Getting to know … München, Part 3

Tag 4 (27.06.21)

„Es ist sechs Uhr! Sechs Uhr! Deshalb läute ich jetzt sechs Mal!“, schreit die Kirche am Friedhof fröhlich in den taufrischen Morgen hinein. Ich möchte sie in die Luft sprengen. Das war also meine Nacht. Dabei muss ich doch heute fit sein! Denn für heute Vormittag habe ich mir einen Zeitslot im Museum Brandhorst gebucht, um dort die Warhol-Exponate anzusehen! Darauf freu ich mich seit Tagen! Jetzt gerade bin ich einfach nur übermüdet und zermatscht. Naja, immerhin verfüge ich über den Luxus, mich diesen Morgen in einem richtigen Badezimmer frischmachen zu können. Der Friedhof hat seit acht geöffnet. Dann die letzten Haferflocken mit Kakao, dann wieder zum Seeparkplatz fahren, wo es schattig ist und das Auto – und vor allem mein Gaskartuschenvorrat – kühler bleibt als 50°C. Um zehn los zur Bahn, Aussteigen bei den Pinakotheken, zwischendurch noch Postkarte an Finkus einwerfen. Komme rechtzeitig zu Beginn meines Zeitslots am Museum an und finde vorher noch eine bescheuerte Sonnenbrille auf einer Holzbank, mit der ich bescheuert aussehe.

Im Museum checke ich erstmal ab, ob es unten im Garderoben-/Locker-Raum eine Steckdose gibt. Gibt es. Memo für später: hier rumpimmeln und Strom zocken! Ich gehe aufs Männerklo und danach in die Ausstellung. Das Tolle an der Ausstellung ist, dass das, weswegen ich hier bin, sofort als Erstes kommt! Ich freue mich so doll darüber, mal wieder ein paar echte Warhols betrachten zu können. Mein liebster Lieblingskünstler ever, schon immer und für ewig. Meine letzte Warholausstellung ist ja auch schon über drei Monate her, am 11. März in Köln.

Die anderen Sachen sind weniger interessant, außer vielleicht die von Keith Haring, von dem ich noch nie was in einem Museum gesehen habe, und hier hängen die original U-Bahn-Plakatwände (samt Rahmen), die er damals in New York als Medium für seine Kreidekunstwerke im öffentlichen Raum verwendet hat und die wundersamerweise niemand zerstört hat, bis sie hier gelandet sind. Schon cool. Umso ätzender ist das Obergeschoss des Museums, das gefällt mir nicht. Dann lieber eine halbe Stunde heimlich Handy laden und danach wieder raus in den Stadttrubel. Wohin jetzt? Heute und morgen will ich draußen verbringen, weil es ab Dienstag die ganze Woche durch regnen soll. Erstmal gehe ich also zum Odeonsplatz, der aber zu doll nach Pisse stinkt.

Daneben: eine Coronateststation. Okay. Spontan getestet und für negativ befunden. Discordia sei Dank.

Entschlossen gehe ich weiter zum Hofbräuhaus und merke, dass ich gerade verhungere.

Aber bevor ich mir was zu essen organisieren kann, fängt eine Blaskapelle an, „Sweet Child o‘ Mine“ von Guns‘n‘Roses zu spielen und ich erkenne es schon an den ersten zehn Tubatönen. Innerlich feier ich das mega ab! Wie geil ist das!! Ich finde das so geil, dass ich etwas tue, was ich noch nie getan habe: das Spektakel ganz tourimäßig filmen. Erst dann kann ich zu Hans im Glück gehen und einen veganen Burger mit Fritten essen. Mir fällt auf, dass das das erste Mal Essengehen nach dem Lockdown für mich ist, seit ich in Merseburg im indischen Restaurant war. Schön, mal wieder essen zu gehen. Damit verzeihe ich dem Essen und auch mir den damit verbundenen exorbitanten Kalorienintake.

Nun möchte ich für den Rest des Nachmittags im botanischen Garten sein. Dafür muss ich ein wenig Tram fahren, aber ich steige aus Versehen zu früh aus und bin bei Schloss Nymphenburg. Yo, dann gehe ich eben kurz da durch den Schlosspark rüber zum botanischen Garten. Ist ja direkt nebenan. Aber der Schlosspark flasht mich so!!! SO!!! Alles voller Schwäne. Und Wasser mit Vulkansteinbrocken drin, Springbrunnen. Blumen und Wildgänse, dazu raspelkurz gemähter Spießerrasen.

