Getting to know … München, Part 1

Tag 0 (23.06.21)

Es fing ganz harmlos an. Einer dieser Posts, die auf Facebook angezeigt werden, wenn wer aus deiner Kontaktliste darauf geantwortet hat: „Wie viele dieser 100 großen Städte hast du schon besucht?“ Gelangweilt scannte ich die Liste und fühlte Genugtuung, weil ich schon etliche davon bereist hatte — Chennai, Amsterdam, London, Prag, Oslo, Berlin und wie sie alle heißen. Aber eines war mir ein Dorn im Auge: München. Nun ja, nicht die Stadt direkt. Aber dass ich in meinem ganzen Leben noch nie in München gewesen bin. Wie konnte das angehen? Geplant war es schon lange. Aber Geld, das liebe Geld. Wenn ich eine riesige Metropole wie München sehen will, dann will ich sie richtig sehen, ALLES. Was bedeutet: Viele, viele Übernachtungen. Was bedeutet: Teuer, teuer Geld. Seit wir unser Wohnmobil haben, fallen nur noch selten bis nie Übernachtungskosten an. Wenn da nur nicht die nicht vorhandene Umweltplakette wäre, durch deren Fehlen uns die Einfahrt in so manch Stadtgebiet, als Umweltzone ausgewiesen, verwehrt wird. Doch nun ist ja alles anders, denn seit einiger Zeit habe ich ja Norbert! Norbert, so hatte David den Wagen damals getauft und ignoriert, dass ich fand, Norbert solle eigentlich Schmendrick heißen, war unser gemeinsames Auto. Bis vor Kurzem, als David seinen Firmenwagen bekam (der übrigens Gina heißt – und den Namen habe ich ausgesucht!). Ich bat darum, Norbert behalten zu dürfen, und deshalb habe ich nun ein eigenes Auto, ganz für mich allein, mit dem ich machen kann, was ich will (und das ich nennen kann, wie ich will – wieso heißt die Karre eigentlich immer noch Norbert??). Also baute ich Norbert zum Ein-Personen-Wohnmobil aus und richtete mich häuslich ein. Es gibt ein Bett (1,80 x 0,60 cm), einen Kleider–, äh …karton, einen Beutel mit Badezimmer, zwei Beutel mit Küche, eine Tasche mit Lebensmitteln, einen Gaskocher, zwei Wasserkanister und sogar eine Minitoilette.

Letztes Jahr ließ es sich während meines Trips durch das Saarland prima in Norbert leben. Doch dann kamen die Lockdowns und die Depressionen und ich war an den Hof gefesselt. Nun ist Sommer und die Lage hat sich glücklicherweise entspannt. Mit meiner ersten Ladung BioNTech im Arm entschloss ich mich also, alles vorzubereiten und endlich, endlich wieder on the road zu sein. Die Reifen den Asphalt küssen zu lassen. Ins Ungewisse zu fahren. Neues zu sehen. I love Fahrtwind. Radar Love.

Es ist Mittwoch, der 23. Juni 2021, und am Nachmittag sagt mir mein Gefühl: JETZT fahre ich los. So verabschiede ich mich von Hof, Katzen und Finkus, und weg bin ich.

Die Fahrt ist gut. Die A 9 nur stellenweise etwas voll. Zweimal erlebe ich, wie direkt vor mir ein Auto abraucht: erst ein Bus, dessen Auspuff sich plötzlich in dunkelschwarzen Neben hüllt; später ein Lkw, dessen Reifen platzt und einen erbärmlich stinkenden Regen aus Gummifitzeln auf mich sprüht. Aber Norbert (Schmendrick) und mir geht‘s gut, wir kommen heil an an unserem Destination Point: Einem abgelegenen Aussichtsturm bei Hohenmirsberg. Die letzten Kilometer sind etwas mühselig, weil Schmendrick (Norbert) sich ziemlich quält. Mir fällt dann auch ein, dass Aussichtstürme sich ja für gewöhnlich auf Bergen befinden. Aber er schafft es und ich werde mit einem grandiosen, typisch bayerisch aussehenden Ausblick belohnt. Natürlich steige ich sofort auf den Aussichtsturm. Gott, ich hasse diese Dinger immer noch. Aber eben deshalb klettere ich ja auf sie drauf. Immer und immer wieder. Bis die vermaledeite Höhenangst vielleicht irgendwann kapituliert und für immer weg ist. Für immer. Aber dieses Mal holt sie mich noch rechtzeitig ein, als ich sie bemerkt, dass ich schon die Hälfte der Treppen ohne sie hochgestiegen bin. „Warte!“, schreit die Höhenangst, „du hast mich vergessen! Puh, fast wärst du ohne mich ganz oben angekommen!“

