Road Trip nach Spanien Aug/Sep 2019, Km 1.307 – 1.727

Wir erwachen, als die Nacht sich mit dem Tageslicht bricht und die Sonne sich durch den tauverhangenen Morgendunst kämpft. Das karge Plateau ist in mildes Licht getaucht. Guten Morgen, du wunderbarer, einzigartiger Tag!

Ich kann es kaum erwarten, meinen heutigen Wohnort bei Tageslicht zu sehen, und springe aus der Tür ins Freie. Dann bin ich mittendrin in der Landschaft: kurzbeweidete Felslandschaft, mit weichem Grasfilz überzogen, übersät mit einigen Steinbrocken, niedriges hartes Buschwerk.

Bewusst langsam schreite ich durch das Szenario, bald kleinen Trampelpfaden folgend, bald sie wieder verlassend, das ist hier in der Gegend egal. Die archäologischen Funde, die das Schild mir schon gestern im Halbschlaf ankündigte, finden ihre ersten Ausläufer schon hier, quasi direkt neben unserem Wohnmobil. Überreste von Mauern, Häusern und Kellern sind in den Erdboden gedrückt. Stumme Zeugen einer alten Kultur, die dieses ungastliche Plateau einst bevölkerte. Ich wandere zwischen ihnen umher und zolle ihnen Respekt, bis ich einen bemoosten Steinhaufen am Rande des Plateaus erklettere und endlich ins Tal hinabsehe. Wow! Die Aussicht, diese Aussicht! Die ruhende Lichterkette von gestern Abend hat sich in eine Stadt verwandelt. Die klitzekleinen Hausklötzchen kuscheln sich Schulter an Schulter. Hinter ihnen, neben ihnen, rechts und links, über ihnen das Gebirge – mächtige, majestätische Aufwerfungen der Erdkruste, wohin ich auch sehe, sanft von der Morgensonne geküsst, deren Kraft sich bei den bereits steigenden Temperaturen schon trotz der frühen Stünde erahnen lässt. Ich stehe hier im Wind am Abgrund und genieße das Hier und Jetzt. Und meine Existenz.

David hat sich schon den Klapptisch und die Faltstühle nach draußen gestellt und arbeitet. Er hat gerade den schönsten Arbeitsplatz der Welt und er weiß das. Ich rolle meine Yogamatte auf dem elastischen Grasteppich aus und praktiziere einen Sonnengruß, bevor ich mein übliches Workout abspule. So lässt es sich leben! Das Leben vibriert in jeder Faser meines Körpers.

Das Monument, von dem das Infoschild erzählt hat, ist eher langweilig. Interessanter ist die Touristinformation direkt daneben. Dort gibt es Postkarten (für mich) und ein WC (für David). Das Highlight ist allerdings die Wasserstelle, an der wir uns mit etlichen Gallonen Trinkwasser eindecken. Ich komme auf die Idee, meinen Kopf unter den Wasserhahn zu halten und wasche mir die Haare unter dem rauschenden kühlen Nass. Ohne Shampoo, versteht sich, aber trotzdem: aaah! Nun traut sich auch David, es mir gleichzutun, und mit tropfnassem Haar fahren wir weiter. Die Playlist mit den 500 besten Songs ist bei Creedence Clearwater Revival und David Bowie.

Nachmittags ist schon wieder ein Zwischenstopp angesagt, David hat eine Telefonkonferenz. Ein Autobahnrastplatz muss dafür herhalten. Die Telko zieht sich hin; erst eine, dann eine zweite Stunde. David fällt es immer schwerer, sich durchgängig zu konzentrieren, und läuft gelangweilt draußen am Auto entlang, bald hier, bald dort an einzelnen Teilen herumfingernd. 

„Das Auto ist kaputt“, sagt er, als er nach der Telko wieder einsteigt. Die Achsmanschette vorne links ist zerbrochen und das Schmiermittel tropft heraus. Tropfte, es ist nämlich keins mehr vorhanden. Oh. Fuck. Wenn wir so weiterfahren, steuern wir vermutlich auf einen Totalschaden zu. Also ab zur nächsten Werkstatt. Die nächste Werkstatt sagt non, wir machen keine Wohnmobile. Die zweite Werkstatt entscheidet sich, uns komplett zu ignorieren und verzichtet darauf, uns zu bedienen. Die dritte Werkstatt erbarmt sich und nimmt sich der verzweifelten Ausländer mit der Uraltkarosse an. Der Mechaniker spricht sogar ein wenig Englisch; in Frankreich keineswegs eine Selbstverständlichkeit. Den Rest der Kommunikation erledigt Google Translate. Google Translate sagt erst: Das sollte so schnell wie möglich repariert werden. Der Mechaniker sagt danach: Sie können damit so weiterfahren, so lange es nicht regnet.

Gut. Wir fahren weiter. Es fängt an zu regnen.

Immer weiter heizen wir unserem Ziel, Südspanien, entgegen, stets ein wenig unter Zeitdruck, um die 2.300 Kilometer in einer Woche bewältigen zu können. Der Regen versiegt schnell wieder. Wir fahren über 300 Kilometer auf der A75, immer weiter nach Süden, nach Süden, nach Süden, die Landschaft verändert sich: ein Hochplateau, Wüste, Geröll. Der Tag schreitet voran, es wird Abend, aber anstatt dass die Luft sich abkühlt, wird es immer heißer, je weiter wir nach Süden vordringen. In Coursan wieder Kurzhalt zum Einkaufen und Überlegen, wo wir übernachten wollen. Der Lidl-Parkplatz ist mit Palmen bepflanzt, das werte ich als gutes Zeichen. Wir sind auf dem richtigen Weg. 

Laut Park4Night gibt es direkt hier im Ort einen kostenlosen Stellplatz für Wohnmobile. Wunderbar! Wir steuern besagten Platz an, der sich als eingezäunter Sandplatz entpuppt, auf dem schon ein paar andere Camper stehen. Hm ja, das ist ja eigentlich so gar nicht unser Ding. Den Fachterminus „Kuschelcamper“ haben wir schon vor einigen Monaten aufgeschnappt und können seitdem jene Leuten benennen, die der lästigen Angewohnheit frönen, sich mit ihrem Wohnmobil immer so dicht es geht an das einzige andere Wohnmobil weit und breit stellen zu müssen, auch wenn rundherum mehr als genug Platz vorhanden ist, um auch woanders zu parken, Kuschelcamper eben. Nein, sie müssen neben dir stehen. Direkt neben dir. Es gibt sie, und sie sind überall. Es gibt mehr von ihnen als es Camper gibt, die am liebsten allein in der Natur – oder wenigstens auf dem Waldparkplatz – stehen und ihre Ellbogenfreiheit genießen wollen. Aber nein, die meisten Womomenschen scheinen es wirklich zu genießen, auf möglichst kleinstem Raum unter ihresgleichen zu sein. Eine Herde von ihnen hat sich hier auf dem Stellplatz von Coursan zusammengekuschelt. Wir stellen uns dazu, möglichst weit weg von den anderen (also in etwa fünf Metern Entfernung), sind aber nicht glücklich. So ganz und gar nicht glücklich. Andererseits sind wir heute echt lange gefahren, es war warm und anstrengend und die Sache mit der Achsmanschette tat ihr übriges, um nun endlich den Feierabend herbeizusehnen. Aber weder David noch ich fühlen uns hier wohl. Genaugenommen finden wir es hier eher ganz grausig zwischen diesen barbäuchigen rotverbrannten Männern älteren Semesters und ihren braven stühleausklappenden Ehefrauen mit den Fifipudeln. Und da kommt auch schon das nächste Wohnmobil um die Ecke gebogen und stellt sich auf den einzigen freien Platz. Neben uns. Was tun? Weiterfahren. Bloß weg hier. Weg.

Gruissan ist ein kleines Küstenstädtchen am Mittelmeer. Jetzt, in der sich herabsenkenden Dunkelheit, ist die Burgruine buntbeleuchtet, lila und blau. Es gibt Bars und Restaurants und Menschen mit Smartphones, die den Sonnenuntergang fotografieren. Aber es gibt keinen passenden Parkplatz für unser Riesengefährt. Der nach dem Kuschelplatz-Intermezzo angepeilte weitläufige Parkplatz am Strand ist für ein Fahrzeug unserer Größe nicht zugänglich, der Weg dorthin sorgfältig mit Felsbrocken versperrt, durch die höchstens ein VW-Bus passt. Es ist schon dunkel und unser Survivalmodus läuft bereits auf Hochtouren, als wir in einer kleinen Seitenstraße fündig werden und uns an den Straßenrand stellen – direkt vor einen Campingplatz. Wir stehen alleine und frei draußen, die anderen kuscheln gegen viel Geld drinnen. Egal. Wir haben endlich Feierabend, machen noch einen Spaziergang im Dunkeln und gehen dann schlafen.

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