Getting to know … München, Part 5

Tag 8 (01.07.21)

Heute habe ich einen Termin! Ich habe nämlich einen Tagesslot für das Deutsche Museum gebucht! Der Tag ist verregnet und grau; genau richtig für einen Museumsbesuch. Aber ich habe schlechte Laune, weil ich Downtown nicht sofort etwas Essbares abgreifen kann. Bei Cofee Fellows sind die veganen Bagel aus und Dean & David gegenüber (meine bevorzugte Eatery wegen des Namens!) hat noch geschlossen. Bei einem SB-Bäcker finde ich eine Sesamsemmel und bei dm eine Handvoll Energieriegel mit Kokos und Erdnuss. Das reicht für den Start ins Museum.

Das Deutsche Museum ist groß. Groß. Sehr groß. Ich muss mich erst einmal zurechtfinden. Schwierig. Dann tigere ich durch die ganzen Abteilungen, aber so recht geflasht bin ich gar nicht. Zum einen ist es mir fast zu groß, oder vielmehr: too much information. Ich habe gar nicht den Nerv, mir Dinge durchzulesen. Aber Mikroelektronik gefällt mir. Ich habe das Gefühl, dass das ein Gebiet ist, in das ich mich (noch mehr) reinsteigern kann. Ich denke an meine beiden Arduino Nanos und würde jetzt gerne was mit denen machen.

Im Informatikbereich ist es interessant und ich lerne über mich selbst: Wenn dein Lieblingscomputerspiel aller Zeiten in einem bedeutenden Museum hinter Glas ausgestellt ist, zusammen mit dem Computer, auf dem du es monate- und jahrelang immer gespielt hast, bist du alt …

In der Informatik gibt’s auch ein wenig übertriebenen Cable Porn sowie sehr freundlich dreinschauende Rechner.

Aber es gibt im Deutschen Museum auch einige ziemlich langweilige Bereiche. Beispielsweise die Ziegelstein- und Spiegelherstellung. Nicht so mein Ding.

Zu guter Letzt machen sich gelegentlich auch arrogante Gedanken breit: Pfff, ja, hier steht ein komplettes U-Boot, dessen ganze Seite aufgeschnitten ist, damit eins reinschauen kann. Aber ich war in meinem Leben schon in zwei U-Booten drin und weiß, wie die Dinger von innen aussehen. Of travel I’ve had my share, man. I’ve been everywhere.

Aufatmen im Sonnenuhrengarten, im wahrsten Sinne des Wortes: er befindet sich auf einer Terrasse und ich kann die Maske abnehmen. Zwischendurch ein bisschen Knatsch mit Finkus beim Chatten; nicht schön; telefonieren mit Finkus; geht etwas besser, aber meine Laune wird dadurch nur schlechter und meine Stimmung ist gedrückt und nachdenklich. Nach drei Stunden verlasse ich das Deutsche Museum und kehre im Museumsshop ein. Zwei Postkarten (für meine beiden Homies Yve und Daniel) und ein Mitbringsel für Finkus, den ich vielleicht öfter wieder David nennen sollte, was weniger fies ist, aber manchmal auch angebracht.

Was nun? Das Wetter ist geht so und ich mache mich auf zum Flaucher. Das ist ein Park an der Isar, in dem ich noch nicht war. Aber das Wetter ist zu scheiße. Ich möchte lieber nach Hause, ins Auto.

Zurück im Auto ruhe ich mich aus, harre geradezu aus, denn es gießt schon wieder. In einer Regenpause koche ich mir schnell ein veganes Curry aus der Büchse.

Abends dann das Highlight des Tages: die Kinos haben ab heute wieder geöffnet! Ich habe mir ein Ticket für „Nomadland“ geklickt und fahre mit der Bahn zum Cadillac & Veranda, einem äußerst reizenden familiengeführten Kino im 50er-Jahre-Stil. Der Kinosaal sieht aus wie ein riesiger Cadillac. Die Leinwand ist die Frontscheibe, in der Mitte ein überdimensionaler Rückspiegel, der zu Beginn der Vorstellung nach oben geklappt wird. Die Wände sehen aus wie Autofenster, durch die ein aufgemalter Boulevard zu sehen ist. Selig Popcorn mampfend sitze ich in meinem Kinosessel und freue mich. Der Film ist auf Englisch, und es nervt, dass die Leute (alle!) um mich herum andauernd miteinander tuscheln: „Was hat der gesagt? Wo sind die da jetzt?“ Himmelarschundzwirnnocheins, wenn eins kein Englisch versteht, dann seht euch doch keine englischsprachigen Filme an!!

