Road Trip durch Deutschland, Teil 2

Nach meinem letzten Blogeintrag war ich noch 3 Tage unterwegs, bevor ich (vorerst) wieder nach Hause zurückkehrte.

Nach meinem intensiven Aufenthalt im Pietzmoor wollte ich eigentlich nur schnell ein paar Lebensmittel in der Zivilisation einkaufen und dann zurückfahren, um auf dem Waldparkplatz zu übernachten. Also fahre ich nach Schneverdingen zum Famila. Der Parkplatz dort gefällt mir jedoch so gut, dass ich spontan beschließe, lieber dort zu bleiben. Die geräumigen sauberen sanitären Einrichtungen, das heiße Wasser aus dem Wasserhahn und das gut funktionierende kräftige WLAN haben mich überzeugt.

Ich lungere im Eingangsbereich des Supermarktes herum und lade Bilder für meinen Blog hoch. Direkt neben mir befindet sich ein Bäckereitresen, zu dem eine ganze Reihe von Cafétischen und -stühlen gehören. Ich gehe taktisch klug und geduldig vor: Zunächst lehne ich mich lässig an einen der Tische, während ich mit dem Smartphone hantiere. Etwas später setze ich mich lässig und scheinbar geistesabwesend mit einer Arschbacke auf den dazugehörigen Stuhl, immer noch eifrig tippend. Wieder etwas später krame ich geschäftig in meiner Umhängetasche, ziehe mein Tablet heraus, stelle es auf dem Tisch und fange an, darauf zu schreiben. Ich habe es geschafft! Secret invasion! Als Nicht-Kundin in Deutschland einen Tisch in Beschlag genommen, das muss man erstmal schaffen. Naja, eigentlich sind sowieso bis auf einen alle Tische unbesetzt. Ich bin gespannt, wie lange ich dort geduldet werde, ohne etwas zu bestellen, und genieße den Donnerstagabend in einer beheizten Umgebung, während ich blogge.

Nach zwei Stunden werde ich quasi rausgeputzt – die Bäckereiverkäuferin sagt entschuldigend, dass sie gleich Feierabend hätte und deswegen alle Stühle hochstellen müsse, um den Boden reinigen zu können. Es tut ihr sehr leid, dass sie mich wegbitten muss. Ich bedanke mich bei ihr, dass sie mich dort so lange hat herumsitzen lassen. Ich war sowieso fertig mit Schreiben. Bis zum Einschlafen hänge ich schön warm eingekuschelt in Schmendrick herum.

19.10.18 – Death Valley

Zum ersten Mal fröstele ich nachts etwas. Ich verziehe mich tiefer in die Eingeweide meiner aufgebauschten Deckenberge, wo es wohlig warm ist. Im Wildtiermodus wacht man meistens dann auf, wenn sich die Nacht mit dem Tageslicht bricht. Also ziemlich früh. Ich muss noch etwas warten, bis der Supermarkt öffnet, damit ich das Badezimmer in Beschlag nehmen kann. Es fällt mir schwer, mich schließlich aus der Bettdecke heraus- und in meine Kleidung hineinzuschälen, ist es doch recht frisch heute Morgen. Draußen dann die Überraschung: es hat gefroren! Das Auto ist mit einer dünnen, glitzernden Eisschicht überzogen. Es riecht nach Winterluft. Mein Atem dampft.

