Hallo, ich bin Andriya und ich bin ein Scanner.

Heute geht es um ein Thema, mit dem ich mich schon länger beschäftigen wollte: Die Scanner-Persönlichkeiten.

Ausschlaggebend war, glaube ich, meine heutige spontane Gesangs- und Gitarreübungsstunde allein im stillen Kämmerlein. Ich wünsche mir schon immer sehnlichst, singen zu können – und es üben zu wollen – aber ich habe einfach zu große Angst davor. Dementsprechend grässlich klingt das, was ich da hervorbringe, wenn ich mich traue (dass die Katze zu Beginn meiner Stimmübungen ganz plötzlich aus dem Tiefschlaf erwachte und unbedingt nach draußen wollte, lasse ich jetzt mal außen vor).

Dieses Jahr war ich auf einem Festival in Tschechien, das mich nachhaltig und tief beeindruckt hat. Nicht das Festival an sich, sondern die Menschen, die ich dort kennengelernt habe. Durchweg umwerfend wunderbare, einzigartige, individuelle, kreative, emotionale und liebenswerte Menschen, von denen mir viele ans Herz gewachsen sind. Doch so liebevoll, offenherzig und tolerant die Atmosphäre in den zehn Tagen dort auch war, so herrschte auch dort im sozialen Miteinander das selbe Muster vor, welches sich überall wiederholt: Beliebt sind diejenigen, die im Mittelpunkt stehen. Die, die gerne Menschen um sich herum haben, die gerne reden, und im Fall unserer temporären Festival-”Family”, die ihre Talente beeindruckend zur Schau stellen können, sei es Gitarrespielen, Singen, Akrobatik oder Jonglage.

Die Wochen nach dem Festival habe ich viel darüber nachgedacht. Welche Rolle ich dort wohl gespielt habe. Wie beliebt ich dort eigentlich wirklich war. Wie wenig ich es vermag, mich anderen zu öffnen oder andere in mein Herz zu lassen. Ich bin neidisch. Vielleicht stellenweise sogar eifersüchtig. Und gelegentlich auch traurig, wenn ich die vielen Fotos betrachtete, die die TeilnehmerInnen gemacht und für alle online gestellt haben. Bilder, auf denen ich die Liebe in den Augen der abgebildeten Personen lesen kann, die Wertschätzung und das Vertrauen zueinander. Fotos von mir? An einer Hand abzählbar, meistens als zufälliger Hintergrund-Statist. Mich mochte man wohl nicht genug, um sich mit mir ablichten zu lassen. Oder ich war einfach zu wenig im Geschehen drin. Aber besonders nachdenklich stimmt mich die Frage, ob ich dort überhaupt hingehöre, zu all den Kreativen, die so viele Dinge so erstaunlich gut können. Diese Überlegungen öffneten mir (mal wieder) die Augen, wie es um mich bestellt ist: Ich mache 1.000 Sachen. Aber ich kann nichts davon wirklich gut. Dabei strebe auch ich nach Anerkennung, Zugehörigkeit und Liebe, wie jeder Mensch. Ich brauche Bestätigung, denn ich bin sehr unsicher. Ja, das ist jetzt gerade leider so ein ätzender selbstmitleidtriefender Augenblick, aber der geht gleich vorüber, versprochen. Im Grunde weiß ich ja, dass ich perfekt genug bin. Ich bin ein Mensch mit vermeintlichen Stärken und vermeintlichen Schwächen, je nach Blickwinkel, und damit bin ich perfekt genug.

Trotzdem würde ich mich im nächsten Jahr auch gerne in Tschechien auf die frischgemähte Wiese stellen und meine kreative Stärke zeigen, an der mein Herz hängt. Diejenige sein, die das und das kann. Warum wird das nichts?

