Getting to know … München, Part 2

Tag 2 (25.06.21)

Morgens ist das Gewitter vorbei. Ich schäle mich aus dem Auto und esse glutenfreie Haferflocken mit Kakaopulver und Sojamilch. David gibt mir seine Kreditkartendaten, damit ich mir ein Wochenticket für die Öffis kaufen kann. Nimm dies, Citypass! Ich habe mich gegen den Citypass entschieden. In dem Preis wären neben dem Nahverkehr zwar die Eintrittspreise in nahezu alle Museen, die ich besuchen möchte, enthalten, aber ich gönne denen das nicht. Außerdem würde es mich stressen, innerhalb von fünf Tagen möglichst viele Attraktionen abklappern zu müssen. Alles schon erlebt in Oslo und Amsterdam. Gut, aber stressig. Statt der 100 Euro für den Citypass investiere ich heute ersteinmal 18 Euro für ein Wochenticket, und dann breche ich auch schon auf. Auf in die City! Gestern am Fasaneriesee sah ich München, wie es die Locals sehen, heute schaue ich mir den Kram an, den die Touris sehen sollen.

Ich wähle den Stachus als Destination Point. Der busieste Ort von ganz München. Keine Ahnung, warum ich mir sofort die volle Dröhnung geben will. Aber am Stachus geht es gerade überhaupt nicht zu wie am Stachus. Das mag daran liegen, dass es erst 9:30 Uhr ist und die Geschäfte alle noch geschlossen sind. Erst langsam wacht die Stadt auf. Zeit genug für mich, um durch die Straßen zu schlendern, bis ich mich auf dem Marienplatz wiederfinde. Und so langsam stellt sich auch dieses Gefühl des Überwältigtseins ein. Es ist halt inzwischen ziemlich ungewohnt für mich. Ich habe schon in einigen riesigen Städten gelebt (Hamburg, Bochum, Dortmund, Manchester) und kam dort immer bestens zurecht. Aber seht, was fünf Jahre zurückgezogenes Landleben aus einem machen – ein Weichei bin ich geworden, das mit der Reizüberflutung der Zivilisation zurechtkommen muss! Ich will etwas abseits sein, lande dadurch allerdings auf dem Viktualienmarkt, einem großen Wochenmarkt. Weiter streife ich durch die Straßen und Gassen.

Rieche Gerüche, sehe überall Bewegung, Geschwindigkeit, höre überall Lärm und Geräusche, alles voller Menschen. Lasse mich über eine Brücke der Isar spülen, stelle fest, dass die Isar eine ziemlich unappetitliche braune Brühe ist, sehe Werbung für eine Banksy-Ausstellung, notiere mir das sofort. Möchte etwas weg aus dem Stadtzentrum und fahre deshalb zur Walking-Man-Statue. Dort ist es ganz nett. Unter dem schmalgliedrigen Mann befinden sich Sitzbänke im Schatten für eine Verschnaufpause.

Direkt gegenüber ein Lidl, perfekt! Ich wollte mir ja sowieso noch probehalber die veganen Minidonuts mit Zimt und Zucker kaufen, die es dort gibt. Gesagt, getan. Mampf und freu. Drei Stunden sind inzwischen vergangen, drei Stunden ununterbrochenes Umhergerenne meinerseits. Zeit für ein bisschen Siesta am Auto. Die Faltblätter aus der Touristinfo durchblättern und meinen neuerworbenen Stadtplan studieren.

Aber lange währt meine innere Ruhe nicht; ich will nochmal los. Die Frauenkirche von innen ansehen. Und in den Englischen Garten und dort im Idealfall den Tag ausklingen lassen. Gegen 15 Uhr mache ich mich also erneut auf den Weg in die Innenstadt. Jetzt komme ich mir auch schon vor wie ein Local. Wurde auch schon einmal nach dem Weg gefragt und einmal, ob ich wüsste, welche Fahrkarte eins für die und die Destination braucht. Ich scheine also recht seriös localmäßig daherzukommen. Beide Male habe ich übrigens mit „Keine Ahnung“ geantwortet. Aber hey, ich wohne ja auch erst zwei Tage hier. Ich muss erstmal selber zurechtkommen. Diesmal habe ich auch meinen Binder angezogen (und eine kurze Hose – verdammt, war das scheißnwarm vorhin! Von wegen 20°C!) und fühle mich damit sehr viel besser.

