Road Trip durch Deutschland, Teil 1

Zurzeit mache ich in unserem neuen Auto einen Road Trip durch Deutschland. Ich besuche das Meer, durchwandere die Sümpfe der Traurigkeit und werde nebenbei Klangschalenmassagepraktikerin. Ein Text in Gegenwart und Vergangenheit.

Nach einer phasenweise andauernden leichten bis mittelschweren Depression wurde mir bewusst, dass ich etwas tun muss, um glücklicher zu sein – denn ich weiß, dass die Verantwortung dafür einzig und allein bei mir selbst liegt. Es dauerte nicht lange, in mich hineinzuhorchen um zu erfahren, was mir fehlte: reisen. Unterwegs sein. Fahrtwind. Das traf sich gut.
Nach dem gescheiterten Versuch, eine staatliche Ausbildung zur Masseurin zu absolvieren, mit der anschließenden Erkenntnis, dass andere Ausbildungsformen eher meinem Wesen entsprechen, hatte ich nämlich die ersten beiden Seminare (von insgesamt fünf) für die nicht-staatliche, dafür aber spirituelle und achtsame, Ausbildung zur Klangmassagepraktikerin im Peter-Hess-Zentrum im schönen Niedersachsen gebucht; das erste am 15./16 und das zweite am 20./21. Oktober. Im Zuge meiner bisweilen doch recht weit ins Schwarze gehenden Stimmungssschwankungen war mir klar, dass ich die An- und Abreise dorthin ausbauen musste und auch nicht in irgendwelchen gebuchten Zimmern oder auf bereitgestellten Couchsurfer-Couches übernachten wollte. Sondern in unserem neuen Auto.

Hallo, ich bin der Neue

Unser neues Auto ist ein Nissan Primera. Nie gehört? Kein Bild dazu im Kopf? Das liegt daran, dass dieses Auto so unsagbar nichtssagend und unscheinbar wirkt, dass man es einfach übersieht. „Sogar meine Mutter erkennt mich nicht, wenn ich an ihr vorbei fahre und ihr winke!“, beklagte sich der Vorbesitzer bei uns. Ich finde, es sieht aus wie ein Alte-Leute-Auto. Sollte man es denn doch einmal wahrnehmen, drängt sich einem die Idee auf, ein älterer Herr mit Hut und Pfeife müsste der Fahrer sein. Als unser ehemaliges Auto Melmoth urplötzlich den Geist aufgab, flog uns auch sofort die Möglichkeit zu, von unserem Nachbarn den Primera zu einem Schnäppchenpreis zu erstehen. Das erste, was ich ausprobierte, war der Kofferraum. Und siehe da, er ist so geräumig, dass wir wunderbar zu zweit darin liegen können. Ein spontaner Wochenendtrip nach Heidelberg bestätigte das. Ein neues Mini-Wohnmobil! David wehrte sich mit Händen und Füßen dagegen, dass ich unser neues Vehikel „Schmendrick“ taufte. Er sagt, das Auto heißt Norbert. Für mich heißt es trotzdem Schmendrick.
Für meinen anstehenden Road Trip, übrigens mein erster ganz alleine, bastelte ich aus Pappe und einer alten Rettungsdecke vier Sichtschutzabdeckungen für die Fenster im hinteren Breich des Wagens. Aber erstmal ging es für David und mich zusammen nach …

Berlin! Berlin! Wir fahren nach Berlin!

