Kunst & Knoblauch #5 – Queer Special Teil 2

Weiter geht’s mit dem zweiten Teil meines queeren Specials — dieses Mal wieder mit Bands, Büchern, einem Musikvideo und Netflix-Serien! Und einer guten Nachricht: Da meine Sammlung inzwischen ziemlich umfangreich ist und ich mit dem Schreiben kaum hinterherkomme, habe ich mich entschlossen, nächste Woche noch einen dritten Teil mit weiteren queeren Medien hinzuzufügen. Also los!

Queere Bands und Alben der Woche

Ezra Furman

Für diejenigen, die mich einigermaßen kennen, ist das jetzt keine Überraschung, oder? Meine Bewunderung für Ezra habe ich ja schon an etlichen Stellen immer wieder kundgetan. Obwohl ich sie leider (noch) nie persönlich kennengelernt habe, bedeutet sie mir sehr viel, da ich durch sie erkannt habe, dass ich selbst transgender, nichtbinär und queer bin (siehe meinen Blogbeitrag dazu hier). Bevor Corona zuschlug, hatte ich das Glück, Ezra Furman und ihre Band The Visions zwei Mal live zu sehen, in Berlin und Hamburg, und in meinem Besitz schlummert seit Monaten ein weiteres Konzertticket für ihren verschobenen Auftritt in München. Hinzu kommt natürlich noch der Livestream aus dem Museum of Fine Arts in Boston, über den ich letzte Woche bei Kunst & Knoblauch #4 schon berichtete.

Ich persönlich liebe das Album Perpetual Motion People am meisten, aber auch die Nachfolgealben Transangelic Exodus und Twelve Nudes. Da Ezra aber schon seit nunmehr 15 Jahren aktiv Musik macht, gibt es noch eine ganze Reihe weiterer Alben. Während des ersten weltweiten Lockdowns Mitte 2020 veröffentlichte Ezra auf ihrem Instagram-Account im Laufe der Wochen etliche Akustikversionen von gecoverten Songs, um ihren Fans Trost zu spenden. Ezra ist übrigens nicht nur transgender, sondern auch genderfluid, bisexuell, politisch-aktivistisch aktiv und strengen jüdischen Glaubens — weshalb sie niemals am Sabbat, also an Freitagabenden auftritt — und schafft es, all ihre Werte trotz aller Widersprüchlichkeiten unter einen Hut zu bringen.

Meine Songfavoriten: My Zero, Love You So Bad, Ordinary Life, Wobbly, Thermometer, Evening Prayer, I Wanna Be Your Girlfriend, Take off Your Sunglasses und ja, ich hör ja schon auf, bevor diese Aufzählung den Rahmen sprengt …

Against me!

If I could have chosen, I would have been born a woman
My mother once told me she would have named me Laura

Against me!, The Ocean

Laura Jane Grace dachte, dass mit diesen Songzeilen auf dem 2007 erschienenen Album New Wave eigentlich alles gesagt wäre und sie damit ihr Coming-out hinter sich hätte. Leider wurde dem Text aber von niemandem Bedeutung beigemessen und so musste sie der Welt fünf Jahre später, im Mai 2012, in einem öffentlich gemachten Interview noch einmal ganz deutlich klarmachen, dass sie eine Frau ist. Dieses Mal wurde sie endlich gehört. In der männerdominierten und oft toxisch maskulinen Punk- und Hardcore-Szene war das ein absolutes Novum und somit sehr mutig von der Sängerin, die sich auch nach ihrer Transition mit ihrer Wahnsinnsstimme weiterhin erfolgreich im Musikbusiness behaupten kann.

Meine persönlichen Lieblingsalben: Searching for a Former Clarity, New Wave

Queerer Song der Woche

Schrottgrenze – Sterne

Zugegeben, die Musikrichtung ist nicht so meins. Ich meine mich aber zu erinnern, dass ich in grauer Vorzeit Schrottgrenze sogar mal live als Vorband von Muff Potter in Oldenburg gesehen habe. Wie dem auch sei, mir gefallen die klaren Lyrics von diesem Lied. Und ich als Stern — der sich auch selbst so bezeichnet — fühle mich angesprochen und vor allem wahrgenommen. Das ist in einer patriarchisch-cis-heteronormativ geprägten Welt mal ein recht schönes Gefühl.

Bei Siegessäule und Queer.de gibt’s im Interview ein paar weiterführende Infos zu Schrottgrenze, deren Sänger*in Alex/Saskia sich vor kurzer Zeit als homosexuell, queerfeministisch und Drag Queen geoutet hat.

Queere Serien der Woche

Sex Education

Ich empfehle diese Serie ausdrücklich nicht nur, weil Ezra Furman den kompletten Soundtrack geschrieben und außerdem einen Gastauftritt in einer Folge hat, sondern weil es einfach Spaß macht, Sex Education zu schauen! Staffel 2 hatten wir leider in nicht einmal einer halben Woche durchgesuchtet. Seitdem warte ich sehnsüchtig auf Staffel 3.

Die Serie handelt von einem Teenager, dessen Mutter (gespielt von der inzwischen würdevoll gealterten Gillian Anderson) als Sexualtherapeutin mit eigener Praxis in ihrem Wohnhaus arbeitet, in dem folglich die Patient*innen ein- und ausgehen. Dadurch schnappt Otis das eine oder andere Wissen über Sexualität und Beziehungsarbeit auf. Er nutzt seinen Vorteil und bietet an seiner Schule diskrete Aufklärungsberatung für seine Mitschüler*innen an, natürlich gegen Geld. Er selbst ist in seinem Liebesleben allerdings alles andere als erfolgreich.

Liest sich im ersten Moment sicherlich wie eine dämliche abgeschmackte Teenieserie, ist dann aber wie gesagt überraschenderweise stattdessen doch echt witzig und amüsant, auch durch das Thematisieren von Tabuthemen durch die vielen Sexprobleme, die in der Serie angerissen werden!

Album-Tipp: Der Sex Education-Soundtrack!

Orange is the New Black

Die Serie ist ja recht bekannt, daher erfolgt jetzt keine großartige Beschreibung. OITNB spielt in einem Frauengefängnis und zeigt den Gefängnisalltag mit all seinen Tücken. Hetero- und Homo-Sex, Intrigen, Vorurteile, Drogen, Diskriminierung, Affären, Freundschaft, Rassismus, Liebe, Transphobie, Mord — für jede*n ist etwas Schönes dabei! Ich freue mich sehr darüber, dass die Schauspielerin Laverne Cox in dieser Serie eine trans Frau spielt (die sie ja im wahren Leben auch ist) und damit trans Personen in den Medien ein Stück weit mehr sichtbar gemacht werden!

Queere Bücher der Woche

Ezra Furman – Transformer

Lou Reed ist für Ezra Furman ungefähr das, was Ezra Furman für mich ist: Vorbild, Orientierungspunkt, role model, Held*in. Mit dem Unterschied, dass Ezra ungleich erfolgreicher ist als ich und außerdem ein ganzes Buch über ihr Vorbild geschrieben hat. Oder vielmehr: über Lou Reeds Album Transformer. Akribisch zerpflückt Ezra jeden einzelnen Song, analysiert und interpretiert die Textzeilen und liefert hermeneutische Hintergrundinformationen aus Reeds Leben. So deutet sie etwa Perfect Day (übrigens seit Jahren einer meiner allerliebsten Lieblingssongs auf der ganzen Welt!) mit schlüssig formulierten Argumenten erschreckenderweise nicht etwa als das wunderschöne Liebeslied, als das es seit jeher wahrgenommen wird, sondern als eine in Selbsthass ertränkte Hymne auf Lou Reeds offene Misogynie und auch Homophobie, die aus Reeds eigener, mehr oder weniger erfolgreich unterdrückten Homosexualität resultiert.

Als wäre das nicht schon interessant genug, zieht Ezra zudem immer wieder Analogien zu ihrem eigenen Leben und Werdegang heran und streut ihre eigenen Erlebnisse an passenden Stellen in die Kapitel ein. Inklusive dem Moment, in dem sie Lou Reed höchstpersönlich getroffen hat. Für mich als Fan natürlich besonders lesenswert.

Jayrôme C. Robinet – Mein Weg von einer weißen Frau zu einem jungen Mann mit Migrationshintergrund

Der Titel deutet eigentlich schon sehr gut auf den Inhalt hin: Jayrôme erzählt davon, wie es ist, als trans Person plötzlich anders wahrgenommen zu werden als früher vor der körperlichen Transition. So wird er wegen seiner dunklen Haarfarbe auf einmal auf Arabisch angesprochen, soll ein paar männlichen Reisenden während einer Bahnfahrt Tipps für gute Bordelle geben und wird an anderer Stelle verdächtigt, in einem Café eine Fensterscheibe eingeschlagen zu haben. Alles Situationen, die sich so nicht abgespielt hätten, wenn Jayrôme nicht männlich wäre. Laut denkt er über Geschlechterrollen und Erwartungshaltungen nach: Warum ist es okay (und für alle Beteiligten vermeintlich „weniger gefährlich“), dass eine weibliche Reinigungskraft allein in der Männerumkleide putzt, aber keine männliche Reinigungskraft in der Frauenumkleide arbeitet? Und warum sind in der Männerumkleide des Fitnessstudios Haargelspender dort angebracht, wo in der Frauenumkleide die Haartrockner hängen?

Dieses Buch ist meiner Meinung nach besonders wertvoll und hilfreich für Personen, die nicht transgender sind! Denn es beschreibt vermeintlich harmlose Alltagssituationen aus einer Sichtweise, die cis Menschen sicherlich nur schwierig nachvollziehen können und erweitert damit erheblich den eigenen Horizont.

Das war’s für diese Woche

Ich hoffe, dass dir meine Vorschläge gefallen haben und dass diesmal etwas Interessantes für dich dabei war! Viel Spaß beim Musikhören, Serienschauen, Lesen … und Knoblauchessen!

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