Getting to know … München, Part 4

Tag 6 (29.06.21)

Aber der nächste Morgen ist wieder sonnig und ich nutze das gute Wetter, das Auto komplett auszulüften und ein wenig aufzuräumen. Und zu überlegen, was ich heute mache. Heute soll es regnen, allerdings erst nachmittags. Ich bekomme eine Nachricht von Michi, die spitzgekriegt hat, dass ich in München bin, und mich zu sich einlädt. Cool! Ich hoffe, ich kann es einrichten und verpeile es nicht. Doch zunächst einmal quartiere ich mich wieder in dem Holzkabuff bei der Steckdose ein. Ich habe die Sanitäranlagen ganz für mich alleine, kann mir in Ruhe die Haare waschen und die Zähne putzen, frühstücken, Strom zocken, und abchecken, wieviel Eintritt bei den zahlreichen Museen verlangt wird, die ich noch auf meiner Liste stehen habe. Meine Liste schrumpft dadurch zusehends, da allein sieben Museen die Coronazeit für einen Umbau oder eine grundlegende Sanierung nutzen. Manche (Schatzkammer in der Residenz, Rockmuseum) sind auch vorübergehend geschlossen. Dazu kommen die Museen, die mich einfach herzlich wenig interessieren. Bleiben trotzdem noch ein paar übrig, um dort die Regentage zu verbringen.

Mit fast vollem Handy und Tablet mache ich mich auf in die City. Nun ja, vorher bleibe ich im Olympia-Einkaufszentrum kleben. Der größte Konsumtempel der Stadt. Doch die Läden interessieren mich alle nicht; was ich suche, sind Sitzecken mit Steckdosen. Die gibt es in der Tat, sind jedoch alle abgesperrt. Auch die Schließfächer sind derzeit nicht zu benutzen, Hygiene und so. Schade, es wäre mal ganz nett, ohne meinen schweren Rucksack auf dem Buckel herumzurennen.

Vom Einkaufszentrum gehe ich zu Fuß direkt in den Olympiapark. Leider an einer ziemlich abgelegenen Stelle und ich muss bis zu den interessanten Sachen unendlich weit latschen. Immer dieses Gelatsche. Seufz. Ich phantasiere vor mich hin, wie ich an ein Fahrrad kommen könnte, das mir gehört. Und was ich damit machen würde, wenn ich München wieder verlasse. Aber ein gemietetes Metrobike würd‘s auch tun. Ich nehme mir vor: Das nächste freie Metrobike gehört mir! An der U-Bahnstation steht tatsächlich eins und ich schnappe es mir sofort. Und dann wird es cool! Ich cruise durch den Olympiapark. Fahrradfahren! Im Olympiapark! Ich genieße das total und freue mich voll darüber. Das ist so viel einfacher als das schwerfällige Gehen und macht großen Spaß. Ich flitze zum Olympaturm, aber die Auffahrt in die Turmspitze ist derzeit gesperrt.

Dann weiter um den Olympiasee herum. Hochgekeucht auf den Olympiaberg und Aussicht angeguckt.

Dann noch besser: Den Berg wieder runterbrausen, sssssssst! An der Haltestelle Petuelring lasse ich das Bike stehen und fahre mit der Bahn zum Marienplatz. Das Internet hat übrigens Recht: Überall steht, dass du früher oder später am Marienplatz landest, wenn du in München bist. Jap. Was nicht erwähnt wird: Mehrmals pro Tag! Jetzt gerade will ich dorthin, weil es bei Galeria Kaufhof doch so einen Handylocker geben soll, in dem eins das Handy einschließen und aufladen lassen kann. Doch weit und breit ist keiner zu entdecken. Und auch die ordinären Schließfächer sind zurzeit alle gesperrt, wegen Corona, genau wie im Olympia-Einkaufszentrum. Hmpf. Zum Glück habe ich ja meine Stromquelle in der Regattatribüne. Trotzdem. Wäre einfacher gewesen und ich müsste nicht immer Stunden damit verbringen, in diesem Raum herumzuhängen und zu warten.

Vom Marienplatz lasse ich mich zum Alten Hof spülen, wo ich kurz strande, die Hände im Brunnen wasche und dann weitertreibe zur Residenz.

Am Odeonsplatz nehme ich den Bus 100 und lasse mich Richtung Friedensengel transportieren. Das dauert irre lange, weil inzwischen die Rush Hour angebrochen ist und die Straßen mehr als verstopft sind. Doch mich kümmert das nicht, denn: Erstens habe ich alle Zeit der Welt, und zweitens hat der Bus USB-Ports, die gerade tierisch schnell mein Handy aufladen, an allen Sitzplätzen. Also müsste ich mich einfach mal in die 100 setzen und vom Haupt- zum Ostbahnhof fahren, um zu laden.