Es war am Samstagmorgen, als wir uns daran erinnerten, dass an diesem Tag das Vintage Computing Festival in Berlin stattfindet. Und wie das nun einmal so ist, packten wir unser Auto mit unseren Schlafsachen und einer Matratze rappelvoll und heizten los nach Berlin. Das VCFB war ganz cool und ich punktete damit, dass ich an einer Konsole das Spiel Breakout durchspielte.
“So lange hat das noch niemand gespielt. Alle spielen immer nur ganz kurz und gehen dann weiter”, sagte der Museumswärter, der direkt neben dem Rechner seinen Posten an einer Tür hatte.
An dieses Spiel habe ich Monate meiner Kindheit verloren. Natürlich war ich gut darin. Und ich wäre sicherlich noch besser gewesen, wenn ich es nicht zuletzt anno 1993 gespielt hätte.
Abends war noch eine Chiptune-Party in der Museumsbar, aber dort wurde es uns schnell langweilig. Wir waren nach dem langen Tag sowieso ziemlich müde, denn zwischendurch sind wir natürlich noch durch Berlins Straßen geschwemmt worden und strandeten an diversen veganen Locations. Satt, glücklich und müde fuhren wir also nach Treptow, wo wir uns einen kostenlosen Parkplatz zum Übernachten rausgesucht hatten. Nach anfänglichem besoffenem Gegröle, es war ja Samstagabend, wurde es dann auch bald ruhig und wir konnten schön eingekuschelt durchschlafen. Am nächsten Tag besuchten wir noch Davids Schwester und ihre Familie, gingen zu einem veganen Brunch und machten uns auf den Heimweg. Doch mein Tag war noch nicht zuende.

14.10.18 – Weiter geht’s

Ich warf David zu Hause auf Fruitlands ab, ging duschen, packte das Auto neu – mit meinen Sachen – und war wieder on the road. Am nächsten Tag würde in Schweringen meine zweitägige Ausbildung zur Klangmassagepraktikerin beginnen und ich wollte rechtzeitig dort sein. Ich war etwas angespannt und hatte auch eine diffuse Angst vor dem Unbekannten, denn es sollte ja mein erster Solo-Road-Trip werden. Nach einigem Rumgepeile im Harz erreichte ich auch schließlich gegen 22 Uhr meinen Übernachtungsspot, einen Wohnmobilstellplatz in Hoya direkt am Weserufer. Wieder glücklich, wieder müde, klatschte ich meine Sichtschutzlappen gegen die Fensterscheiben und freute mich auf den nächsten Tag.
Morgens hatte ich noch viel Zeit. Bei einer Tankstelle nahm ich das Bad in Beschlag, um mich salonfähig zu machen. Ein Feldzug zum nahegelegenen Famila-Einkaufszentrum ergab, dass es auch dort kostenlose Toilette, heißes Wasser und sogar eine Steckdose gab. Perfekt. Doch zunächst einmal stellte ich mich der Herausforderung des Neuen und fuhr nach Schweringen, um bei Peter Hess meine fundierte Ausbildung zu beginnen.
Zuerst traute ich mich nicht hinein. Peter, die Koryphäe des Klangs, stand draußen vor der Tür und ich wollte nicht ihm zuerst begegnen, desorientiert und unsicher, wie ich bei meiner Ankunft war. Aber meine für mich typische Unsicherheit und Schüchternheit verflog bald, als ich die Mitarbeiterinnen, die anderen SeminarteilnehmerInnen und natürlich auch Peter höchstselbst kennenlernte.


Der erste Ausbildungstag war zunächst sehr theorie- oder vielmehr zuhören-lastig; erst zum Ende des Tages ging es aus dem Stuhlkreis raus und in den Saal mit den Massageliegen. Dort gab ich dann also meine erste angeleitete Massage mit Klangschalen. Und: bekam auch eine! Mein Massagepartner Otto gab mir durchweg positives Feedback und auch ich konnte mich keinesfalls beschweren. Der Tag endete also für alle 18 Teilnehmerinnen und Teilnehmer sehr relaxt, denn jede von uns hatte satte 40 Minuten volle Klangdröhnung erhalten! Das in Schrift zu beschreiben, sollte (zumindest für mich) unmöglich sein, es muss wirklich erlebt werden, was es mit einem macht, wenn die Klangschalen auf den Körper aufgesetzt und zum Klingen gebracht werden, bis die vollen Töne mit einer nicht enden wollenden Vibration durch jede Körperzelle wabern. Nach so einem erlebnisreichen Tag hatte ich keine Lust, auch noch zu dem Übernachtungsspot in Hoya zurückzufahren, hatte ich doch Toilette, Strom und sogar Dusche im Seminarhaus zur Verfügung, sodass ich das Auto auf dem Seminarhaus-Parkplatz stehenließ und kurzerhand dort nächtigte. Ich schlief sehr gut und fest.

