Nachruf auf meinen Opa Bruno

In diesem Artikel arbeite ich endlich den Tod meines Großvaters auf und reflektiere über sein Leben, seinen Charakter und die Beziehung, die er zu seinen Mitmenschen hatte.

Anfang September jährt sich erneut der Todestag meines Opas. Dieser Beitrag beginnt schon mit einem traurigen Fakt: Ich muss erst überlegen, um zu rekonstruieren, wie viele Jahre es her ist, seit er starb. Es sind drei Jahre. So sehr bin ich also mit mir selbst beschäftigt, um so etwas zu vergessen.

Ein Leben aus einer anderen Epoche

Was er erlebt und wie er gelebt hat, können heutige Generationen wahrscheinlich nur ansatzweise nachvollziehen. Da heute alles so viel anders ist, können wir uns zwar die Eckpunkte eines vorangegangenen Lebens anhören, aber zu erfassen, wie es tatsächlich war, dazu sind wir außerstande. Mein Opa hieß Bruno Friedrich Schulz und wurde am 16. März 1918 geboren. Obwohl er in der selben Stadt lebte wie ich und wir uns bei Familienfeiern und Kaffeebesuchen regelmäßig sahen, weiß ich nur wenig über ihn. Er gab wenig von sich preis. Generell sprach er nur wenig und oberflächlich, aber er hatte seine Familie gern um sich herum. Vor etwa 15 Jahren verabredeten wir uns einmal in seinem Schrebergarten, weil ich seine Lebensgeschichte und seine Kriegserlebnisse hören wollte. Obwohl mir von klein an immer gesagt wurde: Der redet nicht gerne darüber, er hat noch nie von sich aus etwas erzählt. Aber an jenem sonnigen Tag im Garten beantwortete er mir all meine Fragen und erzählte viele Stunden lang von früher. Wie er als junger Mann in den Krieg ziehen musste und gezwungen war, beim Bau einer Brücke mitzuwirken (aber welcher?). Wie er, ich glaube in einem Boot voller Leichen, nach Holland fliehen konnte und dort von einem Ehepaar versteckt gehalten wurde ich kenne die beiden als Tante Dü und Onkel Jo, denn die drei pflegten auch nach dem Krieg noch Kontakt zueinander und das Ehepaar, damals schon ziemlich betagt, kam uns in den 1990er-Jahren sogar einmal besuchen, das weiß ich noch. Wahrscheinlich verdanke ich ihnen meine Existenz.

Bruno als junger Mann

Soweit ich weiß, lernte mein Opa im Krieg auch meine Oma Angela kennen. Sie war gebürtige Polin. Ich bereue sehr, dass ich mir von Brunos Erzählungen keine Notizen gemacht habe, denn mittlerweile habe ich fast alles vergessen, was er mir damals im Garten erzählt hat. Soweit ich weiß, war da irgendwas mit einer Kantine, in der meine Oma das Essen austeilte, und sie zeigte ihm ihr Interesse, indem er dann mal ein größeres Stück Fleisch auf den Teller bekam als die anderen Leute. Jedenfalls heirateten die beiden und lebten dann für den Rest ihres Lebens in Flensburg. Sie bekamen zwei Töchter und hatten einen Adoptivsohn, Rolf-Werner, der Seefahrer wurde, vor 35 Jahren spurlos verschwand und dessen Schicksal wohl für alle immer ein Rätsel bleiben wird. Ich wünschte mir schon immer, ich könnte meinen mysteriösen, wilden Adoptivonkel einmal kennenlernen und mir seine Geschichten anhören! Aber das wird wohl immer ein Wunschtraum bleiben …

