Kostenlos das Leben genießen, oder: Weniger ist mehr

Ganz klar: am leichtesten lässt sich das Leben genießen, wenn man genügsam ist, sehr wenig besitzt, sich an seinem inneren Reichtum erfreut, möglichst einfach lebt und mit dem zufrieden ist, das man hat. Der Weg dorthin ist spannend wie auch beschwerlich, aber er lohnt sich!

Doch manchmal brauchen auch penniless travellers wie ich die eine oder andere Sache, um über die Runden zu kommen. Hier schreibe ich (mal wieder) über die Wichtigkeit und Unwichtigkeit von materiellem Besitz und packe im Anschluss eine kleine Liste mit Bezugsquellen von allerhand kostenlosem Zeugs dazu.

Im Zuge meines Selbstexperiments einer weitestgehend geldfreien Lebensweise über mittlerweile 15 Monate (seit Oktober 2014, inspiriert von Raphael Fellmers Buch „Glücklich ohne Geld“) lernte ich nach und nach, den Sinn und Unsinn von Besitztümern zu hinterfragen — vor allem von brandneu produzierten Gütern — und begann deshalb, nach kostenlosen oder besonders kostengünstigen Alternativen zu suchen. Immerhin wird die eigene Lebenszeit in den Erwerb von Geld investiert, und diese Lebenszeit ist einmalig und unwiederbringlich. Umso erstaunlicher ist es, dass das schäbige materielle Äquivalent, das man für seine kostbare Lebenszeit bekommt (also Geld) mitunter ganz arglos und spontan für die überflüssigsten Dinge ausgegeben wird. Dinge, die man dann seinen Lebtag mit sich herumschleppen muss, von Umzug zu Umzug, in vielen Kisten und Kartons; hunderte Kilogramm Gewicht; Dinge, die ab dem Datum des Erwerbs in der Wohnung untergebracht werden müssen, in Regalen und Schränken, welche ebenfalls gekauft werden müssen, wodurch der materielle Besitz sich noch mehr anhäuft.

Eigentum und Angst: ein belastendes Paar

Und gleichzeitig schwingt immer diese Angst mit: Angst davor, diese Besitztümer wieder zu verlieren, Angst vor Einbrechern, die die Dinge stehlen könnten, Angst davor, dass etwas kaputtgeht, herunterfällt oder etwas nach dem Verleihen nicht wieder zurückgegeben wird, Angst davor, dass die teuer gekauften Dinge durch Wasserschaden oder Schimmel zerstört werden oder sich durch stetigen Gebrauch abnutzen … und als Folge werden diese gekauften Sachen nach dem Erwerb nicht einmal benutzt, oder nur sehr sehr sparsam. Meiner Erfahrung nach geht auch eine vage, unbestimmbare, aber omnipräsente Angst, dass das Leben auf unbestimmte Art und Weise irgendwie schlimmer oder schlechter werden könnte, sobald man eine Sache nicht mehr besitzt, mit dem Besitz von Dingen einher. Der Gedanke, sehr wenig zu besitzen oder ein bestimmtes Teil nicht mehr zu haben, kann geradezu furchteinflößend sein, als würde die eigene Existenz davon abhängen. Als würde man von zu wenig Besitztümern sterben! Als Folge (so handhabte ich es jedenfalls vor vielen Jahren) wird alles(!) Brauchbare sorgsam gehortet, falls man es in unbestimmbarer Zukunft mal wieder gebrauchen könnte. Dieses „falls-Denken“ finde ich durchaus sehr fatal. Es ist belastend. Denn dadurch häufen sich die Eigentümer zu einem erdrückenden Berg an, von dem man sich geistig abhängig macht. Falls man es nochmal braucht. Der Keller ist voll, die Schränke sind voll, die Abstellkammer auch, und Du weißt überhaupt nicht mehr aus dem Kopf, was Du alles besitzt. Oder schlimmer noch: Du weißt genau, dass Du eine bestimmte Sache besitzt, kannst sie aber in der Masse von Besitztümern nicht wiederfinden, bist zu faul zum Suchen und kaufst ein ähnliches Teil kurzerhand neu.