Wir bleiben also ein paar Sekunden auf der Holztreppe stehen, die Höhenangst und ich (eins kann durch die Holzbohlen unten den Boden sehen, tief unten…), verschnaufen kurz, dann sage ich der Höhenangst laut ins Gesicht: „Ich gehe jetzt weiter, weil ich diese kleine Kirche da hinten von oben anschauen möchte.“, und gehe weiter, die Panik mas o menos erfolgreich bekämpfend, mich ans Holzgeländer klammernd, mich zwingend, stur geradeaus zu starren (nicht nach unten), bis die rettende oberste Plattform in Sicht kommt und ich ganz oben stehe. Mit traumhaften Ausblick auf Hohenmirsberg in die eine und auf einen Steinbruch in die andere Himmelsrichtung.

Das Treppensteigen war gut nach der langen Fahrt. Auf dem Rückweg nach unten rufe ich David an, um mich von der Tatsache abzulenken, dass ich auf einem Aussichtsturm bin. Danach bereite ich mein Zuhause schonmal für die Nacht vor und klebe alle Fenster mit ihren Sichtschutzdingern zu. Dann ist es erst 18:00 Uhr, also schlendere ich noch einen Wanderweg entlang, strande auf der nächsten Bank, blogge… Nach einem kurzen Umherstreifen starte ich einen Videoanruf mit David, für den ich extra nochmals die Strapazen auf mich nehme, den Aussichtsturm emporzusteigen, um ihm die Aussicht zu zeigen. Danach ist für mich Feierabend; ich kuschle mich ins schützende Auto und lausche der Stille der hereinbrechenden Nacht.

Tag 1 (24.06.21)

Die Nacht war ruhig und angenehm, außer, dass es geregnet hat, was in einem Auto immer ziemlich laut rüberkommt. Aber ich mag das kontinuierliche Prasseln auf der Metallhaut. Auch ließ das ominöse Auto nicht lange auf sich warten. Das ominöse Auto ist ein weltweites Phänomen: Egal, wo du parkst, egal, wie abgelegen es ist – mitten in der Nacht taucht es auf. Steht ein paar Minuten da mit laufendem Motor, seine Scheinwerfer meistens direkt auf dein Auto gerichtet, nur um kurze Zeit später wieder wegzufahren. Das ist das ominöse Auto. Du kannst zuverlässig jede Nacht, die du irgendwo in deinem Auto verbringst, mit dem ominösen Auto rechnen. Es wird dich finden, dich blenden, dir eine Heidenangst einjagen (Polizei? Drogendealer? Autoknacker?), solange du noch nicht daran gewöhnt bist, und dann wird es auch schon wieder weg sein.

Kurz nach dem ominösen Auto höre ich erneut Motorengeräusch. Nanu, zwei ominöse Autos? Nein, das kann nicht sein! Aber es ist nur ein Wohnmobil, welches auf den Parkplatz einbiegt, um ebenfalls hier zu nächtigen.

Der nächste Tag ist diesig und grau. Schmendrick ist nassgeduscht. Der Regen hat die Frontscheibe saubergewaschen, was ich gut finde. Flugs alle Fenster mit dem Squeegee abziehen, Sachen zusammenpacken, tägliche Sporteinheit – Squats, Crunches, Hanteltraining – in abgespeckter (no pun intended) Form absolvieren und los. Ich freue mich, dass ich so hochprofessionell ausgerüstet bin: Ein Squeegee ist immer sehr praktisch im Auto! Besonders in den Herbst- und Wintermonaten beschlagen die Scheiben von innen mit Kondenswasser und werden nur richtig trocken, wenn sie abgeflitscht werden. Forget Handtuch, here comes Squeegee! Ferner habe ich gestern Abend meine brandneuen Fenstersocken eingeweiht. Die wollte ich mir schon länger zugelegt haben, denn ich habe schon bestimmt acht Millionen Mal bemerkt, dass sie sehr nützlich sind. Fenstersocken sind so große Überzieher aus Moskitonetz für die Autotüren. Wenn sie über die Tür gestülpt sind, kann das Fenster ganz oder spaltbreit geöffnet werden und bleiben, ohne dass Mücken oder andere unerwünschte Leute ins Auto fliegen. Glaubt mir, eine Mücke im Auto ist schlimmer als eine Mücke im Schlafzimmer. Und ein weiterer großer Vorteil der Fenstersocken macht sich diese Nacht bemerkbar: Wenn es regnet, hält sie den Regen davon ab, ins Auto und damit aufs Bett und damit auf mich zu tropfen.