Zurück zu meinem Opa Bruno. In Flensburg arbeitete er als Elektriker und als Nieter auf der Werft. Er baute also Schiffe, bis er in den Ruhestand ging. Für viele Jahrzehnte wohnte die Familie, dessen Ernährer er war, in ein und derselben Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im Peter-Christian-Hansen-Weg 14. Er war nicht daraus wegzubewegen. In der Wohnung war die Zeit stehengeblieben. Wenn ich als kleines Kind zu Besuch war, stellte er immer extra für mich die Kuckucksuhr auf die volle Stunde, damit der Kuckuck rauskam. Es gab einen Plastikkorb mit kleinen Plastiktieren und leeren Nähgarnrollen; das war das einzige Spielzeug, mit dem ich während unserer Besuche vorlieb nehmen musste, aber es genügte mir. Fasziniert war ich jedes Mal von der Schnapsflasche mit der Birne darin. Wie war die da reingekommen? Erst viele Jahre später lernte ich, dass die Flaschen über die noch kleinen Birnenfrüchte am Baum gestülpt werden und die Birne dann in die Flasche hineinwächst. Irgendwann ist sie reif und so groß, dass man sie nicht mehr herausbekommt. Erst, als die maroden Mehrfamilienhäuser schließlich abgerissen wurden, wurde mein Opa dann zwangsläufig umquartiert er war der letzte Bewohner des Hauses und er zog nur ein Haus weiter, keine 100 Meter entfernt, in eine andere Wohnung ein. Danach sollte er noch zwei mal den Wohnsitz wechseln: einmal in ein betreutes Wohnen ganz in der Nähe und dann in eine weitere, qualitativ hochwertigere Pflegeeinrichtung in einem anderen Teil Flensburgs, wo er eine eigene Wohneinheit mit eigener Terrasse hatte, die ihm, soweit ich weiß, gut gefiel. Dort ist er dann auch eines Morgens vor drei Jahren gestorben.

Erinnerungen aus längst vergangenen Zeiten
Meine Großeltern und ich, wahrscheinlich auf Sylt, vor etwa 30 Jahren

Ich denke oft an ihn. Und ich denke besonders oft über ihn nach. Über seinen Charakter; was er für ein Mensch war. Ob und wie ich ihn eigentlich kannte. Ob er wirklich so ungern über alte Zeiten sprach, ob er im Leben wirklich glücklich war und welche Rolle ich als eines von fünf Enkelkindern dabei spielte. Bemerkenswert ist, dass ich über drei Jahrzehnte mit diesem Menschen zu tun hatte und ich ihn kein, wirklich absolut kein einziges Mal!, auch nur annähernd wütend, böse oder genervt erlebt habe. Das hat nichts mit der gerne praktizierten nachträglichen Glorifizierung von inzwischen Verstorbenen zu tun, sondern ist bei mir wirklich so: ich habe meinen Opa immer nur gut gelaunt oder zumindest in freundlicher Stimmung erlebt. Ich bin folglich damit gesegnet, nur gute Erinnerungen an ihn zu haben, frei von Beklemmung, Angst oder Scham, weil ich in seiner Gegenwart etwas falsch gemacht haben könnte. Nein, meine Erinnerungen sind durchweg positiv: Im Winter hat er mich auf einem Schlitten durch den Schnee gezogen und dabei haben wir dänische Lakritz gegessen. Im Dezember bekamen alle Kinder Adventskalender geschenkt, aber nur bis zu einem gewissen Alter, 14 oder so, was mir immer schleierhaft war, denn Schokolade wird doch (zumindest von mir) in jedem Alter gerne gegessen. Seine Dachbodentür verkleidete er mit dünnen Aluminiumplatten und klebte ein „Achtung! Hochspannung, Lebensgefahr“-Schild darauf, damit es aussah, als sei sonstwas dahinter und niemand dort einbrechen wolle. Weihnachten 2003 nahm er sich spontan etwas von der Tischdeko, eines der kleinen goldenen Sternchen, und klebte es sich auf die Stirn; einfach so.

