Kunst & Knoblauch #6 – Queer Special Teil 3

Der dritte und letzte Teil meines Spezials über queere Kunstwerke und Kunstschaffende aus der queeren Community. Diese Woche mit deutlich weniger Text, weil ich derzeit psychisch nicht so auf der Höhe bin und noch dazu seit einiger Zeit mit erheblichem Schlafmangel zu kämpfen habe. Daher mutet dieser Beitrag leider etwas hingeklatscht an (Nachtrag sechs Minuten vor der Veröffentlichung: Außer der Abschnitt über Placebo. Über Placebo könnte ich ewig schreiben.). Sorry bout that. Schaut und hört bitte trotzdem in alles rein und macht damit die Welt zu einem besseren Ort!

Queere Bands der Woche

Life of Agony

„Och nö“, dachte ich vorletztes Jahr enttäuscht, als ich in der aktuellen VISIONS auf einen Artikel über Life of Agony stieß, „die haben jetzt eine Sängerin? Der Sänger war doch so toll!“ Erfreulicherweise stellte ich aber im Laufe des Durchlesens fest, dass die Bandbesetzung nach wie vor die selbe ist. Mina Caputo hat bloß inzwischen das Versteckspiel aufgegeben und zu sich selbst gefunden. Sowas erfahre ich dann Jahre später, weil ich mich seit 23 Jahren nicht mit Musik beschäftigt habe. Ich mag übrigens Minas gepostete Selfies bei Instagram immer sehr gern, weil sie mit ihrem Körper so glücklich und selbstbewusst wirkt. Und singen kann sie auch, oooh ja.

Meine persönlichen Songfavoriten: Angry Tree, Don’t You Forget About Me (Simple-Minds-Cover)

Albumtipp: River Runs Red

Placebo

Placebo. Hach, Placebo. Auch so eine enorm wichtige Band für mich, auf ihre Art und Weise, nur versteckter, weniger offensichtlich. In irgendeinem Interview bezeichneten sie sich selbst mal als „Marmite-Band“. Alle, die schon einmal Marmite im Mund hatten, wissen, was damit gemeint ist: Entweder du hasst das Zeug und bekommt Kotzreiz, wenn du es nur siehst … oder du liebst das Zeug unerklärlicherweise abgöttisch und kannst nicht genug davon bekommen. Es gibt nichts dazwischen. In Sachen Marmite gehöre ich zu Kategorie 1. In Sachen Placebo gehöre ich zu Kategorie 2.

Damals, Mitte der Neunziger, fiel auch ich auf die Verwirrung rein, die die Band damals stiftete. Wir erinnern uns: es gab kein Internet zum Recherchieren. Während einer Gartenparty lief ein Song von Placebo und ich hob an zu sprechen: „Ist das eigentlich–“ und bevor ich die Frage zuendefragen konnte, antwortete mir jemand: „Das ist ’n Mann.“

So wie mir ging es weltweit Tausenden Fans (und Hassern): dieses wunderhübsche zarte Wesen mit dieser markanten Stimme, äh, ist das eigentlich–? Nicht wenige Leute wurden wohl sogar wütend, weil sie das Geschlecht des Sängers nicht auf Anhieb einordnen konnten. Brian Molko hat immer gern seine Femininität eingesetzt und damit gespielt, um Geschlechterrollen in Frage zu stellen und die Menschen dazu zu bringen, über sich selbst zu reflektieren: Eines seiner Anliegen war es z.B., dass homosexuelle Männer ihn für eine Frau halten und sich dennoch in ihn verlieben sollten. Und natürlich, dass ebenso Heterosexuelle ihn für eine Frau halten, sich im Idealfall in ihn verlieben, dann erfahren, dass er männlich ist und sie dadurch zum Nachdenken über sexuelle Orientierung anzustiften.

Davon abgesehen, dass ich Brian schon immer ziemlich anziehend fand, auch bevor ich bei besagter Gartenparty aufgeklärt wurde, hat mir seine Erscheinung unfreiwillig zu einem interessanten Abschnitt meines Lebens verholfen: Meiner etwa zwei Jahre andauernden „femininen Phase“ 2017, wie ich es nenne. In jenem Sommer hatte ich Placebo endlich zum ersten Mal live gesehen, auf dem Deichbrand Festival. Unten ist ein Link dazu. Irgendwo in der Menge stehe ich und schmachte vor mich hin.

Ich liebe Placebo schon seit 1996, aber der Auftritt gab mir einen Kick für etwas Neues. Es war wohl einfach wieder das richtige Event zum richtigen Zeitpunkt und ich war am richtigen Ort: Ich fing an, mich nach Urzeiten wieder mit Placebo zu beschäftigen. Durch meine neuentfachte Bewunderung wurde in mir der Wunsch hervorgerufen, „es nun endlich mal anzugehen“, dieses verhasste leidige Thema in meinem Leben — ich wollte versuchen, mich geradezu zwingen, feminin zu sein und das so zu leben, wie es ja schon immer von mir erwartet wurde. Ich wollte versuchen, eine Frau zu sein, damit ich nicht mehr unter der chronischen Inkongruenz von Körper und Seele leiden musste. Und Brian Molko war mein Vorbild für feminines Auftreten. Ich schaute mir an, wie er sich anzog. Wie vorteilhafte gutsitzende Kleidung an einem hübschen Körper aussieht, den derjenige zeigen mag. Welcher Nagellack an Fuß- und Fingernägeln richtig gut aussieht (Schwarz, oder Dunkelrot). Welcher Lippenstift wie das Gesicht verändert (Dunkelrot setzt provokativ in Szene, Rosa/Apricot ist extrem erotisch … jedenfalls, wenn man Brian Molko ist). Alles Dinge, die ich lernen musste, um feminin zu wirken. Denn für all das hatte ich mich in den 35 Jahren zuvor nicht die Bohne interessiert und ich war dementsprechend ungeschickt. Das Wichtigste aber: Ich schaute mir bei Brian ab, wie man sich die Augen schminkt. Denn auch davon hatte ich keinen blassen Schimmer. Schwarz, schwärzer, am schwärzesten: panda-eyed. Oder um hier ein Wortspiel einzubringen: Black-eyed. Das Augenschminken war für mich ziemlich lästig und viel zu aufwendig für eine Person, die nicht wirklich einsieht, warum eins sich eine bestimmte Farbe an eine bestimmte Körperstelle schmieren soll, um von externen Menschen als optisch aufgewertet beurteilt zu werden. Aber wenn ich eine Molkette sein wollte, musste ich das einigermaßen meistern. Um meine Unsicherheit zu überwinden und mir zu vergegenwärtigen, weshalb ich mir dieses Brimborium überhaupt antue, gewöhnte ich mir schnell an, während des Schminkens jedes Mal Nancy Boy anzumachen und mitzusingen:

Does his makeup in his room
Douse himself with cheap perfume
Eyeholes in a paper bag
Greatest lay I ever had
Kind of guy who mates for life
Gotta help him find a wife
We’re a couple
When our bodies double

Mir ging es beim Make-up-Aufkleistern also nur gut und ich fühlte mich nur wohl, wenn ich einen mit „Schwuchtel“ betitelten Song auf volle Lautstärke drehte und den Text mitsang, in dem es darum geht, als Kerl andere Kerle abzuschleppen. Das war, wohlgemerkt, zwei Jahre vor meinem inneren und äußeren Coming-out. Aber dass ich trans bin, wusste ich ja insgeheim schon immer. Tja, und die Moral von der Geschicht‘? — Placebo liebt man, oder man liebt sie nicht! Ich bin und bleibe jedenfalls ein Nancy Boy.

Albumtipp: Öhm. Alle. Einfach alle.

Songfavoriten: Nancy Boy, Where Is My Mind? (Pixies-Cover), Black-Eyed, Pure Morning

Buchtipp: Misunderstood. The Brian Molko Story von Chloe Govan

Die queeren Serien der Woche

… gibt es alle bei Netflix! Und dieses Mal bitte ich dich, dich selbst dort durchzuklicken und dir die Beschreibungen der Serien durchzulesen. Ich bin jedenfalls ein Fan von allen dreien und kann sie alle wärmstens empfehlen!

Please Like Me

Pose

Queer Eye

Queeres YouTube-Video der Woche

Wenn Schwule das sagen würden, was Heteros sagen — gibt hoffentlich einigen Leuten zu denken. Just be excellent to each other, folks. Be excellent to each other.

Queere Songs der Woche

Adam Angst — Alphatier

Echt nicht so mein Musikgeschmack, aber mit dem Text, insbesondere der ersten Hälfte, kann ich mich traurigerweise voll und ganz identifizieren. So sehr, dass es fast schon triggert.

Du Blonde feat. Ezra Furman — I’m Glad That We Broke Up

Dieser Song ist erst gestern veröffentlicht worden und Ezra ist ziemlich stolz auf ihre Zusammenarbeit mit ihrem Kumpel Du Blonde, der übrigens ebenfalls trans und nonbinary ist.

Miley Cyrus, Joan Jett & Laura Jane Grace — Androgynous

Ein sehr schönes Lied, ein toller Text! Und die Sängerin Laura Jane Grace kennen wir ja schon von letzter Woche aus meinem Beitrag über Against me!.

Bondage Fairies — Gay Wedding

Ich bin noch nicht sicher, wie homophob ich diesen Song über eine Schwulenhochzeit finden soll, in dem alles um die Frage „Where is the bride?“ kreist. Das Problem ist, dass die Bondage Fairies sich bei mir inzwischen ziemlich viel erlauben können, weil ich (leider) mehr und mehr zu einem Riesenfan dieser durchweg bekloppten, politisch unkorrekten Band werde. Weshalb sie demnächst von mir in einem speziellen Special nochmal speziell gefeatured werden. Weil sie so speziell sind.

Das war’s für diese Woche

Ich hoffe, dass dir meine Vorschläge gefallen haben und dass diesmal etwas Interessantes für dich dabei war! Viel Spaß beim Musikhören, Serienschauen … und Knoblauchessen!

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