Im Mangrovenwald von Pichavaram

Heute habe ich mir ein Ruderboot gemietet und fuhr durch die unwirkliche Welt des Mangrovenwaldes an der Coromandelkueste …

Montag, 07.03.2016

Um viertel nach acht gehe ich los zum Busbahnhof in Chidambaram. Vorher ärgere ich mich ein bisschen, dass meine angebrochene Schokosojamilch über Nacht eingedickt ist. Hätte ich mir doch eigentlich denken können. Soviel zu meinem tollen Plan mit den Haferflocken! Es ist jetzt schon unerträglich heiß.

Der Bushof ist ein einziges Chaos. Die Busse sind zwar alle beschriftet, aber leider nur auf Tamilisch, und das sieht für mich aus wie Schrift von einem anderen Stern. In einem kleinen Büro sitzen zwei Männer, die ich nach dem Bus frage. Um 9:15 Uhr fährt der Bus, und er hat angeblich die Nummer 15. So ganz kann ich das nicht glauben, denn alle Busse, die ich sehe, haben vierstellige Nummern. Ich versuche einen geeigneten Platz zu finden, um die halbe Stunde zu warten. Gar nicht so einfach. Der Bahnhof ist wie alles andere hier total versifft, vollgemüllt und stinkt ekelerregend. Die Fußwege sind vollgestellt mit Fressbuden. Hygiene scheint hier ein Fremdwort zu sein. „What do you want?“, werde ich alle paar Meter von den Verkäufern gefragt, obwohl ich ihre schmierigen Auslagen überhaupt nicht beachte. Da ist er wieder, der westliche Schnösel: ich. Gegen kurz nach neun scanne ich alle Busse in diesem Chaos. Die Busse stehen einfach irgendwo und fahren einfach irgendwie los, ob da nun noch andere Busse herumstehen oder nicht. Doch halt – einige haben wirklich kleinere Nummern: 6, 23 … dann gibt es vielleicht doch eine Nummer 15. Aber ich habe keine Ahnung, wie ich meinen Bus entdecken soll. Ratlos und hilflos stehe ich da und betrachte das Schauspiel um mich herum, während der Lärm der Autohupen und das Stimmengewirr meine Ohren umtost. Ich verliere den Mut. Soll ich vielleicht doch lieber eine Rikscha nehmen? Schaffe ich es überhaupt, den richtigen Bus zu finden? Ich fasse mir ein Herz und halte schnurstraks auf einen der Männer in hellbrauner Khakiuniform mit Umhängetasche zu. Das sind die Schaffner, die im Bus die Fahrkarten verkaufen.

„Pichavaram?“, frage ich. Der Mann bringt mich quer über den ganzen ZOB zu meinem Bus. Mit der Nummer 15 hinten drauf. Hurra! Ich hab’s geschafft! Ich steige ein und frage vorsichtshalber nochmal den Schaffner im Bus: „Pichavaram?“ Ja. Jemand bietet mir den letzten Sitzplatz an. Ich zahle 7 Rupien für die Fahrt. Sie dauert etwa eine halbe Stunde und ist wieder ein Abenteuer für sich. Die Busse sind so schön alt und ranzig, und sie rumpeln so schön brachial über die Straßen! Statt sicher und fest verschlossener Fensterscheiben wie in Deutschland gibt es hier stets offene Schiebefenster, deren Öffnungen vergittert sind. Außerdem haben die Busse drei oder mehr verschiedene ohrenbetäubend laute Huptöne, derer sie sich oft und gern bedienen, um wie Wale durch den Verkehr zu pflügen. Ich muss so oft lachen, wenn die Busse hupen, weil manche geradezu triumphale Fanfaren schmettern, oder einfach nur in tiefstem Bass „Mööööööööööööööööh“ machen und damit zum majestätischen Herrscher des Verkehrsflusses werden. Die Fahrerkabine ist hübsch kitschig hergerichtet mit Blumensträußen, Girlanden und natürlich den obligatorischen grellbunten Bildern diverser Gottheiten, die gelegentlich auch mit bunten wild blinkenden LED-Lampen umsäumt sind. Busfahren ist toll!