Es war irgendwie schon immer so, dass ich viele Interessen gleichzeitig hatte und diese bald fallen ließ, während gleichzeitig neue dazukamen, was aber gleichzeitig meinem ausgeprägten Hang zum Perfektionismus widerspricht. Ich meine mich zu erinnern, dass jemand diese Eigenschaft mal als “typisch” für mich eingestuft hat. Ich selbst sah meine Neigungen immer als durchweg negativ an: ich bin so chaotisch, ich bringe nichts zuende, ich steigere mich übermäßig in Sachen rein, ich Loser, ich weiß ja gar nicht, was ich will, ich scheue mich vor Entscheidungen, ich kriege nichts auf die Reihe. Bis ich vor etwa fünf Jahren zwei Bücher geschenkt bekam und beim Lesen vor Erleichterung heulen musste, weil ich mich endlich, endlich verstanden fühlte, und mich selbst endlich besser verstehen konnte. Die Bücher heißen Außergewöhnlich normal: Hochbegabt, hochsensitiv, hochsensibel: Wie Sie Ihr Potential erkennen und entfalten von Anne Heintze und Zart besaitet: Selbstverständnis, Selbstachtung und Selbsthilfe für hochsensible Menschen von Georg Parlow. Dort wurde mir erstmals der Begriff “Scanner” erklärt. Und beim ersten Lesen der Bücher leuchtete mir ein, dass die klitzekleine Möglichkeit besteht, dass dies eventuell eine Schublade sein könnte, in die ich tatsächlich hineinpasse. Nach dem Lesen vor fünf Jahren ließ ich das Thema für mich aber wieder fallen (ich habe ja wie gesagt immer etwa rund 1.000 andere Dinge, mit denen ich mich beschäftigen muss), und offenbar kam ich seitdem für mich persönlich ganz gut damit zurecht, wie ich bin. Aber heute, beim stümperhaften Gitarrespielen, kam mir das Ganze dann plötzlich doch wieder hoch, und ich begann etwas mehr über Scanner zu lesen.

Nun weiß ich also, dass ich eine Scanner-Persönlichkeit habe. Das erklärt alles. Komisch, dass immer alles auf einmal schlagartig für einen in Ordnung ist, sobald das “Warum?” geklärt wurde. Mit Grund lebt es sich wohl einfach leichter. Bringt Ordnung in eine strukturlose, willkürliche Welt. Scanner bleibe ich trotzdem. Ich bin immer noch neidisch, dass es scheinbar zum Standard gehört, dass die meisten Menschen ihre eine (oder zwei) Hauptleidenschaften an sich entdecken und diese dann pflegen: Sie machen am liebsten Gartenarbeit, oder sie spielen schon seit Ewigkeiten ein Instrument, oder sie beschäftigen sich seit ihrer Jugend mit Computern oder mit Tontechnik. Jemand kann super tanzen oder hat schon immer Fußball gespielt. Dann gibt es natürlich noch einige wechselnde Interessen drumherum, denn dass wir vielschichtige komplexe Wesen sind, ist ja allgemein bekannt.

Das sagt die Fachwelt

Eine Frau namens Barbara Sher hat sich dem Thema intensiv angenommen und ein Buch darüber veröffentlicht. Auf Deutsch heißt es Du musst dich nicht entscheiden, wenn du tausend Träume hast und wanderte soeben in meinen virtuellen Amazon-Einkaufswagen. Es wird sicherlich eine hilfreiche Lektüre sein, um mich weiter mit dem Thema auseinanderzusetzen.

Und ich?

Ich bin sprunghaft und fange vieles an, höre aber auch vieles wieder auf, obwohl ich fehlerhaftes Beherrschen einer Sache nicht ausstehen kann und zwanghaft in allem perfekt sein will (muss). Wenn mich ein Thema neu gepackt hat, dann tauche ich direkt tief hinein, bis zum Grund, sauge alle Informationen darüber auf, lese alles darüber, was ich zu fassen bekomme, und eigne mir dann in kürzester Zeit ein immenses Wissen zu dem Thema an (nicht selten, um dann ungefragt in Gesprächen damit herumzuklugscheißern und mich darüber aufzuregen, wenn andere etwas Falsches zu dem Thema sagen – Menschen, Schwächen und so, weißte Bescheid, nä? Hatten wir ja weiter oben schon). Aber sobald ich wirklich viel darüber weiß, fühlt sich das Thema für mich so leergeschlürft an. Wie die Spitze von einem Wassereis, wenn man den Geschmack weggesaugt hat und nur noch das bleiche gefrorene Wasser übrig bleibt. Bäh, langweilig. Dann muss man die Spitze abbeißen und der nächste leckere Abschnitt steht bereit.