16.10.18 – Im Einklang mit mir selbst

Am nächsten Tag kam der zweite Teil der Ausbildung. Wir bekamen eine Klangmeditation von Peter. Das war ganz abgefahren, denn dabei merkte ich, dass mein feinstofflicher Körper nicht in meinen stofflichen Körper hineinpasste, sondern zu groß war und sich entfalten wollte. Ich nahm mir vor, mich in den nächsten Tagen dieser Herausforderung zu stellen. Dann gab es für uns “Spickzettel” und wir sollten die Klangmassage dann ohne Peters Anleitung selbständig nur mit Hilfe der Zettel durchführen. Leider musste Otto mittags schon los, ich hatte also keinen Massagepartner mehr, sodass sich eine Mitarbeiterin des Instituts, Claudia, für mich zur Verfügung stellte. Für mich ein ganz großes Glück, denn Claudia arbeitet dort unter anderem als professionelle Klangschalenmasseurin. Sie konnte mir also ein aussagekräftiges Feedback zu meinem Können geben. Sie lobte mich sehr und merkte bloß an, dass ich die Schalen ruhig kräftiger anschlägeln sollte. Das Beste an unserer Zusammenarbeit war jedoch, dass danach ich an der Reihe war, von ihr eine Klangmassage zu bekommen! Wir bekamen von Peter das Okay, uns in Claudias Praxisräume verziehen zu dürfen. Ich kam also in den Genuss einer Privatbehandlung mit Zitronen-Vanille-Duft, Kopfkissen, Schulterkissen und viel Ruhe. Wenngleich ich etwas Schwierigkeiten hatte, meinen stream of consciousness abzuschalten, konnte ich die Massage sehr genießen und war danach sehr erholt und extrem entspannt.
Nach einer Abschlussrunde, in der wir alle unsere Zertifikate erhielten, war dieser erste Ausbildungsblock leider schon wieder vorbei. Ich brachte noch zwei andere Teilnehmerinnen nach Nienburg zum Bahnhof und hielt dann nachdenklich den Finger auf das Navi. Sollte ich wirklich? Die letzten Tage kämpfte ich ständig mit der Entscheidung, wie es nach diesen zwei Tagen weitergehen sollte. Es gab so viele Möglichkeiten! Oder eigentlich nur zwei: entweder die vernünftige oder die gefühlsgeleitete. Erstere würde entweder eine Fahrt nach Unna beinhalten, um dort weiter Sachen zusammenzupacken, denn David ist Anfang des Monats aus unserer Zweit-Homebase ausgezogen und wohnt jetzt mit mir dauerhaft auf Fruitlands. Vernünftig wäre es auch, in Niedersachsen zu bleiben und nicht allzuviel Sprit zu verballern. Würde ich nach meinen Gefühlen gehen, so würde ich entweder zurück nach Hause fahren, wo der tollste Mann der Welt auf mich wartete, oder ich würde einem tiefsitzenden, unerklärlichem Impuls nachgeben und nach Mecklenburg-Vorpommern fahren. Ans Meer. In Berlin hatte ich zwei Tage zuvor ein traumatisches Erlebnis gehabt, durch das ich den Rest des Tages unter Schock gestanden hatte, und ich hatte gespürt, dass mir die Weite des Meeres für die Heilung wohltun würde. Also warf ich alle Vernunft über Bord und brauste von Schweringen nach Schwerin. Spät nachts hielt ich kurz vor Schwerin an einer Indoor-Skisprungschanze und übernachtete dort auf dem überdimensionierten Parkplatz.