Pichavaram ist die Endhaltestelle. Ein unpersönliches Touristen-Ressort („Restaurant – Bar – Dormitory – Hotel“) dominiert diesen Ort im Nirgendwo. Ferner gibt es Toiletten und ein großes Wartehaus, in dem man auch die Bootstouren buchen kann. Ich sage, dass ich zu eint bin (die Preise gehen eigentlich erst ab zwei Personen los) und eine Stunde im Ruderboot fahren möchte. Das kostet 185 Rs. Ich bezahle und warte. Ein Mann fragt mich „Madam, are you ready now?“ – „Yesss!“, antworte ich begeistert. So was von ready!! Ich bekomme eine Schwimmweste umgeschnallt. Dann muss ich noch 26 Rs extra für meine Kamera bezahlen. Das ist hier so usus. Kameras in Touristenattraktionen (Tempel und sowas) mitzunehmen kostet extra. Meinetwegen. Ich bin der einzige Mensch, der eine Bootstour gebucht hat. Mein Bootfahrer wartet schon in seinem blauen Kahn. Er wartet, bis ich platzgenommen habe, nimmt seine Ruder und los geht’s!

DSCF9781

Wie schön entschleunigt plötzlich alles ist. Das Wasser gluckst unter mir. Die Sonne scheint. Der Wind streichelt warm meine gebräunten Schultern. Das Boot gleitet gemächlich über das Wasser zu dem Mangrovengürtel am anderen Ufer. Es ist so schön hier, so entspannend. Nach über einem Monat Dauerstress ist es jetzt gerade so richtig entspannend. Ich möchte die Augen zumachen und dösen. Aber ich bin ja wegen des Mangrovenwaldes hier und schon total aufgeregt, ihn endlich wirklich und wahrhaftig zu sehen, in ihm drin zu sein! Die Mangroven kommen näher. Sie sehen so aus, wie ich sie mir vorgestellt habe. Naja, ich habe mir das Wurzelwerk dicker vorgestellt. Manche Wurzeln sind nur fingerdick, die meisten aber haben so drei bis fünf Zentimeter Durchmesser. Ich hatte mir so riesige wuchtige stammartige Gebilde ausgemalt. Aber das ist jetzt egal, denn ich sehe den Mangrovenwald, wie er in Wirklichkeit aussieht, und in Wirklichkeit ist er wunderschön!

DSCF9769

Ganz still und friedlich. Ich höre ein Geräuschdickicht aus ihm dringen. Vogelstimmen, Geraschel, Insektengezirpe, Urwaldgeräusche. Unter der Wasseroberfläche schnellen Fischchen wie Torpedos vorbei. Die Mangrovenwurzeln greifen wie ein lebendiger dicker Vorhang ins Wasser und lassen sich umspülen. Hin und wieder schließt sich das Blätterdach über mir und ich fahre durch eine grüne dämmrige Höhle, an deren dichtbelaubter Decke sich die Lichtreflexe des schwappenden Wassers brechen. Nur die sanft gurgelnden Ruderstöße sind zu hören und die Stimmen des Urwalds. Die Zeit steht still. Rechts und links von mir ist nichts als Mangrovenwald, ein einziger miteinander verfilzter lebender Organismus aus undurchdringlichem Mangrovenwald mit seinen abertausenden Luftwurzeln, die den Baumkronen entspringen und als schlanke lebensspendende Finger dem Wasserspiegel zustreben. Das Gewirr aus Wurzeln ist so dicht und so verwachsen, dass ich kein Land am Ufer sehe. Ich blicke tief in diesen Dschungel, aber ich sehe meterweit nur Wasser und Wurzelgeflecht darin. Irgendwo da drin muss auch fester Boden sein, auf dem die Bäume wachsen, aber sie sind so ausladend und riesig, dass ihre festverankerte Basis vom Ufer zu weit weg ist, um sie auszumachen.