Nach der Morgenroutine (im Bad verschanzen, Sichtschutz von den Autofenstern abnehmen, Fensterscheiben innen und außen trockenwischen, allgemeines Krams-Zusammenpacken) stöbere ich im Famila in einer Billig-weil-MHD-und-so-Ecke schließlich noch ein opulentes Frühstück auf, welches ich für sage und schreibe 2,80 EUR erbeute: zwei Smoothies, ein Glas Bio-Zwetschgenmarmelade, 500 g Heidelbeer-Lupinenyoghurt, eine Packung Riesenweißbrotscheiben mit etwa 20 cm Durchmesser. Freu. Nun geht es Richtung Bispingen, wo ich kurz vor der Stadtgrenze auf einem reizenden Waldparkplatz halte und auf dem Beifahrersitz zufrieden mampfend mein Frühstück vertilge, während ein älteres Ehepaar um mein Auto herumläuft und Tannenzapfen sammelt. Ich frage mich, wer von uns wen wunderlicher findet. Ich überlege, wohin ich nun fahre. Auf der Karte hatte ich eigentlich ein kleines Dörfchen mitten in der Lüneburger Heide angepeilt, das ich als Ausgangspunkt für weitere Feldzüge nehmen wollte. Eigentlich wollte ich dort übernachten, wenn möglich einkaufen, meine Postkartensammlung erweitern, positiv über den Ort berichten. Eine kurze Recherche bei Wikipedia ergab jedoch, dass das Dorf vor einiger Zeit einstimmig die Aufnahme von 29 Asylantinnen abgelehnt hatte, weil dann durch die kulturelle Vielfalt angeblich die Touristen ausbleiben würden. Tja, Undeloh. Damit haste bei mir verschissen. Ich werde niemals einen Fuß auf Deinen Grund und Boden setzen und empfehle allen Leserinnen, es mir gleich zu tun. Um dieses Kaff mache ich also einen großen Bogen. Dann lasse ich mein Geld lieber in den umliegenden Ortschaften. Zunächst fahre ich lieber nach Bispingen, das ist mir sympathischer.

In Bispingen Zwischenstopp am verrückten Haus. Ein Haus, welches verkehrt herum erbaut wurde. Das Dach ist unten, das Erdgeschoss hoch oben, inklusive angeklebter Regentonne auf der Terrasse. Was für ein Spaß, was für ein Anblick. Ich bin nur mäßig beeindruckt, erspare mir die Eintrittsgebühr und fahre weiter nach Volkwardingen. Dort tue ich einen Parkplatz auf und beginne eine Wanderung ins Naturschutzgebiet. Zuvor hatte ich von einer Landschaft namens Totengrund gelesen, die recht lieblich anmuten sollte. Eigentlich wollte ich auf den Wilseder Berg, aber der ist mir von hier zu weit weg. Sowieso, meine Füße. Die sind es nicht gewohnt, den ganzen Tag Gas zu geben, abzubremsen und noch dazu soviel zu latschen. Trotzdem möchte ich noch mehr von der Lüneburger Heide sehen. Es sollte sich lohnen.

Der Wanderweg V2 – Dank dem ich auf der ganzen Strecke den Song „V2“ von der Band Samba als Ohrwurm habe – führt zunächst durch ein orangefarbenes Waldgebiet mit raschelndem Herbstlaub. Es wird sehr still. Ich bin die einzige Wanderin. Nach etwa drei Kilometern kommt ein Holzpfeil: „Totengrund 800 m“. Ich habe keine Ahnung, was mich erwartet, und stapfe weiter, tiefer in den goldenen Wald hinein. Die Luft ist crisp und klar, der Himmel makellos blau. Der Wanderweg führt mich einen Hügel hinauf, durch den Mischwaldbestand, über den weich federnden Waldboden, der nach Tannennadeln duftet, und ist schließlich als Weg an sich nur noch erahnbar. Ich bin im Wald. Da mir nichts anderes übrig bleibt, gehe ich weiter geradeaus, den Hügel hinauf, durch die schlanken Bäume. Ich hebe den Kopf und sehe oben auf der Kuppe zwei Holzbänke, dahinter ist es sonnenhell. Da oben ist irgendwas, und ich weiß jetzt schon, es muss wunderschön sein. Ich gehe schneller. Dann stehe ich oben auf der Hügelkuppe.

Vor mir breitet sich ein weites, helles Tal aus; bis zum Horizont erstreckt es sich. Tief unten wachsen vereinzelt Bäume in der kargen Landschaft. Der Boden ist großflächig mit Heidekraut überzogen. Die tiefstehende Morgensonne ergießt ihr kaltes Herbstlicht in den Talkessel, sodass die vereinzelt stehenden Bäumchen lange Schatten werfen. Und es ist still. Totenstill. Nur eine Krähe bricht dicht neben mir aus dem Dickicht hervor, erhebt sich flatternd und zieht mit kräftigen Flügelschlägen über das Tal hinweg. Dann bin ich alleine auf der Welt. Sogar der Wanderweg ist verschwunden.

Um sich in dem Wald nicht zu verlaufen, gibt es eigentlich nur eine Möglichkeit: am Rand des Abgrunds entlangzulaufen, einmal um das weitläufige Tal herum. Nach einem langen Fußmarsch bin ich am gegenüberliegenden Teil angekommen. Dort steht ein großes Schild mit viel Schrift, aber anstatt über die Landschaft zu informieren, wettert es nur gegen eine Handvoll Windräder, die in mehreren Kilometern Entfernung aufgestellt werden sollen und – Gott bewahre! – von hier aus am Horizont sichtbar wären. Sie wären sichtbar! Deshalb solle man sich doch bitte, bitte mit Herz und Seele dafür einsetzen, dass auf GAR KEINEN FALL diese Windräder dorthingebaut werden dürfen!!! Ich ärgere mich ein bisschen, dass ich keinen Edding dabeihabe. Ich wollte das Schild ergänzen: „Genau, lass lieber den Hambacher Forst abholzen, damit wir schön weiter mit Kohlekraftwerken Strom produzieren können. Merkste selber, nä?“ Dieses scheinheilige Gesäusel von allen Seiten kotzt mich an. Alle schreien sie rum, dass saubere regenerative Energien viel besser sind, Kraftwerke böse böse und umweltzerstörerisch sind – und wehe, wenn dann entweder a) eine Windkraftanlage mehr in die nähere Umgebung gebaut werden soll, um Deinen Stromverbrauch zu decken – denn so lange Du Strom verbrauchst, muss auch Strom erzeugt werden! – oder b) die Idee hervorgebracht wird, Du könntest ja mal andenken, den Stromanbieter zu wechseln, und zwar zu einem wirklich umweltfreundlichen, und nicht zu einem Greenwashing-Ökostrom-Mix irgendwelcher Stadtwerke, die Dir damit lediglich ein gutes Gewissen verkaufen und mehr nicht. Etwas missmutig, mit meiner persönlichen schwarzen Wolke über dem Kopf, die aber bald wieder verfliegt, stapfe ich weiter um den Totengrund herum.

Bald steige ich hinab in das Tal, durch das mich der inzwischen wieder sichtbar gewordene Wanderweg, der jetzt Hermann-Löns-Wanderweg heißt und nicht mehr V2, als sandige Piste  führt. Nach etwa drei Stunden Wanderung komme ich wieder beim Auto an. Wieder in Bispingen pflanze ich mich vor der Touristinformation auf eine Bank, genieße die inzwischen recht warme Sonne und telefoniere mit David. Es ist Freitagnachmittag. Heute abend möchte ich wieder in der Nähe von Schweringen sein, damit ich morgen früh ganz relaxt in mein nächstes Klangmassage-Seminar starten kann. Ein bisschen lese ich über die Städte und Dörfer, die hier in der Umgebung liegen oder an denen ich auf dem Weg nach Schweringen vorbeikommen werde. Aber alle klingen irgendwie langweilig, es gibt nichts sonderlich Interessantes zu sehen. So mache ich mich in Ruhe auf den Weg nach Hoya.

Diesmal übernachte ich nicht in Hoya auf dem Wohnmobilstellplatz, sondern wieder auf einem Famila-Parkplatz. Inzwischen wählt sich mein Smartphone sogar ohne zu fragen in das Famila-WLAN ein. Das Bad ist schön groß und wenig frequentiert. Ein sehr hobofreundlicher Supermarkt! Obwohl es eine Freitagnacht ist, bleibt es sehr ruhig und ich schlafe gut.

„Wir haben gehalten in der langweiligsten Landschaft der Welt. Wir haben uns unterhalten und festgestellt, dass es uns hier gefällt.“ (Tocotronic)

20.10.18 – Mehr Klangmassagen

Um neun Uhr stehe ich im Peter-Hess-Zentrum auf der Matte, um mein Frühstück zu schnorren. Es sind auch schon ein paar Leute da, einschließlich Peter, der mich freudig begrüßt. Um zehn Uhr geht es also los mit Klangmassage II, wieder viel Theorie und viele Infos. Im praktischen Teil üben wir dann die erweiterte Klangmassage mit ein paar neuen Elementen. Nun wird auch die Aura mit einbezogen, was mich sehr freut, denn als Reiki-Praktikerin arbeite ich ja auch mit der Aura. Ich merke, dass Reiki und Klangmassage sich sicherlich gut kombinieren lassen.