Der Alltag on the road: Zähnputzen im Luxus-Bad eines Einkaufszentrums …
… und entspannen auf einem Supermarktparkplatz

17.10.18 – Eine Prise Meeresluft

Schwerin ist ein absolut bezauberndes Städtchen. Ich parke auf einem Supermarktparkplatz, schummle mit der Parkscheibe, sodass ich zweieinhalb Stunden Zeit habe, um die Stadt zu erkunden, bevor ich umparken muss. Es ist frühmorgens und wie aus dem Nichts ragt vor mir plötzlich das Schweriner Schloss aus dem Morgennebel auf. Ein großartiger Anblick!

Ich lustwandele einmal um das Schloss, durch den großzügigen Schlossgarten, und frage mich, wie oft und wie lange hier immer Rasen gemäht werden muss. Alles ist sehr gepflegt und hübsch. Von zwei Mauern ranken sich üppige Kapuzinerkressepflanzen wie grüne Wasserfälle.

Um 11 Uhr ist meine Parkzeit abgelaufen, und da ich es nicht drauf ankommen lassen möchte, die von einem bösen Schild angedrohten 24,50€ Strafgebühr zahlen zu müssen, sollte ich noch länger dort stehen bleiben, entschließe ich mich, meine Fahrt fortzusetzen und jetzt so richtig ans Meer zu fahren, nämlich nach Rostock.

Da das nicht sehr weit weg ist, komme ich um die Mittagszeit dort an. Um zu dem von mir angepeilten kostenlosen Parkplatz zu kommen, muss ich eine mautpflichtige Brücke überqueren, aber kurz vor der Brücke entdecke ich einen großen P&R-Parkplatz, schwenke spontan das Steuer um und parke dort. Er befindet sich direkt an der S-Bahnstation Lütten Kleine. So löse ich eine Tageskarte und fahre per Bahn in die Stadt hinein.

Auch Rostock ist wirklich hübsch. Es gibt viele alte Häuser, die alle bunt verputzt sind. In einer Kirche sitze ich andächtig und einsam vor einer gigantischen astronomischen Uhr aus dem Jahr 17hundertwasweißich. Es ist zufällig Punkt 14 Uhr, die Uhr beginnt zu knarzen und ächzen, das Uhrwerk arbeitet, und dann ertönt ein Glockenspiel. Nur für mich allein.

Irgendwie lande ich in der hinterletzten linksversifften Ecke der Stadt und fühle mich wohl. In einem veganen Imbiss esse ich Burger, hänge dort ab und beginne zu bloggen. Die Leute sind cool. Ich mag es hier. Trotzdem setze ich mich dann doch bald in die nächste S-Bahn und fahre hoch ans Meer, direkt an den Strand, nach Warnemünde. Dort ist es leider sehr überlaufen. Vollgestopft mit Touristen und ich eine von ihnen. Ich finde die vegane Eisdiele, die ich hier austesten wollte, und lasse mich vom Besitzer zu einem Shaved Ice überreden. Dabei handelt es sich um abgeschabte Eisschnipsel, die mit buntem Sirup übergossen werden. Es schmeckt ziemlich doll nach Chemie mit Geschmack. „Lecker!“, lüge ich den Besitzer begeistert an, als er mich fragt, wie mir das Eis gefällt.

Hier ist also das Meer, das ich so dringend für meinen Heilungsprozess brauche, aber das Szenario lässt es nicht zu, mich in irgendeiner Form auf meine geistige Balance zu besinnen. Dafür ist einfach zuviel los. Es ist Mitte Oktober und trotzdem schwimmen Leute im Meer. Oder sie liegen am Stand. Oder bauen Sandburgen, laufen herum, sind laut. Leute, Unmengen Leute. Es erinnert mich an Borkum. Kindheitserinnerungen steigen auf, als ich den Weg an der Mole entlanggehe. Sand auf Asphalt. Ich weiß, wie sich das barfuß anfühlt. Ich laufe herum wie alle anderen, wandere zum Leuchtfeuer ganz draußen auf der See und wieder zurück, mache Fotos von den Möwen. Ich will hier weg.

