Notiz von der Straße #6

„Dann wünsche ich Dir noch einen schönen Urlaub.“

Das ist der Satz, den ich mir vorausgehend vorstelle, wenn David am Ende eines geschäftlichen Telefonats mit einem Arbeitskollegen oder einer Arbeitskollegin wieder einmal freundlich-bestimmt-halb-belustigt-aber-nur-halb „Ich HABE keinen Urlaub!“ in den Hörer knirscht.

Das kommt häufiger vor. Und stimmt mich nachdenklich darüber, wieviel Gewohnheit sich der Kapitalismus im menschlichen Denken still und heimlich einräumt. Die Kolleg*innen wissen, dass wir gerade in Italien sind. Trotzdem besprechen sie mit David zu den üblichen Kernarbeitszeiten am Telefon die großen und kleinen Belange und Super-GAUs, über die man eben so sprechen muss, damit bei den Kunden alles rund läuft, ohne dass die Welt untergeht. Im schlimmsten Notfall auch frühmorgens, spätabends oder mitten in der Nacht. David erreichen sie immer, wenn sie ihn brauchen, sobald es auf der Arbeit brennt. Schon so einige wirklich wunderschön paradiesische Spots mussten wir sofort wieder verlassen, weil der obligatorische iPhone-Check sofort nach der Ankunft ergab: Scheiße, kein Handyempfang. Oder scheiße, nur Edge. Wir müssen woanders hin.

Wenn jemand anruft auf dem kleinen rechteckigen Gerät mit der rosaglitzernden Einhorn-Schutzhülle, welchem Tag und Nacht die höchste Priorität ob seines einwandfreien Funktionierens gilt und welches bestimmt, wo wir uns aufhalten dürfen und wo nicht, dann geht David ans Telefon – oder ruft so schnell wie möglich zurück – und nimmt sich für seine Gesprächspartner*innen alle Zeit, die es in dem Moment braucht. Nur um dann letztlich mit den Worten „Dann wünsche ich Dir noch einen schönen Urlaub“ verabschiedet zu werden.

Dies ist alles andere als ein Vorwurf. Und auch keine Kritik. Höchstens am System, dem ollen, das uns allen die Gehirne wäscht. Ich find‘s ja lustig mit diesen ehrlich gemeinten Urlaubswünschen aus tiefstem Herzen, vor allem, dass das so oft vorkommt und immer bei verschiedenen Personen. Und das ist auch genau das, was ich besonders interessant finde, denn es geschieht unabhängig voneinander und, so vermute ich, ohne vorherige Absprachen untereinander. Aber erschreckend ist es doch irgendwie auch: Wenn jemand sich temporär in Italien aufhält, dann kann es ja nur Urlaub sein. Schublade: Urlaub. Schönes Land am Mittelmeer = Urlaubsort. Deutschland = Arbeitsplatz. Aber: Deutschland = Urlaubsort, das ist auch möglich. Vorausgesetzt, man befindet sich an einem anderen Ort als dort, wo sich auch der Arbeitsplatz befindet. Allerdings kann auch dort, wo sich der Arbeitsplatz befindet, gleichzeitig auch der Urlaubsort sein, etwa wenn man einfach zu Hause bleibt. Bloß die Gleichung schönes Land am Mittelmeer = Arbeitsplatz, darauf kommt man nicht sofort. Diese Schublade fehlt. So sehr eingebrannt sind die ersten drei Gleichungen, dass die letzte Möglichkeit gar nicht sofort in Betracht gezogen wird. Man arbeitet nicht da, wo es traumhaft ist. Selbst wenn man mit der betreffenden Person zuvor stundenlang über Dinge palavert hat, über die man nicht palavern würde, wenn man sich privat mit ihr unterhalten würde. Man redet und redet und redet über Arbeit und macht und tut und tüftelt und konferiert und bespricht und ruft hier an und dort an und holt diese und jene Person dazu und sucht nach Lösungen … und dann wird einem zum Schluss höflich noch ein schöner Urlaub gewünscht. Ich finde es schade, dass die Welt dadurch gewissermaßen kapitalistisch kategorisiert wird. Das Heimatland ist zum Arbeiten und Urlaubmachen da. Alle anderen Länder (jedenfalls die schönen, exotischen, wärmeren) sind ausschließlich der Erholung vorbehalten. Undenkbar, dort zu leben – und zu arbeiten. Just sayin‘.

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