Road Trip nach Schweden, Part 3

Noch 9 Tage

Ich bin immer noch in Kiel. Nach einer ruhigen Nacht wache ich zufrieden auf. Noch 9 Tage bis zur Chiptunesparty in Stockholm. Und ich bin immer noch in Deutschland. Ich schiebe den Grenzübergang vor mich her.

Ich darf den Tag über in der Gartenhütte von Janina und Sebastian verbringen und die Steckdosen nutzen, um mich mit meinem knappsten Gut, elektrischem Strom, zu versorgen. Ein gemütlicher Raum für mich mit Schreibtisch, Steckdosen und Gamersessel, in dem ich unbehelligt stundenlang sitzen und bloggen kann – purer Luxus! Noch dazu ist es angenehm kühl, obwohl die Sonne heute zu norddeutschen Höchstformen aufläuft. Janina textet mich an und wir verabreden uns für nachmittags in der Innenstadt zum Essen. Ganz insgeheim hoffe ich, dass sie mich einlädt, sage das aber natürlich nicht laut. Muss bei diesem Trip sehr auf mein Budget achten. Außerdem kontaktiere ich meine Mutter und erzähle, dass ich morgen oder so an Garbage Small Town Rat Trap vorbeikomme und sie, so sie denn Zeit und Muße und Nerv auf mich hat, zu besuchen gedenke. Wir haben uns immerhin seit vier Jahren nicht gesehen. Muddern ist etwas überrascht, glaube ich, weil ich sonst niemals freiwillig nach Garbage Smalltown Rat Trap fahre, sondern mich so weit weg wie möglich von diesem verhassten Kaff fernhalte, aber dennoch erfreut. Ich soll vorher sagen, wann ich ungefähr da bin.

Ich stöbere auf Facebook rum und erfahre, dass der Drummer von Bondage Fairies mit seinem Soloprojekt (The Person) am 8. Juni einen Auftritt in Södertälje hat, ganz in der Nähe von Stockholm. Ich bin sowas von geflasht und kommentiere unter der Veranstaltung: Wie geil, das ist genau zu der Zeit, in der ich in Schweden auf einem Road Trip bin! Ich komme vorbei! Und The Person höchstpersönlich antwortet mir: Cool, hope to see you there!

Kreisch! Eine Interaktion mit jemandem von meiner absoluten Lieblingsband! Ich bin hin und weg und muss das sofort David erzählen. Also werde ich bis mindestens 8. Juni in Schweden bleiben.

Nachmittags fahre ich in die Stadt rein. Der erste Song ist des Tages ist „Garbage Indie Bands“ von Bondage Fairies.

Pünktlich um kurz vor 15 Uhr stelle ich mein Auto in einem Parkhaus der Kieler Innenstadt ab. Wenige Sekunden später kommt Janina mit ihrem kleinen E-Auto angehaucht. Wir gehen ins Peter Pane und gönnen uns leckeres Fastfood. Ich werde eingeladen. Janina zeigt mir bei Instagram dieses Video und wir bepissen uns vor Lachen. Leider hat sie später noch einen Termin, was unser Treffen limitiert. Aber wir wollen danach noch den Abend gemeinsam verbringen. Bis dahin hänge ich wie ein Ghettokind auf einem Nettoparkplatz herum. Irgendwann meldet sich Janina, ich stelle meinen Wagen vor ihrem Haus ab und wir fahren zusammen einkaufen. Ein Großteil der Zeit geht im Laden dabei drauf, dass wir an einem fadenscheinigen Pappdisplay alle möglichen Sonnenbrillen anprobieren und darüber diskutieren, wem welche Brille wie gut steht und welche davon Janina sich kaufen soll.

„Kommt darauf an“, sage ich belehrend, „willst du nur UV-Schutz oder willst du cool aussehen?“

„Beides“, antwortet Janina, und eine Frau, die zufällig neben uns steht (weil sie sich eigentlich auch die Sonnenbrillen ansehen will, wir aber seit Ewigkeiten das Display belagern) prustet los und wiederholt den letzten Teil meines Satzes: „Cool aussehen!!!“

Ich freue mich ja immer, wenn ich jemanden so mühelos und ungewollt amüsieren kann.