Kurze Pause im Auto. Dann fahre ich nochmals nach Rostock rein, laufe ziellos durch die Straßen, beobachte als Flaneur das bunte Treiben in den Bars und Restaurants, kaufe mir vegane Muffins und Kekse, dann lasse ich mich von der S-Bahn zurück zum Parkplatz bringen, verschanze mich im Auto und verbringe eine wunderbar ruhige Nacht, obwohl gelegentlich die Lautsprecherdurchsagen des Bahnhofs zu mir herüberdröhnen.

Kunst ist schon toll, wenn sie so in der Gegend herumsteht und die Gegend selbst zum Kunstwerk wird
Das Schweriner Schloss im Morgennebel
300 Jahre alte astronomische Uhr in Rostock
„Ach wie pittoresk, wenn man’s wie’s ist sein lässt“ (Die Sterne)
Nie nie niemals in die Sonne fotografieren, wurde mir als Kind mal gesagt. Seitdem ich das extra mache, entstehen so wunderschöne Bilder wie hier der Sonnenuntergang an der Mole in Warnemünde

18.10.18 – Unendliche Traurigkeit

Es ist Donnerstagmorgen. Freitagabend muss ich wieder in Schweringen sein, zum zweiten Teil meiner Massageausbildung, die Samstag und Sonntag stattfinden soll. Das große Rätselraten beginnt erneut: Wohin fahre ich nun? Im Moment habe ich genug von der Zivilisation; ich möchte es ruhiger haben, mehr Natur. Ich habe immer noch Sachen aufzuarbeiten. Am liebsten möchte ich noch weiter hier in Mecklenburg-Vorpommern bleiben. Mir gefällt es hier sehr. Ich möchte noch nach Greifswald und Rügen. Aber das ist die falsche Richtung; ich sollte langsam wieder Richtung Niedersachsen fahren. Also suche ich mir einen schönen Waldparkplatz aus und fahre zur Lüneburger Heide.