Ich werde gefragt, ob ich ein Foto von einem Paar machen kann. „Klar, hier vor den Felsen?“, sage ich und bin etwas erstaunt, dass die beiden lieber das Schloss im Hintergrund haben wollen. Ich finde die Felsen ja viel cooler, aber Touristen wollen nunmal das Schloss. Hätte ich mir denken können. Ein winziger Hund rennt aufgeregt in eine Horde herumliegender Wildgänse. Die Wildgänse stieben auseinander und fliegen als panischer großer Schwarm direkt auf mich zu; ich ducke mich und muss lachen, weil das so lustig aussah mit dem herumflitzenden kleinen Hund, der soviel Bewegung verursacht hat.

Ich lustwandele die Wege entlang. Ein paar Leute kommen mir entgegen. Eine Familie. Sie gehen an mir vorbei. Hinter mir höre ich eine junge Teenagerstimme sagen: „Wenn du die Käppi aufsetzen würdest, wärst du voll die Ghetto-Oma!“ Eine alte brüchige Stimme antwortet: „Bin ich doch schon.“

Nach einer sehr großen Runde durch die Schlossanlagen treffe ich auf den Südeinlass des botanischen Gartens – der geschlossen hat. Also nicht der Garten, sondern dieser Seiteneingang. Ich muss einmal um den Garten herumlatschen zum Nordeingang. Und dabei bin ich doch jetzt schon so kaputt, dass ich mich gar nicht mehr durch die Sommerhitze schleppen kann. Übermüdet und ausgelaugt und schon seit sechs Stunden unterwegs. Als ich schließlich vorm Eingang des botanischen Gartens ankomme, frage ich micht ernsthaft, ob ich überhaupt noch Lust dazu habe, oder doch lieber zurück zum Auto will. Aber nein, natürlich will ich rein. Bin doch extra heute den langen Weg hierhergekommen. 5,50€, Datenschmuh mit Luca-App, und ich suche erstmal das Toilettenhaus. Überlege auf dem Weg dahin, welche Toilette ich benutzen soll. Ich muss meinen Binder ausziehen, damit ich nicht zusammenklappe. Wo mache ich das am besten? Es fühlt sich an, als würde ich als Kerl in das Klo reingehen und als Weib wieder rauskommen. Muss innerlich grinsen. Die diffuse Panik eines jeden uninformierten, kleinkarierten cis Menschen: die lüsterne, perverse transgender Person geht auf das „falsche“ Klo und wedelt dort freizügig mit den Geschlechtsmerkmalen herum, alle sind belästigt, traumatisiert, verstört und verschreckt, und denk doch mal einer an die Kinder! Also, wo hole ich meine Boobs am besten raus? Bei den Damen oder bei den Herren? Da Männern ja bekanntermaßen nichts zugemutet werden kann (Stichwort Männergrippe) und ich diesen fragilen Wesen die furchtbare Erfahrung, auf der Toilette einer trans Person zu begegnen, ersparen will, gehe ich ins Frauenklo, schließe mich in eine Kabine ein, gehe pieseln, parallel zum Pieseln Binder aus, Shirt wieder an, Kabine wieder aufschließen, zum Waschbecken, Hände waschen, fertig, und niemand hat‘s bemerkt! Gnihihihihi!

Im botanischen Garten hänge ich die meiste Zeit nur auf schattigen Parkbänken rum. Ich bin total k.o. Hin und wieder kann ich mich aufraffen und wieder ein Stück latschen, Blumen gucken. Ich mag sehr doll das Alpinum!

Ist voll schön hier, aber ich bin nach dem anstrengenden Tag gar nicht mehr so aufnahmefähig. Trotzdem halte ich bis halb sechs durch, als lautstark verkündet wird, dass der Park in einer halben Stunde schließt, und alle Deutschen brav, wie es sich gehört, sicherheitshalber jetzt schon zum Ausgang strömen, mir inklusive (unter anderem, weil mein Bus gleich kommt).