Janina entscheidet sich gegen meinen Rat für eine runde verspiegelte Sonnenbrille, obwohl ich ihr die rosafarbene ans Herz gelegt habe (aber auf mich hört ja niemand). Ich hätte ja auch gerne eine. Aber die müsste dann meine nicht unerhebliche Sehstärke haben und bis jetzt war ich immer zu geizig oder zu pleite, um mir eine Sonnenbrille zu kaufen. Ich habe noch nie in meinem Leben eine Sonnenbrille besessen, mit der ich sehen kann. Irgendwann kaufe ich mir aber eine, mit gelbgetönten Gläsern, und dann sehe ich so cool aus wie Royston Langdon im Musikvideo von „In the meantime“. Irgendwann.

Den Abend verbringen Janina und ich wieder im Wintergarten. Wir hören The Bates und spielen unsere heißgeliebten Wortspiele. Wie damals 2008/09 in der Schule. Unsere Ansprüche an uns selbst sind hoch, wir versuchen unsere Texte von damals zu toppen; Janina liest uns die ganzen alten Sachen vor, bis wir vor lachen ganz erschöpft sind, und wir können uns selbst nicht toppen. Früher waren wir einfach zu gut. Wir haben das immer während des Unterrichts gemacht, heimlich. Ein Wort auf einen Zettel geschrieben, dann schrieb der/die andere das nächste Wort, und so weiter, und so entstanden die herrlichsten Geschichten. Einmal hielt jemand vor der Klasse ein Referat, wir hinten in der letzten Reihe raschelten verhuscht mit unseren Wortspielen, die Deutschlehrerin bemerkte das, stand wütend und energisch auf und nahm uns den Zettel weg. Zurück an ihrem Sitzplatz las sie unseren Kram und musste sich tierisch zusammenreißen, nicht laut loszulachen. Die Frau war sowieso voll der Fan von uns und wir von ihr. Ich wusste mehr über Deutschgrammatik und Rechtschreibung als sie; sie wusste das; ich wusste das; wir alle wussten das, und wenn sie etwas an die Tafel schrieb und sich nicht sicher war, wie ein Wort geschrieben wurde, schielte sie dann immer fragend zu mir rüber, ich nickte still, und sie schrieb weiter. Kurz vor meinem Abi waren wir dann per du. Nicole, du warst die allercoolste Deutschlehrerin ever!!

Doch jetzt ist es 2022 und Janina und ich sitzen bis spät in die Nacht im Wintergarten und kreieren neue Sätze, die weitaus weniger witzig sind als damals.

„Du … vielleicht … sind wir einach zu alt!“, sagt Janina einmal ganz ernst zwischen zwei Schluck Rotwein, während draußen in der Dunkelheit der Regen aufs Wellblech prasselt und Feivel sorgfältig mein rechtes Bein rammelt.

Wir versuchen dann, einen Porno zu schreiben, aber da es schon ziemlich spät ist, schaffen wir nur einen Satz oder zwei. Es wird Zeit, zu Bett zu gehen. Es wird Zeit, Abschied zu nehmen. Morgen früh will ich weiterfahren. Weiter Richtung Norden.

Ich raffe meinen ganzen Kram zusammen. Janina und ich umarmen uns ganz doll und lange.

Noch 8 Tage

Heute geht mein Road Trip in den Norden weiter. Die Zeit verknappt sich – nur noch 8 Tage bis zur Chiptunesparty in Stockholm. Frühmorgens starte ich den Motor. Das erste Lied auf meinem Auto-USB-Stick ist „Äppeltysken“ von Bondage Fairies.

