Road Trip nach Schweden, Part 5

Noch 6 Tage

Es sind noch rund 750 Kilometer nach Stockholm. Ich stehe immer noch auf dem kleinen Parkplatz auf der Insel Fyn. Noch 6 Tage bis zur Chiptunesparty. Langsam wird die Zeit knapper. Werde ich es rechtzeitig schaffen?

Früh morgens nehme ich mein Handy und suche nach einer Möglichkeit, ein Kombiticket sowohl für die Storebælt- als auch für die Öresundbrücke zu kaufen. Nur noch diese zwei Brücken trennen mich von Schweden. Sie kosten nicht wenig Mautgebühren, daher wäre es gut, wenn ich ein bisschen sparen könnte. Ich werde schnell fündig, fülle das Formular auf der Webseite einer deutschen Reiseagentur aus und buche mir für knapp 90 € ein Kombiticket. Eine Mail schlittert in meinen Posteingang und bestätigt mir nochmal meinen Einkauf. Demnächst soll dann eine weitere Mail mit den Reisedokumenten bei mir eintrudeln. Das wäre also auch geschafft. Nun steht Schweden nichts mehr im Wege! Heute werde ich nach Malmö fahren! Zufrieden sinniere ich über meinen gerade getätigten Onlinekauf. Plötzlich stutze ich. Moment mal. In dem Formular war das Datum für die Überfahrt schon voreingestellt und ich habe das einfach so übernommen. Stand da nicht … welches Datum haben wir überhaupt heute? Heute ist der 22. Mai. Ich schaue in meine Bestätigungsmail. Ich habe eine Überfahrt für den 24. Mai gekauft – für Dienstag, und heute ist erst Sonntag. Argh! Dadurch verliere ich zwei Tage! Und es ist doch noch so weit bis Stockholm! Fast neun Stunden Fahrt! Seufz. Na gut, dem Schicksal muss ich mich wohl fügen, wenn ich nicht hohe Storno- und Umbuchungsgebühren bezahlen will. Jetzt habe ich zwei Tage frei und hänge hier auf Fyn fest. Sieh es mal so, sage ich mir, dann kannsse doch noch nach Odense und Nyborg reinfahren und dir die Städte anschauen! Aber dazu habe ich eigentlich gar keine Lust. Wenn ich schon festhänge, dann will ich auch Benzin sparen und die Entschleunigung nutzen. Ich werde hier in der Gegend bleiben, mich von den letzten ereignisreichen Tagen ausruhen (ich bin seit fast einer Woche unterwegs, es kommt mir vor wie Monate) und mich um meinen Blog kümmern. Ich bin bestens mit Vorräten versorgt und kann hier problemlos autark an diesem schönen Fleckchen stehen: ein kleiner Schotterparkplatz direkt am Strand, quasi auf dem Strand, morgens vom Bett aus Blick aufs Meer, Möwen, Ponies, Dünen, Sonne, Ruhe. Was will man mehr?

Doch, es gibt etwas, das mich stört: Die Wohnmobilisten, die direkt neben mir parken und auch die Nacht hier verbracht haben. Das ist natürlich nichts Verwerfliches und sogar ganz gut, hier in der Pampa nicht gänzlich allein zu stehen, aber seit heute Morgen hat der Typ aus dem Wohnmobil seinen Klappstuhl direkt neben mein Auto gestellt, zwischen deren Womo und meine Karre, und sitzt da jetzt, den obligatorischen kleinen Kläffer auf dem Schoß. Er sitzt da und tut nichts. Liest nicht, schaut nicht aufs Handy, spricht mit niemandem. Sitzt da nur stundenlang und tut einfach nichts und glotzt in die Gegend. Keine drei Meter von mir. Das nervt mich ungemein, dass der Typ mir so dicht auf die Pelle gerückt ist; der soll da weg. Wenn ich die Autotür aufmache, falle ich dem sozusagen direkt vor die Füße. Also beschließe ich eine Relocation und will zum Picknicktisch von gestern Abend wechseln. Als ich die Autotür aufmache und aussteige, stehe ich tatsächlich direkt vor dem Kerl und das kleine Vieh fängt an wie bescheuert zu kläffen. Ich grüße halbherzig-freundlich, steige direkt auf der Fahrerseite ein und fahre die fünfzig Meter zu dem anderen Parkplatz mit dem Picknicktisch. Der Auto-USB-Stick spielt „Bring it on down“ von Oasis. Hier habe ich Luft zum atmen.

Den Tag verbringe ich damit, einfach rumzuhängen – bloggen, Fotos in den Blog einfügen, Erbsensuppe kochen, mit David telefonieren, Whatsapp mit meiner Mischpoke. Ich hänge das Leinwandbild, das meine Mutter mir geschenkt hat, in meinem Auto auf. Genauer gesagt klebe ich kleine Stücke Klettband an die Rückseite und klatsche es damit an den stoffbezogenen Autohimmel. Noch hält es; mal sehen, wann das runterkommt.

Meine kleine Photovoltaikanlage leistet wie immer gute Dienste und lädt mein Handy auf. Allenthalben versuchen die Ponies ihr Glück, manche lassen sich an der samtenen Nase streicheln. Eines fängt an, mit weichen Lippen sanft meine Hand zu essen, obwohl ich gar nichts in den Händen halte.

Ein Mann kommt vom Angeln aus der seichten Lagune gewatet und sagt freundlich etwas zu mir.

„Sorry, I don‘t speak Danish!“

Er switcht sofort auf Englisch um und wir smalltalken kurz. Ich schmelze dahin. Er hat mich so süß angelächelt! Reiß dich zusammen, rüge ich mich, wenn die Dänen ähnlich harmoniebedürftig sind wie die Schweden, dann ist es ganz normal, bei einer Unterhaltung zu lächeln. Das ist kein Interesse an mir, das gehört einfach dazu. Aber ich bemerke, dass es mir sehr gut tat, mal wieder von einem Mann angelächelt zu werden. Das fehlt mir sehr in meinem Leben.

Ich sitze den ganzen Tag auf der harten Holzbank und nehme den Picknicktisch in Beschlag, bis ein dicklicher Hobbyornithologe sich zu mir gesellt, Thermosflasche mit Kaffee und seine Frau im Schlepptau, und mit Fernglas und Weitwinkelobjektiv die Umgebung inspiziert. Schon wieder wurde mir zu dicht auf die Pelle gerückt. Können Leute nicht wegbleiben, wenn sie wissen, dass ich schon da bin? Warum müssen die denn immer genau da sitzen, wo ich mich befinde? Ich packe zusammen und verbringe den Rest des Abends im Auto. Kurz nach neun steige ich nochmal aus und starte einen Videocall mit David, um ihm zu beweisen, wie hell es hier noch ist. Hier ist es heller als bei ihm in Deutschland. Ich zeige ihm den Wildkohl, der in den Dünen wächst. Dann ist irgendwann Schlafenszeit und ich verbringe meine zweite Nacht hier auf dem Parkplatz vor der Storebæltbrücke. Nur noch den morgigen Tag irgendwie totschlagen, dann noch eine Nacht, und dann geht es endlich weiter Richtung Schweden.

Noch 5 Tage

Auch die zweite Nacht ist ruhig und angenehm. Es ist Montag. Noch 5 Tage bis zur Chiptunesparty in Stockholm. Und ich bin immer noch auf diesem Parkplatz auf Fyn. Am Strand steht eine Handvoll Campervans verstreut herum. Das typisch-idyllische Vanlife-Setting: Der ausgebaute Bus auf dem Strand, direkt am Meer. Hier ist diese romantisierte Fantasie tatsächlich mal möglich. Allerdings habe ich keine Lagerfeuer am Strand mit dampfenden Blechtassen und Akustikgitarren gesehen. Für gewöhnlich sieht die Vanliferealität nämlich anders aus, als viele es sich so gerne vorstellen, nämlich so: Parkplätze und Straßenränder, für Womos manchmal sogar nur ausgewiesene Campingplätze oder kostenpflichtige Stellplätze als Option, denn viele Parkplätze haben gerne auch mal Höhenbeschränkungen, damit nur Pkw dort parken. Overnight parking ist oft verboten. Mit Glück gibt‘s etwas Natur drumherum, vielleicht mal einen Wanderparkplatz im Wald. Lagerfeuer sind überall ebenso verboten wie das Campen und Übernachten an See- und Meerufern. Und je nach Land wird es ziemlich teuer, wenn man es trotzdem versucht. Auf einer sattgrünen Wiese direkt beim lauschig plätschernden Flüsschen am mit schattenspendenden Bäumen gesäumten Ufer zu stehen, ist ebenso utopisch. Wiesen sind für gewöhnlich in Privatbesitz. Und selbst wenn eine Wiese mal nicht eingezäunt sein sollte und es okay wäre, sie zu befahren – schonmal dran gedacht, dass es eine schlechte Idee sein könnte, mit einem 3,5- oder 7,5-Tonner die Straße zu verlassen und auf eine unbefestigte Grasfläche zu fahren?

Ja, ich weiß – diverse Memes, Webseiten und Youtube-Videos zeichnen ein anderes Bild, das viel schöner aussieht als das, was ich erzähle. Glaubt es oder lasst es.

Heute lautet meine Hauptaufgabe lediglich, den heutigen Tag rumzubringen und Zeit totzuschlagen. Morgen geht es weiter über die Storebæltbrücke und die Öresundbrücke. Ich tue den ganzen Tag so gut wie rein gar nichts, was auch damit zu tun hat, dass es draußen extrem windig, fast schon sturmartig ist. Und kalt. Aber die Sonne scheint. Ich verkrieche mich im Auto, das sich trotzdem ziemlich aufheizt, sodass ich öfter mal kalten Sturm reinlassen muss, damit es drinnen wieder auskühlt. Immerhin scheint die Sonne und ich klemme meine kleine Photovoltaikanlage von außen an die Fensterscheibe und lege ein Kabel durch das einen Spaltbreit geöffnete Fenster nach drinnen, sodass ich mit meinem Handy rumtüdeln kann, während es auflädt. Ich lese ein blödes Buch, das ich mal in Darmstadt gefunden habe, und wasche ein bisschen Wäsche im Meer. Doofe Idee, weil jetzt mein schwarzes T-Shirt voll mit feinem Meersand ist. Es ist stinklangweilig. Ich verliere hier so viel Zeit, wenn ich doch eigentlich jetzt Richtung Stockholm heizen möchte. Schaffe ich 750 Kilometer in vier Tagen? Ja, natürlich, wenn nichts dazwischenkommt! Es sind noch acht Stunden Fahrt bis dahin. Ich beobachte einen Kitesurfer, der sich den Sturm zunutze macht. Neid. Will auch. Eines meiner Bulletpoints auf der To-Do-Liste meines Lebens (ich liebe Listen, sagte ich das schon?) ist es, in Neuseeland Kitesurfing zu lernen. Und Fallschirmspringen.

Irgendwann wird es mir wirklich zu langweilig an diesem schönen Ort. Selbst die Ponies lassen sich heute nicht blicken. Ich entscheide mich für einen Locationwechsel. Direkt an der Storebæltbrücke befinden sich weitere Parkplätze; einer davon ist auf jeden Fall gratis und relativ groß, da fahre ich hin. Der erste Song des Tages ist „Cigarettes & Alcohol“ von Oasis. Morgen werde ich mit meiner Challenge brechen und auf meinem Auto-USB-Stick Alben skippen. Ich habe noch nicht entschieden, welches Bondage-Fairies-Album ich hören möchte, wenn ich nach Schweden reinfahre.

Gute Entscheidung, der Locationwechsel! Der Parkplatz hat ein WC und Trinkwasser und es gibt Schattenparkplätze, sodass mein Auto (und mein überhitztes Handy) sich abkühlen können, und von dort hat man einen fantastischen Blick auf die Brücke, die sich einmal über den Horizont spannt und dann im Dunst des Meereshorizonts verschwindet, und direkt vom Parkplatz aus sind es nur wenige Schritte zu einem kostenlosen riesigen Sandstrand, an den die türkisblauen Wellen branden, aber der Clou ist: es gibt eine Outdoordusche! Ich wollte doch heute noch duschen! Im Endeffekt lasse ich das dann aber doch lieber sein und begnüge mich mit einem Waschlappen in dem Klohäuschen. Außerdem fülle ich alle meine Wasserflaschen und -kanister mit Trinkwasser auf. Jetzt würde mir nur noch eine Steckdose zu meinem Glück fehlen, aber leider gibt es keine weit und breit.

Ich wandere am Strand entlang und lasse mir die Haare vom Wind zerzausen, der hier weniger stark weht als an dem anderen Platz von eben.

Den Rest des Tages verbringe ich gemütlich im Auto mit Handy und Laptop. Zwischendurch raffe ich mich auf und fahre zum Lidl. Zu groß ist das Verlangen nach Schokolade. Meine Zuckersucht kickt voll rein und ich spüre sowas wie Entzugserscheinungen. Im Lidl gibt es ein großes, feines Display nur mit veganen Produkten, unter anderem so wichtige landesspezifische Dinge wie Remoulade. Kotz. Aber viel wichtiger: da ist auch Süßkram. Ich kaufe zwei Tafeln Schokolade, eine Packung Müsliriegel (Geschmacksrichtung Cranberry) und eine Packung Schokocroissants und weil ich so vernünftig bin auch einen Beutel mit Brot. Macht 109 Kronen, rund 15 Euro. Puh.

Und noch etwas passiert: Die Mail mit meinen Reisedokumenten trudelt ein. Jetzt kann ich definitiv morgen die beiden Brücken überqueren, die zwischen mir und Schweden stehen.

Nachdem ich alle meine Stinkeklamotten in dem kleinen Waschbecken des WC-Häuschens gewaschen habe, fahre ich dann doch zurück zu dem vorherigen Parkplatz, den am Strand mit den Ponies, auf dem ich schon zwei Nächte geschlafen habe. Doch heute ist es anders. Der Wind hat sich im Laufe des Tages nicht beruhigt, ist sogar noch heftiger geworden. Die letzten Tage stand ich hier zusammen mit anderen Campern, heute Abend ist weit und breit niemand zu sehen und ich habe beide Parkflächen für mich allein. Einsam und verlassen steht mein Auto am Strand und ich darin, eingemummelt in die Bettdecke, den Windböen lauschend, die im Laufe der Nacht zu einem ausgewachsenen Sturm anschwellen und mein Auto durchrütteln. Dann setzt Platzregen ein. Draußen in der Dunkelheit tobt ein Unwetter. Mein Auto wird kontinuierlich von den entfesselten Naturgewalten durchgeschüttelt. Hoffentlich gibt es keine Springflut. Ein bisschen mulmig ist mir ja schon. Irgendwann übermannt mich der Schlaf.

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