Bus nach Hause. Videocall mit Finkus, während ich Schmendrick lüfte, bevor mir die Gasflaschen um die Ohren fliegen. Dann wechsle ich von Cargoshorts zu meiner neuen Badehose, finde die an mir ein wenig schwul – sie ist so kurz! –, aber das Wetter will es so, obwohl es doch jetzt schon halb sieben ist. Kram genommen, Auto wieder zu und los zum Fasaneriesee an meinen Lieblingsplatz, wo nach wie vor Highlife in Dosen ist. Hier wird jede Sekunde des Sonntagabends ausgiebigst genutzt! Wieder grillen viele Leute, noch mehr schwimmen, paddeln; Sonnenbaden und türkische Rhythmen, Lachen, Reden, Kreischen, Platschen, Bierflaschenploppen. Für mich: Pause. Beine ausruhen. Schreiben. Tablet laden.

Später auf dem Parkplatz kommt ein sichtlich aufgekratzter Thorsten bei mir vorbei und muss mir dringend was erzählen. Er hat a) seinen Job gekündigt, b) seine Wohnung auch, c) sich für ein Jahr eine Lagerbox für seine Wohnungseinrichtung gemietet und wird d) in einer Woche seinen Rucksack packen und zu Fuß über Italien nach Kroatien laufen. Wir unterhalten uns noch anderthalb Stunden. „Du hast mich befreit“, sagt er, und das bewegt mich voll. Mich flasht das richtig! Wahnsinn, wie ein Mensch einem anderen Menschen so plötzlich so positiv das Leben verändern kann. Und dabei habe ich nichts weiter getan, als morgens in meinem Auto Haferflocken mit Sojamilch zu essen. Wir connecten uns natürlich digital, um uns auf dem Laufenden zu halten, sobald er unterwegs ist.

Nun wird es aber bald Zeit zu pennen. Mittlerweile ist es dunkel, der Parkplatz leert sich so rasant wie meine elektronischen Devices, aber dafür schwirren Glühwürmchen um uns herum! Thorsten und ich verabschieden uns und ich versuche, ein wenig mein Schlafdefizit auszugleichen.

Tag 5 (28.06.21)

Aufwachen um fünf Uhr in der Früh. Oder „fünfe“, wie es in Sachsen-Anhalt heißt, aber bei mir nicht. Punkt acht stehe ich beim Friedhof für die Morgentoilette auf der Matte. Ich will noch Wäsche waschen. Heute ist vorerst der letzte regenfreie Tag, dann kann ich die irgendwo trocknen lassen. Dieser Tag soll draußen stattfinden, und nicht zwingend in der Stadt. Mein Gefühl sagt: Raus nach Außerhalb. So Richtung Norden. Bei der Außenstelle des Deutschen Museums soll eine nette Straße mit vielen Stellplätzen sein. Dahin fahre ich, aber es gefällt mir dort nicht. Autobahn viel zu nah dran. Und Ameisen! Ameisen! Überall! Nach einigen Minuten auch in meinem Auto und in der trocknenden Wäsche. Also weiter. Ein Ort klingt interessant und sieht auf der Karte auch so aus: Eine Kanuregattastrecke. Das ist ein ziemlich langes rechteckiges Bassin. Es gibt eine Tribüne und, das Wichtigste, einen gigantischen kostenlosen Parkplatz mit Bäumen dran. Ich fahre mal hin und freue mich wahnsinnig darüber, mal wieder meinen USB-Stick zu hören. Dummerweise habe ich nämlich nicht alle Songs von dem auf mein Handy gezogen.

Auf dem Parkplatz der Kanuregattastrecke fühle ich mich auf Anhieb wohl. Es ist schattig und leer. Nur wenig Autos. Ich habe viel Platz für mich. Die riesige Tribüne türmt sich rechts daneben auf wie ein graues Ungetüm. Ich gehe hin und schaue sie mir an. Eins kann dort hinaufgehen und befindet sich dann sozusagen direkt unter den Rängen, im Unterbau. Es ist eine dystopische Welt, die sich mir offenbart: die Tribüne ist schon etwas in die Jahre gekommen. Die Ladenzeilen im Unterbau sind verlassen, verrammelt und verriegelt.

ABER es gibt Toiletten, offene öffentliche Toiletten! Ich gehe in irgendeine hinein („H“ steht an der Tür, sehe ich später) und finde dort zwei Räume vor: die sanitären Anlagen mit den Klokabinen und Waschbecken. Und ein leeres holzvertäfeltes Kabuff mit einem Biertisch. Und zwei Steckdosen. Zwei funktionierenden Steckdosen! Jubel! Schnurstraks renne ich zurück zu Schmendrick, um alle verfügbaren Ladeeinheiten samt Dreiersteckdosenleiste zusammenzuklauben, und der Lademarathon beginnt!