Als ich aus dem Bus aussteige, hat das Wetter sich verändert. Es ist zwar später Nachmittag, aber nicht SO spät, und trotzdem ist es stockduster geworden. Ich finde einen quietschrosa Plüschhund auf einem Zaun, nenne ihn Lulu und gehe mit ihm zum Friedensengel. Kann gerade noch so ein Foto von der güldenen Statue machen, wie sie die allerletzten Lichtstrahlen einfängt.

Und dann fallen ein paar schwere Tropfen auf mich rauf. Ich, voll vorbereitet, zupfe meine Regenjacke aus meinem tonnenschweren Rucksack. Kaum habe ich sie an, bricht das Unwetter los. Weltuntergang! Super-GAU! Fetzngaudi! Ein plötzlich einsetzender Sturm zerzaust die Bäume und lässt das Wasser aus dem Fontänenbrunnen meterweit neben dem Brunnenbecken auf den Boden klatschen. Was aber auch egal ist, da es in Strömen gießt. Ich flüchte in den überdachten Sockel der Friedensengelstatue, was eigentlich verboten ist, zumindest den wegversperrenden Ketten nach zu urteilen, aber das ist mir jetzt egal. In dem Sockel sind schon andere Menschen: zwei englisch sprechende Typen in T-Shirts und Shorts, die Cider aus Dosen trinken. Wir schauen auf den Weltuntergang, lauschen dem ohrenbetäubenden Donnergrollen und lachen uns an. Außerdem ist da noch eine Frau mit langen schwarzen Haaren und ihr ebenfalls langhaariger Begleiter, der barfuß im Schneidersitz auf einem ausgebreiteten Handtuch sitzt und unbeirrbar Panflöte spielt. Ich checke Google Maps: nächste U-Bahn (Prinzregentenstraße) ist zehn Minuten Fußweg entfernt. Zehn Minuten sind eine lange Zeit, wenn um einen herum gerade die Welt in Chaos und Fluten versinkt. Lieber bleibe ich noch hier und warte. Aber das Wetter wird nicht besser. Als der Mann auf dem Handtuch von der Panflöte zur Mundharmonika wechselt, schnüre ich meine Kapuze fester zusammen und renne los zur U-Bahn.

Völlig triefend durchnässt komme ich im Bahnschacht an. Alle anderen Menschen sehen ordentlich und trocken aus. Nur ich stehe da wie ein begossener Pudel. Wie haben die das gemacht? Egal, von hier kann ich gut nach Hause fahren. Es ist auch schon halb sechs.

Zwischendurch gibt es Probleme. Die S-Bahn muss einen Wartestopp einlegen, weil sich Gegenstände in den Oberleitungen befinden. Außerdem hat ein Blitz in eine weitere Oberleitung eingeschlagen. Weltuntergang, ich sag‘s ja. Aber schlussendlich ist es mir vergönnt, an der Fasanerie anzukommen. Ich kaufe noch schnell eine Packung Hummus für meine Cracker und Einlegesohlen für meine Vans und dann verbarrikadiere ich mich im rettenden trockenen Auto. Was für ein anstrengender Tag! Während meine tropfnasse Cargoshorts überm Lenkrad, die Regenjacke überm Beifahrersitz und die Socken überm Beifahrerhaltegriff trocknen, beschlagen alle Scheiben. Ich mummel mich ein, noch telefonieren mit David und das Abenteuer erzählen, während ich Oliven-Thymian-Knäckebrotsticks mit Pesto-Hummus esse.

Bald schlafe ich erschöpft ein und bekomme nur halbwegs mit, dass es zwischendurch immer mal wieder regnet. Das einzige, das mich wieder aufschrecken lässt, ist schon wieder Fußgetrapse auf dem Autodach. Eichhörnchen!, denke ich im diffusen Halbschlaf. Das letztens war auch keine Katze, das war ein Eichhörnchen! Deswegen ist das so laut!

Tag 7 (30.06.21)

Der Morgen ist wieder trocken und die Sonne bahnt sich einen Weg durch die Wolken. Der Himmel wird blauer. Die Kirche so: Es ist acht Uhr. Guten Morgen. Gut, ich habe jetzt erstmal Zeit, meine Klamotten in der Sonne zu trocknen, bevor ich richtig in den Tag starte. Mit einer zum Trocknungsplatz umfunktionierten in Richtung Sonne geparkten Motorhaube geht das überraschend gut.

Gegrillte Auberginen mit Tomatensauce direkt aus der Dose, Abstecher zum Friedhof, Wasserkanister auffüllen, Klo. Klamotten restlos trocknen. Mein Plan heute ist: Banksy-Ausstellung im Isarforum. Aber ach, alle Zeitslots sind bis zum 6. Juli ausgebucht. 6. Juli, das ist in sechs Tagen! Wie soll ich so lange vorausplanen? Wer weiß, was zwischendurch passiert und wo ich dann bin! Ich überlege hin und her. Meh. Schließlich treffe ich eine Entscheidung: ich buche mir den Slot am 6. Juli. Heißt: Ich werde noch mindestens sechs Tage in München sein. Oder naja, jedenfalls werde ich am 6. Juli in München sein.