Aber trotzdem verlebe ich einen schönen Abend und bin zufrieden. Auch, weil die Rückfahrt gut klappt und ich relativ schnell wieder bei Schmendrick bin, den ich vorhin schon wohlweislich fürs Schlafengehen zurechtgemacht habe. Ich bewundere kurz die neongrünen Glühwürmchen, die träge um mich herumschweben, dann gehe ich zu Bett.

Tag 9 (02.07.21)

Heute ist Freitag, und heute treffe ich mich mit Peter, meinem ganz persönlichen Stadtführer, der mir Münchens interessanteste Ecken außerhalb der ausgetretenen Touristenpfade zeigen will! Trotz des frühen Aufstehens (7 Uhr) beginne ich den Tag voll relaxt mit Baked Beans und Hot Chocolate, Haarewaschen, Katzenwäsche, Handy auf 100% laden (Gott, dieses Laptopnetzteil!). Wetterbericht is like: heute bleibt es trocken und es wird wieder wärmer. Have a nice day! An der Mariensäule treffe ich Peter und wir verstehen uns auf Anhieb. Peter ist Ende 70 und lebt seit rund fünfzig Jahren in München. Die Tour kann beginnen! In den nächsten fünf Stunden laufen und fahren wir sehr viele bedeutende, unbedeutende, schöne, hässliche, belebte und ruhige Orte ab. Peter hat überall Anekdoten und Geschichten auf Lager und ich höre ihm total gerne zu. Im Englischen Garten machen wir einen Zwischenstopp im Biergarten, wo er mir von seiner Reise nach Bali erzählt und wie er in den Neunzigern fünf Jahre lang auf Kreta gelebt hat. Er erzählt von seinen Fotoprojekten und Kunstausstellungen und von den vielen Künstler*innen, die er hier in München kennengelernt hat.

In der Gartenanlage der Residenz hat jemand ein Klavier unterm Dianatempel aufgebaut und spielt, wir lauschen und spenden ein paar Münzen.

Wir halten kurz bei den zwei ukrainischen Obdachlosen und ihrem Hund, die Peter im letzten Winter mit Nahrung versorgt hat. Wir geraten in eine beginnende Fridays-for-Future-Kundgebung. Peter zeigt mir die als Keramikdenkmal im Boden eingelassenen Flugblätter der Weißen Rose; dort, wo sie damals von der Balustrade geworfen wurden.

Wir bestaunen den kitschigen Stuck in der Theatinerkirche. Schauen in den Eingangsbereich des Tambosi, wo eine Flasche Alkohol gerne auch mal vierstellig kostet. Und sehen uns noch unzählige andere Sachen an! Zwischendurch schaffe ich es, eine Whatsapp-Nachricht von Thorsten zu beantworten: Ob ich Lust hätte, am Sonntag mit ihm am See abzuhängen und zu grillen, bevor am Montag sein Abenteuer beginnt, zu Fuß nach Kroatien zu gehen. Klaro möchte ich! Wir müssen uns doch auf jeden Fall nochmal sehen, bevor er abhaut. Immerhin habe ich ihn doch angestiftet. Und wer weiß, wann und wo wir uns wiedersehen. Das kann ich bei all meinen Travellerbekanntschaften ja nie so genau wissen. Aber eins weiß ich: es kann überall passieren und völlig überraschend! „Ich bin da und da.“ – „Hey, ich bin da ganz in der Nähe, aber nur dann und dann. Lass treffen!“ Also nebenbei noch ein Abschiedsmeeting mit Thorsten klargemacht und ich freue mich drauf.

Mein Highlight der Sightseeingtour mit Peter, eigentlich das Highlight des Tages, ist das Werksviertel-Mitte, von dem ich bis dato noch nie gehört hatte. Das steht auf keiner Must-See-Liste im Internet. Ein Ort des Wandels, des Verdrängens von Kunst und Charme durch Geld und Glasfronten. Die letzten bunten Zeugen aus einer kreativen Zeit, welche weichen müssen für Konsum, Wirtschaft und Chic. Zwischen einer gigantischen Großbaustelle, die schon von todschicken Hochglanzhochhäusern gesäumt ist, laufen wir die wenigen verbleibenden uralten Lagerhallen ab, welche mit professioneller Street Art hochrangiger Künstlerinnen zu Unikaten verzaubert wurden, und die in den nächsten Monaten oder Jahren leider für immer Geschichte sein werden.

Mitten in der Einöde der Großbaustelle, die wie eine weite, tote Kieswüste aussieht, steht neben einem gelben Monstrum aus Stahl ganz einsam, stoisch als letzte Zeitzeugin eine bunte Mauer mitten im Nichts. Aber auch sie wird irgendwann zerbrochen und weggeräumt werden. Ein trauriger Anblick. Und doch so schön.

Spätnachmittags verabschiede ich mich herzlich von Peter und bedanke mich für den wundervollen Tag. Ich nehme sehr viele Eindrücke und Emotionen aus dieser Begegnung mit.

Den Abend verbringe ich allein am flaschengrünen Wasser der Regattastrecke, das wie flüssiges kaltes Glas meine Beine kühlt und im Sonnenlicht glitzert. Ich bin nachdenklich. Versuche, eine Verbindung zu mir selbst und meiner Seele aufzubauen. Wer will ich sein? Ich bin Alex. Es geht nicht darum, wer ich bin, sondern wer ich sein will. Ist das überhaupt wichtig? Kann ich nicht sowieso nur sein, wer ich bin? Die Frage beschäftigt mich seit Wochen: Wer bin ich? Und wie will ich wahrgenommen werden? Und was bringt mir das? In der Nachdenklichkeit versuche ich mich damit abzufinden, irgendwann für immer allein zu sein. Bei Unsicherheiten geht es immer nur um andere – wie sehen die mich, mögen die mich, finden die das gut, werde ich so akzeptiert, finden die das komisch, werde ich ausgegrenzt, bleibe ich für immer allein? Es geht nicht um mich und was ich möchte oder wie ich bin oder sein will. Sondern immer um den Kontext zu anderen Menschen. Sorry, not sorry, ihr anderen Menschen – dies hier ist kein Happy End. Sich als transgender Person zu outen, ist kein Happy End, so wie ich es mir seit meinem Coming-Out immer und immer wieder anhören muss: „Wie schön, dass Du jetzt endlich zu Dir selbst gefunden hast und mit Dir im Reinen bist!“ Vor meinem geistigen Auge sind diese Worte, von anderen (cis) Menschen an mich als geschriebenes Wort gerichtet, immer begleitet von einem seligen Lächeln, einem selbstzufriedenen Seufzen und einem sachte zuklappenden Buch … und alle trans Personen lebten nach ihrem Coming-Out glücklich bis an ihr Lebensende.

… Nicht.

Ich weiß, das hättet ihr gerne. So stellt ihr euch das vor. Dabei fängt der allergrößte Spaß jetzt erst an, aber davon habt ihr keine Ahnung. Wollen die meisten auch nicht wissen. Es ist doch viel romantischer, sich krampfhaft einzureden, dass die geoutete Person jetzt sofort ihren absoluten Seelenfrieden gefunden hat und ohne Umwege direkt ins Nirvana der ewigen Glückseligkeit übergeht, bloß weil sie dir gesagt hat, dass sie trans ist. Und bevor ich gehässig werde und mein Rant noch weiter ausufert, höre ich an dieser Stelle lieber auf zu schreiben und beginne einen neuen Absatz.

Die Zeit hier allein für mich, generell auf diesem Trip, ist ziemlich wichtig für mich. Wichtiger als gedacht. Nicht unbedingt in Sachen „Oooh, ich wohne allein im Auto in einer fremden Stadt, dadurch wächst meine Persönlichkeit!“. Nein, denn das habe ich ja nun schon oft genug gemacht. Sondern es ist wichtig, mir Zeit für mich zu nehmen und ganz allein Zeit mit mir selbst zu verbringen, um mir selbst mal wieder unverfälscht zu begegnen. Und kompromisslos zu leben, ohne wen an meiner Seite. Und dadurch herauszufinden, was ich möchte mag bin sein kann will werde tun muss.

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