Heiligabend 2003

Jeden Sommer verbrachte Bruno die meiste Zeit in seinem geliebten und vom Kleingartenverein als „schönster Garten“ ausgezeichnetem und mit Ehrenurkunde dokumentierten Schrebergarten, den er an die 60 Jahre lang besaß und pflegte, bis seine Enkel das Stück Land übernahmen; übernachtete auch wochenlang dort und fotografierte oft seine Blumenbeete. Morgens traf man sich dort mit der Familie zum Frühstück bei dänischen Mohnbrötchen und Kaffee und Kakao. Wenn man Glück hatte, gingen Opa oder Oma an die große klobige 50er-Jahre-Schrankwand, die in der Gartenlaube stand, öffneten davon eine bestimmte Tür, die in mir sofort Vorfreude auslöste, und zauberten daraus Süßigkeiten hervor. Fuhr man in den Urlaub, gehörte die Postkarte an Opa natürlich dazu, damit er sich freute, dass er mal Post bekam. Traf man ihn dann nach den Urlaub das nächste Mal, so überreichte er einem die zuvor erhaltene Postkarte stets zurück, weil man „die bunten Bilder“ sicherlich besser gebrauchen könnte als er. Eine Unsitte, die mir höchst unangenehm war! Dann hatte ich immer diese Postkarte mit meinem eigenen Geschwafel drauf am Hals. Wahrscheinlich, weil mir das den Spiegel vor meinen eigenen Charakter hielt und mir zeigte, welch belangloses Gefasel ich für ihn bestimmte, anstatt etwas Ehrliches, Gehaltvolles für ihn zu schreiben. Mehr dazu später. Wenn man Opa besuchte oder er uns, dann begrüßte er uns in seinem nuscheligen Plattdeutsch (ein norddeutsches Original eben!) immer mit den Worten „Naaa, Schietbüddel!“ das zaubert mir auch jetzt noch ein Lächeln ins Gesicht, wenn ich daran denke und es folgte der Kuss auf Opas Wange, welcher immer einem speziellen Ritual folgte: Mein Opa blies eine Wange prall mit Luft auf, man drückte den schlabberigen Kinderkuss darauf und Opa ließ die Luft gleichzeitig prustend zwischen den zusammengepressten Lippen raus. Im weihnachtlichen Trubel (fünf kleine extrem aufgeregte Enkelkinder und eine handvoll überforderter Erwachsener um ihn herum; jedes Jahr das selbe Prozedere) saß er entweder mit Oma oder später mit seiner neuen Lebensgefährtin selbstzufrieden auf dem Sofa und guckte sich das alles an und wurde dann zu guter Letzt von allen Anwesenden der Reihe nach brav und pflichtschuldig umarmt, weil er für jeden immer gerne einen Batzen Geld springen ließ. Überhaupt, Geld. Von Opa gab es immer Geld: Weihnachtsgeld, Geburtstagsgeld, Ostergeld, Jahrmarktsgeld. Andauernd wurde mir von meinen Eltern ein Geldschein in die Hand gedrückt, mit den Worten „Hier ist noch das *-Geld von Opa“. Später, als ich ausgezogen war, kam das Geld per Überweisung mit dem Verwendungszweck „Weihnachtsgeld von Opa“ oder was auch sonst gerade für eine Saison war, in der Opa es für nötig hielt, seinen Abkömmlingen Geld zu geben. Er gibt das Geld lieber mit warmen Händen, sagte er dazu. Er wollte mitbekommen, wie er seinen Lieben eine Freude macht. Und damit komme ich zu einem wesentlichen Punkt, der mich heute explizit beschäftigt hat:

Reden müssen

Da Bruno von der alten Schule war, was aufgrund seines Jahrgangs völlig gerechtfertigt ist, erwartete er von einem, sich immer zeitnah für seine Fiskalgaben zu bedanken. Üblicherweise mit einem Anruf. Und vor diesen Anrufen grauste es jeden, und das ist der Punkt, der mir jetzt im Nachhinein das schlechte Gewissen und gedankenvolle Stunden beschert hat. Man vermied es immer, mit Opa zu telefonieren, weil man nicht wusste, was man mit ihm reden soll. Er war irgendwie wie aus einer anderen Welt und man ging davon aus, dass er mit den Dingen, die einen selbst so beschäftigten, absolut nichts anfangen konnte oder sie schlichtweg nicht verstand; vor allem in den letzten Jahren des digitalen Zeitalters mit Handys, Computern, Internet, Laptops, Facebook und WhatsApp-Chats, Streaming und MP3s. Ich glaube, die neueste und für ihn rätselhafteste Errungenschaft der Menschheit war die CD eine Art kleine Schallplatte. Ich fand es süß, als mein Bruder einmal vor etwa zwanzig Jahren einen Gameboy zu Weihnachten bekam und mein Opa dachte, das sei ein Radio. Doch ich schweife ab.

Man hatte Opa nichts zu erzählen, denn alles, was man erlebte, fand in einer ihm fremden Welt statt. Und er, das wurde mir ja seit jeher eingebläut, erzählte nicht von früher. Blieb also nur, über sich selbst zu reden. Theoretisch jedenfalls. Er hatte keine umfangreiche Bildung genossen und deshalb war ihm das Konzept der Universität meines Erachtens weitestgehend unbekannt, sodass er mich manchmal fragte, was „die Schule“ denn mache, als ich studierte. Wie sollte ich da erzählen, was den Unialltag ausmacht und die meiste Zeit für mich in Anspruch nimmt? Seminare, Vorlesungen, Primärliteratur, Hausarbeiten, Essays, Power-Point-Präsentationen? Da blieb mir nur ein „Joa, gut, viel zu tun. Man muss viel lesen und so Sachen schreiben, die dann benotet werden.“ Ich merkte immer, dass er dann auch nichts weiter zu sagen wusste, also kam als nächster Punkt immer die Erörterung der aktuellen Wetterlage, gefolgt von einem dazu passenden unverbindlichem Kommentar, wie sich das Wetter auf seinen (oder meinen) Garten auswirkt, und nach einer kurzen Pause das erleichternde Signal seinerseits, dass das Gespräch nun beendet war: „Ja, dann danke für Deinen Anruf, …“ und Verabschiedungsfloskeln. Geschafft. Erstmal ein paar Monate Ruhe bis zum nächsten anstehenden Geburtstagsglückwunsch- oder Gelddanksagungstelefonat. Kommunikation mit Bruno war immer distanziert, oberflächlich, förmlich. Und kurz. Vor allem kurz.

Hin und wieder schrieb ich deshalb Briefe, um mich für Geld zu bedanken. Da konnte ich mehr ausholen und zum Beispiel beschreiben, was ich mir von dem Geld denn kaufen würde, oder warum ich es gut gebrauchen könnte (Bücher für die Uni kaufen). Zwei Seiten kamen so immerhin zusammen und er hätte dann Post, über die er sich freuen konnte.

Aber generell wurde, das ist mir heute klar, viel zu selten, viel zu wenig, viel zu distanziert und viel zu kurz mit unserem Großvater gesprochen. Er hatte zwei Töchter und fünf Enkel, die ihm zwar alle wohlgesonnen waren, ihre Anrufe tätigten (manchmal täglich), ihn zu Familienfeiern abholten und ihn so gut es ging ins Familienleben integrierten, aber dennoch frage ich mich … hatte mein Opa in seinen letzten Lebensjahren wirklich jemanden, mit dem so richtig reden konnte? Alle seine Freunde und Bekannten sind nach und nach weggestorben; er hat sie mit seinen 96 Jahren alle überlebt. Seine Frau, meine Oma, starb bereits 1989 oder 1990 und seine Lebensgefährtin, die er bald darauf kennenlernte, erkrankte vor etlichen Jahren schwer an Demenz, bis sie niemanden mehr erkannte und in ein spezielles Heim gebracht wurde. Blieb er also allein, und die einzigen Vertrauten waren seine Nachkommen, die alle ihre eigenen Leben zu leben hatten.

Gedanken im Nachhinein

Ich mache mir im Nachhinein schwere Vorwürfe, dass ich mich quasi nicht getraut habe, Zeit mit meinem Großvater zu verbringen. Ich hätte ausprobieren sollen, wie es ist, mit ihm allein zu sein und mit ihm zu sprechen. Nie habe ich ihn allein besucht. Ich hätte mir anhören sollen, was er zu sagen hat, und wenn er nichts hätte sagen wollen, dann hätte ich ihm einfach Gesellschaft leisten können. Wovor hatte ich Angst? Warum war mir bei dem Gedanken unwohl, diesem freundlichen alten Mann ein wenig Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken? Was wäre das Schlimmste, was hätte passieren können, außer ein peinliches Anschweigen? Und hätte er nicht selbst dann wertgeschätzt, dass man sich Zeit für ihn nimmt und ihn um sich haben möchte?

Oft frage ich mich, ob Bruno den zweiten Weltkrieg überhaupt verarbeiten konnte. Zum Beispiel weiß ich nicht, ob er danach jemals psychologische Hilfe in Anspruch genommen hat. Er wirkte niemals so, als würde er sie brauchen, eben weil er stets so freundlich, genügsam und förmlich-distanziert war. Ich kann mir richtig gut vorstellen, wie er Derartiges einfach abgewunken hätte. „Nö, nö. Ach was.“ Aber liegt es nicht in der Natur der Sache, von solcherlei Erlebnissen traumatisiert zu sein? Bei unserem Gespräch über sein Leben erzählte er, dass er im zweiten Weltkrieg Flieger war und Bomben abgeworfen hat.

„Ich bin ein Mörder“, sagte er mit einem unsicheren, verbitterten und sich von sich selbst distanzierenden Lächeln. Hat er es jemals verarbeiten können, ein Mörder zu sein? Hat jemand die Notwendigkeit gesehen, dass er seine Psyche zumindest derart stärken müsste, um mit diesen schrecklichen Ereignissen würdevoll leben zu können? Oder haben alle immer den freundlichen, oberflächlichen, genügsamen Mann in ihm gesehen und ihm abgenommen, dass er emotional völlig intakt sei? Es war offensichtlich seine selbstgewählte Schutzfunktion, es einfach nicht mehr an ihn heranzulassen. Freundlich, aber distanziert: das beschreibt meinen Opa am besten.

Dieses Foto fasziniert mich sehr: Eine Aufnahme aus dem zweiten Weltkrieg, mein Opa in der Mitte. Wo es aufgenommen wurde, wer die anderen beiden jungen Männer sind und was aus ihnen wurde, werden wir nie erfahren …

Einmal war im Haus meiner Eltern ein Familientreffen und es ergab sich, dass mein Opa und ich allein im Wohnzimmer saßen. Das war das einzige Mal, dass er sich annähernd mir gegenüber öffnete. Er erzählte, wie schwer es sei, mit seiner demenzkranken Lebensgefährtin zusammenzuleben, und wie sehr ihn das belastete. Als jemand anderes den Raum betrat und ich weiter mit ihm sprechen wollte, machte er aber sofort dicht und schwieg. War wieder einfach „Opa“. Es waren nur wenige Minuten, die im Nachhinein für mich sehr kostbar waren. In dem Moment teilte er seine wirklichen Gefühle mit mir, er schenkte mir Vertrauen. Warum habe ich nie darauf vertraut, dass er sich genauso für meine Belange interessiert?

Abschiednahme

Ich möchte noch kurz erzählen, wie ich meinen Opa zuletzt erlebte. Ich sah ihn zuletzt bei einer Familienfeier, die in den Räumlichkeiten eines Gemeindehauses stattfand. Ihm wurde im Vorfeld gesagt, dass er nur Bescheid zu sagen braucht, wenn ihm alles zuviel ist, dann würde ihn jemand nach Hause fahren. „Joa, joa“, sagte er dazu. Nach meinem Empfinden war er an dem Abend guter Dinge. Oft setzten sich verschiedene Leute zu ihm und unterhielten sich mit ihm. So auch ich. Zwar nur oberflächlich, wie immer, und relativ kurz, weil ich lieber feiern wollte, aber immerhin. Aus freien Stücken, so lang ich mochte, ohne Zwang, verbrachte ich an jenem Abend Zeit mit ihm.

Am darauffolgenden 16. März rief ich ihn, pflichtbewusst wie ich bin, an und gratulierte ihm zum Geburtstag. Es muss so gegen zwölf Uhr mittags gewesen sein, denn ich weiß noch, dass er gegen halb eins abgeholt werden sollte für irgendeinen Kaffeeklatsch irgendwo. Er war gut gelaunt, als wir telefonierten, und dann erzählte er, dass seine Tochter jetzt gerade angekommen sei, um ihn abzuholen. Er klang richtig freudig und aufgeregt! Weil er also losmusste, verabschiedeten wir uns bald. Ich höre immer noch genau, wie fröhlich er „tschüüüß!“ zu mir sagte. Er war in dem Moment so glücklich! Nach dem Telefonat dachte ich: Wann auch immer er von uns geht, genau so, wie er eben am Telefon war, möchte ich ihn in Erinnerung behalten!

Das war das letzte Mal, dass ich mit ihm gesprochen habe.

Bruno mit 96 Jahren. Sein Urenkel machte dieses letzte Foto von ihm am 23.08.2014
Resümee

Vor Kurzem traf ich nach zwei Jahrzehnten einen Bekannten meines Opas wieder, mit dem er bis zuletzt befreundet war.

„Eine Woche vor seinem Tod hab ich ihn noch getroffen“, erzählte mir dieser Bekannte, „Da wollte er schon nicht mehr. Wieso soll ich noch leben, sagte er, die Enkel kommen doch sowieso nie zu Besuch.“

Diese Worte gehen mir nicht aus dem Sinn und verfolgen mich. Mir ist jedoch klar, dass mit 96 Jahren irgendwann die Zeit kommt, diese Erde zu verlassen, und dass mein Opa nicht aus Resignation gestorben ist. Ein bitterer Nachgeschmack bleibt mir trotzdem, wenn ich an diese Worte denke.

Wahrscheinlich hat jede Person, die mit meinem Großvater Bruno zu tun gehabt hat, ihn anders wahrgenommen als ich ihn, und ist anders mit ihm umgegangen, hat mehr oder weniger Zeit mit ihm verbracht und mehr oder weniger lange tiefgründige oder oberflächliche Gespräche mit ihm geführt. Sicherlich haben manche auch schlechte oder weniger gute Erinnerungen an ihn. Seine Kinder sind anders mit ihm als Vater aufgewachsen als ich, die Enkelin, und bei seinen Freunden war er recht beliebt, wie ich damals zu seinem 80. Geburtstag feststellte, bei dem eine Menge Gäste da waren.

Ich bereue die „Irgendjemand anders wird sich schon kümmern“-Mentalität, die ich in Bezug auf die verbrachte Zeit mit meinem Opa an den Tag gelegt habe. Es war so bequem: Sind doch noch vier andere Enkel da, und seine Kinder nebst Partnern, da meldet sich bestimmt öfter mal jemand bei ihm. Insofern habe ich meine heutigen Gewissensbisse mehr als verdient. Ich bin selbst Schuld, dass ich die kostbare Zeit, die uns blieb, nicht genutzt habe, um ihn kennenzulernen und etwas über ihn und unsere Vorfahren zu erfahren, und ihm das Gefühl zu geben, dass man gern bei ihm ist.

Deshalb möchte ich allen eines ans Herz legen: Verbringt Zeit mit euren Großeltern! Auch wenn ihr es jetzt schon wisst: irgendwann sind sie nicht mehr da. Macht euch das bitte bewusst. Auch, wenn ihr eure eigenen Sorgen und Pflichten habt und eurer Leben euch auf Trab hält. Ist Dir schon einmal die Idee gekommen, Deine Großeltern nach ihren Großeltern zu fragen? Sie sind die einzigen, die sich an diese Menschen aus lange vergangenen Zeiten, ja sogar fern zurückliegenden Jahrhunderten, erinnern können. Und wenn Dir, so wie in meinem Fall, von Kindesbeinen an gesagt wird, dass die Großeltern ungern über „früher“ erzählen, dann kann ich nur raten, es trotzdem selbst einmal zu versuchen und das Thema in geeignetem Rahmen anzusprechen. Entweder möchten sie reden, oder sie möchten es nicht, aber Du hast Interesse gezeigt. Mache Dir bewusst, dass die Zeit, die Du nicht mit Deinen Verwandten älteren Semesters verbringst, unwiderruflich verloren ist und dass aufgrund eures Altersunterschiedes nur vergleichsweise wenig gemeinsame Zeit bleibt, um sich gegenseitig seine Wertschätzung zu zeigen und sein Gegenüber allein dadurch, dass man sich Zeit nimmt, nachfragt und zuhört, auch im Herbst des Lebens zu einem glücklichen Menschen zu machen, der sich geliebt und beachtet fühlt.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.