Ich verstehe nun endlich – und lerne es hoffentlich bald, einzusehen –, dass meine Art des Lernens – und immerhin habe ich diesen unstillbaren enormen Drang des beständigen, lebenslangen Lernens – für einen relativ kleinen Teil der Menschheit durchaus arttypisch ist und ich zu diesen Menschen gehöre. Ich bin in dieser Hinsicht weder ein Loser noch ein Chaot. Ich möchte aufhören, mich selbst dafür zu verurteilen. Die Fachliteratur spricht vielmehr von “Hochbegabten” oder “vielseitig Begabten”, aber nee, sorry, das ist mir echt zu hochgegriffen. Die Leute, die das denken, haben mich heute Nachmittag nicht singen gehört.

Wie sieht das denn nun konkret aus?

Ich springe von einem Thema zum anderen und möchte am liebsten immer soviel gleichzeitig machen und lernen, dass ich nicht weiß, wo ich anfangen soll, oder ob ich überhaupt anfangen soll, weil ich ja schon von mir weiß, dass ich es sowieso bald wieder aufgebe. Ein paar Beispiele aus meiner derzeitigen (Stand: Dezember 2018) Situation: Dieses Jahr habe ich den 2. Reiki-Grad gemacht und sollte nun in Nachbereitung für einige Wochen eigentlich täglich über das Neuerlernte meditieren und es bei mir anwenden. Außerdem habe ich zwei (von fünf) Seminare einer Klangmassage-Ausbildung absolviert, mir Therapie-Klangschalen gekauft und möchte mich gerne damit selbständig machen. Bisheriges Feedback sagt mir, dass ich mit diesen Klangmassagen richtig gut bin! Yay! Vor einigen Monaten kaufte ich mir auch endlich die heißersehnte Gitarre, um besser spielen zu lernen – rudimentäres Gitarrespielen wurde mir schon als Kind von meinem Vater beigebracht und mit 18 hatte ich auch ein paar Mal Unterricht, in diesem Fall kehrte ich also wirklich mal zu einer lernenswerten Sache zurück, die ich schon zweimal fallengelassen hatte. Naja, und dann holte ich mir Anfang des Sommers auch ein Set Pois samt Fachbuch und übte in den sonnigen Monaten draußen viel damit, denn ich kann mir auch sehr gut vorstellen, mit den Pois (sobald ich es gut kann) für Artistikauftritte auf Feiern oder Festivals gebucht zu werden und so etwas mehr herumzureisen. Gleichzeitig wurde mein Interesse an Massage geweckt, deshalb entschloss ich mich, mich an einer Berufsschule zu bewerben und eine Ausbildung zur staatlich geprüften Masseurin zu beginnen. Die Ausbildung ließ ich sofort wieder fallen, als mir in der Berufsschule klar wurde, wie sehr ich dort bevormundet, in meiner persönlichen Freiheit beschnitten und eingezwängt sein würde. Mit Mitte 30 ist der Zug für mich abgefahren, dass ich mich in ein hierarchisches System pressen lassen könnte, in dem mir verboten wird, während 90 Minuten Unterrichtzeit Wasser trinken zu dürfen, wenn mein Körper mir durch Durst die Notwendigkeit dazu signalisiert. Außerdem wäre mir dadurch die Flexibilität, jederzeit reisen zu können, genommen, was für mich eine ziemlich erschreckende Horrorvorstellung ist. Noch bevor die Berufsschule im August überhaupt begonnen hatte, hatte ich für das kommende Jahr schon so viele tolle Termine ins Auge gefasst, zu denen ich unbedingt hinmöchte, dass ich rätselte, wie ich an so vielen Schultagen ohne schwerere Konsequenzen abwesend sein könnte, und musste mich zurückhalten, nicht direkt am ersten Schultag zur Klassenlehrerin zu gehen und zu sagen: “Entschuldigen Sie, ich möchte gerne die beste Schülerin der Klasse sein, aber übernächsten Monat kann ich an den und den beiden Tagen nicht zur Schule kommen, da muss ich nach Niedersachsen, und die zwei Wochen direkt vor den Sommerferien nächstes Jahr bin ich auch schon verplant, da will ich für zehn Tage nach Tschechien, ach ja, und im November ist dieses Konzert von den Sternen in Düsseldorf, zu dem ich echt gerne hinfahren möchte …” Ich, das verwöhnte dauerarbeitslose Schnorrer-Rotzgör, ließ dann lieber die Schule sein, anstatt mich in ihr einzusperren und ihr meine kostbare Freiheit zu opfern.

Die Neugier auf Massagetechniken ist trotzdem noch da, deshalb auch die Klangmassageausbildung, und ich plane noch weitere Kurse zu belegen (u.a. Fußreflexzonenmassage, mein Lieblingswort), denn momentan möchte ich sehr gerne damit arbeiten und anderen Menschen mit Entspannungsinseln im Alltag Gutes tun (mehr dazu unter Blogger). Soviel zu meinen kreativ-schöpferischen Interessen, die ich allesamt dieses Jahr verfolgte, während ich ja nebenbei auch noch unseren Bauernhof bewirtschaftete (Interessengebiete: gärtnern, Permakultur, bio-veganer Anbau, Selbstversorgung) und ziemlich viel unterwegs war (Interessengebiete: reisen, neue Orte entdecken, Selbstbewusstsein stärken, Selbstverwirklichung).

Doch neben all dem kristallisierte sich bei mir gleichzeitig innerhalb der letzten drei Monate parallel zur Klangmassage eine weitere tragende Säule meiner Interessenwelt heraus: Ich recherchierte herum, ob es nicht neben der mobilen Klangmassage bei KlientInnen vor Ort und dem Poi Dance noch andere “realistischere” Jobs gäbe, die ich während des Reisens ausüben und meine Reisen damit besser finanzieren könnte. So stieß ich auf den klassischen Job vieler digitaler Nomaden – das Web Development, also das Erstellen von Webseiten. Erst widerwillig beschäftigte ich mich damit; ich tat es mehr aus einer Not heraus, mal etwas “Anständiges” (Vernünftiges) zu lernen, aber der Funke sprang – ganz scannertypisch, wie ich nun weiß – dann recht schnell auf mich über und ich bin zurzeit Feuer und Flamme fürs Programmieren! Neben den oben aufgezählten rund 1.000 Sachen verbrachte ich also die letzten drei Monate noch mit kostenlosen und kostengünstigen Onlinekursen zu den Themen HTML5, CSS3, JavaScript, Bootstrap und Python, und toller-/überraschenderweise ist mein Interesse jetzt nach über drei Monaten immer noch so ungebrochen, dass ich mich zu einem Fernstudium an einem Fernlehrinstitut angemeldet habe. Ich habe in den letzten Wochen mit drei Webseiten begonnen – eine davon ist sogar mein erster richtiger Auftrag von extern, juchu! Die anderen beiden sind für meine derzeitigen Hauptinteressen und angestrebten beruflichen Standbeine, eine für Klangmassage und eine fürs Web Development. Damit verbringe ich also meine Zeit: die meiste Zeit am Laptop zum Coden, unterbrochen von Experimenten mit meinem neuen Minicomputer Raspberry Pi 3 B+ und Zubehör aus meinem Conrad-Electronics-Adventskalender, abends gerne mal eine Klangmassage an David (er ist ein williges Übungsobjekt), gelegentliche Intermezzi an der Gitarre, bei sturmfreier Bude auch mal ein paar ruhige Minuten mit einer Reiki-Selbstbehandlung, auf Ausflügen draußen und drinnen dabei immer ein Auge auf potentielle Fotomotive, denn ich fotografiere auch gerne, und zwischendurch lese ich zur Entspannung, und wie gewöhnlich habe ich drei oder vier Bücher gleichzeitig angefangen.

Das ist der Stand der Dinge JETZT. Ich kann Dir versprechen, dass es in spätestens sechs Monaten ganz anders aussehen wird und ich mindestens ein neues Steckenpferd zu zähmen versuche. Es passiert mir öfter, dass Leute, mit denen ich nach längerer Zeit wieder Kontakt habe, mich fragen, was denn das und das Hobby macht. Dann bin ich immer ganz erstaunt – Das ist der letzte Stand, den Du von meinem Leben hast? Das ist doch ewig her! Also, falls Du mich persönlich kennst oder wir uns mal kennelernen: Das, was Du von mir kennenlernst, ist nur eine Momentaufnahme. Wenn wir uns wiedersehen, brauchst Du eigentlich gar nicht erst zu fragen, wie es mir mit einem bestimmten Interessengebiet geht. Es wird sich längst gewandelt haben. Erzähl mir lieber etwas von Dir.

Der rote Faden

Das zusammenhanglose Herumgespringe zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Und das ist irgendwie auch das einzige, das sich wie ein roter Faden durch mein Leben zieht. Um mal ein paar Eckpfeiler aus meiner beruflichen Vergangenheit zu nennen: Eventmanagement im Abendstudium (abgebrochen), Bewerbung für eine Ausbildung als ITlerin bei der Telekom, stattdessen (abgeschlossene) kaufmännische Ausbildung bei der Telekom, zweieinhalb Jahre Berufstätigkeit im Büro, Kündigung des Jobs und danach Abitur auf dem zweiten Bildungsweg (abgeschlossen), (abgeschlossenes) Bachelorstudium in Anglistik, Amerikanistik sowie der allgemeinen und vergleichenden Literaturwissenschaften, Masterstudium in Düsseldorf (abgebrochen), Masterstudium in Halle (abgebrochen), Ausbildungsplatz zur Gemüsegärtnerin (abgebrochen), zwischendurch vier Jahre reisen und seit 1998 verstreut unzählige Gelegenheitsjobs als Wurstdosen-Etikettiererin, Inventurhilfe, Bürokraft, Prospektverteilerin, Zeitungsausträgerin, Putzfee, Feuerwerkverkäuferin, Verpackungshelferin und Erdbeerverkäuferin.

Nein, es gibt keine Struktur. Ich zumindest sehe keine. “Sie haben einen bewegten Lebenslauf”, hat eine Personalerin bei einem Vorstellungsgespräch mal zu mir gesagt. Dass ich mit dem “bewegten Lebenslauf” überhaupt noch an Jobs komme, grenzt für mich sowieso an ein Wunder.

Als Kind, Teenager und junge Erwachsene wollte ich Rockstar, Sozialarbeiterin, Psychologin, Fachkraft für Windkraftanlagen, Eventmanagerin, Pharmazeutisch-technische Assistentin, Floristin, Informatikerin, Kfz-Mechanikerin, Journalistin, Landwirtin und Grafikdesignerin werden. Ich pflegte als etwa zehnjähriges Mädchen eine überwältigende, für Außenstehende äußerst befremdliche Leidenschaft für Dinosaurier, Schildkröten und The Blues Brothers. Ab dem Alter wurde ich als seltsam abgestempelt. Ich war in der Grundschulklasse die beste im Zeichnen und bekam vom Schulrektor während einer Schulfeier ein Geschenk überreicht, weil ich die besten Deutschaufsätze der Schule schrieb. Ich sah mir Kinofilme so oft an, wie es ging, und war dann der allergrößte Fan davon. Ich lernte Schlagzeug, Keyboard, Gitarre und Bass spielen. Wenn mich etwas gepackt hatte, dann richtig. Es gab keine halben Sachen. Entweder verschrieb ich mich mit Haut und Haaren einer Sache, oder gar nicht. Ich hatte viele Talente, Interessen und Neigungen. Trotzdem kann ich nichts von all diesen Sachen gut. Andere Menschen sind in jedem meiner (ehemaligen) Interessengebiete viel versierter als ich, weil sie dieses Interesse seit Jahren verfolgen. Barbara Sher nennt solche Leute “Diver”. Meine Aufmerksamkeitsspanne hält immer nur etwa drei bis 12 Monate.