Ebenso existiert zusätzlich zu all dem eine Angst, all die Erinnerungen zu verlieren, die an diesen materiellen Gütern hängen, wenn diese Güter letzten Endes doch noch entsorgt werden müssen. Denn jedes Teil birgt ja doch irgendwie eine kleine oder große Geschichte, denn schließlich ist es ja auch durch irgendwelche Umstände in unseren Besitz gelangt. Wir denken, dass wir ein Stück von uns selbst, unserem Leben, verlieren, wenn eine Erinnerung abhanden kommt. Wir trauen uns nicht zu, diese Erinnerung auch ohne das dazugehörige Erinnerungsstück bewahren zu können. Wieso eigentlich?

Befreie Dich!

Es dauert ein bisschen, sich von all dem freizumachen. Es ist leichter gesagt als getan. Ich für meinen Teil denke, dass ich schon ganz gut davor bin, jedoch noch nicht vollkommen losgelöst von diesen Ängsten lebe.  Ich besitze noch viel zuviel. In den letzten zehn Jahren und sehr extrem im vergangenen Jahr (2014/15) habe ich mich radikal von Besitztümern getrennt. Vor fast genau einem Jahr schrieb ich an dieser Stelle schon einmal darüber. Seit diesem letzten Beitrag ist viel passiert. Ich stellte fest, dass es sehr viel schwerer ist, sich von Besitztümern zu befreien als sie sich anzueignen. Viele Dinge konnte ich einfach so weiterverschenken. Das meiste davon landete in Give-Boxen. Bei einigen Dingen tat ich mich schwer, aber nach einiger Überwindung trennte ich mich dann doch davon. Verbrannte im Lehmofen unseres Gartens feierlich alte Briefe, Hefte, ein leeres Fotoalbum, private Notizen, Kontoauszüge und war erleichtert, dass diese Dinge meine Welt verlassen hatten.

Und etliche Sachen wollte ich einfach nur behalten. Es war mir unmöglich, sie wegzugeben, weil sie mir so lieb waren. Das meiste Geschenke von mir nahestehenden Menschen. Ich war geduldig, akzeptierte meine Gefühle und behielt die Sachen. Dann stellte ich fest, dass ich mir bei vielem einfach nur Zeit geben musste. Ich war zu einem früheren Zeitpunkt einfach noch nicht bereit dazu gewesen, mich von einer bestimmten Sache zu trennen. Aber dieser Zeitpunkt kam dann irgendwann. Und dann ließ ich los. Das war immer sehr befreiend. Eine Last wurde von mir genommen. Ich war jedes Mal froh, dass es endlich doch noch weg war, dieses Teil, an das ich mich emotional so gekrallt hatte.

Was besitze ich noch?

Verhältnismäßig wenig. Ich kann alles mit meinen eigenen Händen transportieren. Vielleicht nicht alles auf einmal, aber ich kann jedes Teil allein ohne fremde Hilfe tragen! Das gibt mir ein gewisses Gefühl der Unabhängigkeit. Überflüssig ist so gut wie alles davon. Rational betrachtet könnte ich bis auf die Kleidung alles verschenken oder wegschmeißen und würde trotzdem überleben. Dennoch ist mein Besitz für mich momentan aufs bestmögliche Minimum reduziert. Dennoch ist er einem stetigen Wandel unterlegen. Ich bin mir sicher, dass er in einem halben Jahr anders aussehen wird.

Mein "Kleiderschrank", zwei Holzregalböden
Mein „Kleiderschrank“: zwei Holzregalböden, darin all meine Kleidung und in der Mitte Emil

Angstfrei besitzen

Es ist schön, dass alles, was ich habe, ziemlich alt und gebraucht ist. So habe ich weniger Angst, dass es mir kaputt geht oder abhanden kommt. Dadurch, dass ich vieles kostenlos bekommen habe, ist es für mich fast egal, wenn es mir kaputt ginge oder es geklaut würde. Es wäre ärgerlich, aber ertragbar. Dadurch fühle ich mich ziemlich frei. Besitz ist mir fast egal. Natürlich behandle ich meine Sachen trotzdem pfleglich und weiß sie sehr zu schätzen. Jedes einzelne Teil mag ich sehr. So richtig neugekauft im Laden habe ich (bzw. David mir) in diesem Jahr nur ein einziges Teil: ein wunderbar buntes Hippieträgertop, dem ich einfach nicht wiederstehen konnte. Leider geil. Aber es macht mich auch seit dem Kauf wirklich glücklich, es zu besitzen, und belastet mich nicht; im Gegensatz zu den anderen uralten T-Shirts, die ich noch habe, von denen ich mich der Erinnerung wegen nicht trennen kann. Ich hätte lieber mehr bunte Klamotten, die besser ausdrücken, wie ich heute bin, anstatt meiner älteren Sachen, die zeigen, was mir früher wichtig war. Aber auch da wird die Zeit kommen, die eine Veränderung mit sich bringt.

