Road Trip nach Spanien Aug/Sep 2019, Km 252 – 801

Um 6:30 Uhr wachen wir auf. Es ist ganz zauberhaft, das Schlafzimmerfenster zu öffnen und zu schauen, wie denn überhaupt der Ausblick im Hellen aussieht. Ich liebe diesen Moment! Immer wieder. Jedes Mal anders. Der Moment, in dem ich morgens noch halb verpennt und mit sandigen Augen das Rollo hochschnalzen lasse und gespannt bin auf die Landschaft, sie sich mir bietet. Das sind die Augenblicke, für die es sich zu leben lohnt. Klein, kurz und unbedeutend, aber so glücklichmachend und erfüllend. Während die halbwegs kühle Morgenbrise in die Fensteröffnung strömt und sich frisch im Raum verteilt, blicke ich auf das kleine gurgelnde Bächlein direkt neben mir, an dessen Ufer sich zarte pinkfarbene Wildblumen säumen und in dessen klaren Gewässern sich Flusskrebse tummeln. Sonnenstrahlen glitzern durch das Laub der Bäume am anderen Ufer. Ein wunderbarer Start in den Tag! Nun müssen wir aber los, denn David braucht Internet, damit sein Arbeitstag beginnen kann. Handyempfang und Internet, das sind die beiden restriktiven Parameter, nach denen wir uns bei dieser Reise richten müssen. 

Wir fahren also ins nächstgelegene Dörfchen namens Thurnau, wo wir fürs Erste auf einem Nettoparkplatz residieren. Es ist 7:30 Uhr. Ich besorge uns etwas zum Frühstücken. Dann breite ich meine Yogamatte in Yorba aus. Der Platz reicht tatsächlich aus, um mein morgendliches Workout zu machen: Squats, Crunches, Lunges, Dehnübungen, Hanteltraining. Funktioniert auch unterwegs wunderbar und tut gut nach dem stundenlangem Sitzen der gestrigen Fahrt. Neben dem Parkplatz entdecke ich ein dahingezimmertes Bücherhäusla. Ich gehe in das Bücherhäusla rein und schaue mich um, finde aber in den vollgestopften Regalen, die bis zu Decke reichen, nichts, was mir so recht gefallen will. Außerdem habe ich noch genug Lektüre bei mir. Meistens lese ich immer drei Bücher gleichzeitig. So lange David arbeitet, lümmele ich mich aufs Bett und fange an zu bloggen. Um zehn Uhr beschließt David, dass zweieinhalb Stunden Arbeiten vorerst genug sind und wir nun erst einmal ein bisschen Strecke machen können. Bis jetzt haben wir 252 Kilometer auf diesem Trip zurückgelegt. Ungefähr ein Zehntel. Wir starten den Wagen. Sichern die Schrank- sowie die Badezimmertür mit Sicherheitsgurten. Stellen die Kühlschrankkühlung von Gas auf Autobatterie. Schieben die Sicherheitsriegel vor die Schublade und den Küchenschranktür. Schließen die Dachluken. Weiter geht‘s.

Die nächste Pause legen wir um kurz vor zwölf auf einem Hornbachparkplatz in Würzburg ein. Das Kunden-WLAN ist schnell und strahlt bis zu uns rüber. Nach einer weiteren Fahrt auf der Autobahn Richtung Süden ist irgendwann tanken angesagt. Das ist eine willkommene Abwechslung zu den langen Stunden im Auto, denn es ist die ganze Zeit drückend heiß. Heiß, heiß, heiß! Selbst mit dauerhaft geöffneten Fenstern ist es während des Fahrens kaum auszuhalten. Wir brauchen dringend Abkühlung! An der Tankstelle checke ich eine der wichtigsten Apps, die wir auf Reisen täglich benutzen: Park4Night. Dort sind weltweit verschiedenste gute (und schlechte) Übernachtungsplätze für Campervans eingetragen. Jetzt zeigt die App, dass sich in vier Kilometern Luftlinie ein Waldparkplatz befindet, an einem kostenlosen Badesee. BADESEE! Das ist genau das, was ich lesen wollte. Perfekt. Nichts wie hin. 

Der See heißt Sieben-Erlen-See und liegt sanft eingebettet in einer bewaldeten Naturlandschaft mit Vogelgezwitscher und Licht-Schatten-Spielen zwischen flirrendem Laub. Der Ort ist wirklich hübsch; an einer großzügigen Liegewiese würde am Ufer ein pompöser Strand aus feinstem, sauberen weißen Sand aufgeschüttet, der bis weit in den See hineinragt und die angespannten Füße auf Ihrem Weg ins glorreiche H2O weich umschmeichelt. Das Wasser ist glasklar und gleichzeitig türkisfarben. Und perfekt temperiert. Ich blicke bis auf den Grund des Sees, erkenne den Sand, kleine rundgeschliffene Steinchen und meine Zehen. Nach dem obligatorischem Hineinwaten, dem obligatorischen Stehenbleiben und Arme-mit-Wasser-Einreiben folgt das obligatorische Zaudern und Sich-Überwinden für das obligatorische Sich-komplett-eintauchen-Lassen, Fast-eines-Kälteschocks-Sterbens, gefolgt vom Die-herrliche-Kühle-Genießen, einhergehend mit einem losgelöstem „Haaaaaaaa!“ Ein Ablauf, der schon seit Jahrtausenden von der Menschheit praktiziert wird und sich über die Zeit immer wieder bewährt hat. Und während die Mittagssonne uns auf die Köpfe knallt, schlürfen sich die durstigen Körperzellen dankbar voll mit dem kühlen Süßwasser, in dem wir uns träge treiben lassen. Ich schwimme ein paar Züge, vor mir breitet sich die Weite des Wasserspiegels aus. Herrlich. Es ist so herrlich. Besser als jede Dusche. Körperhygiene-Reset.

Anschließend lassen wir uns auf der großen Liegewiese ein wenig von der Sonne streicheln und trocknen, bevor wir uns wieder aufmachen. Die Playlist mit den 500 besten Songs ist noch ganz am Anfang; der USB-Stick hat sie alphabetisch sortiert. Beach Boys, dann Beastie Boys. Heute passieren wir die Grenze nach Frankreich.

Um 19:30 Uhr ist es an der Zeit, einen Schlafplatz aufzutun. Und etwas zu essen. Für Beides bietet sich der Parkplatz des Leclerc-Supermarkts in Cernay an, auf dem wir uns mit unserem Schlachtschiff prompt breit machen. Wir haben uns vorgenommen, diesen Abend ein opulentes Dinner aufzufahren und es uns richtig gut gehen zu lassen nach dem langem Trip in dieser Höllenhitze. Schließlich ist und isst man ja in Frankreich, wie Gott und so. Außerdem lieben David und ich es sehr, in anderen Ländern Lebensmittel einkaufen zu gehen. Das Meiste ist altbekannt (Globalisierung sei Dank), aber verschiedene kulturell bedingte Ernährungsgewohnheiten priorisieren jeweils andere Lebensmittel, die in einer gewissen Auswahl feilgeboten werden. In England sind es die meterlangen Regale mit Hefeextrakt verschiedenster Hersteller. Und Cracker. Crackerregale. Hier in Frankreich grüßt das Klischee und winkt aus der Brot-Ecke mit seinen vielfältigen Baguettevariationen. Und hier gibt es vegane Dinge, die den Weg nach Deutschland leider noch nicht gefunden haben. Zum Beispiel dieser pervers gute Pistaziensojajoghurt, dessen Sucht wir schon während unseres Frankreich-Road-Trips 2018 erlegen sind. Das Zeug ist so neongrün, dass es wahrscheinlich als Leuchtmittel in Straßenlaternen verwendet werden kann. Wenn man es isst, schmeckt es fast nach gar nichts. Erst ungefähr fünf Sekunden nach dem Runterschlucken breitet sich plötzlich ein intensiver Pistaziengeschmack in der Mundhöhle aus, von dem man ahnt, dass er nicht von Pistazien herrührt. Diese abartige Chemiepampe könnte ich eimerweise essen. Klar, dass sie auch heute Abend im Einkaufskorb landet. 

Wir machen es uns in unserem Zuhause gemütlich und schlemmen Baguette mit Oliven, Käse, Avocado und Weintrauben, dazu Sojahacksteaks mit Mangochutney, Frühlingszwiebeln und Basilikum, Traubensaft (statt Wein) und zum Dessert Pistazienyofu. Ein wunderbarer Ausklang für einen anstrengenden Tag. Heute sind wir 549 Kilometer gefahren. Todmüde falle ich um 22 Uhr ins Bett … und wache um 0:30 Uhr wieder auf. Die Hitze im Auto ist unerträglich! Müde und zermatscht liege ich stundenlang wach, will wieder schlafen, kann aber nicht. Es ist 4:15 Uhr, als ich das letzte Mal auf die Uhr schaue. Dann hüllt der rettende Schlaf mich endlich wieder ein. Bis 5:00 Uhr. Ein Typ fährt lautstark mit seinem Sportwagen auf den leeren Supermarktparkplatz, beschleunigt sein Auto bis zum Limit und dreht mit dauerhaft kreischenden Reifen minutenlang seine völlig sinnlosen Donuts auf dem Asphalt. Die hitzeschwere Luft füllt sich mit dem Gestank von verbranntem Gummi. Und ich? Stehe senkrecht im Bett. Mit kleinen übermüdeten Augen und einer Laune, die sich jenseits aller Kellergewölbe befindet. Tief darunter. Sehr tief. Erschöpft liege ich im Bett, will nur noch schlafen. Kann nicht. Vögel fangen an zu singen. Morgendliche rush hour auf der Schnellstraße. Die ersten Sonnenstrahlen. So halb höre ich noch die 7-Uhr-Kirchenglocken, bevor mich der Schlaf erneut übermannt. End … lich … schlafen …

Wwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwwww!

Ich reiße die Augen auf. Ein Rasenmäher. Direkt neben unserem Wohnmobil. Hier ist kein Rasen! Es ist acht Uhr. Und offenbar ist es dringend vonnöten, exakt zu diesem Zeitpunkt die winzig kleinen Raseninseln zu mähen, die hie und da die Aufteilung des Parkplatzes strukturieren. Jetzt, wo ich gerade genau 60 Minuten geschlafen habe. Vier Stunden und fünfzehn Minuten insgesamt. David ist schon wach und arbeitet. Das Geräusch hält an, verändert sich mit der Zeit ein wenig. Das Rasenmähen geht in einen Laubsauger über, erzählt David mir später. Ich falle erneut in einen unruhigen Schlaf, den ich nur bis neun Uhr aufrechterhalten kann. Dann bin ich endgültig wach. Und gerädert.

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