Die Frauenkirche ist nicht gut. Direkt am Eingang ist eine Person kollabiert und ein Notarzt-Team tut geschäftig seinen Job. Und Leute glotzen. Ich möchte ihnen in die Fresse schlagen. Oder ihnen von hinten einen kräftigen Stoß geben. Oder in die Kniekehlen treten. Die Kirche selbst ist innen ziemlich langweilig. Ein paar lustig verkleidete Männer proben gerade für den in Kürze stattfindenden Gottesdienst, der live gestreamt werden soll. Einer der Männer versucht das Vaterunser auswendig zu sagen, bekommt es nicht hin und muss über sich selber lachen. Ich traue mich nicht, wieder rauszugehen, wegen des Rettungsensatzes. Ich will das nicht sehen und nicht hören! Aber es ist so langweilig in der Kirche! Entschlossenen Fußes haste ich an der Notfallstelle vorbei, den Blick starr geradeausgerichtet. Ich lasse mich ein bisschen durch die Innenstadt treiben, inspiziere den H&M Men, finde nichts Schönes dort, also gehe ich zum Promenadenplatz, um mir das Michael-Jackson-Denkmal anzusehen. Aha. Dort ist mehr los, als ich vermutet hätte. Es gehen tatsächlich Fans dorthin. Michael Jackson hat tatsächlich Fans. Die sich so anziehen wie er und mit T-Shirts, auf denen er abgebildet ist. Eine Person klebt gerade eine Blumengirlande rings um ein Plakat. Ich sehe gerade zum ersten Mal, wie Michael Jackson gehypt wird.

Selbst ich habe keine heiligen Altäre für meine Helden, und dabei glorifiziere ich meine Helden und Vorbilder doch immer ins Unermessliche! Die John Lennon Wall in Prag ist übrigens Hunderttausend Mal schöner als das olle MJ-Denkmal! Da gehe ich lieber zum Englischen Garten. Dort, an der Eisbachwelle, lasse ich mich auf einer Parkbank nieder und beobachte all die Surfer, die auf dem schwallenden Wasser ihr Können unter Beweis stellen. Abgefahren.

Inzwischen geht der Spätnachmittag in den Abend über. Es ist Zeit, nach Hause zu fahren. Nach Hause = Schmendrick, mein liebes Auto. Aber wieder werde ich nach einer kurzen Pause hibbelig. Der Abend ist so schön. Das Wetter mild, die Sonne scheint noch. Perfekt für einen Spaziergang am Fasaneriesee. Ich tauche meine geschundenen Füßlein in das noch überraschend warme Wasser, plansche ein bisschen herum, ärgere mich schon wieder, dass ich meine Schwimmsachen für den Trip nicht eingepackt habe. Auf der Liegewiese am Ufer lasse ich den Abend dann wirklich ausklingen, beobachte Menschen, genieße die entspannte Atmosphäre und blogge.

Tag 3 (26.06.21)

Die Nacht ist ruhig, vor allem für eine Freitagnacht in der Stadt. Bis auf ein Auto, das auf dem Parkplatz einmal den Motor aufheulen lässt, ist es friedlich und still. Morgens scheint die Sonne zwischen den Ritzen der Fenstersichtschutze hindurch und ich mache mir wieder eine Schüssel Haferflocken.

Wie gehabt sitze ich zum Frühstücken an meinem Lieblingsplatz, bei geöffneter Klappe hinten im Kofferraum. Ein freundlich aussehender Mann in meinem Alter geht vorbei und wünscht mir einen guten Appetit. Sich bewusst werdend, was er da gerade sieht, bleibt er stehen und fragt: „Auf Reisen?“

Ich bejahe, erzähle, dass ich mir München ansehen will, und wir kommen ins Gespräch. Und so lerne ich Thorsten kennen. Über eine Stunde lang unterhalte ich mich mit Thorsten, der so alt ist wie ich, auch ein Traveller ist, und der auch schon sehr viel von der Welt gesehen hat. Er erzählt von Australien, ich erzähle von Indien. Wir erörtern die politische Situation in Bayern und Sachsen-Anhalt (ungefähr gleich mies) und tauschen unsere Hypothesen über die Ursachen der ostdeutschen Mentalität aus (beide sind ziemlich deckungsgleich). Allein durch meine Präsenz und meinen derzeitigen Lebensstil bringe ich bei ihm gedanklich etwas in Bewegung; er möchte wieder reisen, wieder unterwegs sein, raus aus dem Alltag sein. Die Grundvoraussetzungen sind sogar gut, ihm fehlt offenbar nur der letzte Anschubs von außen. Den habe ich offenbar gerade gegeben. Thorsten gibt mir noch Tipps fürs Sightseeing in München (die Schatzkammer sowie das Rockmuseum im Olympiaturm) und ich ihm (das Kartoffelmuseum, von dem er noch nie gehört hat). Er lädt mich ein, mit ihm zum Feldmochinger See zu gehen und ich lehne halb ab, sage halb zu. Weil ich noch nicht genau weiß, was ich heute noch machen möchte. Und weil leider, leider, leider wie immer sofort mein Schutzmechanismus schnappt, sobald ich eine Person kennenlerne, die ich auf Anhieb total sympathisch finde: „Sei vorsichtig! Wenn du jemanden magst, wirst du von der Person letzten Endes wieder nur verletzt! Nicht zu nahe rankommen lassen!“

Und dann ist da immer noch der Erwartungshaltungsmodus, von dem ich stets bei cis Männern ausgehe: Ich werde als weiblich gelesen und falle damit in das Raster für eine potentielle Partnerschaft. Soll heißen: Ich denke sofort, dass ein Mann sich nur mit mir abgibt, weil sich ja was daraus ergeben könnte, und nicht, weil er mich als Menschen einfach sympathisch findet. Alles schon gehabt. Sobald rauskommt, dass ich wider Erwarten keine Frau bin, werde ich fallengelassen und bin sofort uninteressant. Ich als trans Demiboy will einfach nur mal mit anderen Kerlen befreundet sein, und mein Gegenüber bildet sich sonstwas drauf ein und missinterpretiert das. Suche: stockhetero besten Freund. Biete: schwuler bester Freund hat noch Termine frei. Deshalb droppe ich in Gesprächen auch immer sehr schnell gleich zu Beginn, dass ich in einer Beziehung mit einem Mann und verheiratet bin. Das mache ich auch dieses Mal und trotzdem unterhält sich Thorsten weiter zu mir und, wie gesagt, lädt mich sogar zum See ein. Bemerkenswert.

Nun kenne ich hier jedenfalls einen gleichgesinnten Local, den ich bestimmt wieder treffen werde, weil er fast jeden Tag an meinem Parkplatz vorbeikommt. Cool! Ich freue mich und esse meine Haferflocken auf. Nachdem Thorsten und ich uns verabschiedet haben, mache ich ich mich erstmal auf zum Friedhof, Wasser auffüllen und Sanitäranlagen abchecken. Beides super! Während ich meinen Wasserkanister auffülle, zwei Socken und ein T-Shirt im Waschbecken und anschließend mich selbst wasche, denke ich über das Treffen eben nach und beschließe zu versuchen, mich nicht sofort wieder ganz einzukapseln und keine Angst davor zu haben, Erwartungen nicht zu erfüllen. Sondern einfach ich zu sein, und wenn das irgendwem nicht passt, dann Pech. Dann war das die falsche Person für meinen Dunstkreis. Jetzt nach – oder vielmehr im – Corona-Intermezzo möchte ich meinen Bekanntschaften- und Freundschaftenpool ein wenig auffüllen, weil ich leider einige Personen daraus entfernen musste, deren Meinung zu Weltordnungen, Grundrechteinschränkungen und Impfungen mit Mikrochips ich (freundlich ausgedrückt) nicht teile. Da musste ich ein wenig aussieben.

Meine Wasservorräte sind aufgefüllt, alle meine Wäsche ist sauber, ich auch (so gut es geht), und gestärkt und erfrischt stelle ich mich wieder auf meinen Parkplatz am Fasaneriesee. Jetzt kommt der gemütliche Teil der Hygienemaßnahmen: Die nasse Wäsche im Sonnenschein ausbreiten, auf der Liegewiese herumlümmeln und warten, bis die Sachen getrocknet sind. Es ist vormittags und es sind schon viele Locals hier unterwegs. Kein Wunder bei allerbestem Sommersonnenwetter! Überall am Seeufer liegen Menschen in der Sonne, Kinder spielen, manche Leute schwimmen oder paddeln im Wasser, Jogger, Nordic Walker und Radfahrende sind an der Promenade unterwegs, Klappstühle, Sonnenschirme, Hängematten, Grills, eine Yogagruppe auf der Wiese. Es ist ein beschaulicher Samstagvormittag im Sommer und ich bin mittendrin, bin ein Teil der Szenerie, verschmelze mit dem Ganzen ohne irgendwie hervorzustechen und finde es herrlich.

