Notiz von der Straße #9

Mich beschleicht das Gefühl, dass wir genau zur richtigen Zeit in Italien sind. Atemmasken, Plastikhandschuhe, Händewaschen mit Seife, Warnhinweise, übersteigerte Hygienemaßnahmen, allgemeine Paranoia, Karten- statt Barzahlung, Schließung von Bildungseinrichtungen, Kinos, Theatern, Sehenswürdigkeiten, lahmgelegter Flug- und Schienenverkehr, selbst Begräbnisse werden verschoben, Verbot von öffentlichen Veranstaltungen und Vermeiden von Menschenmassen. Bis hin zur hermetischen Abriegelung ganzer Landstriche, Städte und Provinzen mit kontrollierter Ein- und Ausreise. Gut, bleibe ich eben hier. Sonne, azurblaues Mittelmeer, blaudunstige Vulkanmassive am Horizont, Palmen, Feigenkakteen, Focaccia und achtzehn Grad an nur spärlich frequentierten Plätzen, die in der Sommersaison hoffnungslos überfüllt sein werden. Der selbstauferlegte Zwang, alle Touristenhochburgen und größere Zivilisationsareale großräumig zu vermeiden. Und stattdessen die verhältnismäßig leere Wildnis Italiens zu entdecken, außerhalb der ausgetretenen Pfade des Mainstreams, die nun ausgestorben wie vertrocknete Flussbetten daliegen und darauf hoffen, ihr sonst stetig dahinplätscherndes Volumen von 3,4 Milliarden Euro in den kommenden Monaten wieder fließen zu sehen. Viel Ruhe, viel Platz, viel Natur, neuartige Vogelstimmen und die Rufe der Pfauen, eine überaus glückliche travel cat, die sich Zwischenstopp für Zwischenstopp unbehelligt ein Terrain nach dem anderen erschließt, kostenlos Strom und Wasser nur für uns allein; man wird in Ruhe gelassen. Einfach in Ruhe gelassen.
Offenbar keimt bis zu einem gewissen Grad ein Bewusstsein auf. Ein Bewusstsein dafür, dass diese Spezies zu den Herdentieren gehört und Infekte sich durch das instinktive Suchen von Nähe rasend schnell verbreiten können. Ein Bewusstsein, wie viele Gegenstände im Alltag von vielen Menschen angefasst werden. Ein Bewusstsein dafür, wie ekelhaft und widerlich es ist, etwas zu berühren, das schon tausendfach angegrabbelt wurde, ohne zwischendurch gereinigt worden zu sein. Neueste Erkenntnisse des kollektiven Bewusstseins, nicht unkontrolliert in die Gegend zu niesen. Congratulations.

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