Bevor ich wieder auf die A 9 fahre, muss ich aber ersteinmal Schmendrick mit Frühstück versorgen. Also nach Pottenstein gebraust und vollgetankt. Auf dem Weg dorthin denke ich: schon ziemlich bergig hier. Wie im Harz. Bis ich nach Pottenstein reinfahre, wo es erstmal krass steil bergab geht und sich die schroffe Felslandschaft mit Schluchten, Klippen und Abhängen am Wegesrand auftürmt. Woah! In Pottenstein passiere ich die Teufelshöhle und finde sie verlockend. Die will ich sehen! Halte ich an? Heute? Hat die überhaupt geöffnet? Ich fahre weiter, mache mir aber mental eine Notiz: Teufelshöhle, Pottenstein. Auf die ToDo-Liste fürs Leben. Später, ich halte in Hilpoltstein, um Sojamilch und Erdbeeren zu kaufen, sehe ich, dass die Teufelshöhle sogar schon auf einer meiner zahlreichen Listen auftaucht, namentlich der Liste mit allen Sehenswürdigkeiten in Deutschland, die ich noch abklappern will.

Es ist nicht mehr weit nach München. Rund 100 Kilometer. Ich stelle fest, dass ich mir hervorragende Musik auf meinen Auto-USB-Stick gepackt habe: die Diskographie meiner Zweitlieblingsband Pornophonique (zwei Alben), die Diskographie meiner Erstlieblingsband Bondage Fairies (vier Alben), die Mermaid Avenue von Billy Bragg & Wilco und einen Ordner mit großartigen Einzeltiteln. Ich erkläre „Come Join Me“ von Ashley Collins & Owen Parker zu meinem Sommerhit 2021. Danke gleichzeitig dem OBI-Markt Sangerhausen dafür, diesen Song just in dem Moment gespielt zu haben, als ich im Gang mit den Schrauben herumlungerte und es dort shazamen konnte. Und entschuldige mich gleichzeitig bei den Bondage Fairies, weil ich eigentlich schon „Tsunami Surfers“ zu meinem Sommerhit 2021 erklärt hatte, was ich aber einen Tag später revidiert und durch „NV4.dll“ ersetzt hatte, und das nur ungefähr eine Woche, nachdem ich zuallererst „Sex & Candy“ von Marcy Playground den Titel persönlicher Sommerhit 2021 verliehen hatte. Es gibt einfach zu viele richtig geile Lieder, die den Sommer noch schöner machen.

Marcy Playground sind es dann auch, denen die ehrenwerte Aufgabe zuteil kommt, mich erstmals in meinem Leben nach München hineinzubegleiten. Zu „Saint Joe on the School Bus“ halte ich triumphalen Einzug in München und feiere mich dabei übelst selber ab. 495,1 Kilometer bin ich gefahren, als ich meinen vorläufigen Parkplatz neben einem Friedhof am äußersten Rand der Stadt beziehe. Erst einmal alle Fenster dichtkleben, pinkeln gehen, ausruhen, jubelnde Signal-Message an meinen Finkus schicken, mit Finkus telefonieren. Next: Umgebung abchecken. Der Friedhof ist schön schattig. Mit ernst-nachdenklichem Gesicht lustwandele ich langsam zwischen den Grabreihen umher, aber in Wirklichkeit interessiert mich nur, wo die Toiletten und wo die Wasserhähne für die Gießkannen sind. Dann schreite ich die Straße ab, an der sich der Friedhof befindet, weil ich befürchte, dass ich auf dem Friedhofsparkplatz nicht lange stehen bleiben darf. Das sagen zumindest die vier Schilder, die im Chor verlautbaren lassen, ich würde kostenpflichtig abgeschleppt werden, wenn ich widerrechtlich dort stehe. Aber ich entdecke einige mögliche Plätze an der Straße. Ist ja nur ‘ne ruhige Seitenstraße. Die liegen zwar alle in der Sonne, und ich muss ein bisschen auf die Innentemperatur des Wagens achtgeben, weil ich zwei Gasflaschen für den Campingkocher dabei habe, aber es wird schon gehen.