Und wenn ich etwas brauche, das ich nicht besitze? Dann findet sich ein Weg, es zu bekommen. Hier die versprochene Liste von kostenlosen Dingen und Dienstleistungen (Stand: 28.02.2016).

Die wunderbare Welt der Solidarökonomie — hier bekommst du kostenlose Dinge

alles Mögliche: share 4 friends, alles und umsonst

Auto fahren: thumbs up & trampen!

Auto: Autobesitzer fragen, ob sie ihr Auto verleihen

Bahn fahren: Mach Dich schlau, zu welchen Uhrzeiten und in welchem Geltungsbereich StudentInnen kostenlos eine Person auf ihrem Semesterticket mitnehmen dürfen, und quatsche dann am Bahnsteig freundlich Leute an, die aussehen wie Studenten oder wie Studenten, die auf keinen Fall wie Studenten aussehen wollen. Normalerweise kannst Du dann problemlos mitfahren. In NRW gibt es dazu die „Aktion Freifahrt“, erkennbar an einem roten Button. Mehr dazu hier.

Blumentöpfe, Übertöpfe, Pflanzen, Dekoartikel: Müllboxen auf Friedhöfen

Bücher: offene Bücherschränke, Give-Boxen, Umsonstläden

die Dinge sehen, wie sie wirklich sind: Vipassana

Fitness-Studio: einmaliges Probetraining vereinbaren

Haushaltsgegenstände: Give-Boxen, Umsonstläden

Haushaltsgegenstände reparieren lassen: Repair Cafés

Kaffee: Suspended Coffee

Kleidung: Kleidertauschpartys, Umsonstläden, Give-Boxen

Lastenfahrrad: Im Ruhrgebiet werden für Transporte kostenlos Lastenräder als Alternative zum Auto verliehen. Mehr Infos auf http://www.dein-rudolf.de

Lebensmittel: dumpster diving in Supermarkttonnen, Fairteiler, Essenskörbe über Foodsharing

Mammutbäume: Stiftung „Paradiesbau auf Erden“

Möbel: ebay-Kleinanzeigen

Obst direkt vom Baum: im Herbst freundlich bei GartenbesitzerInnen fragen, http://mundraub.org/

Sauna: In den Thermen der Kristallbäder-Gruppe (12 Standorte in Deutschland) hat der/die BesucherIn an seinem/ihrem Geburtstag nach Vorlage des Personalausweises ganztägig freien Eintritt

Sport: Fahrrad fahren, joggen, spazieren gehen

Tageszeitungen: kostenloses Probeabo beim Deutsche Post Leserservice — aber Achtung: manche Probeabos müssen rechtzeitig wieder gekündigt werden, sonst werden sie kostenpflichtig!

Übernachtungen: Couchsurfing

Waschmittel: Wäsche waschen mit Kastanien

WLAN: Freifunk

Wohnung und Verpflegung: WWOOF

 

Großartige Dinge für kleine Spenden

Fahrrad reparieren: Selbsthilfe-Fahrradwerkstätten (sog. Bikekitchens/in Dortmund: VeloKitchen)

vegan brunchen: vegane Mitbring-Brunches

Möbel, Bücher, CDs, Haushaltswaren, Kleidung und mehr: Sozialkaufhäuser (in Großbritannien: charity shops), Flohmärkte

 

Tipps, Tricks und Links?

Hast Du noch mehr Tipps, wo man kostenlos und nachhaltig Konsumgüter und Dienstleistungen bekommt? Dann freue ich mich auf Deine Nachricht im Kommentarbereich!

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