A Scanner doesn’t want to specialize in any of the things she loves, because that means giving up all the rest.”

Barbara Sher

Und die Nachteile?

Ja, die Nachteile. Wie ganz am Anfang erwähnt: Es wäre schön, wenn ich eine Sache mal richtig gut könnte. Gitarrespielen zum Beispiel. Oder Poi Dance mit Fackeln. Zumindest so gut, dass es mir Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit verschafft, weil ich weiß, dass ich es voll gut kann! Leider weiß ich immer nur, was ich nicht kann, oder schlecht kann. Einfach weil ich bei keiner Sache am Ball bleibe. Das ist nur wenig förderlich fürs Selbstbewusstsein. Am meisten bereue ich, dass ich mein zeichnerisches Talent nicht von Anfang an gefördert und ausgebaut habe, denn damit hätte ich garantiert herausragende Erfolge gehabt.

Ich bilde mir auch ein, dass Menschen, die mich kennen, Schwierigkeiten haben, damit umzugehen, dass ich plötzlich an etwas ganz anderem interessiert bin. Sie kennen mich aus einem bestimmten Kontext heraus, als sie mich kennenlernten, und nun interessiere ich mich plötzlich für Dinge aus einer ganz anderen Welt. Vielleicht denken sie, dass ich unehrlich zu ihnen war und mich als eine ganz andere Person ausgegeben habe, die ich bin? Das rückt mich von den Gemeinsamkeiten weg, die wir mal hatten, und da ich sowieso schon arge Probleme mit sozialen Kontakten habe, gestaltet es sich für mich dadurch noch schwerer, richtige Freundschaften zu schließen. Ich hoffe zumindest, dass dann die lieben Menschen übrig bleiben und mir ihre Liebe schenken mögen, die meinen Charakter sympathisch finden, und denen ich unabhängig von meiner neuesten Besessenheit meine Liebe zollen darf. Es soll vereinzelt welche geben. Ich danke euch dafür! ♥

Ein weiterer negativer Aspekt ist wohl auch die finanzielle Situation: Zum einen sind viele von den Dingen, die ich lernen und erfahren möchte, manchmal recht kostspielig. Die Sachen bringen aber kein Geld ein, wenn ich sie denn gelernt habe. Zum anderen vermag ich nicht, mich trotz meiner vielen Fertigkeiten auf einen unbefristeten “08/15-Beruf” festzulegen. Ich wüsste nicht, in welchem Interessengebiet! Schon gar nicht auf einen, wo ich eine/n Vorgesetzte/n hätte! Daher arbeite ich ausschließlich als Freelancer in zeitlich befristeten Projekten/Jobs. Das nimmt mir den Schrecken des Eingesperrtseins.

Zeit zum Umdenken

Für mein eigenes Wohlbefinden ist es nun höchste Zeit für mich, mich ans Umdenken heranzutasten. Ich sollte Frieden mit mir schließen und akzeptieren, dass ich niemals eine begnadete Musikerin werde, weil mir der Wille fehlt, über lange Strecken stundenlang zu üben. Wahrscheinlich werde ich auch nie über Jahrzehnte hinweg einen Beruf ausüben. Wahrscheinlich werde ich immer Neues entdecken, mit dem ich mich beschäftigen möchte, und Altes fallenlassen.

Am wichtigsten ist es jedoch zu lernen, zu mir selbst und meinen Neigungen zu stehen, und diese von anderen schnell als Schwächen abgestempelten Lernstrukturen als meine persönliche Stärke anzunehmen. Warum lasse ich mir da überhaupt reinreden? Und mal ehrlich: Wer redet mir überhaupt rein? Niemand. Ehrlich gesagt, ist hier niemand, der mich kritisiert. Höchstens die ausbleibenden Likes bei Facebook und das tödliche Schweigen, wenn ich mich vor meiner “Freunde”liste begeistert mit Fotos von LEDs, GPIOs, meinem Pi 3 B+ oder anderem Rumgenerde zu profilieren versuche, um Aufmerksamkeit zu erheischen.

Die größe Kritikerin an meiner Person bin ich selbst.

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Lesetipp: Are You a Scanner? By Barbara Sher

 

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