Getting to know … München, Part 7

Tag 12 (05.07.21)

Montag. Aufwachen auf dem Seeparkplatz. Heute bin ich zum Frühstücken verabredet. Ich will noch Brötchen holen, die hier Semmeln heißen. Das wusste ich auch schon vorher, weil ich neulich mal eine Brötchenkarte von Deutschland gesehen habe. Also wo eingezeichnet ist, in welchen Regionen die wie genannt werden. Der nächste Pennymarkt ist relativ nah dran, aber hierfür überlege ich mir, dass ich etwas Neues machen will, nämlich einen E-Scooter ausleihen, um dorthin zu gelangen. Der nächste steht in der Nähe. Und es ist denkbar einfach, so ein Ding zu starten, nachdem ich es per App und QR-Code freigeschaltet habe: raufsteigen, mit einem Fuß lostreten wie beim Tretroller und dann den „Go“-Hebel drücken und das Teil braust von alleine weiter. Macht voll Spaß! So erreiche ich den Penny nach nur acht Minuten. Schockierend ist nur der Fahrpreis: 2 Euro für acht Minuten, und das ist für den Anbieter (Lime) noch günstig, weil er mir für meine allererste Fahrt ever freundlicherweise die Freischaltgebühr erlassen hat, welche sonst einen Euro beträgt. Zurück gehe ich zu Fuß. Ich muss ja sowieso schonmal vorab ansatzweise die Kalorien verbrauchen, die ich beim Frühstück konsumieren werde.

Wieder am Parkplatz, hänge ich halbverhungert rum und fange an ungeduldig zu werden, weil Thosten nichts von sich hören lässt. Handy aus. Irgendwann frühstücke ich alleine und fahre nach Downtown, mich von München verabschieden. Heute ist mein vorletzter Tag. Ich lasse mich durch die Stadt treiben; kaufe mir ein Polohemd, das mir gut steht. Endlich finde ich Gelegenheit, eine Sehenswürdigkeit von meiner ToDo-Liste abzuklappern, zu welcher ich bislang noch nicht die Gelegenheit hatte; den Flaucher an der Isar. Das ist ein großer schöner Park mit so Inseln. Am schönsten finde ich, dass das Flussbett ziemlich wenig Wasser führt, oder zumindest einst mehr Wasser geführt haben dürfte, sodass jetzt die ganzen Flusskiesel auf dem Trockenen liegen. Sie sind alle so schön glatt und rund geschliffen und erinnern mich an die Kiesel des Rio Serpis in La Safor in Spanien, wo ich mal sein paar Wochen als Housesitter gelebt habe.

Am liebsten würde ich mir jeden einzelnen Kiesel genau ansehen und die schönsten einsammeln und mitnehmen. Allerdings hat die Lebenserfahrung mich schon gelehrt, dass Steine mich auch nicht glücklicher machen. Ich tendiere nämlich dazu, überall auf der Welt schöne Steine zu sammeln und mitzuschleppen. Aber einen finde ich hier, den ich mitnehmen möchte. Ein kleiner Isarstein, rundgeschliffen, dunkel mit heller Maserung, perfekt als Kettenanhänger. Und ein wahrer Handschmeichler in der Hosentasche.

Vom Flaucher aus ist es nur ein Katzenschiss bis zum Bahnwärter Thiel, das Gelände, das Peter mir neulich noch empfohlen hat. Er hatte natürlich Recht, ich finde die Gegend sehr interessant! Wieder alles voller Graffiti – so viele, dass ich fast das kleine Schildchen übersehe, auf dem „Graffiti verboten!“ steht. Alles sehr alternativ und abgefahren. Ich entdecke neben einem heruntergekommenen Parkplatz einen Urban Garden, der mal eine Bahntrasse gewesen sein muss. Der Garten ist ganz zauberhaft und ich verbringe einige Zeit zwischen den toll bepflanzten Hochbeeten und Kübeln und besprühten Holzbänken. So eine schöne Oase!

Danach fahre ich zum Olympiapark, wo seit vorgestern das Tollwood-Festival stattfindet. Natürlich dieses Jahr nur in kleinerem Rahmen und ohne Bands, die mich interessieren würden, aber ich möchte es mir zumindest mal ansehen. Den dafür vorgeschriebenen Coronatest habe ich schon vorhin am Marienplatz durchführen lassen. Allerdings ist das „Festival“ so klein, dass ich nach einer knappen Dreiviertelstunde wieder draußen bin. Es sind halt nur Fressbuden und Verkaufsstände und ein paar Skulpturen. Sehr schön mit angenehmen Flair, aber ich habe schnell alles gesehen. Und wieder mal bestätigt sich der ärgerliche Fakt, dass Klamottenstände irgendwie immer nur auf weibliche Kundschaft gemünzt ist. Was soll‘s, es war trotzdem ganz nett.

Mittlerweile ist es auch schon später Nachmittag geworden und wieder einmal habe ich etliche Kilometer Fußmarsch zurückgelegt. Zeit, den Abend – vermutlich mein vorletzter, wenn nicht sogar letzter – besonders schön ausklingen zu lassen! Ich will zurück zum Auto und finde es gerade ätzend, dass die Bahnverbindung so umständliche Umwege fährt, dass die Strecke 40 Minuten dauert. Mit dem Fahrrad wäre ich nur 22 Minuten unterwegs, sagt mir Google Maps. Kurz überlege ich, mir ein Metrobike zu schnappen, aber ich habe gerade echt keine Lust. Also doch Bus und Bahn.

Mit dem Auto fahre ich zu meinem Lieblingsspot, der Regattastrecke. Diesmal allerdings etwas anders, weil der Navi mich auf unbekannte Straßen umleitet. Wahrscheinlich ist auf der ursprünglichen Strecke Stau oder Baustelle oder so. Viel ländlicher fahre ich nun laut Musik hörend über stille Asphaltstraßen durch Felder. Dann hat die Umleitung auch eine Umleitung. Das Umleitungsschild zeigt auf einen Feldweg, der aus zwei Fahrspuren entlang eines Feldes besteht. Abgefahrener krasser Scheiß! Gut, ich fahre die Umleitung von meiner Umleitung entlang und feiere die coole Strecke ab. Bis ich mich plötzlich mit dem Auto auf einer Seepromenade wiederfinde, die nur für Fußgänger*innen und Radfahrende gedacht ist. Entgegenkommende Fußgänger starren mich entgeistert an. Moment … da leuchtet es mir ein … dass mein Navi noch auf „Fahrrad“ gestellt war und nicht auf „Auto“! Oh. Geschäftig fahre ich rückwärts wieder von der Uferpromenade runter, auf den Feldweg, und von da die Landstraße zurück, bis ich auf meine reguläre Autostrecke stoße, über die ich dann endlich zum Regattaparkplatz gelange. Ich war seit zwei Tagen nicht mehr hier, seit am Samstag das Event hier stattfand, vor dem ich geflüchtet bin. Jetzt, am Montagabend, stehen zwar noch einige Autos hier herum, aber es ist ruhig und friedlich. Das Wetter ist sonnig und warm. Deshalb beschließe ich um 20 Uhr, einen Rundgang um die Regattastrecke zu machen. In den knapp zwei Wochen, die ich hier gewohnt habe, bin ich nicht ein Mal ganz um das Wasserbassin gegangen. Ich möchte mich gedanklich und emotional von diesem Ort verabschieden, der mir inzwischen sehr vertraut ist und der sich wie ein Nachhausekommen anfühlt, wenn ich hier bin.

Die Atmosphäre am Wasser ist gut. Es sind noch Menschen am Ufer und sogar im Wasser. Einige Kanus paddeln zielstrebig ihre Strecken ab. An der Promenade Fahrräder, Menschen mit Inlineskates und Skateboards (es gibt E-Skateboards! E-SKATEBOARDS! Wer muss sich sowas schnellstmöglich unbedingt zulegen?? Ich!). Der Sonnenuntergang ist schön, der Himmel in Rosé- und Apricotnuancen verfärbt. Eine Möwe kreist über dem Wasser. Aus der Ferne laut stampfende Musik von dem Typen, der mit seiner Bluetoothbox in der Tribüne sitzt und die Akustik ausnutzt, um grässliche Neuauflagen von 90er-Jahre-Hits in die Abendluft dröhnen zu lassen. Kurt Cobain würde sich im Grab umdrehen, wenn er diese Version von „Smells Like Teen Spirit“ hören müsste.

Ich laufe weiter, immer weiter um die Regattastrecke herum und merke erst jetzt, wie groß das Becken überhaupt ist. Viel größer als der Fasaneriesee. Aber das ist in Ordnung; ich brauche Zeit, um meine Gedanken und Gefühle zu sortieren. So gesehen hat mir der jetzige Trip nach München ein gutes Stück weitergeholfen. Ich glaube, ich weiß jetzt besser, was ich möchte. Kann mehr auf meine Gefühlswelt vertrauen bei den tiefgreifenden Veränderungen, die mir bevorstehen.

Um halb zehn komme ich wieder an der Tribüne an, mittlerweile wird es dunkel. Der Parkplatz hat sich merklich geleert und ich verbringe eine ruhige Nacht in meinem gemütlichen Auto.