Mittags erreiche ich den Waldparkplatz am Pietzmoor und mache mich sogleich auf den Weg zum Rundwanderweg durchs Moor, nicht wissend, was mich erwarten würde. Ein bisschen abschätzig denke ich über das Wetter: Ich hätte bei meiner ersten Moorwanderung gerne dichte Nebelschwaden gehabt, oder, wenn es sein muss, Sonnenschein. Aber es ist einfach nur grau und etwas kühl, nichts Halbes und nichts Ganzes.
Ein sandiger Weg führt mich zunächst durch die karge Heidelandschaft. Dann beginnt der Holzbohlen-Steg, der auf einer Länge von fünf Kilometern durch das Moor führt. Die Atmosphäre der Moorlandschaft geht mir schon nach dem ersten Schritt durch Mark und Bein. Alles ist traurig. So unendlich traurig. Dies ist der traurigste Ort, an dem ich jemals war. Er ist vollgesogen mit Traurigkeit. In den wassergefüllten Schlenken hat sich die gesamte Traurigkeit der Welt gesammelt und die faulenden, schwarzen Stümpfe der Bäume, die hier einst wachsen und leben durften, bis das Moor sie zu sich geholt hat, ragen hilflos nackt und schweigend in den schiefergrauen Himmel, der sich auf den glatten Wasserflächen spiegelt. Die Landschaft liegt still da, regungslos. Junge Birkenschößlinge wachsen überall zwischen mächtigen Kiefern, sterben wieder und verwesen wie riesige weiße Skelette in den weiten Ebenen der Sümpfe. Die Sümpfe der Traurigkeit, fällt es mir ein, während ich nachdenklich auf den Holzbohlen durch diese unwirkliche Welt wandere. Die unendliche Geschichte. Die mit Abstand schlimmste Szene ist doch die, in der das Pferd einfach stehenbleibt und im Moor versinkt. Und wie im Film ist auch in diesen Sümpfen die Traurigkeit allgegenwärtig. Ich öffne mich ihr. Sauge sie auf. Lasse es zu, wie sie tief in mich eindringt und mich ausfüllt. Es ist eine transzendente Erfahrung. Es ist überwältigend. Ich spüre in mich, möchte wissen, was da gerade mit mir passiert, was das Ganze so neu macht. Und komme zu diesem Schluss: Wir meiden Traurigkeit, denn Traurigkeit ist immer mit etwas Schlimmen verbunden. Sie geht mit etwas einher, das wir nicht präsent haben möchten. Und hier ist dieser Ort, der von allen Seiten bedrückend, depressiv, fast feierlich auf meinen Geist einwirkt. Diese tiefe durchdringende Traurigkeit, ich spüre sie, obwohl ich weder Krankheit noch Ängste habe, keine schlimmen Ereignisse sich zugetragen und ich keinen Verlust eines geliebten Individuums zu beklagen habe. Und das macht die neue Erfahrung aus: Durch und durch traurig zu sein, obwohl es keinen Anlass gibt; losgelöst von einer Ursache. Dieses Erlebnis ist für mich wahnsinnig intensiv. Ich genieße es in vollen Zügen, fühle es in jeder Faser meines Körpers. Viel habe ich schon über die Polarität der Menschen und des Universums gelesen. Wir sind immer gleichzeitig alles; ausgelebt wird aber immer nur ein Teil davon. Je mehr Du etwas ablehnst, desto tiefer befindet sich genau dies in Dir, in Deinem persönlichen Schatten, in dem alles Grauenhafte schlummert, von dem Du nicht zu träumen wagst. Gelingt es, die Polarität aufzuheben, wird das Wesen ganz und erleuchtet. Das ist etwas, das ich in diesem Leben nicht erreichen werde, aber ich habe gelernt, dass es zu meiner Ganzheit beiträgt, Polaritäten ansatzweise im Kleinen zu überwinden und Dinge zu tun, von denen ich immer felsenfest überzeugt war, sie wären nichts für mich, weil sie nicht meinem Wesen entsprechen. Weil ich sie einfach nicht mag. Genau das zu tun, was man verabscheut, oder denkt, dass man es verabscheut, kann verblüffende Ergebnisse ans Tageslicht bringen. Und, so sinniere ich auf meinem Weg durchs Moor, so ist es auch jetzt mit der Traurigkeit. Alle meiden sie, man möchte fröhlich oder zumindest glücklich sein. Oft genug muss sie ja zwangsweise gespürt und ausgelebt werden, weil etwas Unangenehmes geschehen ist, das sie hervorruft. Jetzt aber, jetzt gerade, lebe ich Traurigkeit, lebe ich einen unerwünschten Pol meines Geistes aus. Und das hat in dem Moment einfach nur eine bereinigende, befreiende, erleichternde Wirkung. Es stellt ein Gleichgewicht in mir her. Ich erlebe Traurigkeit, ohne zu leiden.
Zwei Stunden führt mich der Weg auf den verwitterten Holzstegen durch diese mystische, bizarre Welt. Vorbei an anderen Menschen, die lärmend und schwatzend mit ihren Nordic-Walking-Stöcken klackern, in Rucksäcken wühlen und fragen, ob die Brötchen unterschiedlich belegt sind, krakeelende Kinder an der Hand. Ich jedoch husche wie ein Geist an ihnen vorbei. Ich spüre eine Wehmut, ich vermisse Personen, die ich nicht kenne, und habe eine Sehnsucht nach einem Leben, das ich schon vor langer Zeit verlassen habe. Hier, jetzt, weiß ich, dass ich schon einmal gelebt habe.
Während der einsetzende Nieselregen mein Gesicht erfrischt, erreiche ich wieder festen Boden unter den Füßen. Die schweigenden Schlenken weichen einem zunehmenden Baumbestand, hinter dem das verblühte Heidekraut über die Steppe kriecht. Ich höre die Landstraße. Erste Autos tauchen auf. Eine geführte Wandergruppe in bunten Regenmänteln stapft an mir vorbei. Das Nieseln wird zu einem leichten Regen, der meine Kapuzenjacke durchnässt. Noch 800 Meter, dann erreiche ich den Waldparkplatz und verkrieche mich in das schützende Innere meines Autos.

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