Heute will ich nicht gehen. Also mich wenig bewegen. Weil: mein rechtes Bein macht Ärger und schmerzt. Das kennt das viele Laufen gar nicht mehr, trotz täglicher Sporteinheit und täglichem Spaziergang. Aber x Stunden Sightseeing hat es wohl verlernt und muss es sich zunächst wieder antrainieren. Hab‘s wohl ein bisschen übertrieben gestern.

Der Plan ist jetzt folgender: Zu Edeka gehen und Obst kaufen. Und zwei 1,5-Liter-Wasserflaschen, die ich mir irgendwo übern Kopf kippen kann, um mir die Haare zu waschen. Dann nach Downtown reinfahren und eine Badehose besorgen. Dann die Badehose ausprobieren.

Teil eins klappt gut und ist schnell erledigt. Schnell noch einen perversen Kartoffelsalat reingeschoben – ich meine diese Fertigkartoffelsalate mit Essig und Öl aus der Kühlabteilung, ich liebe das Zeug! – und zur S-Bahn gelatscht. Rein inne Stadt. Aber irgendwie drifte ich wieder weg, gehe zunächst in die Kirche St. Peter am Marienplatz und werde dann weggespült irgendwohin, bis ich am Gärtnerplatz lande, wo es mir sehr gefällt.

Irgendwie bin ich ins Glockenbachviertel geraten, und das ist gut. Das passiert mir immer. Instinktiv, zufällig, Gesetz der Anziehung, keine Ahnung. Wenn ich in großen Städten bin, lande ich irgendwann in diesem hippen, extrem coolen, alternativen und mittlerweile überteuerten jungen Stadtviertel, wo die Cafés natürlicherweise vegane Sachen auf der Karte haben, die Bäume gestrickte Rollkragen tragen und in den Grasinseln neben dem Bürgersteig Sonnenblumen wachsen. Irgendwann lande ich immer dort. Und es gibt sie in jeder größeren Stadt. Und ich mag es immer sehr.

Zu Fuß schlendere ich zur Reichenbachbrücke, die cool ist. Am seichten Ufer tummeln sich Menschen. Alle sind so froh, dass der furchtbare Winter vorbei ist, alle sind optimistisch. Ich mische mich unter das Volk, sauge die Atmosphäre ein und bade darin, schmelze auf den begrasten Boden an der Wasserlinie, Blick auf den Koloss St. Maximilian, meine Bluetoothkopfhörer in den Ohren und Bondage Fairies. Und DAS ist einer dieser perfekten Momente im Leben; wo du weißt, dass du jetzt gerade glücklich bist. Das ist einer dieser Momente.

Dann Rückweg in die Stadt; beim Videocall eben hat mich David daran erinnert, dass ich eine Badehose kaufen wollte. Ich finde keine geeignete bei Galeria Kaufhof, dafür merke ich aber, dass mir schwindelig wird. Heißes Wetter plus Binder plus langes Tragen plus Reiz-Overkill plus Wasserflasche im Auto vergessen plus exzessives Latschen gleich mir wird demnächst schwarz vor Augen, wenn ich nichts unternehme. Schnell fahre ich mit dem Fahrstuhl(!! Ich! Fahrstuhl! Ich habe eine Fahrstuhlphobie!) ins Untergeschoss bei Galeria, renne in den Supermarkt, greife mir einen Liter Tetrapack Kokos-Ananas-Nektar von Albi, bezahle, renne raus und exe den Liter innerhalb weniger Minuten weg. Besser. Aber in der Innenstadt ist immer noch die Hölle los, es ist brechend voll. Neuer Plan: Mit der U3 nach Außerhalb fahren, nach Moosach, da weiß ich einen Kaufland. Da dann Badehose, dann nach Hause. Liegt eh auf dem Weg. Der Plan funktioniert gut und ich komme wohlbehalten zu Hause, also bei Schmendrick, an, welcher sich ganz inkognito zwischen all die anderen Autos gemischt hat. Der Fasanerie-Parkplatz ist nun ebenfalls rappelvoll. Alles zugeparkt, kein Platz mehr. Ich gehe direkt zum See. Auch hier alles voller Menschen, aber es ist okay. Ich mag das gerade. Auf meiner Stammwiese finde ich einen schönen Platz, noch mit Sonnenschein, auf dem ich mich von dem Tag ausruhen kann. In der Sonne liegen, weiter Bondage Fairies hören (das erste Album – zum ersten Mal so richtig bewusst mit voller Aufmerksamkeit und nicht beim Autofahren), dann Finkus anrufen, dann vorhin gekaufte Postkarte an Finkus vollschreiben, dann bloggen, dann Abend ausklingen lassen. Mein Bein tut immer noch weh. Wollte heute weniger laufen. Hat nicht geklappt.