Tag 13 (06.07.21)

Dienstag, der 6. Juli. Das bedeutet: Heute ins Isarforum zur Banksy-Ausstellung! Mein Zeitslot ist jedoch erst ab 15 Uhr. Daher kann ich den Morgen, ja den ganzen Tag!, durchaus sehr ruhig angehen lassen. Schon um halb neun scheint die Sonne und wärmt alles auf. Ganz relaxt verziehe ich mich mit meinem Elektrochaos in mein holzvertäfeltes Kabuff und lade Handy und Tablet, während ich blogge.

Den ganzen Vormittag und Mittag verbringe ich am Regattabassin. Sonne, Wärme, Ruhe und Frieden, ab und zu eine Runde schwimmen im smaragdfarbenen Wasser. Wie werde ich meine Regattastrecke, meine marode Tribüne und meinen Regattaprkplatz vermissen!

Rechtzeitig schwinge ich mich ins Auto und fahre zum Fasanerieparkplatz. Von dort in die S1 Richtung Downtown. Nach einem kleinen Umweg stehe ich rechtzeitig zu Beginn meines Zeitslots beim Isarforum auf der Matte. Flugs meinen Kram im Schließfach verstaut, Anmeldungsprozedere mit QR-Code und schon finde ich mich in der Banksy-Ausstellung wieder. Und ich bin begeistert! Die Ausstellung ist eines meiner Highlights auf diesem Trip durch München! Ich nehme mir alle Zeit der Welt, lese mir die Schildchen mit Hintergrundinfos zu jedem Werk genau durch. Ich bin sehr beeindruckt von Banksys Kunst, Humor, Kritikverständnis, Umsetzung, Genialität. Ich bin sehr dankbar für die Gelegenheit, mich einen Nachmittag lang mit diesem Künstler beschäftigen zu können. Die Ausstellung ist eine echte Bereicherung für mich.

Im Museumsshop muss ich erstmal Fotos machen und dann eine zeitlang mit David telefonieren. Wir müssen uns nämlich einigen, ob und welchen Kunstdruck ich mitbringe. Nach ein paar Minuten haben wir uns entschieden und ich schnappe mir begehrtes Objekt auf Leinwand im Keilrahmen und bezahle an der Kasse. Eine Postkarte nehme ich auch noch mit, als Deko für den Innenraum meines Autos. Wo schon etliche Postkarten hängen. Ich mag Postkarten. Jedenfalls solche, die eine Bedeutung für mich haben.

Mit dem Kunstdruck unterm Arm geht es zielstrebig zurück zum Auto. Erst als ich wieder S1 sitze und zum Parkplatz zurückfahre sinniere ich darüber nach, wie klug es ist, mit einem teuren fragilen Leinwandbild, welches einen halben Quadratmeter groß ist, in einem Auto zu wohnen, welches ungefähr zwei Quadratmeter groß ist. Aber ich weiß sowieso schon, dass meine Reise in sehr naher Zukunft beendet sein wird. Von München habe ich mich bereits gestern verabschiedet. Es wird Zeit, aufzubrechen.

Das neue Bild verstaue ich sorgfältig in Decken und Bläschenfolie gehüllt auf dem Beifahrersitz. Es ist mittlerweile abends. Ich fahre los. Servus, München! Ein bisschen wehmütig bin ich ja schon. Aber zurück nach Fruitlands will ich auch noch nicht direkt. Wo ich schon mal hier in der Gegend bin, kann ich ja noch einen Abstecher zum Chiemsee machen. Da war ich nämlich auch noch nie.

Gesagt, getan.

Gegen 19 Uhr erreiche ich einen Wanderparkplatz am Chiemsee. Der kostenpflichtig ist. Der erste kostenpflichtige Wanderparkplatz meines Lebens. Tja, irgendwann ist immer das erste Mal. Aber es stimmt mich schon etwas grummelig. Hatte mir gedacht, dass hier jeder Zentimeter Parkfläche Geld kostet, aber ein Wanderparkplatz? Nun ja. Da ich hier absolut kein Internet habe (Berge), was mich noch grummeliger macht, entscheide ich mich kurzerhand, in den nächsten Ort, Seeon-Seebruck, zu fahren und mir den dortigen Edekaparkplatz zu beschauen. Wenn der keine zornigen Zeitbeschränkungsschilder hat, penne ich da. Und tollerweise habe ich Glück. Ich kann beim Edeka unbehelligt und kostenlos stehen. Zum Dank kaufe ich im Laden ein paar Sachen für mich und eine Flasche veganen Bailey’s für meinen Finkus. Glücklich ziehe ich dann zu Fuß los und will noch was aus den Abendstunden rausholen. Was sehen. Den Chiemsee. Es ist ein wenig Fußmarsch vom Edeka zur Waterkant, aber bald bin ich da und stehe auf einem Steg im See und das Wasser schwappt unter den Holzbohlen um mich herum. Habe ich das also auch geschafft. Ich wollte mal den Chiemsee sehen — ich habe den Chiemsee gesehen. Ich wollte mal München kennenlernen — ich habe München kennengelernt. Ich bin zufrieden mit mir und der Welt. Bei all dem Scheiß, der gerade um mich herum und mit mir passiert, bin ich jetzt gerade zufrieden mit mir und der Welt. Muss ja auch mal sein, nicht? Glücklich zu sein.

