Kunst & Knoblauch #1 inkl. Einführung

Das Leben mit Corona hat zwei große Vorteile: Zum einen ist es toll mehr Zeit zu haben, um sich zu Hause mit Kunst in all seinen Variationen zu beschäftigen. Zum anderen kann endlich guten Gewissens die Knoblauchmenge im Essen erhöht werden. Deshalb nenne ich diese Beitragsreihe „Kunst & Knoblauch“ und werde passend zum Jahresbeginn ab sofort an dieser Stelle mehr über Ersteres und weniger über Letzteres schreiben.

Einleitung — Was gibt es hier zu sehen?

So 100%ig bin ich noch nicht festgelegt, denn das ist ja das Gute an der Kunst: alles ist möglich. Fest steht, dass es um Medien gehen soll, die kreatives Schaffen transportieren. Auf jeden Fall werde ich in jedem Beitrag gute und zumeist auch bedeutsame Alben der Musikgeschichte vorstellen und im besten Fall auch ein paar Hintergrundinfos dazu liefern. Außerdem gebe ich Tipps zu interessanten Filmen abseits des Mainstreams. Last but not least wird jeder Blogbeitrag auch Schnipsel meines eigenen künstlerischen Outputs enthalten — denn was wäre dieser Blog ohne exzessive Selbstdarstellung? Eben.

Und wozu das alles? Naja, mit meinem Blog geht es mir meistens um Inspiration und darum, Dinge aufzuzeigen, die oft zu kurz kommen, oder in der gigantischen Informationsmasse des Internets schlecht auffindbar sind, weil sie nicht der genormten Denkweise entsprechen, oder die schlichtweg unsichtbar sind und sichtbar gemacht werden müssen, weil es sich um Emotionen und Erfahrungen handelt. Es geht darum, die Grenzen des eigenen Horizonts zu hinterfragen und zu überwinden.

Im besten Fall — so hoffe ich zumindest von Herzen — lässt du dich also auf alle oder einige in dieser Reihe wöchentlich vorgestellten Vorschläge ein, klickst dir bei Netflix die Filme in die Watchlist für den nächsten Filmabend (allerdings sind nicht alle Filmempfehlungen auf Netflix vorhanden) oder schmeißt dir bei YouTube die Alben in die Playlist, wenn du Essen kochst oder was auch immer machst. Und schaust einfach mal einen dieser oft ungewöhnlichen Streifen. Oder hörst dir Musik von einer Band an, die du bisher gar nicht so richtig kanntest, sodass du dein Kunstwissen jede Woche ein kleines bisschen erweiterst und dadurch direkt oder indirekt auf Neues stößt, das dir gefällt — oder feststellst, dass dir etwas nicht gefällt, was ja auch ein wertvolles Wissen sein kann. Wie auch immer; ich hoffe, mit meinem Geschreibsel eine kleine Bereicherung zu liefern, um mehr von all dem Schönen, das bisher auf der Welt von Menschen erschaffen wurde, zu entdecken. Kunst und Kultur wurde dieses Jahr als nicht systemrelevant gebrandmarkt. Aber was wären wir ohne Kunst und Kreativität? Wie wäre die Welt ohne Bücher, Zeitschriften, Comics, Webseiten, Filme, Serien, Musik, Konzerte, Poetry Slams, Aufführungen, Tanzen, Theater, Bilder, 3D-Druck, Fotos, Deko, Muster, Verzierungen, Lichtinstallationen, Bildhauerei, Keramik, Design? Welchen Stellenwert hat Kunst, Kultur und Kreativität für dich?

Zu guter Letzt noch ein ganz banaler Pro-Tipp: Selbst wenn du ein Musikalbum schon seit Ewigkeiten kennst, ist es meiner Erfahrung nach total toll, es sich jetzt zu Lockdownzeiten gemütlich zu machen und es einfach mal wieder in Ruhe von vorn bis hinten durchzuhören.