Irgendwo in Schleswig-Holstein verläuft eine unsichtbare, aber bedeutsame Grenze: die Mohnbrotgrenze. Nördlich von ihr gibt es in den Supermärkten Mohnbrot zu kaufen. Südlich von ihr, im Rest von Deutschland, nicht. Ich will Mohnbrot kaufen, wo ich schonmal hier bin, deshalb habe ich den famila in Garbage Small Town Rat Trap als Destination Point festgesetzt. Danach bin ich mit meiner Mutter verabredet. Sie ist bis jetzt die einzige von meiner leiblichen Familie, die weiß, dass ich vorbeikomme in der Stadt, in der ich die ersten 19 Jahre meines Lebens verbringen musste. Und in der so gut wie meine gesamte leibliche Familie immer noch lebt. Mit gemischten Gefühlen fahre ich los. Über die A21 nach Kiel zu fahren hat mir ja schon voll den Mindfuck gebracht, weil mein Hirn so schlecht damit zurechtkommt, in einer Umgebung von ganz früher zu sein, die ich mich schlechten Erlebnissen verknüpfe. Wie wird es dann erst sein, dorthin zurückzukehren, von wo ich bei der ersten sich bietenden Gelegenheit so früh wie möglich so weit weg wie möglich geflohen bin? Vor vier Jahren bin ich das letzte Mal dort gewesen. Vor Corona. Vor meinem Coming-out. Vor meinem neuen Namen. Und damals, vor vier Jahren, ist mein Kopf nach zwei Tagen so ausgeflippt, dass ich von einer Sekunde auf die andere Hals über Kopf wieder abgehauen bin. Wie jedes Mal eigentlich. Dieses Mal muss ich viel in Kontakt mit meinen Gefühlen sein und auf mich achten. Self-care. Auf kleine Anzeichen hören, wenn es mir nicht gut geht, und das respektieren. Und gewappnet sein, mental vorbereitet sein, dass ich in den nächsten ein, zwei Tagen sehr viele Schauplätze meiner Kindheit sehen werde, die tatsächlich – erschreckenderweise – immer noch dort existieren und plötzlich wieder in meinem Leben präsent sind. Und dann schauen, dass ich damit fertigwerde und gegebenenfalls sofort von dort verschwinden, falls ich nicht damit dealen kann.

Von einem Rastplatz aus rufe ich Muddern an, um mich mit Uhrzeit anzukündigen. Ungefähr 11.

„Und du, sag mal, kann ich bei dir duschen?“

„Joa, das hatte ich mir doch sowieso schon so gedacht, dass du das machst.“

Man kennt mich.

Die Fahrt ist relativ kurz. Bald taucht der famila auf, den ich mir als erstes Ziel gesetzt habe. Und da geht es schon los: Ach, HIER bin ich! Der famila ist der alte Eurospar! Okay, das trifft mich unvorbereitet. Hier war ich oft. Habe meinen kleinen Bruder, als er Kindergartenkind war, ohne die Zustimmung meiner Eltern hierhergeschleift und ihm im Friseursalon ein Ohrloch stechen lassen, obwohl ich selbst noch minderjährig war. Bin unzählige Sonntage über unzählige Flohmärkte auf diesem Parkplatz umhergestreift, auf der Suche nach billigen gebrauchten CDs. Manchmal wurde hier Feuerwerk veranstaltet, mitten im Jahr. Mein Hirn freakt ein bisschen rum, dass es sich plötzlich in diesem Kindheitssetting befindet, ist aber davon abgelenkt, darüber erstaunt zu sein, wie klein hier alles ist. Der Supermakt ist voll klein. Der Parkplatz ist gar nicht so riesig. Nichtmal Toiletten gibt es hier! Und auch kein Mohnbrot, wie ich ernüchtert feststellen muss. Dafür WLAN und ich update ein paar Apps. Dann navigiere ich zu einem Pennymarkt, bei dem ich parken und auch übernachten will, finde aber noch einen ruhigeren Platz an einem Straßenrand. Von dort aus ist es nur ein kurzer Walk bis zu Mutter Rosi. Es ist erst vormittags. Ich gehe durch die zwielichtigste Gegend der Stadt, dort, wo das besetzte Haus ist, in dem ich einmal bei einem Popperklopperkonzert war. Zu dem Konzert wurde damals ein „großes Osterfeuer“ angekündigt, bei dem es sich lediglich um eine brennende Tonne handelte. Das war übrigens das einzige Osterfeuer ever, dem ich jemals begewohnt habe. Das ist Rock‘n‘Roll, I guess. Eine Straße weiter ist (oder war) der Tätowierer meines Vertrauens, der mir mein erstes Tattoo gestochen hat. Und hier, genau hier, wo ich gerade laufe, befanden sich früher, im Hinterhof jenes blaugestrichenen Hauses dort, die Proberäume, in denen ich zwischen meinem 15. und 19. Lebensjahr einen sehr großen Teil meiner Freizeit verbrachte, in denen früher ein Großteil der lokalen Musikszene geprobt hat, inklusive meiner Wenigkeit, und die diversen Bands und Leute, mit denen ich – kaum volljährig – damals abgehangen bin, um mich zuzudrogen, volllaufen zu lassen oder Musik zu machen. Oder alles gleichzeitig. Die Proberäume waren zentrale Zelle der lokalen Musikszene. Ich kannte fast alle Leute hier. Wenn man freitags oder samstags herkam, war immer irgendwo eine Proberaumparty, bei der ich Alkohol und Drogen schnorren konnte. Ich selbst habe auch mit Bands hier geprobt, und meine sogenannten Freunde mit ihren Bands und Musikprojekten, und ein- oder zweimal habe ich mich über Nacht mit einem Kerl in seinem Proberaum eingeschlossen und eine kuschelige Nacht verbracht, wobei ich mir allerdings Feigwarzen einfing, aber vielleicht hatte ich die auch von diesem abgefuckten versifften Proberaumklo, wer weiß. Hier wurde einst gekokst, gekifft, getrunken und gefeiert. Ich bin seit 21 Jahren nicht mehr hiergewesen.

