichts wegen des CSD. Gehe ich dann heute noch ins Museum? Meine Füße legen Veto ein und sagen: Nein! Außerdem schließt das Museum in zwei Stunden. Zu stressig. Also entschließe ich mich, meinen kostbaren Innenstadtparkplatz aufzugeben und zur Waldspirale zu fahren.

Die Waldspirale ist ein Hundertwasserhaus. Lieber jetzt als später, wenn noch mehr Rush Hour die Straßen verstopft. Ich starte und fahre los. Eels nerven mich gerade irgendwie. Die brauchte ich gestern zum Runterkommen und Entstressen, aber jetzt ist mir nach etwas anderem zumute. Ich skippe die eels-Alben. Mal hören, was danach kommt. Bingo! Das Coverversionen-Album von Placebo! Lautstark Twentieth Century Boy hörend cruise ich durch die Stadt und parke direkt am Hundertwasserhaus. Wie es sich für einen nervigen Touristen gehört, latsche ich mit dämlichem Blick bewundernd um das Haus herum, glotze mir die Augen aus dem Kopf und mache eine Million Fotos. Sieht aber auch echt abgefahren aus, das!

Das Auto lasse ich erstmal stehen und überlege, was ich jetzt mache. Erst halb fünf. Jetzt schon Feierabend? Nee. Es ist Freitagabend, ich bin in der Zivilisation! Ich habe noch keine Lust, mich ins Auto zu verkriechen. Obwohl da ein Roman von Jack London auf mich wartet, den ich vor ein paar Tagen aus einem offenen Bücherschrank in Brandenburg an der Havel entnahm. Und bloggen muss ich ja auch noch. Aber erst einmal gehe ich vom Hundertwasserhaus Richtung Süden, wieder Richtung Innenstadt. Mal gucken, was da so los ist. Allerdings lande ich stattdessen im Herrngarten, der sich auf dem Weg befindet und mir in die Quere kommt. Ich strande auf der Wiese am Teich unter einem Baum und zum stetigen Rauschen der Wasserfontäne und dem Quaken der dort angesiedelten Entenkolonie finde ich endlich die Ruhe, mein Tablet auszupacken und ein paar Stunden zu schreiben.

Inzwischen ist es abends geworden, aber noch immer ist mir nicht nach Feierabend zu Mute. Ich möchte nochmal nach Downtown rein. Ohne Ziel wandere ich als Flaneur durch die Fußgängerzone. Es dämmert bereits. Ich sauge die Atmosphäre auf. Einfach sein. Aber da es bald merklich dunkler wird, breche ich wieder auf zur Waldspirale, wo mein liebes Auto Schmendrick auf mich wartet. Als Schlafplatz habe ich mir einen Baumarktparkplatz ausgesucht, von dem ich morgen früh zu Fuß in die Innenstadt, beziehungsweise zum CSD, laufen kann. Blöderweise stelle ich fest, dass der Parkplatz mit einer Schranke versperrt ist, und überhaupt gefällt mir das Gewerbegebiet, durch das ich gerade cruise, so ganz und gar nicht. Also fahre ich kurzerhand wieder zurück zum Waldfriedhof. Auch wenn das bedeutet, dass ich morgen auf jeden Fall wieder in die Stadt reinfahren und irgendwo einen Parkplatz finden muss, denn vom Waldfriedhof aus ist es mir zu Fuß zu weit. Dennoch bin ich ganz froh, wieder an diesem friedlichen Ort zu sein. Diesmal stehe ich alleine auf dem Parkplatz und verbringe ungestört eine ruhige Nacht. Obwohl ich eigentlich noch ein wenig hungrig bin, aber zum Kochen ist es mir nun zu spät. Ich nehme mir vor, morgen früh Steinpilztortellini zu frühstücken.

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