Alben der Woche

Mit 14 war ich der felsenfesten Überzeugung, dass die beiden Alben Nevermind von Nirvana und Nevermind the Bollocks von den Sex Pistols in jeden Haushalt gehören. Inzwischen habe ich viel über die Postmoderne (1969 – ?) gelernt, in der es mehr darum geht Bücher und Alben gut sichtbar in den eigenen vier Wänden zur Schau zur stellen als darum, sie tatsächlich gelesen oder gehört zu haben, und bin deshalb im Umkehrschluss der Meinung, dass physisch vorhandene Alben in Zeiten der Digitalisierung nicht mehr unbedingt notwendig sind, dass aber gewisse Alben zumindest mal gehört worden sein sollten. Die beiden Neverminds bilden da keine Ausnahme, aber es gibt noch so viel mehr als nur Punk und Grunge. Fangen wir also diese Woche mit zwei großartigen Klassikern an, die wirklich lohnenswert sind und die du mal gehört haben solltest:

The Velvet Underground & Nico — The Velvet Underground & Nico

Dieses Album wurde 1967 veröffentlicht und offiziell von Pop-Art-Koryphäe Andy Warhol produziert — eigentlich übernahm er aber nur die Kosten der Produktion. The Velvet Underground waren Protégées des Künstlers und wurden von ihm in seine Projekte einbezogen. Daher auch das von Warhol gestaltete heute weltberühmte Albumcover mit der Banane auf weißem Untergrund. Auf den ersten Exemplaren des (Schallplatten-)Albums lud der Aufdruck „Peel slowly and see“ noch dazu ein, die Schale der Banane vom Cover abzulösen. Darunter befand sich dann ein Bild der geschälten Banane. Die Darstellung der Banane stammt ursprünglich gar nicht direkt von Warhol, sondern von einem billigen bedruckten Aschenbecher, den er zufällig in einem Laden entdeckte. Von Warhol stammte aber definitiv die Empfehlung, mit der als Sängerin, Drogensüchtige und Model rührigen Nico zusammenzuarbeiten, die auf dem Album drei Lieder singt. Das Zusammenspiel aller Komponenten — Warhol, Nico, The Velvet Underground, Lou Reeds Songwriting und der damalige Zeitgeist — machten das selbstbetitelte Album zu einem der wichtigsten und einflussreichsten der internationalen Musikgeschichte.

Meine persönlichen Lieblingstracks: Venus in Furs, Sunday Morning

Quellen: 1, 2, 3

Bild von alejandro moron auf Pixabay

Joy Division — Unknown Pleasures

Unknown Pleasures ist das 1979 veröffentlichte Debüt von Joy Division aus Manchester. Um es vorweg zu nehmen: Nein, Love will tear us apart ist nicht darauf. Dennoch ist dieses Juwel der britischen Musikgeschichte aus keiner Liste der Alben, die man kennen sollte, wegzudenken. Mit Erschrecken sehe ich, dass es mysteriöserweise nicht unter den vom Rolling Stone gekürten 500 Greatest Albums of All Time rangiert und frage mich, wer da so nachlässig gewesen sein kann. Die Musik von Joy Division lebt von Ian Curtis‘ omnipräsentem Weltschmerz. Was das Ganze in meinen Augen so tragisch macht. Wir haben es hier mit einer sehr fragilen Seele zu tun, die versucht in der Welt zurechtzukommen, und die ihre Hilferufe in wunderschöne Musik verpackt der Welt darbietet, um gehört zu werden. Doch vergeblich, denn der Sänger nahm sich 1980 im Alter von 24 Jahren das Leben. Die verbliebenen Bandmitglieder formierten sich danach neu als New Order. Unknown Pleasures ist das einzige JD-Album, welches zu Curtis‘ Lebzeiten veröffentlicht wurde. Das schlichte schwarzweiße Albumcover, das heute wahrscheinlich auch schon jede*r einmal irgendwo auf irgendeinem T-Shirt gesehen hat, zeigt die ersten aufgezeichneten Radiopulsare, die aus dem Weltraum empfangen wurden, entdeckt im Jahr 1969. Und die Musikrichtung? Ob sie nun in eine Schublade namens Gothic, New Wave oder Post-Punk geschoben wird, bleibt einem selbst überlassen. Fakt ist, zumindest für mich, dass Joy Division eine hervorragende Band waren und dass Ian Curtis eine einzigartige Stimme hatte, die einem bis ins Mark geht und die in allen Songs stets ihre ganz eigene Atmosphäre transportiert.

Filmtipps:

„Joy Division“ ist eine Dokumentation über die Band und das Leben von Ian Curtis.

„Control“ ist ein sehr gut gemachter Film von Anton Corbijn, der das Leben von Ian Curtis porträtiert.

Meine persönlichen Lieblingstracks: She’s Lost Control, New Dawn Fades

Quellen: 1, 2

Filmtipp der Woche

Six Windows in the Desert

Six Windows in the Desert ist eigentlich gar kein zusammenhängender Film, sondern eine saudische Kurzfilmreihe mit sechs Einzelwerken von jeweils etwa einer Viertelstunde Länge (mehr oder weniger). Veröffentlicht wurde dieses fabelhafte Kulturschmankerl ganz frisch in diesem Jahr und ist auf Netflix anzuschauen. Die Darbietung der einzelnen Filme ist bunt und vielfältig. Sie gewähren als die Fenster, als die sich selbst ja auch verstehen, ausschnittweise Einblicke in Momentaufnahmen saudischer Kultur, Gesellschaft, Religionen, Wertvorstellungen — und vor allem in den filmisch verarbeiteten Umgang mit diesen Themenkomplexen, der von humorvoll bis anklagend kritisierend eine ganze Palette an Rezeptionsmöglichkeiten abdeckt. Alle sechs Filme alle haben eines gemeinsam: Zum Schluss lassen sie mich nachdenklich, ratlos und verwirrt in einer Achterbahn aus Emotionen zurück, gleichzeitig wohl wissend, dass das gerade Gesehene schlichtweg brillant war und ich den Filmschaffenden innerlich dazu gratuliere, dass ihre Produktion meinen Kopf in diesen Zustand des gedanklichen Nachhalls versetzt hat, den ich durchaus als etwas Positives wahrnehme. Dabei sind die Handlungen der Filme an sich absolut kein starker Tobak. Sie sind gut zu verstehen und nachvollziehbar, natürlich auch durch das Angebot deutscher Untertitel als Ergänzung zum Originalton. Aber irgendwie sind sie es auch nicht. Oder nur teilweise. Sie sind einfach alles andere als eine leichtbekömmliche Nonsense-Unterhaltung, die du eine Minute später schon wieder vergessen hast. Trotzdem stimmen sie nicht nur nachdenklich, sondern laden an vielen Stellen zum Lachen ein, zum Beispiel durch unvorhergesehene Kehrtwendungen im Handlungsablauf. Ich habe Six Windows in the Desert sehr genossen und hätte gern mehr dieser Filme gesehen. Die Kurzfilmszene Saudi-Arabiens hat’s wirklich drauf und es macht Spaß, die Filme anzuschauen!

Den offiziellen Trailer (jedoch mit englischen Untertiteln) findest du hier auf YouTube.

Schnipsel der Woche

Ein paar Worte zur Entstehung

Im Schnipsel der Woche veröffentliche ich kreative Ergüsse aus meiner eigenen Schublade. Sie sind stets äußerst seltsam und lesen sich, als stünden wir, die Verfassenden, schwer unter Drogen — und das, obwohl wir, so kann ich versichern, immer mit klarem Kopf arbeiten. Die den Texten innewohnende Wunderlichkeit liegt an der Konstruktionsweise, die ich hier nochmals ganz kurz erklären möchte: Für die Erstellung dieser Wortspiele habe ich gemeinsam mit David ein Google-Dokument erstellt, in welchem wir beide gleichzeitig schreiben können. Wir machen es uns mit unseren Smartphones gemütlich und tippen los. Die Spielregel ist denkbar einfach: eine Person schreibt ein Wort. Dann schreibt die andere Person ein Wort dahinter. Dann ist die erste Person wieder dran mit dem nächsten Wort. Und immer so weiter, immer abwechselnd Wort für Wort, natürlich die Regeln von Grammatik und Satzbau beachtend, denn sonst wäre das Ergebnis nicht les- und verstehbar und somit auch nicht witzig. Die Kohärenz einzelner Passagen zueinander lässt allerdings oft zu wünschen übrig, und das, obwohl wir eigentlich bemüht sind, halbwegs in sich schlüssige Absätze zu formulieren. Auf diese Weise entstehen mit einer guten Portion Spontaneität und Kreativität jedenfalls ziemlich lustige Texte aus zwei Köpfen. Also zumindest lustig für uns selbst, aus deren Phantasie die Aneinanderreihung von bekloppten Szenen entsprang. Es gab bis jetzt noch keine Wortspiel-Session, an deren Ende ich nicht mit verheulten Augen, Bauchweh und vor Erschöpfung halb auf dem Boden lag, weil ich gar nicht anders kann, als mir die Szenen in dem Text jedes Mal bildlich vorzustellen und ich mich deswegen wegschmeiße vor Lachen. Soviel zum Entstehungshintergrund der Schnipsel der Woche.

Der heutige Schnipsel der Woche liest sich so:

Schnipsel der Woche #1

Neulich, abends, kramte Schorsch gedankenverloren in seiner Herrenhandtasche und wurde angeschossen. Parallel dazu, in flagranti, weit entfernt, donnerte sein dunkler Zwilling: „Hömma, machste keine Nudeln, sonst zerbricht dein kleiner Ofen!“

Offenbar hatten verschiedene Gedanken keine gemeinsamen Interessen. Trotzdem fielen ihre Sprechchöre auf. Natürlich empfand Schorsch dies als Affront. Wütend stampfte seine Nudelpfanne hinaus!

Gemeinhin bekannt für ihre Eloquenz, schrie die Nudelpfanne: „SCHORSCH! Du musst sofort den grünen Nuppsi abreißen!“ Gesagt, getan. Darauf hatten alle gehofft.

Dies brachte den Wischmop ekstatisch zum Beben und wilden Zucken. Allesamt kamen sämtliche Belange zu Papier.

Bei fünf Ziffern hörte ich auf zu atmen. Es reichte! Meine Geduld war urlaubsreif. Schön! Konsequenterweise buchte das Reisebüro mir und meinem Schorsch daraufhin siebzehn Kurztrips à 450 Minuten durch Usbekistan, was will man mehr? Eben.

„Ingeborg, kannst du bitte unterlassen, den schäbigen Entsafter abzulecken! Sonst klappst du noch auseinander!“ rief Schorsch. Ingeborg seufzte. Zwilling zu  Schorsch:“ Servus! Was geht? Auch beim alten Stinkstiefel gewesen?“

Freundlich winkte er zurück, ohne was zu erwidern. Seit mehreren Generationen ging ein Zwist vonstatten.

Wärmendes Süppchen köchelte derweil neben Ingeborgs Nudelpfanne; sie loderte lichterloh heißglühend im wahrsten Sinne. Schorsch kuschelte sich grunzend an Ingeborg. Säuselnd wirbelte ich etliche Adjektive durch die zimmerwarme Flüstertüte, wodurch alle Anwesenden im Gleichschritt und bierernst gröhlten: „Humppa! Humpaa! täteräää! Heute siegt der BVB!“

Pompöse Klänge vermittelten Atmosphäre, welche unter allen Umständen reichlich dämlich aussehende Tanzeinlagen verursachte. Aber trotzdem schien es, als ob heute Technoeinlagen angebrachter seien. Gut Ding will wohlweislich überlegt und ausdiskutiert werden. Das wusste Schorsch schon lange, trotzdem fragte er sicherheitshalber: „Schnarup-Thumby hat Qualitäten, oder?“ Kopfschütteln. Ingeborg: „Flach und schnarchlangweilig.“

Ich stimmte zu, Alternativansichten verschleiernd. 

In Anbetracht der gefährlichen Gesamtsituation war jeder opportunistische, gedankenverlorene Satz ursächlich für unsere zwanghaften Schreibeinlagen. Deshalb resultierten nur wundervolle Freudenschreie aus vermeintlich allen Kommunikationsvorschlägen. Allerlei Kartoffelsalat mitsamt Katzenhaaren schmausten wir (Schorsch, Ingeborg, Zwilling, Nudelpfanne und ich) nächtlich unterm Lorbeerzweig. Was ein Fest! Gemeinsam feierten wir ausgelassen, lautsingend und nackt nichts für schwache Gemüter. Soviel dazu! Kein nennenswerter Vorfall ereignete sich währenddessen. Außer, dass kurz vor Sonnenaufgang Ingeborg spontan Nudelpfanne in einer Seifenlauge badete und dabei allerfeinste, herzallerliebste Elfen vor Freude sah. Eventuell passierte das aufgrund der vielen Mon Cherie, die mundeten uns allen nämlich so vorzüglich, dass wir immer kiloweise mehr aßen, bis einer der Beteiligten bitterlich jodelte: „Mon Cheriiiiie, ja was wollen wir denn niiiie.“

Das war’s für diese Woche

Ich hoffe, dass dir meine Vorschläge gefallen haben und dass diesmal etwas Interessantes für dich dabei war! Viel Spaß beim Musikhören, Filmeschauen, Lesen … und Knoblauchessen!

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