Die Nacht wird und bleibt laut. Die Party am See nimmt kein Ende. Auch wurde sie auf den Parkplatz ausgedehnt, auf dem ich zu schlafen versuche. Ich lerne, dass es Remixe von Matthias Reim gibt. Irgendwann stellt sich ein Auto mit laufendem Motor quer vor meines, zwei Männer steigen aus, gehen energisch auf ein anderes parkendes Auto zu. Einer von ihnen sagt laut: „Steigen Sie aus; steigen Sie sofort aus dem Auto aus!“ und leuchtet mit einer Taschenlampe in das Auto. Eine Frau steigt aus. Ich habe Angst. Spähe über meinen an der Heckscheibe klebenden Alulappen. Die Leute unterhalten sich. Könnte sein, dass das nur ein Scherz war und dass sie sich kennen. Sie stehen sehr lange da herum und unterhalten sich, das Auto schräg über den Parkplatz gestellt, Motor nach wie vor an. Ich denke: Sobald ich nicht mehr zugeparkt bin, fahre ich hier weg! Nach einiger Zeit fahren sie alle weg. Sofort entferne ich alle meine Sichtschutze von den Fenstern, starte Schmendrick und rolle vom Parkplatz. Ich fahre zum Friedhof. Da sollten naturgemäß weniger Partys und dubiose Treffen stattfinden. Hoffe ich zumindest. Ich hasse Freitag- und Samstagnächte. Beim Leben on the road sind sie immer wieder äußerst lästig. Aber hier, am Friedhof, ist es tatsächlich ruhig. Ich stelle mein Auto an einer einsamen Straße ganz am Rand der Wohnsiedlung ab, wo schon Felder beginnen. Klebe die Fenster wieder zu und lasse mich erleichtert auf die Matratze fallen. Es ist schon dunkel draußen. Um 23 Uhr komme ich auf die Idee, dass ich ja jetzt noch meine Haare waschen könnte. Das bietet sich gerade so an. Es ist dunkel und niemand sieht mich. Und es erspart mir, das morgen bei Tag in der öffentlichen Toilette am See, diesem ekelhaften Trainspotting-Klo, erledigen zu müssen. Hier ist es weitaus entspannter: Wasserflaschen, Handtuch und Shampoo bereitlegen, Seitentür auf, Kopf raus, Wasser rüber, Shampoo reinwuscheln, wieder Wasser drüber, Handtuch, fertig. Wäre also auch das geschafft. Nun kann ich schlafen.

Aber es soll nicht sein. Andauernd kommen lärmende Menschen vorbei. Zu Fuß oder auch auf Fahrrädern. Irgendwann döse ich aber weg … bis mich laute Geräusche über mir schlagartig wecken. Irgendwas ist auf dem Autodach! Irgendwas klettert da herum! Oder versucht gerade jemand, das Auto aufzubrechen? Mein Herz klopft bis zum Hals, als ich aus den Ritzen nach draußen schiele, getarnt von den Sichtschutzlappen. Nichts zu sehen. Die Geräusche haben schon aufgehört und ich liege wach. Wach. Wach. Wach. Das letzte Mal schaue ich um 1:45 Uhr aufs Handy. Na toll, wo doch um acht Uhr mein Wecker geht, weil ich morgen einen Termin habe! Aber schließlich übermannt mich dann doch der Schlaf. Bis Punkt sechs Uhr.

Wenn dir meine Beiträge gefallen, spendiere mir einen Kaffee auf Ko-fi:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: