Notiz von der Straße #2

Venedig. Das erste, das mir passiert, als ich die Stadt betrete, ist eine Begegnung mit einem Bangladeshi, der gezielt auf mich zusteuert und mir freundlich zwei rosafarbene Rosen in die Hand drückt. Ich bin verwirrt. Warum geht er nicht zu David? Der hat doch eindeutig eine intensivere Präsenz in der Außenwelt als ich. Ach so, dämmert es mir. Rosen bekommen Leute, die für Frauen gehalten werden. Hat sicherlich mit dem Karneval zu tun, der hier dieser Tage tobt. Rosen für Frauen. Der breit grinsende Mann schüttelt uns die Hände, fragt woher wir kommen und möchte dann Geld. Aber nicht den Euro, dem David ihm gibt. Mehr. Wir weigern uns, ich gebe dem Mann eine der beiden Rosen zurück, er lehnt sie zunächst ab, nimmt sie dann schlechtgelaunt und zieht ab. Memo an mich: Schneller schalten. Touristenhochburg. Hier gibt es nichts geschenkt.

Karneval in Venedig: ganz anders als in Deutschland. Die Atmosphäre ist freundlich, fröhlich, nicht wirklich ausgelassen; noch schlägt niemand über die Stränge, oder nicht mehr. Der Karneval dauert hier schon fünfzehn Tage an und geht dieses Wochenende in die Endrunde. In allen Läden der Stadt gibt es Masken. Überall gibt es Masken. Alles ist voller Masken. Masken quellen aus jeder Auslage, jedes Schaufenster ist mit Masken überladen. Und die Menschen, sie tragen alle Masken. In meinem Kopf triggert das sofort ein Lied, das mich den Rest des Tages permanent begleitet. Mein Soundtrack des heutigen Tages, bei dem ich wohl des Rest meines Lebens an Venedig denken werde.

I thought you’d always be

My zero

Die Masken sind wunderschön: zierlich und elegant, mit Glitzer und pompösem Federbausch besetzt, mit knalligen Farben und Mustern aufwendig bedruckt oder gar bemalt, wenn sie denn handgefertigt sind; feine Geflechte aus Stoff oder Metall oder aber solide Schalen aus Plastik, hinter denen die Personen zu personae werden, zu Masken. Alle Menschen tragen Masken. Auf die eine oder andere Art und Weise. Manche tragen sogar zwei Masken. Die Maske der Unbekümmertheit über der oberen Gesichtshälfte und darunter die Mundschutzmaske. Die Maske der Angst. Heute erfuhren wir, dass das Coronavirus auch hier in dieser Region ausgebrochen ist. Deshalb trägt fast jeder Mensch heute in Venedig die eine oder die andere Art Maske, oder eben beide gleichzeitig. Ich habe weder die eine, noch die andere, aber ich stelle schnell fest, dass ich auch eine Maske möchte: erstere. Also geht David mit mir in den nächstbesten Laden und ich probiere Masken auf. Sie faszinieren mich. Ihre Filigranität, die Farben, Konturen, ihre Textur, die Details und feinen Applikationen – selbst die allerbilligsten Massenwaren ziehen mich in ihren Bann. Ich möchte so eine Maske! Aber die Ernüchterung kommt sofort, und wie es nun einmal das Wesen einer Ernüchterung ist, kommt sie mit geballter Kraft wie ein Schlag ins Gesicht, und dieses Mal ist das sogar fast wörtlich zu nehmen: sie passen mir nicht. Die Masken passen mir nicht. Keine einzige. Alle Menschen um mich herum können Masken tragen, aber ich nicht, denn mir passen sie nicht. Die Masken sind nur für Menschen ohne Brillen. Mit Brille darunter sind diese Masken alle zu klein, und wenn ich sie mir darüberbinde, verrutschen sie. Sofort kriecht dieses Gefühl wieder in meinen Kopf: Das hast du verdient. Du darfst das nicht. Du darfst nicht Teil davon sein. Du darfst nicht in der Anonymität untergehen. Du bist das nicht wert, dass du verdienst, mitmachen zu dürfen, so wie alle anderen, die unbedarft ihre Masken tragen, weil es für sie selbstverständlich ist, dass sie das können.

Ich versuche, mich nicht unterkriegen zu lassen. Probiere weitere Masken auf. Die aus Stoff scheinen funktionieren zu können, weil sie biegsam und flexibel sind. Es könnte gehen. Ich betrachte mein Spiegelbild. Ich bin entmutigt. Ich bin nicht dafür gemacht, eine Maske zu tragen. Paradoxerweise ist mein Erscheinungsbild zu unerträglich hässlich, um mit dem wunderschönen zarten Gebilde einer Maske kombiniert zu werden. Es stimmt mich sehr traurig, aber ich füge mich dem, das ist. Ich bewundere all die Menschen um mich herum in ihren Masken und wie die Masken die Schönheit der einzelnen Menschen noch mehr unterstreicht und zur Geltung bringt. Die Frauen wirken eleganter. Die Männer wirken markanter. Alle sind so gutgelaunt.
„Amore“, sagt jemand neben mir zu jemand anderem, als ich über eine Brücke gehe, die sich über einen der zahllosen hellblauen Kanäle mit Meerwasser spannt, durch die die Gondeln ziehen und die Wasserbusse pflügen. Die Möwen kreischen über mir und schrauben sich in die Luft. Wellen schwappen an nasse Hausfassaden mit tiefdunklen Algenbärten oberhalb der Wasserlinie. Durch die engen bunten Gassen wabern Düfte von frischgebackener Pizza, Salzluft und Pfeifentabak. Ich wandere durch die Gassen, David stets an meiner Seite; mein Navigator, mein Fels in der Brandung, mein Anker und mein Zuhause. Meine Familie. My Zero. Ich laufe ohne Maske. Doch nur ich weiß, dass nur ich verkleidet bin. Nur ich sehe wirklich anders aus, als ich wirklich bin. Ich trage die einzig wahre Maske. Meine Verkleidung bedeckt mich komplett. Sie ist an mir festgewachsen. Ich kam in ihr auf die Welt; ich trage sie ununterbrochen und ich wusste schon immer, dass ich nur verkleidet bin. Ich habe diese Verkleidung schon immer gehasst. Wollte sie schon immer von mir abziehen. Ich wurde noch nie gesehen. Nur meine Verkleidung. Ich bin so gut verkleidet, dass alle anderen meine Verkleidung für bare Münze nehmen. Schon immer für bare Münze nahmen. Ich bin so gut verkleidet, dass alle Menschen mich über diese Verkleidung definieren und nicht darüber, wer und was ich wirklich bin. Ich bin so gut verkleidet, dass alle Menschen denken, ich sei überhaupt nicht verkleidet. Sie denken, was sie sehen, sei echt. Ich bin so gut verkleidet, dass alle Menschen meiner Verkleidung glauben und mir nicht, wenn ich ihnen sage, dass das nur eine Verkleidung ist und ich ihnen das zeigen möchte, was unter der Verkleidung steckt. Ich bin so gut verkleidet, dass alle Menschen sich nur nach meiner Verkleidung richten und wenn ich mich so gebe, wie ich unterhalb der Verkleidung – vor ihren Blicken versteckt – bin, all diese Menschen mich nicht mehr einordnen können, weil ich ihre Erwartungen nicht erfüllen kann, die sie an mich haben, weil sie immer nur meine Verkleidung sehen, die sie für bare Münze nehmen, was mich Zeit meines Lebens verwirrt hat, denn ich war immer nur mein wahres Ich – das unter der Verkleidung – und verstand nicht, weshalb ich so von allen anderen verurteilt werde, wenn ich mich so gebe, wie es zu dem gehört, das ich bin, denn das über mir drüber, mein Überwurf, ist doch nur eine miese Verkleidung, merken die das denn nicht? Denken die etwa, das sei echt??
Zu verstehen, dass Menschen mich noch nie gesehen haben, sondern nur meine an mir festgewachsene Verkleidung, und deshalb schon immer Probleme hatten, mich so zu akzeptieren, wie ich bin, weil ich nicht dem entspreche, das sie sehen – das zu begreifen hat mich nun knapp 38 Jahre, eine verkorkste Kindheit, eine noch schlimmere Jugend, dunkle Monate in Depressionen und die Zeit zu Beginn meines Erwachsenendaseins, in der ich so viele großartige Dinge hätte tun können, gekostet. Es hätte alles anders laufen können. Ist es aber nicht. Das Universum hat mich durch eine harte Schule gehen lassen, und nun hat es mir endlich, endlich einen Titel verliehen, weil ich bestanden habe. Enby. Ich nehme diese Auszeichnung in Dank und Demut entgegen. Nun lerne ich, sie mit Stolz zu tragen.

I’ve gone away forever

The wrong side of the tracks

My blood all filled with garbage

My heart shot through with cracks

Heute, in Venedig, als der Mann mir seine rosafarbenen Rosen aufdrängte, war wieder eine dieser unzähligen kleinen Alltagssituationen, wie sie in meinem Leben schon millionenfach vorgekommen sind, in denen mir wieder schmerzlich (ja, schmerzlich) von der Außenwelt verdeutlicht wird, was sie von mir hält. Rosen sind für Frauen. Du bist kein eigenständiger Mensch, du bist kein Individuum, welches man vorher fragen möchte, ob es Rosen überhaupt mag oder ob es vielleicht doch eher Tulpen liebt (was ich übrigens tue). Nein. Die Außenwelt knallt es mir immer wieder gerne mit Schmackes um die Ohren: Wir finden, Du bist eine Frau! Darin sind sich alle einig. Und damit ist das beschlossene Sache. Was DU denkst, ist scheißegal. Was DU über dich zu wissen glaubst, wird konsequent übergangen, denn nur WIR urteilen darüber, wer und was du bist. Ach und übrigens, wir finden alle, dass du verdammt seltsam bist. Alle anderen Frauen sind irgendwie normaler als du.

Ich freue mich über den heutigen Tag. Ich habe so viel gesehen und erlebt. So viel Schönheit. Die Schönheit der Masken. Ich habe etwas Neues an mir selbst kennengelernt: Eine ungeahnte Faszination für die Masken, die ich heute sah. Es ließ mich den Entschluss fassen, mir nach langer Zeit wieder Kontaktlinsen anfertigen zu lassen. Nur aus dem einen Grund: Ich möchte hierher zurückkommen und mir zum Karneval in Venedig eine Maske aussuchen.

Zitate aus: „My Zero“, Ezra Furman

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