Jetzt stehe ich vor dem Haus direkt an der Straße, ein gewöhnliches Mehrfamilienhaus direkt am Gehweg. Früher, erinnere ich mich nostalgisch, konnte man diese Haustür einfach aufdrücken und durchs widerwärtig stinkende Treppenhaus nach hinten durchgehen. Oben haben Nutten ihre Wohnungen, hieß es damals. Und in einer weiteren Wohnung wohnt ein alter Mann, der nie duscht, deshalb stinkt es auch so bestialisch. Ich weiß bis heute nicht, was an den Gerüchten dran ist oder war. Man ging also durchs Treppenhaus nach hinten. Dann war man im Innenhof. Man schlängelte sich durch die riesigen Müllberge bis zu einem Hinterhofgebäude, das einmal eine Schlachterei gewesen ist. Dort drin sind die Proberäume gewesen.

Ich stehe immer noch vor dem Haus. Drücke sachte gegen die Haustür. Sie geht auf. Das Treppenhaus riecht immer noch genauso wie früher. Die Tür zum Hinterhof steht weit offen. Die Müllberge sind immer noch die selben. Ist es noch der selbe Müll wie damals? Ich gehe wie verzaubert durch den heruntergekommenen Hinterhof. Es ist magisch.

Ich erreiche die schwere Eisentür des Schlachthauses. Sie ist verriegelt. Ich stehe einfach nur dort. Ich bin 21 Jahre nicht an diesem Ort gewesen. Ich stehe wie verzaubert und lasse mich in längst vergangene Tage tragen. An die Wand dort habe ich mal gekotzt, allerdings weiß ich das nur noch vom Hörensagen. Und hier, genau hier, wo ich jetzt gerade stehe, bin ich mal mit jemandem verheiratet worden, eine trunkene freie Spontantrauung, bei der mir und meinem damaligen Freund eiligst aus Bierbügeln gebastelte Ringe angesteckt wurden, der Pfarrer war ein Bassist einer der vielen Bands, er reichte uns nach seiner lallenden Rede eine halbvolle Flasche billigen Erdbeersekt, der die Vermählung besiegeln sollte. Ohaueha. Ich muss lachen, als ich daran zurückdenke. Das hatte ich voll vergessen. Und genau hier, nur ein paar Meter weiter durch Schutt und Unrat, habe ich in eben diesem Hinterhof meinen ersten Zungenkuss bekommen. Und es war eklig. Der Typ konnte überhaupt nicht küssen, aber das wollte ich mir damals natürlich nicht eingestehen, weil ich ihn ja so toll fand. Aber eigentlich, dass wusste ich schon damals mit 15 tief in meinem Herzen, fand ich diesen ersten Zungenkuss ziemlich ekelhaft. Jetzt bin ich auf einmal 40 und stehe wieder hier. Etliche Männer und unzählige Zungenküsse später (und allesamt deutlich besser als dieser erste). Diesmal stehe ich hier ganz allein. Das Leben hat mich wieder hergeführt zu diesem Punkt. Dieser Punkt in meinem Leben, an dem ich mich ernsthaft frage, ob ich überhaupt jemals wieder einen Zungenkuss bekommen werde. Ehrlich gesagt glaube ich das nicht.

Ich verlasse den schäbigen Hinterhof, gehe durch das stinkende Treppenhaus zurück zur Haustür und betrete wieder die Straße.

Mutter Rosi freut sich, dass ich da bin, und schiebt mir zur Feier des Tages eine Tiefkühlpizza in den Ofen. Ich habe einen Beutel mit Rote-Bete-Latte bei mir, ein Geschenk von Janina, den ich in heißer Sojamilch anrühre und schlürfe. Vorher verschönere ich die Kaffeemaschine.

Ich gehe duschen und creme danach mein Testo auf die Oberarme. Rosi und ich schnacken stundenlang über dies und das. Sie zeigt mir stolz eine ganze Armee von Pappmachékunstwerken, die sie im Lockdown kreiert hat. Außerdem hat sie Leinwandbilder gemalt und aufgehängt, bis auf eines, das traurig in der Ecke steht.

„Da steht noch ein Bild, das musst du noch aufhängen!“, sage ich.

„Joa, pack ein.“

Na super. Jetzt habe ich ein Leinwandgemälde. Ganz toll, wenn man im Auto wohnt. Was mache ich damit?

Sie erzählt mir, dass heute in der Innenstadt eine queere Veranstaltung mit Infoständen ist. Meine kleine Schwester hat spitzgekriegt, dass ich in town bin. Kurz bevor wir die Wohnung verlassen, klingelt es an der Tür, Angela begrüßt mich auf ihre typische euphorische Art und zu Dritt gehen wir uns das queere Event ansehen. Angela bekommt eine Flagge, die sie schon länger haben wollte, ich habe alles, was ich brauche (kostenlose Sticker kann man ja aber immer gebrauchen), bin aber positiv überrascht, wieviel los ist. Muddern zeigt reges, aber schüchtern verhaltenes Interesse an queeren Infomaterialien.

„Da hinten gab es ja so Fibeln, in denen erklärt wird, was es alles so gibt …“

„Wo?“

„Da an dem Stand, an dem wir vorhin waren.“

„Ja los, dann gehen wir nochmal dahin und holen dir eine!“

Ich drücke ihr eine Fibel in die Hand. Ich freue mich, dass sie so aufgeschlossen ist, und Angela freut sich auch. Die Frau ist aber mittlerweile sowieso hartgesotten, da 60% ihrer Kinderschar in irgendeiner Form queer sind. 60% queer und 100% veggie. Beim letzten Coming-out, das an sie herangetragen wurde, entgleiste ihr ein „Kann nichtmal irgendeiner von euch normal sein?“, so hörte ich zumindest gerüchteweise. Nein, können wir nicht. Sorry, not sorry, Muddern. Deine Brut ist ein bunter Haufen.

Ich habe immer noch kein Mohnbrot, aber dafür bekomme ich in einer Bäckerei vegane dänische Mohnbrötchen, meine Lieblingsbrötchen! Dann verabschiede ich mich vorerst von meiner Schwesti, latsche mit Rosi zurück zur Wohnung, nehme meinen ganzen Kram, Brot und Leinwandbild und mein Duschzeug und alles, verabschiede mich auch von Rosi und mache mich auf dem Weg zu meiner Freundin Yve, der ich auch schon gesteckt habe, dass ich in der Gegend bin. Ich hörte, sie hat für mich extra Kuchen besorgt.

Ich verbringe einen wirklich schönen Nachmittag bei Yve und freunde mich mit ihrem siebenjährigen Sohn an, der mich natürlich gar nicht mehr kennt, weil ich zuletzt 2018 dort war. Er zeigt mir seinen ganzen Kram und wir führen extensive, tiefschürfende Gespräche über Dinosaurier und Edelsteine. Er ist sichtlich imponiert als ich ihm sage, dass mein Lieblingsdino seit jeher der Parasaurolophus ist. Außerdem sage ich ihm die Namen seiner Halbedelsteine und er freut sich, dass er – bislang unwissentlich – einen Amethyst besitzt. Den kannte er bis jetzt nämlich nur von Computerspielen. Ich bekomme sogar noch Abendessen und werde von Yve zu ihrem 40. Geburtstag im Oktober eingeladen; mehr noch, ich biete ihr an, dass ich ein paar Tage vorher komme und wir zusammen Kuchen backen. Sie ist begeistert. Das wird so gut!

Zwischendurch erhalte ich eine zerknirschte Nachricht von meiner Mutter: Ich könnte natürlich doch auch bei ihr übernachten und muss doch nicht im Auto schlafen! Abends gegen zehn kommt sie von der Arbeit zurück, dann kann ich gerne zur Wohnung zurückkommen. Ach so, ja, stimmt eigentlich, denke ich, der Gedanke ist mir irgendwie auch nicht gekommen. Ich bin es halt gewohnt, im Auto zu wohnen und zu schlafen. Aber wenn sie es schonmal vorschlägt, kann ich das ja auch annehmen.

Ich erzählte Yve, dass ich auf dem Weg nach Schweden bin. Weil ich da seit Jahren unbedingt mal hinwill und noch nie in Stockholm war und meine Lieblingsband von da kommt und ich seit über einem Jahr Schwedisch lerne und überhaupt das wird so cool. Yve muss darüber tierisch lachen und erinnert mich daran, wie sehr ich damals Schweden gehasst habe, als wir dort unsere Abschlussfahrt mit der Schulklasse verbrachten. Wir erzählen uns Chosen von damals. Sie erinnert sich nicht mehr daran, wie ich ihr im Kanu ein Taschenmesser zuwarf, das sie nicht fing und das stattdessen ins Wasser fiel und seitdem immer noch auf dem Grund eines anoymen schwedischen Sees verrostet, und ich war damals stinksauer auf sie, weil sie so schlecht fangen konnte. Yve wiederum schildert mir, wie ich auf der Klassenfahrt das Handy (es war 1998!) einer Mitschülerin leihen und meinen damaligen Freund anrufen durfte, und imitiert für mich sehr authentisch, wie ich mich damals am Telefon bei ihm gemeldet habe:

„Halloooo … (Schweigen; vermutlich werde ich gefragt, wie es in Schweden ist) … Scheiße!“

Daran wiederum kann ich mich nicht mehr erinnern. Ebensowenig, dass ich damals bei unserer Rückkehr nach Garbage Small Town Rat Trap aus dem Bus stürzte und vor den Augen aller Eltern und Mitschüler*innen den Boden küsste, weil ich so froh war, wieder zu Hause zu sein. Ich hatte schon immer diesen Hang zur Selbstdarstellung. Yve hat auch das Talent, mir sowas so zu erzählen, dass es mir nochmal extra peinlich ist.

Bald verabschiede ich mich und mache mich wieder auf den Weg. Kaum bin ich ein paar Minuten gelaufen, schreibt mir Yve noch nachträglich eine Nachricht: ihr Sohn sagte, sie hätte wirklich Recht gehabt – Alex ist total cool und wir – also er und ich – haben voll viele Gemeinsamkeiten! Ich fühle mich geschmeichelt. Für gewöhnlich können Kinder mit mir nichts anfangen; ich bin ihnen suspekt und vice versa. Diesmal aber anscheinend nicht. Aber Recht hat er ja, immerhin mögen wir beide Dinosaurier, Edelsteine, Schweine und Katzen! Das sind viele Gemeinsamkeiten!

Bis jetzt ist der Tag richtig schön. Ich laufe weiter zurück Richtung Innenstadt und verabrede mich erneut mit meiner Schwesti Angela. Sie ist immer noch am Marktplatz bei dem queeren Event. Ich laufe einen Weg entlang, den ich früher sehr oft gegangen bin, weil das der Weg von meinem Elternhaus zu den Proberäumen ist, bei denen ich ja vorhin schon gewesen bin. Ich erinnere mich, wie ich eben diesen Weg, auf dem ich jetzt gerade Richtung Proberäume gehe, einmal mitten in der Nacht volltrunken entlanggelaufen bin und dabei lauthals Tocotronicsongs gegröhlt habe. Ich glaube, dass war der Tag, an dem ich entjungfert wurde.

Bald erreiche ich den Markplatz und Angela mit ihrer Sippe. Wir stehen blöd rum, weil das Event mitlerweise zuende ist. Mein Blick fällt auf die öffentlichen Toiletten am Marktplatz. Die berüchtigten öffentlichen Toiletten. Ich kenne sie noch aus meiner Kindheit, beziehungsweise die Gerüchte, die sich um sie ranken. Zeit meines Lebens gab es einen allgemeinen Konsens unter allen Erwachsenen: Niemals, unter gar keinen Umständen, geht man auf diese Toiletten! Das steht völlig außer Frage! Da gehen die Junkies rein und Spritzen liegen da herum und überhaupt vermeidet man es ja, auf öffentliche Klos zu gehen, weil die immer versifft und eklig sind, besonders welche in der Innenstadt. Besonders diese hier!

„Ich geh jetzt da aufs Klo“, sage ich zu Schwesti.

„Da hinten in dieser Passage dort sind auch Klos, die sind auch kostenlos!“, antwortet Angela leicht entsetzt. Aha, es ist also auch in ihr tief verwurzelt.

„Nein, ich gehe hier“, insistiere ich und erkläre ihr die Lage. Sie stimmt zu, dass es einem seit jeher eingetrichtert wurde, auf gar keinen Fall diese Klos zu benutzen, ohne es jemals zu hinterfragen, sondern der Anweisung einfach stumpf Folge zu leisten. Angela wartet draußen, ich gehe rein. Grüße zwei Reinigungskräfte, die in einem Nebenraum sitzen und sich unterhalten. In meinem bewegten Leben (das ist ein Euphemismus für eine gescheiterte Existenz, die es nie zu etwas gebracht hat) bin ich weiß Gott auf den verschiedensten Toiletten dieser Welt gewesen. In Wales auf einem, welches sich stolz damit rühmte, mit dem Loo of the Year Award ausgezeichnet worden zu sein. In Indien in ramponierten Fliesenräumen mit nur einem Loch im Boden und einem verschimmelten Plastikbecher voller Wasser, mit dem man sich nach dem Kacken den Arsch abwaschen konnte. Und in diesem Toilettenspektrum noch einfach alles zwischen diesen beiden Polen, in was weiß ich wie vielen Ländern, in was weiß ich wie vielen Autobahnraststätten Hotels Campingplätzen Wohnungen Arbeitsplätzen Einkaufszentren Tankstellen Bars Restaurants Baustellendixiklos. Und nun sitze ich erleichtert pieselnd hier, auf den mit Abstand schlimmsten sanitären Anlagen der Welt, am Marktplatz in Garbage Small Town Rat Trap. Oder so sagt man jedenfalls. Es sind ganz normale Toiletten. Die Räumlichkeiten sind geruchslos und frisch gelüftet, es ist sauber und der Boden wirkt frisch gewischt. Die Klobrille ist vorhanden, intakt und sauber. Die Spülung funktioniert wunderbar. Es gibt Toilettenpapier, sogar mehrlagiges hochwertiges, und mehr noch – es ist bunt bedruckt!

Wie cool ist das denn bitte?! Ein öffentliches Klo mit Schnickschnackpapier! Das ist mir noch nie untergekommen! Ich feiere das Klopapier total und zupfe auch für Angela ein paar Blatt ab, um es ihr draußen zu zeigen. Beim Verlassen lege ich eine Münze auf den Teller und die beiden Reinigungskräfte bedanken sich freundlich und wünschen mir einen schönen Tag.

„Geiles Klopapier übrigens!“, rufe ich ihnen im Weggehen noch zu, und wir alle lachen fröhlich los und sie antworten: „Jaaaaa!!“ Das war der gutgelaunteste Toilettenbesuch in meinem Leben. Auf der vermeintlich schlimmsten Toilette der Welt.

Angela und ich peilen zu zweit durch die Innenstadt, dann gehen wir zu meinem Auto. Ich schleppe die ganze Zeit immer noch mein Zeug mit mir rum, Mohnbrötchen, Sachen zum Duschen, Testo, Wasserflasche und das Leinwandbild von Muddern. Ich verstaue den Kram so gut es geht und nutze die Gelegenheit, um Angela eine Grand Tour durch mein Auto zu geben. Sie findet es sehr gemütlich in meinem Bett.

Da noch ein wenig Zeit ist, bis ich wieder in Mudderns Wohnung kann, gehen Angela und ich zum Hafen, finden einen roten Plastikhut, setzen ihn auf, freaken im Nieselregen rum und unterhalten uns über alles mögliche. Ein schöner Abend. Als der Niesel zu einem ausgewachsenen Schauer wird, ist es Zeit das Weite zu suchen. Angela und ich verabschieden uns und gehen unserer Wege.

Ich schlage wieder im Hotel Mama auf; wir hängen noch ein paar Stunden auf dem Sofa herum, bis es Zeit ist, schlafen zu gehen. Meine Stimme ist kurz davor, den Geist aufzugeben, meine Stimmbänder fühlen sich sehr strapaziert an. Ich bin es absolut nicht gewohnt, an einem Tag soviel mit Menschen zu sprechen.

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