DSCF9778

Das Boot dümpelt auf dem Wasser herum. Der Bootsführer lässt sich Zeit. Einmal greift er in das Pflanzengewirr, zieht etwas heraus und reicht es mir.

„Here. Mangrove.“

Eine kleine Mangrove. Eine Minimangrove. Eine einzelne kurze Mangrovenwurzel mit einem Blütenkopf daran. Ja, durchzuckt es mich, wie entstehen denn überhaupt die kleinen Mangrovenbabys? Und wie kümmere ich mich um mein neues Adoptivkind? Ich möchte es hegen und pflegen! Sorgsam packe ich es in meine Tasche zu meinem Kristall.

Nach einer Stunde, die mir wie eine Ewigkeit vorkommt – ich überlege schon, ob der Bootsmann wohl einfach zwei Stunden gefahren ist und mich jetzt nachzahlen lässt – legt mein blaues Ruderboot wieder sicher am Bootshaus an und ich steige aus.

DSCF9775

Ein französisches Ehepaar fragt mich, ob sich die Fahrt lohnt, und ob sie ein Motorboot oder ein Ruderboot buchen sollen. Ruderboot! Eindeutig! Und ja, es lohnt sich! Do it!

„Thank you, Miss“, sagen sie glücklich und buchen ein Ruderboot.

Nach einer halben Stunde kommt der Bus nach Chidambaram und ich lasse mich zurückfahren. Die Fahrt kostet diesmal neun Rupien und der Schaffner behält einfach meinen Zehner, ohne mir Wechselgeld zu geben. Der Bus wird zum Partybus! Der Fahrer macht laute indische Musik an, die sich über Lautsprecher im ganzen Fahrzeug verteilt. Die Musik macht Laune und passt gut zum halsbrecherischen Gerumpel, mit dem wir die Strecke zurücklegen! Ich genieße den raumfüllenden Soundtrack und den Fahrtwind und betrachte glücklich die vorbeirauschende Landschaft mit seinen Palmen, Reisfeldern, Kühen, Palmenblätterhütten und goldenen Statuen. An einem Stop steigt ein uralter Mann ein. Er ist ganz dürr, er hat keine Zähne mehr und sein Haar ist schneeweiß. Seine dunkle Haut ist runzlig und mit Abermillionen Falten überzogen. Er wirkt so fragil. Er nimmt auf dem Sitz vor mir Platz. Nach ein paar Minuten geraten der Schaffner und die anderen Fahrgäste in helle Aufregung. Etwas stimmt mit dem alten Mann nicht. Der Schaffner nimmt hektisch eine Wasserflasche und hält sie ihm hin, gibt ihm zu trinken. Der alte Mann reagiert nicht und sackt zusammen, sein Kopf pendelt nach vorne. Leute greifen nach ihm, stützen ihn, reiben seine Stirn, besprenkeln ihn mit Wasser. Der alte Mann ist zusammengebrochen. Der Busfahrer macht die Musik aus. Die Leute kümmern sich weiter. Ich rechne mit dem Schlimmsten! Aber bald kommt der alte Mann wieder zu sich. Er trinkt Wasser und kann wieder aufrecht sitzen. Er wirkt so zerbrechlich und unendlich alt. Ich spüre eine Welle der Zuneigung und Liebe in mir aufsteigen. Ich unterdrücke meine Tränen. Ich möchte den alten Mann umarmen, ihn festhalten und ihm sagen: „Dir geht es nur kurz etwas schlecht. Gleich geht es Dir besser. Ich halte Dich fest. Ich bin für dich da.“ Zum Glück kommt er wohlbehalten in Chidambaram an und beim Aussteigen werfe ich ihm einen letzten Blick zu. Friede sei mit Dir, denke ich, mögest Du glücklich sein.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.