Der Lademarathon ist ziemlich öde. Er dauert zwei Stunden, dann habe ich keine Lust mehr, in diesem langweiligen leeren Raum herumzuhängen, ohne das Handy benutzen zu können. Aber immerhin ist das Smartphone jetzt komplett aufgeladen, das Tablet immerhin zur Hälfte, und die Powerbank hat auch etwas Saft abbekommen, hüllt sich aber ob ihres Energielevels in vornehmes Schweigen. Dieser Ort wird immer besser! Ein hübscher großer gepflasterter Parkplatz mit sehr viel Schatten und Mülleimern, Toiletten und Elektrizität. Was will ein Traveller mehr? Was das Travellerherz noch glücklicher macht, entdecke ich dann, nachdem ich den Kabelsalat ins Auto zurückgebracht und die Tribüne erstmals durchquert habe: die Kanuregattastrecke! Das riesige Wasserbecken leuchtet wie ein geschliffener eckiger Smaragd in der Sommerhitze. Es ist gesäumt von grasbewachsnen Uferumrandungen, auf denen sich schon etliche Menschen niedergelassen haben.

Es gibt auch einen großen Steg, der schon voller fröhlicher Leute ist, die das Wetter genießen und schwimmen. Glücklich breite ich meine rotkarierte Wolldecke im Gras aus, direkt an einem seichten Zugang zum Wasser, das so klar und sauber ist, dass ich die vielen hübschen Kiesel am Grund sehen kann. Darüber schweben gemächlich große Rotfedern, deren Bauchfossen feuerrot leuchten.

Ich breite meine nasse Wäsche um mich herum aus. Da fällt mir ein, dass ich von gestern Abend noch meine Badehose unter der Cargoshorts trage. Wie praktisch! Und mein ärmelloses Tank Top, das eigentlich gerade im Gras liegend trocknen soll, ziehe ich direkt mal an, feucht wie es ist. Und dann kommt der beste Teil des Tages: rein ins kühle Nass! Herrlich! Ich genieße es, in dem glasklaren Wasser zu schwimmen. Danach lasse ich mich und meine Klamotten in der Sonne trocknen. So lässt es sich doch leben! Um mich herum schwirren kleine blaue Stäbe: Libellen, die sich allenthalben auf mir oder meinen Sachen niederlassen und dann weiterflirren. Die Beach Bar startet um 15 Uhr ihre Lautsprecher und spielt nur 80er, zumeist New Wave. Der Soundtrack zum Nachmittag beginnt mit „Everything Counts“ von Depeche Mode, dann The Cure, dann noch mehr. Die Auswahl ist so gut, dass ich sogar zwei Songs shazamen muss. On the road findet sich oft wirklich gute Musik! Du musst nur hinhören, und sie dann einfangen.

Bis spätnachmittags bleibe ich am Wasser, dann wechsle ich zu Schmendrick, um Essen zu kochen. Danach ist keine Chance mehr auf ein Plätzchen am Wasser. Alles voll, alles belegt, alles laut und jauchzend und Musikbrei, der sich aus verschiedenen Quellen zu einer unhörbaren Masse zusammenpampt. Da bleibe ich lieber bei Schmendrick, Kofferraumklappe auf, hinten reingelümmelt, Musik auf die Ohren. Mache meine tägliche Schwedischkurseinheit. Telefonieren mit David. Dann geht‘s nochmal zur Stromquelle, die ich wieder anzapfen muss, da ich das Handy so freizügig halbleerbenutzt habe. Diesmal ist es auch etwas interessanter in dem kleinen Kabuff neben der Herrentoilette, weil letztere nun alle paar Minuten frequentiert wird. Ich starte den Lauschangriff „Händewaschen oder nicht Händewaschen“, lasse das Spiel aber bald sein. Fast alle waschen sich die Hände; viele auch brav mit Seife (und der Seifenspender immer so: „wwwwwü-ü-t“). Männer sind doch gar nicht so eklig. Die meisten gehen allein hierhin. Selten mal zu zweit. Gesprochen wird nur wenig. „Und was hast du bekommen?“ – „Biontech.“

Die Nacht im Auto wird wieder gemütlich. Es fängt wieder an zu gewittern und zu regnen. Ich fühle mich wohl und — ja, irgendwie angekommen.

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