So ganz gefällt es mir aber doch nicht. Es gibt hier einfach nichts zu sehen. Und es ist erst mittags. Ich habe mich entschieden, heute noch nicht in die Stadt reinzufahren, sondern es ruhig angehen zu lassen. Hier, in diesem Wohngebiet, ist es mir allerdings zu ruhig. Was soll ich denn jetzt den Rest des Tages machen? Oder fahre ich doch nach Downtown? Zur Touristinfo, wo ich mir den Citypass kaufen werde? Andererseits hat der Kundenservice des Citypasses es bislang nicht für nötig gehalten, mir meine Anfrage von vor einer Woche zu beantworten („In der Regel antworten wir innerhalb von 24 Stunden.“). Ich wollte von denen wissen, ob ich den Pass auf meinen Deadname ausstellen lassen muss, oder ob ich auch meinen richtigen Namen in Verbindung mit meinem dgti-Ergänzungsausweis angeben kann, oder ob das Probleme verursachen würde. Tja. Diskriminierte Minderheiten kann eins so toll ignorieren.

Die App von den Verkehrsbetrieben erkennt meine Bankverbindung nicht an, sie weigert sich, mir ein Tagesticket zu verkaufen. Na toll. Grummelig schaue ich bei Google Maps, ob es hier in der Nähe irgendwas Interessantes gibt. Gibt es. Die Fasanerie. Ein nur vier Minuten Fahrtzeit entfernter See – mit kostenlosen Parkplätzen! So von oben sieht das Satellitenbild ganz nett aus und ich entschließe mich, dorthin zu fahren, allerdings bin ich mental darauf vorbereitet, dass bei dem schönen Sommerwetter wahrscheinlich alle Parkplätze belegt sein werden, aber ich will trotzdem mein Glück versuchen, bitte das Universum darum, dass der Parkplatz toll, kostenlos und frei sein möge und fahre los. Und wie immer hat das Universum mich gehört und meine Wünsche erfüllt. Der Parkplatz ist perfekt! Völlig kostenlos. Gähnende Leere, nur vereinzelt Autos. Sehr viele Bäume, die Dauerschatten spenden. Hier bleibe ich! Sofort nach dem Parken möchte ich zum Fasaneriesee. Ich schlendere am wunderschönen gepflegten Ufer entlang durch die Parkanlagen des Sees. Überall großzügige Rasenflächen, ein Areal ausgewiesen als Grillplatz (da könnte ich Essen kochen), ein Skatepark, Liegewiesen, ein Hundebereich, ein Steg, ein gepflasterter Zugang zum See zum Ein- und Aussteigen. Baden erlaubt, Wasservögel füttern verboten. Es ist herrlich hier!

Bloß fühle ich mich unwohl, aber das hat weniger mit meiner Umgebung zu tun: Ich habe vergessen, meinen Binder anzuziehen, und fühle mich die ganze Zeit begafft und beglotzt. Aber vielleicht, denke ich, ist das gerade eine Lektion, die es für mich zu lernen gilt. Zu schauen, wie es mir ohne geht, während ich ganz auf mich allein gestellt bin. Ohne irgendwen bei mir zu haben, dem das nicht passen könnte, wie ich rumlaufe, ohne von einer anderen Meinung manipuliert oder beeinflusst zu werden. Einfach zu spüren, wie ich mich gerade am wohlsten fühlen würde, und auf diese innere Stimme hören. Jetzt gerade ist sie zumindest sehr eindeutig. Mehrmals überlege ich, sofort kehrtzumachen und zum Auto zurückzugehen, um mich umzuziehen. Aber, nein, sage ich mir, da will ich jetzt durch. Ich gehe jetzt einmal um den See herum. Das dauert um und bei eine halbe Stunde. Ich freue mich sehr, dass ich diesen Ort entdeckt habe; er fühlt sich durch und durch richtig an. Ich hole eine Wolldecke und mein Kopfkissen und fläze mich auf eine Liegewiese direkt am Ufer.

Eine Entenmutter führt ihre Kinderschar direkt neben mir ins halbhohe Ufergras. Dann setzt sie sich wachsam ans Wasser, während ihre Babys an Land bleiben. Die fünf winzigen Babys putzen sich sehr lange, dann klumpen sie sich zu einem großen Plüschknödel zusammen. Der Plüschknödel schläft ein. Bis ich einen Videocall mit David starte und zu nah an den Plüschknödel herangehe, um ihn zu zeigen. Der Plüschknödel zerfällt sofort in kleine Babys, die mit dünnen Stimmchen fiepend zu ihrer Mama watscheln. Fififififififififififi. Leider muss ich mein Lager bald wieder räumen, da es anfängt zu tröpfeln. Gerade rechtzeitig erreiche ich den rettenden Schmendrick, der mir Schutz bietet für das, was nun kommt. Das Tröpfeln wird zu einem ausgewachsenen Regen, welcher sich wiederum zu einem ausgewachsenen Gewitter entwickelt, das die ganze Nacht anhält. Ich verbringe einen gemütlichen Abend im Auto und lausche dem Prasseln, bis ich einschlafe.

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