Road Trip nach Spanien Aug/Sep 2019, Episode 1: Alles fügt sich

Der träge Spätsommer hat gerade seinen Höhepunkt erreicht; der Tag liegt still da, faul, staubig und lahm. Die einzigen Geräusche, die sanft durch die mit Hitze aufgeladene Südharzer Gebirgsluft wabern, sind das Schnattern der Laufenten am Gemüsebeet und hin und wieder ein Gluckern von der Seite, da, wo die Hühner in der Wildblumenwiese scharren. Die Wachteln verhalten sich ruhig und auch die Schildkröten hüllten sich an solch einem Tag lieber in Schweigen. Und die Kornnatter lässt sich sowieso seit knapp einer Woche nicht mehr blicken. Vielleicht sind sie alle auch einfach nur zufrieden.

Es ist einer der letzten Tage unseres derzeitigen Housesittingjobs irgendwo versteckt auf dem Land, dem verschlafenen Mansfelder Land, fast in Sichtweite von unserem eigenen Grund und Boden, nur drei Dörfer weiter. Zwei Wochen lang hatten David und ich uns hier einquartiert und wie zu Hause gefühlt, oder vielmehr hatten wir dieses Zuhause vorerst zu unserem eigenen gemacht. Home is where the heart is. Oder, wie ich im Zeitalter des digitalen Nomadentums, welches auch wir mit all seinen Vorteilen und Freiheiten in vollen Zügen genießen, lieber zu sagen pflege: Home is where the hardware is. Eine leichte Wehmut stellt sich immer ein, wenn ich weiß, dass ich ein temporäres Heim bald wieder verlassen werde. Es fällt mir leicht, an einem zunächst fremden – soll heißen: unbekannten – Ort anzukommen und mich dort auf Anhieb wohlzufühlen. Planet Erde ist mein Zuhause, und dessen ausgiebige Erkundung mein Lebensziel. Schade ist es also, dass die Zeit schon wieder wie im Flug vergangen war und wir noch nicht genau wissen, wie es in den nächsten Monaten weitergehen würde. Das ändert sich schlagartig mit einem Ping.

Ping.

Wisch.

Tupf.

„Hi dear, how are you doing? Are you enjoying the summer? We are looking for a house sitter … I wanted to ask you first before asking anyone else.“

Jippieh, der nächste Housesittingauftrag!  Fast zu schön, um wahr zu sein, wüsste ich nicht, dass das Universum darauf aus ist, einem fortlaufend Glück zu bescheren, wenn man es denn zulässt. Dieses Haus hatten wir bereits Anfang des Jahres gehütet. Es ist toll! Eine fast komplett autarke spanische Villa mitten in den Bergen von La Safor, südlich von Valencia unmittelbar an einem Jakobsweg sehr nah am Meer, umgeben von wilder Natur und Orangenhainen bis zum Horizont. Natürlich wollten wir! Nachdem ich zugesagt habe, geht die große Reiseplanung los. Hin- und Rückflüge herauszusuchen, zu vergleichen und dann abzuwägen, welchen man wann nimmt frisst deutlich mehr Zeit, als man im Vorfeld annehmen mag. Ich weiß das zwar, bin aber trotzdem schon nach wenigen Stunden ziemlich genervt, denn von unserem Hof aus ist jeder Flughafen eine Weltreise entfernt. Sollen wir also den günstigsten Flug von Köln aus nehmen, für den wir allerdings irgendwie von Sachsen-Anhalt nach Köln kommen müssten? Fahren Züge denn so, dass wir just in time am Flughafen ankommen werden, plus Puffer? Oder doch lieber mit dem Auto, aber wo lassen wir das dann wochenlang stehen, oder wem könnten wir es für die Zeit leihen? Oder vielleicht doch lieber den Flug von Berlin, zwar viel näher dran, aber mit ewig langer Umsteigezeit in Frankfurt. Dann könnten wir ja auch gleich von Frankfurt aus fliegen. Fuhr da nicht ein Flixbus hin, von Halle (Saale) aus? Die sind aber erfahrungsgemäß inzwischen ähnlich zuverlässig wie die Bahn. So geht es immer und immer weiter mit den Entscheidungen, die für die Anreise zu treffen wären. Schließlich setzen David und ich uns zusammen und bereden. Das Fazit ist: Es wäre zwar teurer, würde aber um Einiges sehr viel mehr Spaß machen und uns unser Leben mit einer weiteren extrem coolen Erfahrung bereichern (= erklärtes Lebensziel, wir erinnern uns), wenn wir statt zu fliegen mit unserem neuen Wohnmobil nach Spanien runterfahren.

Unser Wohnmobil ist seit Mitte Juni unser neuester Familienzuwachs. Es heißt Yorba, wie das Hotel Yorba, dem die White Stripes einen Song widmeten, und ist ein ‘92er Peugeot mit dickem Motor, Solarzelle auf dem Dach und einem komplett eingerichteten Aufbau hintendran, der sich laut Beschriftung „Schimmelreiter“ nennt. Ein Peugeot Schimmelreiter also. Genauer: Ein neues, zusätzliches Zuhause auf dreizehn Quadratmetern, in dem wir in Teilzeit leben, wenn wir mal nicht reisen, und in Vollzeit, wenn wir reisen. Unser längster Trip war bis dato die Fahrt zu unserem Lieblingsfestival nach Tschechien gewesen, und nun ist es Zeit für mehr.

David hat wie immer Bedenken. Er übernimmt in unserer Verbindung stets die Rolle des Verstands; überdenkt, analysiert, wägt ab, betrachtet jede Entscheidung von allen Seiten inklusive aller möglichen Risiken und Folgekosten. Ich hingegen, ich bin das Bauchgefühl in unserer Beziehung. Will ich etwas machen, dann stürze ich mich rein und mache es einfach. Wird schon schiefgehen. Solange es Spaß macht und mich glücklich macht, lohnt es sich auf jeden Fall. Nach mir die Sintflut. Yolo, Alter. Und ja, das klingt jetzt nach einem sich perfekt ergänzenden Pärchen, über dessen Unterschiedlichkeit man herzlich und wohlwollend lachen kann. In der Realität sorgt das aber nicht selten für etliche Bedürfnis-Clashs, die es dann zu bewältigen gilt. Dennoch sind wir glücklich mit unserer gegenpoligen Konstellation, denn wenn wir beide gleich ticken würden, wäre unser Leben entweder stinklangweilig oder würde hoffnungslos im Chaos versinken. Auch diesmal funktioniert es gut. Nach anfänglichen „Was wäre wenn“-Szenarien, deren Worst-Case-Ausgang keineswegs das Ende der Menschheit bedeuten würde, und nachdem auch Davids Vorgesetzter die ganze Aktion abgesegnet hat, weil er David zurzeit ungern Urlaub geben würde, siegt die Abenteuerlust und wir entschließen uns, den großen Trip zu wagen uns die 2.000 Kilometer zu fahren.

Da wir sowieso mehr oder weniger dauerhaft im Auto wohnen, gibt es auch nur wenig vorzubereiten, als der große Tag herannaht. Naja, ein wenig ist aber doch zu tun. Da wäre zum Einen die Musikfrage zu klären. Für diesen Fahrmarathon brauchen wir definitiv was Frisches auf dem USB-Stick, nicht den ausgelutschten Kram, der da seit Jahren drauf ist. Da bietet es sich doch an, die vom Rolling Stone Magazine gekürten 500 besten Songs der Welt herunterzuladen. Kann es eine bessere Playlist geben? Wohl kaum. Das hätten wir also geklärt. 

Während David im Arbeitsstress versinkt, putze ich das Haus, entsafte alles übrige Obst und Gemüse, fülle das Trinkwasser im Wohnmobil auf … und suche Leo. Sie war den ganzen Morgen schon verschwunden. Normalerweise nervt sie zu inhumanen Zeiten vorm Wohnmobil herum, dass sie ins Haus will, zu ihrem Essnapf, aber heute hatte sie es sich anders überlegt. Wir suchen alles ab, denn eine im Haus oder Stall eingesperrte Katze hält sich schlecht über mehrere Wochen. Als wir losfahren, ist sie immer noch nicht aufgetaucht, aber wenigstens können wir sicher sein, dass sie nirgendwo eingesperrt ist.

Eine kleine Änderung ergibt sich noch spontan, bevor wir aufbrachen: Vormittags schreibe ich unserem Freund Michael, der mich kurz vorher gefragt hatte, wann wir uns denn mal wieder treffen könnten. Er wohnt in Oberfranken und wir in Sachsen-Anhalt, also nicht gerade nebenan. Ich antworte also: Du, wir fahren heute nach Spanien. Also entweder treffen wir uns heute Abend bei Dir, weil wir sowieso nachher Richtung Süden fahren, oder wir sehen uns erst im Oktober. Die Antwort kommt prompt: Heute Abend hätte er Zeit. So ändern wir unsere ursprüngliche Route also um etwa hundert Kilometer ab und rumpeln ins herrliche bayerische Bergland. 

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