Vom Seebrucker Strandbad laufe ich noch zum Kurpark, aber da ist es nicht so schön wie gedacht. Inzwischen senkt sich auch eine stille Dunkelheit herab, sodass ich mich auf den Rückweg zum Auto mache. Dort angekommen bemerke ich das kostenlose unverschlüsselte WLAN des Edekamarktes. Auf dem stockdusteren, gänzlich unbeleuchteten Parkplatz druckse ich mich direkt vorm Eingang des Edekas herum, weil dort der Empfang am besten ist, und mache im WLAN Updates von all meinen Apps. Die jammern nämlich schon seit Tagen herum, und es werden immer mehr. Und ich muss ein bisschen auf mein Datenvolumen achten, das schon fast verbraucht ist, obwohl wir heute erst den 6. haben.

Zwei Leute gehen an mir vorbei über den dunklen Parkplatz. Sie haben direkt neben mir geparkt und sind dann da so bei ihrem Auto und denken anscheinend nicht dran, wegzufahren. Wahrscheinlich bin ich ihnen genauso suspekt wie sie mir. Immerhin lungere ich gerade ohne ersichtlichen Grund nachts um elf auf einem unbeleuchteten, abgelegenen Parkplatz herum. Genau wie sie. Ich krieche in mein Auto und denke, naja, dann schlafe ich halt. Aber es ist mir nicht ganz geheuer, diese Leute da keinen Meter neben mir direkt an meinem Auto. Was machen die denn da? Ich überlege, was ich jetzt mache. Vorhin habe ich im Ort einige kostenlose Parkplätze in einer Ferienhaussiedlung entdeckt. Der Entschluss ist schnell gefasst, als ich mein Bauchgefühl befrage: weg hier!

Die Parkplätze im Ort sind super für mich. Es ist ruhig, sie sind kostenlos, niemand nervt hier herum. Ich kann beruhigt einschlafen.

Tag 14 (07.07.21)

Was mich früh morgens weckt, weiß ich nicht genau. Nicht das Eichhörnchen, das heute Nacht auf dem Autodach herumgeturnt ist (wieder einmal — das dritte Mal auf diesem Trip!). Das lässt mich inzwischen völlig kalt. Es ist komplett still. Bis der erste Vogel träge, melodiös und sehr verschlafen das erste einsame Trällern von sich gibt und dann wieder verstummt. Etwas, das ich schon gelernt habe, als ich erst dreizehn war, als ich lieber in der Nacht wach war als am Tag, um allein und für mich zu sein. Als ich nachts, als alle schliefen, Stunden vorm Fernseher verbrachte, um dienstags auf MTV Alternative Nation zu schauen, mit der Musik, die sonst nirgendwo läuft, auf die du sonst überhaupt keinen Zugriff hast, und begierig und dankbar alle Songs und alle Bands und all die Musikvideos in mich aufsog, und danach saß ich gerne in meinem Zimmer im ersten Stock allein auf der Fensterbank und ließ die Beine aus der Fensteröffnung baumeln und genoss den Frieden und die Stille und die Kühle der Nacht und die Einsamkeit. Bis nach einiger Zeit, kurz nach Anbruch des Morgengrauens stets das erste Trällern eines einzelnen Vogels träge, melodiös und sehr verschlafen aus einem Baum erklang. Dann war es immer vier Uhr dreißig. Immer ziemlich genau vier Uhr dreißig.

Jetzt, zweieinhalb Jahrzehnte später, liege ich eingekuschelt auf einem Ferienhaussiedlungsparkplatz am Chiemsee und lausche den einsamen Klängen des verschlafenen Vogels. Erinnere mich an damals, als ich so oft allein auf der Fensterbank in meinem Zimmer saß. Schaue auf die Uhr. Vier Uhr siebenundzwanzig. Heute wie damals.

Etwas treibt mich an, ich will los. Mein Gefühl sagt, ich will los. Um fünf Uhr früh bin ich fertig, habe Schmendrick vorbereitet und verlasse die Chiemseeregion. Ich fahre schnurstraks Richtung Fruitlands. Nur wenige kurze Pausen zwischendurch. Mittags bin ich da. Mein München-Trip ist nach vierzehn Tagen beendet und ich bin um sehr viele Erlebnisse und Erfahrungen reicher geworden.

Wenn dir meine Beiträge gefallen, spendiere mir einen Kaffee auf Ko-fi:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

%d Bloggern gefällt das: