Getting to know … München, Part 6

Tag 10 (03.07.21)

Es ist Samstag! Heute Abend bin ich zur WG-Party eingeladen, aber vorher habe ich meinen Körper versprochen, mich den ganzen Tag auszuruhen. Das Wetter ist dafür wie gemacht; es ist brütend heiß. Bis ungefähr sieben habe ich geschlafen, bis ich von allein aufgewacht bin. Doch nur kurze Zeit später werde ich genervt: Lautsprecherdurchsagen. An der Tribüne beginnt ein Lautsprecher unaufhörlich zu sabbeln und es dröhnt über den ganzen Parkplatz. Scheiße. Da ist heute irgendwas los. Eine Veranstaltung. Verschwommen erinnere ich mich, dass an der Regattapromenade schon gestern große rote Schilder mit „Betreten verboten – Radrennen!“ aufgestellt worden waren, hatte aber gehofft, dass besagtes Radrennen gestern stattgefunden hätte. Anscheinend war aber heute gemeint. Auf dem Parkplatz ist relativ viel los, außerdem stehen Hütchen herum, die irgendwas absperren. Ich schlendere zur Tribüne und schaue von oben auf die Wasserfläche. Dort tummeln sich schon etliche Menschen im Wasser und an der Stirnseite des Bassins, wo sich auch eine weitere Tribüne befindet, ist reges Treiben. Und eben Gefasel. Heute ist Triathlon, kann ich dem Gefasel entnehmen, und gleich geht es los. Grummelig trolle ich mich von dannen, als ein ein schwarzgekleideter Securitytyp (nur stilecht mit Sonnenbrille) mich auf der Tribüne sieht und einen schrillen Pfiff ausstößt. Gibt es etwas Herablassenderes, als einen Menschen so anzusprechen? Nicht einmal „Hallo“, „Entschudigen Sie“ oder von mir aus auch „Eh! Runter da!“. Nein, es reicht nunmehr zu einem wütenden Pfiff. Arschloch. Doch die Begegnung hat etwas in mir bewirkt: Ich stelle fest, dass ich empört bin – nicht nur wegen der beschissenen Art, wie hier mit mir umgegangen wird, sondern weil ich finde, dass das hier mein Zuhause ist, in dem plötzlich Scharen von Menschen herumlatschen – ja, sich gar herausnehmen, über diesen Ort – MEIN derzeitiges Zuhause – zu verfügen und mich hinfortzubeordern. Schon seit zwei Tagen bin ich wieder einmal erstaunt von mir selbst, wie schnell ich mich in fremder Umgebung nicht nur zurecht-, sondern auch daheimfühle! Jedes Mal, wenn ich arglos mal in diese, mal in jene Bahn springe, um da und dort hinzufahren, jedes Mal, wenn ich nach dem Weg oder einer Bahnverbindung gefragt werde. Inzwischen kann ich diese Fragen sogar meistens beantworten. Über eine Woche bin ich schon in München. Und nun kommt irgendein dahergelaufener Fuzzi und sagt mir, dass ich mich nicht in meinem Wohnzimmer aufhalten darf. So ungefähr fühle ich mich. Ich habe nicht einmal Lust, mein Handy aufzuladen, sondern bin muksch und will hier weg. Hab sowieso Hunger. Mir ist nach einem gemütlichen Samstag-Morgen-Frühstück. Brötchen und so. Schon ahnend, dass ich dieses Wochenende wahrscheinlich nicht mehr hier stehen werde, fahre ich vom Regattastrecke-Parkplatz runter. Am Ausgang, der auch der Eingang ist, sitzt eine Person und erhebt Parkgebühren für alle Kraftfahrzeuge, die auf den Parkplatz rauffahren wollen. Vier Euro pro Pkw. Zehn Euro pro Camper. Ja nee, is klar. Ich fahre nach Dachau und kaufe mir im Kaufland ein Frühstück. Und Grillzeugs, für heute Abend und für morgen.

Mit allerhand Futter bewaffnet überlege ich, wo ich den Tag verbringen könnte. Ich entscheide mich, in Dachau zu bleiben, und parke an einem See, den ich noch nicht kenne. Dort ist es heute Vormittag zwar schon sonnig und heiß, aber noch spärlich besucht. Perfekt. Auf einer Parkband mampfe ich meine Brötchen mit Chili-Veta respektive Himbeermarmelade, während das Photovoltaikmopsi in der Sonne liegt und das Smartphone mit Strom füttert. Später wechsle ich auf die Wiese, die sich schon merklich mit weiteren Menschen füllt. Irgendwann schmeiße ich mich auch für ein paar Minuten ins kühle Wasser. Körperhygiene und so, immer wieder herrlich on the road. Was auf diesem Trip stets zu kurz kommt: Wasser trinken. Sport machen. Wasser am Körper. Und mein Schwedischkurs. Ja visst, jag gör mitt bästa! Und zu guter Letzt: Mich mit meiner Innenwelt beschäftigen. Ich bin viel mehr in der Außenwelt als sonst. Das ist oft anstrengend. Doch heute habe ich mir Zeit genommen, auf der Liegewiese rumzupimmeln und meinen erschöpften Körper auszuruhen. Leider verursacht das bei mir schon nach wenigen Stunden gähnende Langeweile und schlechte Laune. Überhaupt bin ich heute mies gelaunt. Weiß nicht so recht, wohin und warum und überhaupt. Bin rastlos. Es ist heiß. Ich kultiviere einen beachtlichen Sonnenbrand auf den Beinen, der mich noch den ganzen Tag begleiten wird.

Mir gefallen die öffentlichen Toiletten an dem See. Ich teste beide aus und kann mich nicht entscheiden, welches Design ich am besten finde.

Ich wollte mich heute noch testen lassen, wegen der Party. Nachmittags cruise ich mit Schmendrick zum nächsten Testzentrum. Erst am Tresen erfahre ich, dass die Tests nur für Leute, die in Bayern wohnhaft sind, kostenlos sind. Sonst 30 Euro. Ja nee, is klar. Wütend stapfe ich zurück zum Auto und beschließe gehässig, jetzt extra lange hier stehen zu bleiben und die Parklücke zu blockieren. Das haben die nun davon! Denen hab ich‘s aber gezeigt! Finkus anchatten und Unmut abladen. Finkus, wie immer, holt mich auf den Boden der Tatsachen zurück und sagt: „Kauf dir doch einen Selbsttest im Supermarkt!“ David, wenn ich dich nicht hätte. Eine famose Idee!

Der Selbsttest sagt: Alex, du bist negativ, grattis! Wunderbar. Aber bevor ich zur Party fahre, muss ich dringend self care betreiben und mir Zeit für mich nehmen. Ich will zum Langenwieder See fahren, den mir Peter empfohlen hat. Die Hinfahrt ist zwar nervig, weil ich im Schneckentempo eine kilometerlange Fahrradstraße entlangkriechen muss (ich erzähle aus der Sicht von Autofahrenden!), aber ich bin guter Dinge ob des Erholungswertes, der dort auf mich wartet. Oder doch nicht. Der Parkplatz kostet auch Geld und das sehe ich nicht ein – für die ein, zwei Stunden, die ich dort doch nur verweilen und meine Ruhe haben will. Aber eben, nur wenige Kilometer zurück, habe ich eine riesige Biogärtnerei mit einem ebenso riesigen Parkplatz passiert. Die peile ich an und habe Glück. Mittlerweile ist es abends, die Gärtnerei hat geschlossen. Und ich habe Platz. Viel Platz und Ruhe. Hier kann ich etwas runterkommen und mich ausruhen. Ohne beglotzt zu werden wie am See. Naja, wahrscheinlich wurde ich da gar nicht beglotzt, aber ich fühlte mich beglotzt so in der Öffentlichkeit. Hier auf dem Parkplatz hingegen kann ich die Fensterscheiben zukleben und für mich sein. So hänge ich in Schmendrick herum und finde gegen 21:30 Uhr, dass es an der Zeit ist, wieder unter Menschen zu kommen.

Michi holt mich an der Straße ab und zeigt mir, wo ich parken kann. Dann knuddeln wir uns erstmal – wir haben und seit zwei Jahren nicht gesehen! Die Party ist in vollem Gange, es sind irre viele Menschen da. Aber fast alle vollständig geimpft, da die meisten in sozialen Berufen arbeiten. Das Grundstück, der Garten und die zwei alten WG-Häuser sind irre! Ich bin ganz geflasht. Ich mag die Einfahrt mit der Regenbogenflagge, deshalb fotografiere ich sie am nächsten Morgen im Hellen.

Die vibrations heute Abend sind gut; ich mag die Atmosphäre von der inzwischen schon fortgeschrittenen Party. Feuerstelle, Livemusik, Buffet mit auch veganen Sachen, coole relaxte Leute. Voll toll. Ich fühle mich wohl. Futtere Bulgursalat, laufe herum, schaue mir alles an, lande in der Küche, in der erstaunlicherweise keine Küchenparty stattfindet (schade …). In Michis Zimmer wird mein gesammeltes Chaos an Elektrogeräten an die Steckdose gestöpselt und aufgeladen. Zwischendurch gehe ich nochmal zurück zum Auto, um meine beiden (leeren) Wasserkanister zu holen. Zeitgleich mit mir verlassen zwei ziemlich angetrunkene und laut lärmende Männer die Party. Sie gehen vor mir und reden bierselig fröhlich und ziemlich laut. Ich habe keine Angst, aber es ist mir doch unangenehm. Weil lärmende selbstbewusste Menschen mir unangenehm sind. Weil ich ad hoc immer befürchte, sie werden mich verbal verletzen. Mit großem Hallo begrüßen Sie das von ihnen gerufene Taxi, das uns entgegenkommt. Das Taxi hält und die beiden schicken sich an, einzusteigen. Ich gehe an ihnen vorbei.

„Somma di mitnehm, Buhr?“, ruft mir einer freundlich hinterher.

„Nee nee!“, rufe ich so maskulin wie möglich zurück. Und bin happy. Happy happy happy. I bin a Buhr! Mit Dauergrinsen auf der Flappe schließe ich das Auto auf. Bei angetrunkenen Personen mitten in der Nacht im Dunkeln ist mein Passing also sehr gut! Derjenige, der mich so genannt hat, wird wahrscheinlich nie erfahren, wie glücklich mich das in dem Moment gemacht hat.

Um Mitternacht hänge ich alleine in der Küche. Auf dem Tisch liegen zwei Bücher von Arthur Conan Doyle und ich fange an zu lesen. Bald mache ich aber Feierabend und verziehe mich endgültig ins Auto. Müde. Schlafen.

Tag 11 (04.07.21)

Die Nacht ist bis auf eine betrunkene Unterbrechung sehr ruhig und ich schlafe ganz erholsam bis sieben Uhr aus. Dann sagt mein Körper: Alex, du musst echt mehr Wasser trinken!

Michi hat mir nachts, oder vielmehr morgens, um halb drei noch geschrieben. Oh je. Wahrscheinlich muss ich heute früh länger warten, bis ich an mein Elektrochaos rankomme, das ja noch zum Aufladen in ihrem Zimmer herumliegt. Ich nutze die Zeit, um den Sonntag ganz ruhig angehen zu lassen. Eine Schüssel Haferflocken mit Mandelmilchkakao ist da ein guter Auftakt. Peter ruft mich an: Er will sich nochmal treffen. Wie lange ich denn noch in München zu verweilen gedenke? Tja, geplant ist nur noch bis Dienstag, und bis dahin bin ich schon ziemlich durchgeplant: ab gleich treffen mit Thorsten, Montag Museen, und Dienstag die Banksy-Ausstellung im Isarforum. Ich verspreche, mich zu melden, sollte sich etwas anderes ergeben. Von Peter und von Michi habe ich noch alternative Sightseeing-Geheimtipps bekommen: den Geisterbahnhof, die Tipisiedlung am See und Bahnwärter Thiel (weil ich vom Werksviertel-Mitte so begeistert war). Also schon wieder ein Schwung Dinge, die ich in mich aufsaugen will! Aber so ist das mit den Orten, die eins bereist – immer taucht noch viel mehr auf, es gibt immer mehr zu sehen, je länger du bleibst, und schließlich musst du dir eingestehen, dass du einfach nicht alles von der ganzen Welt sehen kannst, wenn du noch weiter rumkommen willst, ohne an einem Ort klebenzubleiben.

Um elf oder so ist Michi wach und ich besuche sie in der Küche, wo gerade schon alle frühstücken. Ich raffe all mein Elektronikzeugs zusammen. Die Powerbank ist voll aufgeladen! Nachdem sie nun eine Woche immer kurz vorm Exitus dahinsiechte. Und auch das Tablet ist wieder voll. Michi fragt mich, ob ich noch was brauche: Wasser, Frühstück, Dusche? Meine Augen leuchten auf. Dusche! Mit heißem Wasser, fügt Michi lachend hinzu. Das Angebot nehme ich gerne an! Ich bekomme sogar ein frisches Handtuch und darf mir im Bad aus einem Sammelsurium Shampooflaschen aussuchen, was ich benutzen will. Die heiße Dusche in Verbindung mit Tensiden tut unheimlich gut! Aaaah! Einmal Body-Reset. Ganz wunderbar nach anderthalb Wochen on the road! Nach dem Hygieneintermezzo verabschiede ich mich von Michi. Wir wissen noch nicht, wann und wo wir uns wiedersehen. Aber wir wissen, dass wir uns wiedersehen werden.

Ich fahre zunächst zum Fasanerieparkplatz, um abzuchecken, ob der schon brechend voll ist. Das Wetter ist geht so, ganz warm, aber wolkig, und noch trocken. Parkplatz: ziemlich leer. Gut. Ich fahre weiter zum Friedhof, um Wäsche zu waschen. Frage zwischendurch bei Thorsten nach, wann wir uns denn heute treffen wollen. War ja mittags geplant. Im Frauenklo des Friedhofs, oder vielmehr in dessen Waschbecken, schrubbe ich meine Dreckwäsche sauber und bin gerade rechtzeitig fertig, als eine Person reinkommt, um auf die Toilette zu gehen. Schnell alles zusammengeklaubt und weg bin ich wieder. Es ist mittags. Ich habe ungefähr drei Sonnenstunden Zeit, um meine Wäsche auf der Wiese ausgebreitet zumindest antrocknen zu lassen. Da ich nichts von Thorsten höre, packe ich halt alleine meine ganzen (Grill-)Sachen für drei Stunden am See zusammen: Elektrokram, die nasse Wäsche, Wasserflasche (ich muss echt mehr trinken!), Teller und Besteck, Wolldecke und Handtuch, Gaskocher, Pfanne, Knoblauchbrot, vegane Frikadellen, perverser Kartoffelsalat, Hummus mit Pinienkernen, arabisches Dattelsüßgebäck. Am See ist schon Highlife in Dosen. Ich finde einen angenehmen Platz, an dem ich ungestört bin und ein paar Stunden schreiben kann. Später mittags meldet sich Thorsten doch noch; er schafft es heute leider nicht. Es ist sein letzter Tag in München und es gibt noch so viel zu regeln. Wir verabreden uns für morgen früh zum Frühstück. Ich hoffe, dass es klappt. Den Rest des Tages verbringe ich am See und – ab 17 Uhr bricht wieder ein Unwetter über mich herein – mit Netflix im Auto. Ich jedenfalls habe es geschafft, wieder einen ganzen Tag lang mit Nichtstun zu verschwenden. Herrlich.

Wenn dir meine Beiträge gefallen, spendiere mir einen Kaffee auf Ko-fi:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: