Notiz von der Straße #4

Die Magie des Wohnmobils: Nimm eine x-beliebige, stinknormal aussehende Katze und setze sie in ein Wohnmobil – voilà, und schon ist sie der Star.

Wir stehen in 800 Metern Höhe auf einem Berg namens Monte Busca an den Ausläufern des Nationalparks Casentenesi an der Grenze zwischen Emilio-Romagna und der Toskana. Der Weg von Forlì über die SP22 war beschwerlich. Die Serpentinen der engen Asphaltstraße wanden sich immer höher wie Schlangen, die sich satt und träge um den Berg legten. Yorba, unser getreues, aber betagtes Wohnmobil ächzte und rumpelte gemächlich von einer Kurve zur nächsten. Vor ein oder zwei Tagen hatte die Kupplung begonnen, Ärger zu machen. Der zweite Gang lässt sich nur knirschend einlegen und auch der Dritte tut es ihm inzwischen gleich. Das Getriebe, vermutet das Internet. Au weia. Trotzdem, oder gerade deshalb – weil es immer weitergehen muss, da sonst stillstand droht, im Leben, auf der Reise, im Geist – setzen wir unseren Weg Richtung Toskana fort. Und sind nun hier gelandet: Auf einem Berg fast ganz oben auf dem Gipfel, mit einer spektakulären Aussicht aus dem Schlafzimmerfenster; Bergketten und Täler, Wälder und Feldwege, Flora und Fauna, Pinien und Zypressen, ein Vorgeschmack auf die Toskana. Wir stehen auf einem winzigen Parkplatz an der Flanke der staubigen Asphaltschlange, über die wir uns hier hochgewunden haben, und wenige Schritt von uns lodert der kleinste Vulkan der Welt hinter den Ruinen eines alten Bauerngehöfts auf einem mit Grasfilz überzogenen Felsvorsprung. Der kleinste Vulkan der Welt ist ein natürliches Methanvorkommen, welches brennend aus einem Loch im Boden entweicht, über das ein Haufen Steine gestapelt wurde. Hübsch hat er es hier, der kleine Vulkan. Und an diesem Samstagnachmittag am letzten Tag des Februars des zweiten Jahrzehnts des zweiten Jahrtausends genießt er auch permanent Gesellschaft. Nicht die unsere; wir erwiesen ihm nur kurz die Ehre und zogen uns dann in unsere Gemächer auf vier Rädern zurück. Nein, vielmehr geben sich hier informierte Locals die Klinke in die Hand. Ein Auto nach dem anderen taucht auf uns quetscht sich optimistisch in eine verbleibende Ecke des winzigen Parkplatzes, dessen Raum zu einem nicht unerheblichen Teil bereits von Yorba eingenommen wird. Und Autos fahren wieder weg. Es ist ein Kommen und Gehen. Menschen strömen geradezu in die Nähe des putzigen feuerspeienden Steinhäufleins. Sie bringen Grillroste und Essen mit. Sie braten ihre mitgebrachten Speisen auf dem Vulkan. Auf der kurzgeschorenen filzgrünen Wiese auf dem Felsvorsprung ist der kleinste Vulkan der Welt eindeutig der Star. Aber auf dem Parkplatz wird ihm der Rang streitig gemacht: Canela, unsere travel cat, die wir im vorigen Herbst dem Hungertod nahe in der südspanischen Wildnis aufgelesen haben und die uns seither – inzwischen gechipt, geimpft, kastriert, entwurmt, entfloht, zwei Kilo schwerer und mit einem EU-Heimtierausweis im Gepäck – stets auf unseren Reisen souverän begleitet, hat die Mittagszeit des heutigen Tages bereits damit verbracht, die Gegend hier eingehend auszukundschaften, bevor der Besucherstrom überhand nahm. Nun, da dieser Spot zunehmend stärker frequentiert wird, verbringt sie den Nachmittag mit uns drinnen im Auto und döst entweder vorne in der Fahrerkabine auf einem der Sessel oder hinten auf dem Bett. Das heißt, bis sie entdeckt wird.

„Gatto!“, kreischt es dann plötzlich freudig in Fensternähe. Wenn ich um die Ecke luge, erspähe ich eine Schar vor Entzücken glühender Menschengesichter an der Scheibe. Eine Katze! In einem Auto! Kurze Kinderarme mit Patschehändchen zeigen mit dem Finger aufgeregt auf Canela, die sich dazu herabgelassen hat, die Augen zu öffnen und sich das Spektakel anzusehen.

„Miau! Miau! Miau!“, quiekt das Kleinkind ein paar Oktaven zu hoch für meinen Geschmack. Schon seltsam, dass Canela allein durch die Tatsache, dass sie sich in einem Auto befindet, soviel Aufsehen erregt. Weder tut sie irgendetwas Besonderes, noch sieht sie irgendwie herausragend außergewöhnlich aus. Ihre zimtfarbene getigerte Fellzeichnung mit den weißen Flächen (wie ein Zimt-und-Sahne-Pudding eben) entspricht der der europäischen Durchschnittskatze, wie sie in jedem Dorf dutzendfach anzutreffen ist, und außer herumzuliegen und mit ihrem Pokerface durchs Fenster auf immer neue verzückt-überraschte Zweibeiner zu schauen, tut sie nach ihrem aufregenden Streifzug in unbekanntem Terrain am Mittag momentan auch nicht viel. Die Menschen kümmert das nicht. Sie haben einen Vulkan gesucht, aber eine Katze gefunden. Und das ist eine kleine Sensation. Etwas, von dem sie anderen erzählen können. Etwas, das sie für einen Moment glücklich macht und lächeln lässt. Wenn man lächelt, kann man nicht traurig sein, heißt es. Eine kleine Katze in einem großen Auto auf einem kleinen Parkplatz bei einem kleinen Vulkan; ein kleiner Sonnenstrahl der Freude.

Die Magie des Wohnmobils: Nimm eine x-beliebige, stinknormal aussehende Katze und setze sie in ein Wohnmobil – voilà, und schon ist sie der Star.

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