Dann wieder zum Fasaneriesee, Auto parken. Janina schreibt: Ihr Onkel, der in München wohnt und cool ist, will mir unbedingt die Stadt zeigen! Okay. Ich bin zwar echt nicht so auf fremde-Leute-treffen, die ich absolut nicht kenne, und mich mit denen verabreden, um Zeit mit denen zu verbringen. Aber vielleicht sollte ich es gerade deswegen machen. Was steht auf der einen Postkarte, die ich mir ins Auto gehängt habe? Einfach machen – könnte ja gut werden. Ja gut, schreibe ich zurück, gib ihm mal meine Nummer.

Bevor der Nachmittagsregen kommt, will ich noch ein bisschen was Neues sehen. Mit der S-Bahn lasse ich mich zum Rosenheimer Platz transportieren. Heute muss ich übrigens sowieso irgendwann downtown sein, weil David mir gestern noch ein Laptopladekabel mit Mikro-USB-C-Anschluss sowie ein Solarmodul bestellt hat. Mit dem Laptopnetzteil kann ich an einer Steckdose turbomäßigschnell mein Handy laden. Und das Solarteil kann ich tagsüber hinter die Scheibe legen und eine Powerbank damit laden. Freu!

In München City angekommen, organisiere ich mir als erste Maßnahme ein zweites Frühstück. An der Haltestelle befindet sich nämlich eine Bäckerei mit geilen veganen Backwaren. Ich gönne mir ein Croissant, ein Marzipan-Mandel-Hörnchen mit Schoko und eine Laugenbreze, was ja nunmal echt sein muss, wo ich doch in München bin, oder?

Selig mampfend laufe ich zum Ostfriedhof und bestaune das Mausoleum, oder vielmehr Mosileum, von Rudolph Moshammer. Beeindruckend, aber ich bin hier gerade der einzige Mensch, der dem Aufmerksamkeit schenkt. Gut, er ist auch schon seit 16 Jahren tot und sicherlich wurde anfangs viel hierhergepilgert. Aber, und das macht mich nachdenklich, nach 16 Jahren interessiert es also auch niemanden mehr, wo du begraben liegst.

Noch im Friedhofsgelände lasse ich mich auf einer Parkbank nieder, um in Ruhe zu schreiben. Aber es wird immer kälter. Ich fange tatsächlich an zu frieren! Und dann fallen schon wieder die ersten Regentropfen. Gna. Dabei wollte ich doch heute das Viertel Haidhausen erkunden und ins Riesenrad gehen. Aber ich entscheide mich dagegen. Stattdessen laufe ich nur eine abgespeckte Runde durch Haidhausen (nicht so hip wie das Glockenbachviertel, aber trotzdem cool) und beschließe, lieber zurück zum Auto zu fahren. An der Bahnhaltestelle ruft mich David an und sagt, dass mein Laptopnetzteil und das Photovoltaikteil im Amazon Locker angekommen sind. Also Zwischenstopp am Stachus, Sachen abgeholt, glücklich weiter zu Schmendrick, rein ins Auto, Zwischenstopp bei Lidl weil Obstjieper, weiter zum Regattaparkplatz, und dann rein in das Tribünenklo mit der Steckdose, wo mein Handy in atemberaubender Geschwindigkeit Saft saugt. Peter, Janinas Onkel, ruft mich just in diesem Moment an. Wir verabreden uns für Freitag, also übermorgen, um 11 Uhr an der Mariensäule auf dem Marienplatz (da isser wieder, der Marienplatz …). Ich bin ängstlich, aber zuversichtlich und guter Dinge. Wer mit Janina verwandt ist, muss cool sein. Das hat ihr Vater schon bewiesen, der eine Stirnlampe trug, als ich ihn kennenlernte. Nach dem Telefonat schreibt mir Thorsten, bei dem ich ja noch meine Powerbank zum Aufladen vorbeibringen wollte, was wir bis jetzt verpeilt haben. Er ist heute nicht zu Hause, weil er schon den ganzen Tag seine Möbel zum Einlagern wegbringt. Don‘t panic, schreibe ich zurück, ich bin jetzt bestens ausgerüstet und die Lage ist nicht mehr so kritisch. Habe Strom und gutes Equipment.

Später am Abend schreibt mir Michi nochmal und lädt mich zu einer Draußen-Party am Samstag ein. Darauf freue ich mich – wir haben uns seit zwei Jahren nicht gesehen! Außerdem hoffe ich auf viele neue coole Leute zum Kennenlernen, Stromladen ohne Langeweile und vielleicht sogar eine Dusche …

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