In der Mittagspause nutze ich die Gunst der Stunde und probiere mich in aller Seelenruhe durch alle Klangschalen, um meine ganz persönlichen zu finden. Ich möchte drei Stück: eine Herzschale, eine Universalschale und eine Beckenschale. Das ist sozusagen die Grundausstattung, die für die Arbeit vonnöten ist. Entgegen meiner Erwartungen kann man aber nicht einfach hingehen und sich von jeder Sorte eine aus dem Regal nehmen, denn, wie ich sofort merke, jede Klangschale hat ihren ganz eigenen Klang. Also teste ich mich zunächst durch die Herzschalen. Dort ist es ziemlich eindeutig: Von keiner einzigen gefiel mir der Klang richtig gut, und dann habe ich plötzlich diese eine in der Hand, die ich anschlägele, und sofort von ihrem hellen, klaren Klang getragen werde. Die isses! Schwieriger wird es bei den Universalschalen. Ich teste alle an und räume diejenigen, die es sozusagen in die nächste Runde geschafft haben, beiseite. Dann vergleiche ich die Finalisten miteinander, bis schließlich eine das Rennen macht. Ihr Klang ist voll und tief. Bei den Beckenschalen ist es noch schwieriger, viele klingen ähnlich. Claudia, die ich ja noch vom ersten Seminar her kenne, steht mir mit Rat und Tat zur Seite, bis ich auch hier meine Herzensschale gefunden habe, deren Klang sich für mich richtig anfühlt. Lustigerweise stelle ich fest, dass die Universalschale und die Beckenschale fast genau gleich klingen. Das muss also mein ureigener Ur-Ton sein, der offenbar etwas ganz tief in mir anspricht.

Im Praxisteil benutze ich meine ausgesuchten Klangschalen, um sie an meinem Massagepartner zu testen und lasse sie dann auch an mir testen. Sie sind herrlich! Die Töne sind genau richtig für mich, sie entfalten ihre gewaltige Kraft und gehen mit meinem ganzen Körper durch und durch in positive Resonanz, sie tragen mich und geben mir einen Fokus auf mich selbst. Nach den zwei Tagen Seminar mit Praxisübungen bin ich absolut tiefenentspannt.

Meine neuen Therapie-Klangschalen: Links die Beckenschale, daneben die Universalschale und die kleine Herzschale

21.10.18 – Nach Hause

Das Seminar geht bis halb sechs Uhr abends. Peter Hess überreicht mir mein Zertifikat, schüttelt mir herzlich die Hand und gratuliert mir. Ich bin Klangmassage-Praktikerin! Und ich freue mich darauf, wenn ich Interessierte finde, denen ich Klangmassagen anbieten darf, denn – wie ich finde – diese Erfahrung ist wirklich so wertvoll und intensiv, dass jeder Mensch sie mindestens einmal gemacht haben muss!

Durch verschiedene Umstände schaffe ich es erst, gegen 19 Uhr vom Peter-Hess-Institut loszufahren. Der Vorteil ist, dass ich mir deswegen kein besseres Fahrtziel vorstellen kann als – zu Hause! Ich höre die Freude, die in Davids Stimme mitschwingt, als ich ihm sage, dass ich in ein paar Stunden bei ihm bin. Wir haben uns seit einer Woche nicht gesehen.

Und um 22:30 Uhr ist es dann soweit. Mit voll aufgedrehter Musik brettere ich durch unsere kleine Wohnstraße, biege mit quietschenden Reifen in unsere Einfahrt ein und parke Schmendrick in unserem Innenhof. David erwartet mich schon glücklich. Auch ich bin glücklich. Glücklich über diesen wunderbaren liebevollen Mann, der wirklich dankbar ist, mich wiederzusehen, und der mir die für mich nötige Freiheit einräumt, damit ich mich selbstverwirklichen kann. Glücklich über mein Zuhause, unseren Hof, meinen uralten, jetzt wahrgewordenen Lebenstraum, der sichere Hafen und Anker, zu dem ich immer zurückkehren kann. Und glücklich über mich, denn ganz allein druch Deutschland zu reisen und im Auto zu wohnen war bislang ebenfalls ein alter Traum von mir, für den ich nie den Mut fassen konnte, ihn umzusetzen. Mich meinen Ängsten zu stellen, mich ins Ungewisse zu stürzen und einfach das zu tun, wonach sich mein Herz sehnt, hat mich wieder einmal wachsen lassen, mich selbstsicherer, stärker und erfahrungsreicher gemacht.

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